Der elende Simulant

Ritual Eine kleine Psychologie des hassgeliebten Feiertags

Der Sonntag riecht. Sie hat eine ganz spezielle Theorie vom Sonntags-Äther. Die Luft, sagt sie, ist feiertags erfüllt mit kleinen milchigen Partikelchen, geschwängert von wattigen Sonntags-Molekülen, die alles leiser, gedämpfter, langsamer, müder werden lassen. Das dringt durch alle Ritzen. Selbst wenn sie nicht aus dem Haus gehen würde, Fenster und Türen abdichtete und keinen Kalender besäße, selbst dann - sie ist sicher - würde sie spüren, wenn es Sonntag ist. Sie hört ihn, sie schmeckt ihn, sie riecht ihn: er riecht geruchlos. Es gibt Wochentage, die wie Sonntage wirken, aber niemals gelingt dem Sonntag die Mimikry zum Wochentag. Wenn es schlimm kam, hat sie gezählt, wie viel Prozent ihres Lebens auf Sonn- und Feiertage entfallen - verunglückte Zeit. Ein Freund schenkte ihr zum Trost eine Flasche Cointreau als »Anti-Sonntagikum« - in Maßen zu genießen.

Vielleicht lag es am Alkohol. In Familien, in denen Hochprozentiges eine Rolle spielt, ist sonntags kein Halten mehr, verschiebt sich die Welt ins Surreale. Es gibt kein Entrinnen: alles was schwelt, jedes Geheimnis, jeder verborgene Hass, jede unerfüllte Sehnsucht hat Zeit, sich auszuwachsen. Die Familie braucht diesen Tag, ja, sicher, und die Ehe braucht ihn, denn ohne Sonntag, das ist klar, gäbe es keine Beziehungen, nur Affären. Dennoch ist der Sonntag ein asozialer Tag, Freundschaften stehen hintan oder sind verringert zum Substitut für fehlende Beziehung. Wer allein ist, wird es hier besonders spüren, wer nicht allein ist, auch.

Sie geht ungern in Ausstellungen und Lesungen sonntags morgens, denn die erinnern sie an Kirche und an Predigt, sie geht nicht zu späteren Frühstücken oder Brunches, denn die machen eine Müdigkeit, eine Bräsigkeit, die sie den Tag über nicht wieder los werden wird. Sie leidet unter dem Sonntag, sagt sie, wie unter einer verdeckten chronischen Krankheit, die muss nicht zum Ausbruch kommen, aber sie schlummert in ihr. Jeder Sonntag steht auf der Kippe. Es kann gut anfangen und plötzlich durch einen dummen Zufall unerträglich werden, umgekehrt läuft es nie, einmal aus der Bahn geraten, ist er nicht mehr zu retten. Dann hilft nur noch durchhalten.

Der Sonntag, sagt sie, ist ein Schwindel. Früher durfte keine Wäsche aufgehängt werden, am Zeige-Tag, am Prahl-Tag, an dem der »Sonntagsstaat« ausgeführt wurde. Er ist ein elender Simulant, der Sonntag, doch was simuliert er? Das bessere Essen, Braten mit Soße und Kartoffeln, ist künstlich wie das Sonntagsgeschirr und der Sonntagskuchen. Spaghetti, ehrlich gesagt, schmecken besser, Werktagsgeschirr ist haltbarer, die Alltagskleidung praktischer. Ach, die Röckchen und die kratzigen Woll-Strumpfhosen früher, grausamste Sonntagspflicht. Sie träumte davon, wenn sie groß sei, alle Strumpfhosen (vor allem die roten) zu zerschneiden, ins Klo zu werfen und abzuziehen. Futsch auf Nimmerwiedersehen. Ihre Mutter kam auf merkwürdige Ideen am Sonntag, zum Beispiel, weil das Kinderzimmer unaufgeräumt war, alles von den Tischen und aus den Schränken auf den Boden zu schmeißen - ein riesiger Haufen von Dingen - und zu befehlen: das räumt ihr jetzt auf. Der Sonntag simuliert das Paradies und schafft doch nur sein Gegenteil. Er simuliert die Freiheit von der Fron der Arbeit und man rettet sich vor ihm, indem man Arbeit simuliert: Segeln, Schrebergärten bewirtschaften, Flugzeugmodelle basteln, Kinderzimmer aufräumen. Mag Gott, der Herr, am siebten Tage friedlich ruhen, wir Erdenkinder sind nicht reif dazu.

Deswegen verschafft man sich Bewegung, doch wer hat sich das nur ausgedacht, den Sonntagsspaziergang, diese halbtote Angelegenheit? Dieses Kriechen, dieses Schlurfen im Verein, dieser elend gedrosselte Gang geheuchelter Beschaulichkeit. Warum nur zieht es alle wie magisch zur gleichen Zeit auf den gleichen Parcours? Ums Wasser, in den Wald, auf den Aussichtspunkt. Almauftrieb. Am intimsten aller Tage verdampft jede individuelle Eigenheit zum Nichts. Der Sonntag hat kein Maß, wenn alle unterwegs sind, ist´s zu voll, wenn niemand unterwegs ist, ist´s zu leblos. Der Sonntag muss kollektiv sein, sonst wäre ja nicht möglich, dass alle dasselbe tun, aber er wäre weniger schlimm, wenn nicht alle dasselbe täten.

Erst als sie selber mit Partner spazierte, so etwas wie eine Familie bildete, wurde es für sie erträglicher. Vielleicht, dachte sie da, ist der Sonntag für Kinder das größere Unglück, ein falscher Kompromiss zwischen den Generationen, ein Zwangsphänomen. Sie fragt Freunde, wie es ihnen gehe mit dem Ruhetag, und alle antworten: »mittlerweile wird es besser.« Eben, er ist ein Kindheitstrauma, selber erwachsen werden, ist die einzige Chance gegen ihn.

Sie könnte auch ein Lob des Sonntag singen, die Ausflüge, der Luxus, im Bett zu bleiben, sich nicht nach dem Zweckmäßigen strecken zu müssen, der wunderbare Müßiggang. Doch die artige Mittelmäßigkeit hat eine Tendenz zum Exzess, gerade seine Lauheit führt den Sonntag ins Extrem: er verzögert den Zeitfluss und plötzlich erscheint unterm Familienidyll brutalste Einsamkeit, unterm Small talk Schweigen, hinterm Spaziergang rituelle Versteinerung. In der gemütlichen Eintönigkeit lauert der ungute Verdacht, dass diese Langeweile nicht zufälliger, sondern existenzieller Natur sein könnte, dass, wenn der Sonntag ewig dauerte, wir an ihm zugrunde gehen müssten.

Gegen 18 Uhr hebt sich die Glocke. Luft strömt ein. Geschafft. Jahrelang hat sie sich gefragt, warum immer um dieselbe Zeit Erleichterung eintritt, plötzlich ist ihr freier ums Herz, die Bewegungen werden schneller, laufen auf einer Zielgeraden hin, nichts kann jetzt mehr schief gehen. Dann fiel ihr ein: Sonntag, 18 Uhr, das war Sendebeginn von Bonanza, der Zeitpunkt, an dem sie und ihr Bruder sich rittlings auf die Couchkissen schwangen und in Reitposition Hoss, Adam, Little John und den alten Cartwright erwarteten, die ihnen, sichtbar durch ein immer größer werdendes Loch in einer brennenden Landkarte, auf der Mattscheibe entgegen ritten. Die Helden winkten. Sie winkten zurück. Bonanza befreite vom Sonntag, man ritt mit den Cowboys fort, fort aus dem heimischen Wohnzimmer. Die Cartwrights waren eine Männer-Familie, immer auf Pferden. Ab 18 Uhr waren wieder mehr Personen im Spiel als nur Vater, Mutter, Kinder. Eigenartig findet sie, wie sich der Rhythmus in den Körper eingeschrieben hat. Bonanza für ewig. Die Glocke hebt sich, Luft strömt ein, geschafft.

00:00 25.04.2003

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