Der Erbe Pollocks

Wegwerfartikel Eine "Ausstellung" von Happenings Allan Kaprows im Münchener Haus der Kunst erinnert an die performative Wende in der Kunst

"Graues Wasserfarbenbild von sich selbst malen / sich selbst grau malen / den Regen das Grau abwaschen lassen" - was wie zeitgenössische Lyrik klingt, ist die Gebrauchsanweisung für ein Happening von Allan Kaprow. Wie in Solo von 1969 ist beim Happening jeder Zuschauer zugleich Beteiligter; die Grenzen zwischen Kunst und Leben, Bühne und Publikum, Abbild und Wirklichkeit sind fließend. Kaprow, der im April 2006 78-jährig starb, hat den Begriff - englisch für "etwas, das geschieht" - gefunden und mit zahllosen Beispielen geprägt. Ohne dieses umfangreiche Werk wären die Arbeiten von Performance-Künstlern wie Hermann Nitsch, Marina Abramovic und Christoph Schlingensief kaum vorstellbar.

Dass Kaprow sich wie viele andere der damaligen Avantgardisten zunächst mit traditionellen Kunstformen auseinander setzte, erstaunt wenig. Hier kann die Ausstellung Allen Kaprow. Kunst als Leben, die derzeit im Münchner Haus der Kunst zu sehen ist, mit expressionistischen und abstrakten Ölgemälden sowie großformatigen Collagen aufwarten - Werke, die er schuf, als er noch unter Meyer Schapiro Kunstgeschichte und Philosophie studierte und Schüler des Malers Hans Hofmanns war. Erst durch die Begegnung mit John Cage, an dessen New School for Social Research er Komposition studierte, wurde er Teil jener performativen Wende, die sich in den 1950er und -60er Jahren vollzog und die unmittelbar auf unser Verständnis von Performance-Kunst und Theater heute wirkt.

Mit der Akzentverlagerung des Schöpfungsprozesses auf die einmalige Aufführungssituation sprengte Cage die Grenzen der traditionellen Musik. Kaprow wendete dieses Prinzip auf die Kunst an. Den Happening-Begriff prägte er in seinem Essay The Legacy of Jackson Pollock von 1958; ein Jahr später setzte er seine Ideen in die Tat um: 18 Happenings in 6 Parts wurden in der New Yorker Reuben Gallery aufgeführt - und damit unmissverständlich zur Kunst erklärt. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Environments (Umgebungen), begehbare Installationen, die ebenfalls die Grenze zwischen Kunst und Leben einrissen, indem sie die Besucher zur Aktion aufforderten. Eine dieser Skulpturen ist in München zu sehen: Rearrangeable Panels, eine Bretterbude, mit Farbe, Spiegeln, Laub und Glühbirnen gestaltet, entstand in den Jahren 1957 bis 59 und stellte einen Teil der Ausstattung von 18 Happenings in 6 Parts dar. Begehbar ist sie nicht: Berühren verboten!

Cages Einfluss war zunächst musikalischer Natur. Auf harten, streng gestalteten Pappquadern sitzend, kann man sich über Kopfhörer davon überzeugen, wie stark die Kaprowschen Klangexperimente von Cages Zufallsmethode beeinflusst sind. In Good-bye Shirley Canonball? von 1960 rauscht, knistert, knackt, knarrt, piept und raschelt es. Dazwischen herrscht minutenlang Stille.

Cage war es auch, der Notationssysteme ("Scores") nicht nur für musikalische, sondern auch für performative Kompositionen verwendete. Sie ermöglichen die zeitlich exakte Planung gleichzeitiger Handlungen - eine Voraussetzung für die ersten Happenings. In der Ausstellung beginnt nun ein Meer von Tischen aus Stahl und Glas (Ausstellungsarchitektur: Detlef Weitz und Rose Epple) mit ermüdend umfangreichem Archivmaterial zur Genese verschiedener Happenings. Spielerischer wird es an den Rändern, wo man in Environment-Manier Folien mit Fotos und Skizzen über Overheadprojektoren an die Wände werfen kann.

Am anderen Ende der Halle werden auf Leinwänden und Monitoren Aufzeichnungen verschiedener Happenings gezeigt. In Warm-ups von 1975 liegt eine Frau im Bett und sagt: "Not yet". Die andere steht daneben und fragt: "Is it warm yet?", so lange, bis die Frau unter der Decke mit "Yes" antwortet. Es ist eine banale, alltägliche Situation, die sich in ähnlichen Anordnungen wiederholt. Nach jeder dieser Szenen bestimmt eine männliche Stimme, was als nächstes geschieht. Schließlich fordert sie die Frauen dazu auf, einen Eiswürfel zwischen ihre Stirnen zu legen. Er schmilzt, und es dauert eine schmerzhafte Weile, bis die Anwortende von beiden das erlösende "Yes" verkündet. Die Handlungsanleitung konnte man bereits im Eingangsbereich finden - zum Nachmachen.

Videos sind noch keine Happenings. Kaprow selbst sprach von Wegwerfartikeln: "Nur einmal. Nichts übrig. Außer vielleicht Gedanken." Und nicht alle sind so leicht wieder aufführbar wie Warm-ups oder dem eingangs zitierten Solo. Bei Baggage von 1972 zum Beispiel füllen zwei Dutzend Freiwillige ihre Koffer mit Sand, bringen sie zum Flughafen, lassen sie dort eine Runde mit der Zubringerbahn fahren, um die Koffer dann zurück zum Strand zu bringen und den Sand auszuschütten. Für eine Aufführung im privaten Rahmen wäre der technische Aufwand zu groß. Deshalb werden nun 50 dieser Wegwerfartikel im Rahmen der Retrospektive wiederbelebt. Der dritte Raum ist diesem Nicht-Ausstellbaren gewidmet. An einer Wand sind alle Termine verzeichnet; an zwei Computern kann man sich anmelden; Fotos vermitteln Eindrücke von bereits wieder aufgeführten Happenings.

Auch Kaprows Environments wird neues Leben eingehaucht. In der großen Halle, noch vor Beginn der eigentlichen Ausstellung, trifft man auf große, raumgreifende Installationen. Es sind Auseinandersetzungen von Studierenden der Münchner Akademie der bildenden Künste mit Kaprows Werk. Dessen Environment Stockroom (Lager) von 1960 bestand aus Regalen, deren Inhalte - Zeitungspapier, Stifte, Farben und Klebeband - die Besucher zum Mitgestalten einluden. Die Klasse von Prof. Stefan Römer interpretiert "Lager" nun politisch: Im Video Die schlechte Fabrik wird ein Asylbewerberheim ironisch als "Win-Win-Situation" und "multikultureller Think Tank" gepriesen, auf dem Boden befindet sich ein "Score Immigration" - der Entwurf für ein Computerspiel, in dem man das Schicksal eines in Deutschland Asyl suchenden Flüchtlings wird nach verfolgen können.

Im Raum der Wiederaufführungen steht derweil ein sehr kleiner, unauffälliger Gefrierschrank voller Eiswürfel. Daneben hängt die Anleitung für Meters von 1972. Einen Eiswürfel solle man in den Mund, einen anderen in die Hand nehmen. Wenn er im Mund oder der Hand geschmolzen ist, verlangt Kaprow, je einmal laut "Jetzt!" zu rufen. Im Museum aber bleibt es stumm.

Allan Kaprow: Kunst als Leben. Haus der Kunst, München, Noch bis zum 21. Januar. Anmeldungen zu den Happenings unter www.kaprow.org


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00:00 12.01.2007

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