Der Erbarmungsreiche

Krise und Schuld Ein Frankfurter Pfarrer betet für alle: für die Banker und für ihre Opfer. Er ringt dabei um Haltung und steht zwischen allen Stühlen - dort wo die Menschen sind

Wenn Pfarrer Jeffrey Myers singt, dann hält er seinen Kopf schräg nach oben, als lächle er Gott an. Wenn er predigt, dann rutscht seine Stimme manchmal innerhalb einer Silbe um eine Oktave nach oben oder unten, wie das nur bei Amerikanern geht. Wenn er vorbetet, dann redet sein ganzer Körper mit, die weich gelagerte Hüfte, die wippenden Knie. Man kann das alles für die Routinerhetorik eines Pastors aus Kansas halten, der Eindruck schinden will. Oder für ein Zeichen großer Herzenswärme.

Wahrscheinlich ist es beides, und wahrscheinlich ist das gar kein Gegensatz, jedenfalls nicht, wenn man Jeffrey Myers ist, 55 Jahre alt, aufgewachsen in Kansas City, USA, verheiratet mit einer Deutschen, seit 1988 Pfarrer der evangelischen Paulsgemeinde in Frankfurt. Er zwingt noch ganz andere Gegensätze zusammen: Er betet für die Banker. Und für die Opfer der Banker. Und für die Banker, die Opfer ihrer selbst geworden sind. Er tut das, weil er solidarisch sein will, und zwar mit allen. Das bringt ihn in Schwierigkeiten, mit seiner Gemeinde, mit seinem Glauben und mit sich selbst.

Myers zwingt noch ganz andere Gegensätze zusammen

Vor dem Sonntagsgottesdienst hat Jeffrey Myers jeden Besucher mit Handschlag und warmen Worten begrüßt. Jetzt steht er im schwarzen Talar vor dem Altar der gotischen Kirche, die sich seit über 800 Jahren auf dem Römerberg und zwischen Rathaus, Zeil und Main erhebt. Dass sie wärmer wirkt als die meisten gotischen Kirchen, mag an ihrer Größe liegen, die eher einer Kapelle als einer Kathedrale gleicht, an den braun bemalten Deckenbögen und den bunten Fenstern. Aber auch am Kontrast zu den Bankentürmen, die im Hintergrund hochragen. Die Kirche ist dem Heiligen Nikolaus geweiht, der einst den Armen zu Hilfe eilte.

Das tut auch Pfarrer Myers, aber arm ist für ihn jeder, der in der Kälte steht. In der Zeit, als Ende vergangenen Jahres die Bilder der Banker durch die Presse gingen, die mit nichts als zwei Pappschachteln ihr Büro verließen, stellte Myers einen Tonkrug zu den Kerzen in einer Kirchenecke und bat die Besucher, Fürbitten zur Finanzkrise auf Zettel zu schreiben und hineinzulegen. Psalm 56 hatte ihn auf die Idee gebracht: „Gott, du weißt, wie oft ich umherirren musste, sammle meine Tränen in deinen Krug.“

Seither suchen Frankfurter Banker immer in ihrer Mittagspause Ruhe in Mitte der alten Mauern. Vor allem sie wollte Myers erreichen in den Wochen, als die ganze Welt auf sie wütend war. Den Krug hat der Pfarrer mittlerweile wieder fortgenommen. Aber noch immer bittet er alle, die an der Krise leiden, zum Gebet.

Nach dem Gottesdienst lädt Myers, wie jede Woche, zu Kaffee und Kuchen in der Kirche. Die bunten Glasfenster lassen das fahle Märzlicht warm von draußen hereinfallen. Heimelig ist es drinnen, aber die, die beieinander stehen, sind geteilter Meinung über Myers Aktion.

Ist es nicht ein Frevel, für steigende Aktien zu beten? Den Bankern erst öffentliches Geld zu schenken und dann auch noch für sie zu beten, wo kämen wir denn da hin! Jeffrey Myers erinnert an das Markus Evangelium, 2, 17. Als das Jesus hörte, sprach er zu ihnen: Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken.

„Ich habe es nicht so gern, wenn so konkret gebetet wird, gegen die Finanzkrise, für Israel oder Pakistan“, sagt ein älterer Gottesdienstbesucher. Das reiße ihn aus seiner Andacht. Lieber bete er fürs tägliche Brot und für den Frieden in der Welt. Eine andere Besucherin ist dafür, Ross und Reiter zu nennen, sonst verpuffe doch alles, irgendwie.

Jeffrey Myers holt die Zettel, die er im Tonkrug gesammelt hat. Er liest: „Lieber Gott, befreie die Banker von Gier und Hochmut. Sie haben legalen Betrug begangen. Gib, dass sie zu ihrer Verantwortung stehen und gib, dass sie das Vertrauen wieder gewinnen können.“ – „Lass mich so viel Geld behalten, dass ich mein Haus abbezahlen und den Kindern weiter vererben kann.“ – „Lass mich zufrieden sein mit dem, was ich habe.“ – „Gott hilf, dass die ‚Finanzkrise’ eine neue Chance für eine gerechte Verteilung wird.“ – „Gib, dass keine Familien auf der Straße landen.“ – „Lieber Gott, ich wünsche mir, dass die Börse nicht ins Bodenlose stürzt und ich mit meinen Gewinnen meiner Familie helfen kann.“ „Ich hoffe, dass es bald wieder wohltätige Arbeiten für Investmentbanker gibt“ – „Für die, die ständig eine ‚Finanzkrise’ haben, die Armen, die von weniger als einem Euro pro Tag leben, die Hälfte der Menschheit.“ – „Please let the funding come through“.

Und jemand hat mit rotem Stift geschrieben: „Verflucht im Namen Gottes ist das Finanzwesen und seine Helfer und Helfershelfer wie Pfarrer Myers.“ Der Zettel ärgerte Myers. Weil der Autor anonym war, so dass er mit ihm nicht ins Gespräch kommen konnte. Denn das ist es, was er will: Ins Gespräch kommen. Und: sich selbst ins Gespräch bringen. Das finden manche eitel. Ihn scheint es nicht anzufechten. In den Vereinigten Staaten, sagt er, wo viele Kirchen miteinander konkurrieren, ist der im Vorteil, der sich zu Wort meldet.

Manche finden ihn eitel. Ihn ficht das nicht an

Aber mit welcher Haltung tun Sie das, Pfarrer Myers? Sie wissen doch, bei Matthäus heißt es: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Myers kennt die Bibelstelle, natürlich. Doch er ist nach den Lehren Calvins erzogen, des religiösen Untermauerers des Kapitalismus, der glaubte: Wer nach dem Wort Gottes lebt, den wird Gott schon in diesem Leben belohnen. Eine handfeste, diesseitige, leistungsbezogene Sicht auf die Bibel: Wer Erfolg hat, den liebt Gott. Myers hat es jedenfalls nicht gefallen, dass der Bischof Wolfgang Huber, Vorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, Josef Ackermann, den Chef der Deutschen Bank, öffentlich abkanzelte und dessen Forderung nach einer 25-Prozent-Rendite eine „neue Form des Götzendienstes“ nannte.

Andererseits sagt er: „Ich will Solidarität mit Menschen zeigen, die Schuldgefühle haben.“ Und da zeigt sich, dass sein calvinistisch geprägter Geist, der im Kapitalismus nichts grundsätzlich Böses sehen will, angesichts der Verheerungen durch Börsengeschäfte doch ins Wanken geraten ist. Um Schuld müsste es doch gehen, und um Vergebung. Er ist ehrlich verwundert, dass nicht einer der Banker, die zur Andacht herüberkamen, schrieb: Ich trage eine Mitschuld, ich habe faule Papiere unterschrieben. „Vielleicht machen die Betroffenen das mit Gott selbst aus“, hofft Myers.

Myers geht es nicht um das große Ganze. Ihm geht es um den kleinen Einzelnen. Der faire Umgang mit Geld und Besitz ziehe sich wie ein roter Faden durch die Bibel. „Eine Anleitung für ein faires Finanzsystem steckt leider nicht darin“, sagt Myers. Aber was falsch läuft, Herr Pfarrer, das hat Jesus schon gesagt: „Weh euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt.“

Myers entgegnet: „Die Menschen wollen diese Härte nicht hören. Wenn ich Härte zu oft predige, stehe ich irgendwann alleine in der Kirche.“ Ist Myers also einer von den Kuscheltheologen, die immer nur die Bergpredigt im Mund führen? Eigentlich nicht. Myers eckt gerne an.

Vor sechs Jahren, als die Hessische Landesregierung unter Roland Koch eine Sparliste mit Kürzungen veröffentlichte, legte Myers in der Kirche ein „Koch-Buch“ aus, in dem die Menschen dem Ministerpräsidenten ihre Meinung sagen konnten. Und vor zwei Jahren, als es den Frankfurtern einfiel, den Weihnachtsmarkt schon Mitte November zu eröffnen, noch vor dem Ersten Advent und sogar vor dem Ewigkeitssonntag, engagierte Myers einen Schauspieler, steckte ihn in ein Osterhasenkostüm und ließ ihn von der Nikolaikirche aus herüberwinken. Zum Neujahrsempfang am Römer wurde er daraufhin nicht eingeladen.

Jesus trieb die Händler aus dem Tempel

Warum dann jetzt so zahm, Herr Myers? Kennen Sie nicht Matthäus 21, 12: Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler.

Myers überlegt. Lange. Schaut durchs Fenster, holt Luft, nimmt die Brille ab – und erlaubt sich keinen Ausweg. „Ich fürchte, Sie haben Recht. Wir sind alle gefangen hier, wir sind Teil der Gesellschaft.“ Seine Gemeinde nimmt Geld von Sponsoren an, die Sparkasse etwa bezahlt den Druck einer Broschüre. „Die Kirchensteuer, von der ich lebe, wird indirekt auch von den Bankern hier bezahlt. Wir sind in das System verstrickt. Ich versuche, Brücken zu bauen. Und vielleicht versuche ich das auch dort, wo keine zu bauen sind.“

Er kann diese Widersprüche nicht aufheben. Und er will sie nicht wegreden. Aber aufzeigen, das will er. Übrigens hat auch er Geld durch die Finanzkrise verloren. Und er fragt: „Wer bin ich, den ersten Stein zu werfen?“ Wo also steht Pfarrer Myers? Zwischen allen Stühlen, dort wo die Menschen sind.

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