Der Erstliga-Trainer

Porträt Paul Spies hat das Amsterdam Museum fit gemacht. Nun verordnet er dem Berliner Betrieb eine radikale Verjüngungskur

Im Internet kursiert ein Foto, das Paul Spies im Kostüm des holländischen 17. Jahrhunderts zeigt, ganz in Schwarz, Pluderhosen und enge Weste, die Arme in die Hüften gestemmt. Ein Mann, der glücklich ist über das, was er geschaffen hat. Ein bisschen schaut er in die Kamera wie die selbstbewussten Bürger Amsterdams aus den Gruppenporträts, die sich während des Goldenden Zeitalters verewigen ließen.

Der Schnappschuss scheint in der Amsterdamer Eremitage aufgenommen worden zu sein. Seit 2014 läuft dort die international gefeierte Ausstellung Porträtgalerie des Goldenden Zeitalters, die Spies als Direktor des Amsterdam-Museums angestoßen hat. 30 monumentale holländische Gruppenporträts, für die kein Platz in den Räumen des Amsterdamer Stadtmuseums war, lagerten zuvor in verschiedenen Depots. In der weitläufigen Eremitage hingegen stand ein ganzer Flügel leer. Der rastlose Museumsdirektor überzeugte Politik, Kolleginnen und Sponsoren von seiner Idee und erwirtschaftete trotz hoher Projektkosten einen satten Überschuss.

Hierarchien abschaffen

Inzwischen ist Paul Spies Direktor der Stiftung Stadtmuseum Berlin und Chefkurator des Humboldt-Forums, zwei Jobs, die wohl kaum jemand gleichzeitig angenommen hätte. Und selbst der pragmatische Holländer erwähnt in letzter Zeit häufiger, dass er zwei Baustellen zu betreuen habe. Da ist das Märkische Museum mit Nikolaikirche, das Museum Ephraim-Palais oder Museumsdorf Düppel. Hinzu kommt die Regie über die Ausstellungen im rekonstruierten Stadtschloss, genannt Humboldt-Forum, das 2019 eröffnet werden soll. Der Museumsfachmann ist auch auf Podien gefragt, sein aus Amsterdam importiertes Museumsmodell stößt auf Interesse. Niemand in Deutschland hat bisher so entschieden wie überzeugend dem Museum eine radikale Verjüngungskur verordnet.

Spies setzt auf flexibles Projekt-Management. Das klingt nach Agile Management, wie es in der IT-Branche üblich ist. Bezogen auf das Museum bedeutet es den Aufbau von Projektstrukturen neben den zunächst weiter geltenden Hierarchien. Der 57-Jährige selbst verzichtet auf den Titel Generaldirektor, macht aber keine Abstriche, wenn es um die Sache geht.

Das Denken in Zielgruppen, die Frage nach der Relevanz von Ausstellungsthemen und die Partizipation der Besucher haben sich viele Museen auf die Fahnen geschrieben, doch rund läuft das so gut wie nirgends. „Wir brauchen ein anderes Denken“, sagt Spies. Manager einzustellen, die von der Sache keine Ahnung haben, sei keine Lösung. Der Schlüssel liegt für ihn in der Abschaffung von Hierarchien. Es gehe darum, eine Zusammenarbeit zu ermöglichen, in der Kommunikation im Zentrum stehe, Kollegialität und Respekt gegenüber dem Anderem, sagt er. Praktisch sieht das so aus: Alle Kuratoren können Projekte vorschlagen, die gemeinsam diskutiert werden. Jeder kann und soll sich einbringen. Seine Strategie des Projektmanagements hat Spies zwischen 2009 bis 2015 erfolgreich im Amsterdam-Museum erprobt. Das sei ein evolutionärer Prozess gewesen, fünf Jahre habe es gedauert, erinnert er sich. Er selbst habe damals die Rolle des Coachs eingenommen. „Das ist einer, der an der Seitenlinie steht und sich überlegt, wie kann ich das besser zusammenspielen lassen.“

Es weht ein neuer Wind in der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Davon zeugt auch das Ausstellungsprogramm für 2017. Im Zentrum stehen Alltagskultur und Geschichte. Anlässlich des 125. Jubiläums von Hertha BSC rekapituliert die Ausstellung Hauptstadtfußball im Museum Ephraims Palais die Bedeutung des Sports in der Millionenstadt. Vorab konnten Fans Erinnerungsstücke aus ihrer persönlichen Sammlung als Exponate vorschlagen. Die Nikolaikirche soll ein Ort „spektakulärer“ Kunstprojekte und der politischen Debatte werden. Den Auftakt machte Anfang April die Schau Sankt Luther, die sich kritisch mit dem frühen Luther-Kult auseinandersetzte. Anfang Mai startete eine der sogenannten Probe-Ausstellungen für das Märkische Museum. Berlin 1937 – Im Schatten von morgen demonstrierte anhand von 50 Alltagsdingen, wie die Nationalsozialisten in den Jahren nach der Olympiade 1936 und vor den Novemberpogromen 1938 das öffentliche Leben ideologisch infiltrierten.

Die Ausstellungen sind Sache seiner Projektleiter, der Direktor ist zwischen den verschiedenen Dependancen und dem Humboldt-Forum unterwegs. Gleichwohl bietet er Tee an. Die Sekretärin ist krank, der Earl Grey schnell gemacht. Paul Spies ist jemand, der früh gelernt hat zu improvisieren. Bereits als Student der Archäologie und Kunstgeschichte erhielt er 1987 gemeinsam mit zwei Freunden einen anspruchsvollen Auftrag. Das Trio sollte Begleitprogramme für die Jubiläumsfeier der Glorious Revolution entwickeln. Erzählt werden sollte die Geschichte des niederländischen Statthalters Wilhelm III. und seiner englischen Frau Mary, die am Ende gemeinsam die englische Krone übernahmen. Es war eine politisch aufgeladene Veranstaltung. Beide Königinnen, Elisabeth II. und Beatrix, kamen zum Gala-Dinner.

Auf Daten gesetzt

Für diesen Job gründeten die drei Studenten die Agentur D’Arts, eine auf Beratung von Museen spezialisierte Firma, die Spies 20 Jahre lang leitete. Inzwischen sind die Aufgaben komplexer geworden, die Verantwortung größer, der Blick auf vieles anders. Früher, sagt Spies, habe er auf Daten gesetzt, ihm sei jedoch klar geworden, dass er eigentlich nie eine Entscheidung aufgrund von Daten traf. Die Erfahrung habe ihn gelehrt, dass es keine Wahrheit gibt, nur Wahrheiten und Umstände. Entschieden werde letztlich aufgrund von Gefühlen.

2010 lud der niederländische Banker und Wirtschaftpolitiker Herman Wijffels Spies zu einem Symposion nach Portugal ein, als einzigen Teilnehmer aus der Kultur. Wijffels habe über Nachhaltigkeit gesprochen, erinnert Spies sich. Darüber, dass ihm als Sohn eines Bauern die Bilanz mit der Natur wichtig geblieben sei. Für Spies wurde dieser Gedanke zur Klammer aller seiner Überlegungen als Museumsmanager: „Man muss der Natur mehr Raum lassen. Wir machen alles kaputt auf dieser Welt. Wir brennen alles ab, Grundstoffe, Brennstoffe, aber auch Arbeit, Leute.“

Eben deshalb liegt ihm das Museumsdorf Düppel in Zehlendorf besonders am Herzen, dort werde anschaulich, wie die Menschen früher noch mehr mit der Natur lebten. Korn mähen, Hufeisen schmieden, Brot backen, das war im Mittelalter schwere Handarbeit, in Düppel lässt sich das nachempfinden. Für Spies stimmt in dem 1975 auf Initiative von Landesarchäologen rekonstruierten Dorf alles: das Thema, die Mitmach-Angebote, das Bürger-Engagement. Ein lebendiges Museum, wie Paul Spies es vorschwebt.

Info

Die Ausstellung Hauptstadtfußball eröffnet am 26. Juli im Ephraim-Palais in Berlin

06:00 14.07.2017

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