Sabine Pamperrien
30.06.2009 | 17:25 5

Der Enthüllungsblogger

Medien Die Grimme-Online-Preise gehen dieses Jahr auch an investigative Blogger: Marvin Oppong und Jens Weinreich bieten Qualitätsjournalismus. Geachtet wird das bisher kaum

Einer der Autoren des preisgekrönten Autoren-Blogs Carta heißt Marvin Oppong. Zwischen den analytischen Stücken von Co-Bloggern wie dem renommierten Schweizer Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl, Musik-Manager Tim Renner oder alten Hasen wie dem ehemaligen BILD-Chefredakteur Michael Spreng wirkt der 27-jährige Student mit seinem Unterblog „Investigative Recherche“ zunächst etwas fremd. Doch das Küken des illustren Carta-Netzwerks mausert sich gerade zum Schrecken zahlreicher Institutionen. Im publizistischen Kampf gegen Filz, Misswirtschaft, Lobbyismus oder Korruption hat der Nebenberufs-Journalist bereits etliche Erfolge zu verzeichnen.

In Fachkreisen wurde Oppong bekannt, als er den WDR auf Auskunft nach dem Informationsfreiheitsgesetz verklagte. Bis heute weigert der Sender sich, Geschäftsbeziehungen offen zu legen. Zwar ist über das Klagebegehren noch nicht entschieden, doch spricht eine Novelle des WDR-Gesetzes für sich. Zukünftig dürfen Mitglieder von Verwaltungs- und Rundfunkrat nicht mehr Gesellschafter von WDR-Tochterfirmen sein. Außerdem dürfen Auskünfte nach dem Informationsfreiheitsgesetz nur noch verweigert werden, wenn journalistische Belange oder das Programm betroffen wären.

Für Gotteslohn

Oppong betreibt klassischen investigativen Journalismus. Also die Form des Journalismus, die maßgeblich für die Zukunft des traditionellen Journalismus sein wird, wie der Verleger Konstantin Neven-DuMont behauptet,  aber davon hat der angehende Jurist nicht allzu viel. Eher selten kann er seine Artikel bei traditionellen Medien absetzen. Die Honorare sind mager und kostenintensive Zusatzrecherchen aus eigenen Mitteln nicht zu bestreiten. Den Riecher für enthüllende Stoffe delegieren Redakteure allzu gern an die ganz großen Namen der Branche oder gar an die Bild-Zeitung und klappern dann nach. Kurz nachdem Oppong einen Artikel über die Nebenjobs der ARD-Börsenexpertin Anja Kohl veröffentlicht hatte, kam das NDR-Medienmagazin ZAPP mit einem groß aufgemachten Beitrag zu Moderatoren-Nebenjobs heraus. Die Bild-Zeitung sprang auf, und schon echauffierte sich die ganze Republik.

Auch der berühmte investigative Journalist Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung vergaß in seinem Eifer, seine Quelle zu erwähnen. Als geistiger Vater der öffentlichen Debatte um die Nebeneinkünfte von Vorzeige-Journalisten gilt nun der scheidende ZAPP-Chef Kuno Haberbusch, wie Leyendecker Mitglied des Netzwerk Recherche. Die rührigen Netzwerker haben es geschafft, durch geschicktes Marketing sich selbst als Synonym für investigativen Journalismus zu etablieren – ohne ihn überhaupt noch betreiben zu müssen. Vorwiegend besteht ihre Funktion inzwischen darin, als gut vernetztes Kartell dafür zu sorgen, sich gegenseitig in Szene zu setzen.

An der so aufgeregt geführten Debatte um Nebenjobs rügte der Mittwaidaer Medien-Professor Horst Müller unter anderem, dass die beteiligten Protagonisten von Netzwerk Recherche Recherchen in den eigenen Reihen vermieden. Blogger Müller hätte gern gewusst, wie sich in den moralischen Anspruch einfügt, dass Netzwerk Recherche-Chef Thomas Leif ausgerechnet für den Verlag der Passauer Neuen Presse eine Diskussionsrunde mit Wirtschaftsgrößen moderierte. Nach Erkenntnissen des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) unterläuft der Verlag Tarifverträge für Redakteure. Solche Blindheit auf einem Auge ist schon fast eine Bankrotterklärung der selbsternannten Vierten Gewalt.

Persona non grata

Nah an der Bankrotterklärung ihrer Zunft verortet auch Jens Weinreich viele seiner Sportjournalisten-Kollegen. Anders als Oppong ist der investigative Sportjournalist durch jahrelangen persönlichen Umgang mit sämtlichen Protagonisten zum intimen Kenner der Szene geworden, die ihm die Stoffe liefert. Seine Enthüllungen über Doping sowie die mafiösen Strukturen und undurchsichtigen Machenschaften der nationalen und internationalen Sport-Industrie, durchaus auch der Einbindung von Journalisten in dieses System, haben ihm neben dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse 2005 unter anderem die zweifelhafte Ehre eingebracht, 2006 von der FIFA zur persona non grata erklärt zu werden.

Berühmt wurde der zudem berufspolitisch aktive Journalist allerdings erst im Spätherbst 2008, als Stefan Niggemeier über eine kuriose juristische Auseinandersetzung des DFB mit Weinreich bloggte. Nicht nur im Internet war der 44jährige plötzlich in aller Munde, sondern er schaffte es bis in die internationalen Medien, weil er den DFB-Präsidenten einen „unglaublichen Demagogen“ genannt hatte und sich erfolgreich wehrte, als der DFB fast alle Register seines Machtapparats betätigte, um Unterlassung zu erzwingen. Weinreich, der 2009 in die Klasse jener Journalisten aufrückte, die von Medien, die mit großen Namen PR für sich selbst betreiben, Journalisten-Preise erhält, freute sich, dass in der Laudatio für den Grimme-Award der DFB nicht erwähnt wurde. Wie es scheint, ist der international gefragte Fachmann sich der zweifelhaften Mechanismen der eigenen Zunft auch in eigener Sache gewärtig.

In seinem Blog arbeitet Weinreich heftig gegen die intellektuelle Aktivierung medialer Oberflächenreflexe. Bis ins kleinste Detail werden Strukturen und Querverbindungen oder auch Entscheidungswege offengelegt, Mosaiksteinchen an Mosaiksteinchen gesetzt, Zwischenergebnisse analysiert – und den Lesern zur Diskussion gestellt. Work-in-progress. Ergebnis: Qualitätsjournalismus. Zu besichtigen in einem Blog.

Sabine Pamperrien studierte Jura, Literatur und Geschichte mit den Schwerpunkten Kommunikations- und Medienwissenschaft. Seit 2003 ist sie freie Journalistin und Autorin. Von 2007-2008 bis war sie Chefredakteurin des Medienmagazins Berliner Journalisten. Gelegentlich bloggt sie mit Jan-Philipp Hein als Netzwerk Gegenrecherche.

Kommentare (5)

der Freitag 01.07.2009 | 19:11

Ein Kommentar von Kuno Haberbusch, Abteilungsleiter extra3/ZAPP:

"Sabine Pamperrien schreibt also über "Enthüllungen" und "Recherche". Schade nur, dass sie schon an den grundlegenden Handwerksregeln des normalen Journalismus scheitert. Eine davon lautet, diejenigen zu konfrontieren, die man mit Behauptungen überzieht. Aber davon hat die Autorin auch in der Vergangenheit nichts wissen wollen, wie ich aus eigener Erfahrung weiss. Ihr Motto lautet: Dinge behaupten, nichts belegen, niemanden fragen.

Konkret zum aktuellen Beispiel: Warum fragt Sabine Pamperrien nicht bei ZAPP oder bei mir nach, wie es zum ZAPP-Beitrag über die Nebenverdienste von TV-Moderatoren kam ? Einfache Antwort: Dann hätte sie nichts von dem behaupten können, was sie im "FREITAG" so von sich gibt. Denn ZAPP hatte bereits am 18. Januar 2006 über dieses Thema berichtet. Zum jetzt in der Diskussion stehenden Beitrag wurden bereits im Herbst letzten Jahres die ZAPP-Anfragen an die Moderatoren von ARD und ZDF verschickt. Im Frühjahr diesen Jahres noch einmal. Allein diese simplen Fakten belegen, dass der Beitrag von Marvin Oppong nichts mit den ZAPP-Aktivitäten zu tun hat. Ganz abgesehen davon, dass im Mittelpunkt des ZAPP-Beitrages nicht Anja Kohl stand, wie jeder ZAPP-Zuschauer und Zeitungsleser weiss.

Es gibt also weder einen inhaltlichen oder zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Artikel und dem ZAPP-Beitrag noch eine Zusammenarbeit mit BILD oder SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Und deshalb entsprechen auch die Verschwörungstheorien über die "Netzwerker Haberbusch und Leyendecker" ausschliesslich der abstrusen Gedankenlogik der Autorin und nicht der simplen Realität. Aber an dieser Realität hatte Samperrien ja kein Interesse. Sonst hätte sie ja mal nachgefragt.

Ich schätze die Arbeit des Kollegen Marvin Oppong sehr, den Preis hat er wahrlich verdient. Schade, dass ausgerechnet Sabine Pamperrien über seine Form des Journalismus derart unqualifiziert und hilflos schreibt - und der FREITAG das auch noch druckt."

Spamperrien 01.07.2009 | 21:31

Lieber Herr Haberbusch,

mit Ihren Verbalinjurien werde ich wohl leben müssen. Mir ist durchaus nicht entgangen, dass Sie die Funktion des kritischen Journalismus als Herstellung eines Zustandes höchster Erregung verstehen. Das will natürlich gepflegt werden. Warum denn sachlich werden, wenn es auch persönlich geht?

Es stört Sie also, dass ich Sie nicht befragt habe? Ich stimme Ihnen ohne Einschränkung zu, dass "Beschuldigte" sich zu Vorwürfen äußern sollten und habe das auch selbst früher schon mal angemahnt. Jedoch: Der Vorwurf, der hier formuliert wurde, richtet sich nicht gegen Sie, sondern gegen ein strukturelles Phänomen, das Sie, da bin ich mir absolut sicher, nicht erläutern können. Sie wissen selbst: Selbstkritik ist so garnicht Ihre Sache.

Was ändert sich an der Beweisführung durch die Feststellung, dass Sie zuerst recherchierten? Ich glaube Ihnen das ja. Nur kam Marvin Oppong mit seiner Recherche Wochen vor Ihnen heraus. Und keine BILD und kein Hans Leyendecker tremolierten. Hier geht es darum, wer Debatten anstoßen kann und wer nicht. Wollen Sie allen Ernstes behaupten, das Netzwerk Recherche besitze keine Meinungsmacht? Meine dahingehende Feststellung sei Ihnen gar neu?

Sie prangern gern an, nun gut. Ich weise nochmals auf das oben erwähnte Zitat von Horst Müller hin - in der Gewissheit, dass Sie jetzt nicht eine sachliche Diskussion über eigene Versäumnisse beginnen. Haben Sie bei dem auch schon wieder gepoltert - nur mal so am Rande gefragt? Eigentlich wäre die Diskussion um Nebenjobs abstrakter und grundsätzlicher zu führen - nämlich als Analyse eines strukturellen Phänomens. Aber das verspricht ja keine Exstasen moralischer Entrüstung.

Übrigens hat nicht Marvin Oppong den Grimme Online Award bekommen, sondern das Autorenblog Carta, dem er angehört. Steht auch im Text.

sport 02.07.2009 | 14:10

Nun der von mir sehr geschätzte Jens Weinreich hatte schon lange vor dem Spätherbst 2008 einen exzellenten Ruf als investigativer Sportjournalist, Buchautor, Blogger und Mitbegründer des sportnetzwerk, einer Qualitätsoffensive für Sportjournalismus. Er war ja vielen sportinteressierten auch als ehemaliger langjähriger Sportchef der Berliner Zeitung bekannt. Wenn schon Niggemeier erwähnt wird, dann bitte aber auch Oliver Fritsch und Kai Pahl. Auf der Plattform www.direkter-freistoss.de vom Pionier des Fußballjournalismus im Internet und auf www.allesaussersport.de wurde die juristische Auseinandersetzung von Anfang an begleitet. Jens Weinreich ist also nicht über Nacht durch Niggemeier berühmt geschrieben worden.

@streifzug: Ja das sieht wie ein verbaler Boxkampf zwischen Sabine Pamperrien und Kuno Haberbusch ausZum Clinch mit Kuno Haberbusch aus.

der Freitag 02.07.2009 | 19:00

Dazu Kuno Haberbusch, Abteilungsleiter extra3/ZAPP:

@Spamperrien

"Schön, dass Sabine Pamperrien weiss - zumindest behauptet sie das - , dass man "Beschuldigte" zu Vorwürfen befragt. Weniger schön, dass Sie es nicht tut. Und es bei Ihren diversen Attacken gegen ZAPP, gegen ZAPP-Autoren oder gegen mich auch in der Vergangenheit niemals getan hat. Deshalb hat sie auch keine Ahnung, wie ich es mit der Selbstkritik so halte. Auch hier mal wieder: Behauptungen ohne Belege.
Der Rest ihres Briefes an mich ist einfach nur irritierend. Sie erhebt also - das schreibt sie zumindest - in ihrem Artikel keine Vorwürfe gegen die "Netzwerker", gegen ZAPP, gegen mich ? Versteht sie ihren eigenen Text nicht ? Und noch etwas: Wo ist der Zusammenhang zwischen der Oppong-Veröffentlichung zu Anja Kohl und dem ZAPP-Beitrag, wo Anja Kohl nur eine von vielen war und ist ? Sie behauptet diesen Zusammenhang einfach weiter, ohne auch nur eine Frage zu beantworten. Und noch etwas: Wo war denn die von ihr behauptete Inszenierung der "Netzwerker", als ZAPP 2006 schon einmal über die Nebenjobs von TV-Journalisten berichtete ?
Keine Frage: Die mediale Erregung nach dem letzten ZAPP-Beitrag hat auch uns überrascht, da war auch viel Scheinheiligkeit dabei, da wollten manche Blätter und Verlage es den "Öffentlich-Rechtlichen" mal richtig zeigen. Die von Pamperrien behauptete "Meinungsmacht von netzwerk recherche" löst sich in nichts auf, wenn man die Artikel liest und die Autoren kennt. Aber von alledem kann Pamperrien nichts wissen, will es auch nicht. Sonst hätte sie ja nichts zu schreiben.
In einem Punkt kann ich ihr zustimmen: Mich regt es tatsächlich auf, wenn Journalisten ihr Handwerk nicht können, wenn ihre Gesinnung die Recherche ersetzt, wenn stupide Behauptungen als Journalismus verkauft wird. Und genau deshalb beteilige ich mich auch hier im Blog beim "FREITAG", schildere meine Erlebnisse mit Sabine Pamperrien. Obwohl anderes wohl wichtiger wäre."