Der Elefant jagt den Drachen

Indiens Ökonomie Noch kein Aufstieg in die chinesische Liga

Deutschlands drittgrößte Generika-Firma Betapharm wird im Februar 2000 von Dr. Reddy´s Laboratories gekauft. Das indische Pharma-Unternehmen unterhält zu diesem Zeitpunkt bereits Tochterunternehmen in West- und Osteuropa, Afrika und Lateinamerika. Jindal Steel will sechs Jahre später 2,3 Milliarden Dollar in Bolivien investieren, der Zweirad-Produzent Bajaj Auto plant Fabriken in Indonesien, Brasilien und Nigeria, die staatliche Erdölgesellschaft ONGC Videsh bohrt in Russland und Sudan.

Indiens boomende Wirtschaft besteht längst nicht mehr nur aus IT-Giganten und Call-Centern, und sie agiert weltweit. "Indien wird China in den Schatten stellen", prophezeit im Frühjahr 2006 das Wall Street Journal, was in Indien selbst gern gehört und geglaubt wird. Zu den Vorteilen des indischen Elefanten gegenüber dem chinesischen Drachen gehören ein stabiles Bankensystem, qualifizierte, englisch sprechende Arbeitskräfte, ein tradiertes Rechtssystem und die hohe Gewinnquote privater Unternehmen, wie die Erfolgsgeschichte der Pharmaindustrie zeigt.

Einst begannen halbstaatliche Unternehmen wie IDPL (India Drugs and Pharmaceutical Ltd), preiswerte Wirkstoffe herzustellen, um eine Basisversorgung mit erschwinglichen Medikamenten zu sichern. Preiskontrollen, Tarifhürden und limitierte ausländische Kapitalanlagen beschnitten gleichzeitig die Marktmacht der internationalen Pharmakonzerne. Ab 1970 sorgte dann ein minimierter Patentschutz dafür, dass florierende Unternehmen wie Dr. Reddy´s Laboratories, Ranbaxy oder Wockhardt entstehen konnten. Heute nun bietet Indiens Pharmabranche preiswerte Generika nahezu aller Medikamente an, die auf westlichen Märkten Patentschutz genießen. Aufsehen erregte 2001 das in Mumbai ansässige Unternehmen Cipla, das Staaten in Afrika die Jahresdosis eines Kombinationspräparats zur AIDS-Behandlung für 350 US-Dollar lieferte, während der Preis des US-Patentinhabers mehr als 10.000 Dollar betrug.

Und Pharma ist kein Einzelfall. Viele Zweige verbuchen zweistellige Zuwachsraten - die Textilindustrie, die Telekommunikation, das private Gesundheitswesen und die Autobranche boomen. Die Wachstumsrate von sieben bis acht Prozent im Jahr liegt kaum unter der Chinas. Gemeinsam bedrohen die beiden aufstrebenden Volkswirtschaften Arbeitsplätze in den "alten" Industrienationen, treiben Rohstoffpreise in die Höhe und heizen das globale Klima auf.

Unterwegs nach vorn

Freilich liegt der Elefant mehr als ein Jahrzehnt hinter dem Drachen zurück. Anfang der neunziger Jahre gab es erste Liberalisierungsschritte, angestoßen durch eine schwere Zahlungsbilanzkrise. Bis dahin bevorzugte Indien eine ausgeprägte Regulierung: Staatsfirmen behaupteten die "Kommandohöhen" im Bergbau, im Stahl- und Energiesektor oder bei einem gut ausgebauten Eisenbahnnetz. Zugleich wurden aber - hinter hohen Zollmauern - einheimische Privatbetriebe gefördert. 1991 begann die schrittweise Abkehr von dieser "Gemischten Ökonomie". Zölle und Importquoten sanken, die Währungskontrolle wurde beseitigt und die "licence raj", die Dominanz der staatlichen Lizenzvergabe, eingeschränkt. Doch die Liberalisierungsbefürworter wollen mehr. Michael Carter, Resident der Weltbank in Delhi, fordert, "das Land sollte Wirtschaftsreformen beschleunigen, um das Wachstumsmoment zu erhalten".

In der Tat bestehen bis heute in etlichen Branchen - im Bergbau, in den Medien oder im Einzelhandel - noch immer Obergrenzen für ausländische Anleger. Ein anderes Investitionshemmnis ist die Infrastruktur: Fernstraßen sind schmal und voller Schlaglöcher, blockiert durch Ochsenkarren und überladene Lastwagen. Seit die staatliche Indian Airlines private Konkurrenz bekommen hat, platzen die Flughäfen aus allen Nähten. Und selbst in der Hauptstadt Delhi und der Finanzmetropole Mumbai fällt regelmäßig der Strom aus.

Ende 2004 lagen die Auslandsinvestitionen bei 5,3 Milliarden Dollar, ein Zehntel der Zuflüsse, die China erreichen. Um die Anlagebedingungen zu verbessern, stehen für das Wall Street Journal Arbeitsmarktreformen an erster Stelle. Starke Gewerkschaften und ein weitreichender Kündigungsschutz würden Interessenten abschrecken und damit ein zügiges Wachstum behindern. Fast genauso dringlich - so das Blatt weiter - sei der Wettbewerb im Einzelhandel. Man solle an China denken, wo Wal-Mart und Metro zu Platzhirschen avancieren konnten. Außerdem müsse die Privatisierung von Staatsfirmen beschleunigt werden, etwa der Verkauf von Unternehmen wie dem Generatoren-Hersteller BHEL oder der Ölgesellschaft ONGC.

Doch eine solch forcierte Liberalisierung kommt nur langsam voran und muss den Widerstand unter anderem der kommunistischen Parteien Indiens brechen, auf deren Tolerierung die Minderheitsregierung unter Premier Manmohan Singh angewiesen ist. So fürchten die CPI und die CPI (M) bei einer Öffnung für ausländische Handelskonzerne um die zahllosen kleinen Kioske, Einzelhandelsgeschäfte und Straßenhändler, die oftmals den Zuwanderern aus ländlichen Regionen und vorzugsweise Frauen ein Einkommen bieten.

Alle finanzieren Windräder

Die Regierung hat sich denn auch Behutsamkeit auferlegt. Das "Ministerium für Desinvestment", das einmal entstand, um Anteile an Staatsunternehmen zu verkaufen, wurde zu einer Abteilung im Finanzministerium herunter gestuft und versucht sich nun bei der weniger umstrittenen Infrastruktur. Mit einem Zwölf-Milliarden-Dollar-Programm für den Fernstraßenausbau und den Bau neuer Flughäfen hofft die Regierung auf "öffentlich-private Partnerschaften". Dem Ziel, bis 2012 die installierte Stromerzeugungs-Kapazität auf 218.000 Megawatt (MW) zu verdoppeln, will sie mit privaten Investoren näher kommen.

Als Erfolgsmodell gilt dabei die Windenergie. Steuernachlässe, Subventionen und hohe Einspeisungspreise verschaffen Bundesstaaten wie Tamil Nadu und Maharashtra einen Windpark-Boom. Chemie- und Zementfirmen, Hotels, Filmstars und Finanzspekulanten - alle finanzieren Windräder. Mit mehr als 4.400 MW installierter Kapazität liegt Indien mittlerweile an vierter Stelle weltweit, hinter den USA, Spanien und Deutschland. Doch Windenergie, deren Potenzial auf rund fünf Prozent des prognostizierten Strombedarfs geschätzt wird, ist für die Privatisierung des Energiesektors nur der Türöffner. Das große Geschäft versprechen neue Kohlekraftwerke, Großstaudämme und die Atomenergie. Im Augenblick sucht die Regierung private Investoren für fünf "Ultra-Megaprojekte" mit jeweils 4.000 MW Kapazität und drei Milliarden Dollar an Investitionen. Der Strom aus den privaten Windparks fließt freilich nicht in die Dörfer, sondern fast nur in Netze, die Städte und Industrien bedienen.

Eher ein Zwischenspiel

Wachstum und Deregulierung haben nicht dazu beigetragen, dass sich die Lage der Ärmsten wesentlich ändert. Zwar ist der Anteil der Inder, die unter der absoluten Armutsgrenze von umgerechnet einem Dollar am Tag leben müssen, offiziell auf 25 Prozent gesunken. Das UN Population Reference Bureau schätzt jedoch in seinem Bericht für das Jahr 2005, dass 81 Prozent über weniger als zwei Dollar am Tag verfügen, gegenüber 47 Prozent in China. Kindersterblichkeit und Analphabetenrate bleiben gleichfalls höher als im Reich der Mitte, die Lebenserwartung ist niedriger. Und während die Regierung Milliarden in die Infrastruktur und die Förderung privater Investoren pumpt, tut sie nach Auffassung der Weltbank nicht genug, um die Gesundheitsversorgung und Bildung für große Teile der Bevölkerung zu verbessern.

Anders als in China, wo der Schwerpunkt auf dem Ausbau der arbeitsintensiven, exportorientierten Verarbeitungsbranchen lag, war in Indien stets der Dienstleistungssektor das Zugpferd. Was mit IT und Call-Centern begann, hat inzwischen die Gesundheit erreicht, wenn hochmoderne Privatkliniken und Wellness-Hotels auf der Basis klassischer indischer Medizin betuchte Kunden bedienen. Dagegen hat die verarbeitende Industrie, deren Anteil am Bruttoinlandsprodukt weniger als halb so hoch ist wie in China, kaum neue Arbeitsplätze geschaffen, die nötig wären bei offiziell über 40 Millionen Erwerbslosen. Angesichts der Daten des Wirtschaftszensus 2006 konstatiert der Journalist Anupam Goswami nicht zu Unrecht "ein Wachstum ohne Arbeitsplätze".

"Als Volkswirtschaft spielen wir schlichtweg nicht in der selben Liga wie China", dämpft auch der Wirtschaftsberater der Regierung, Shankar Acharya, die hochfliegenden Erwartungen. Bei den meisten Indikatoren schneide China besser ab - oft um ein Mehrfaches, ob beim Export, den Währungsreserven oder der Stromerzeugung. Auch die indische Pharmaindustrie sei trotz ihrer Erfolge kein ernsthafter Konkurrent für die internationalen Konzerne, ist der Pharmaexperte Malhotra überzeugt. Als WTO-Mitglied musste Indien Investitionsbeschränkungen für ausländische Anbieter abbauen, ebenso Importzölle. Jetzt drängen die multinationalen Unternehmen zurück auf den lukrativen indischen Markt. Besonders die Anpassung des nationalen Patentrechts an das WTO-Abkommen über geistige Eigentumsrechte (TRIPS) von 2005 bedroht die Generika-Hersteller.

Was auf alle Fälle bleibt, ist der Kostenvorteil: "Während Pharma-Multis die Entwicklungskosten für ein neues Medikament auf mehrere hundert Millionen US-Dollar veranschlagen, können wir das für 50 Millionen", sagt der Forschungsdirektor der Pharma-Firma Nicholas Piramal. Man wolle sich daher der Auftragsforschung für die Global Player zuwenden. Der Versuch, eine autonome einheimische Industrie aufzubauen, die Indien mit preiswerten Medikamenten versorge, gehe damit zu Ende. "Es war nur ein historisches Zwischenspiel", bedauert er.


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00:00 01.09.2006

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