Der ewige Vagabund

Lebenslauf Günter Herburger wurde berühmt als Kinderbuchautor, gehasst als DKP-Mitglied, er schrieb Lyrik, die seine Prosa spiegelt und Romane übers Laufen. Am 6. April wird er 80

Im literarischen Kosmos der Bundesrepublik, so mutmaßte der Schriftsteller Hans Christoph Buch im Herbst 2006 im Spiegel, ereigne sich ein kulturelles Artensterben. Einst bekannte Autoren verschwänden aus dem kulturellen Gedächtnis, reihenweise und fast spurlos. Eine ganze Generation der Nachkriegsliteratur sei dem darwinistischen Literaturbetrieb bereits zum Opfer gefallen, bestehend aus Modernisierungsverlierern, als deren erstes Beispiel Buch einen alten Bekannten von sich nannte: Günter Herburger, Jahrgang 1932, geboren in Isny im Allgäu.

Und tatsächlich: Verglichen mit der Zeit um 1970, als Herburger literarisch anerkannt, verbreitet und bisweilen sogar populär war, als er für damals populäre Zeitschriften wie Akzente, den kürbiskern sowie den Spiegel Essays und Rezensionen schrieb und seine Bücher im renommierten Luchterhand Verlag erschienen, ist der Name heute weniger präsent. Verschwunden ist er freilich nicht. Denn Herburger ist zäh. Und eigenwillig, schwer fassbar, da er gern literarische Haken schlägt und Erwartungen ins Leere laufen lässt, ausschweift, abschweift, umkehrt und dann weiterläuft, vor allem immer unterwegs bleibt. Man weiß nie so genau, wo er gerade ist. Kurzum: ein Vagabund der Literatur.

Der Durchbruch

Diese Ruhelosigkeit ist für Herburger nicht nur ein Schreibprinzip. Sie ist Lebensform, biographische Poetologie, seit jungen Jahren schon. Nachdem er einige Semester als Sanskrit-Student in München verbracht hatte, zog es ihn 22-jährig weg aus dem Adenauerstaat. Er lebte auf Ibiza, im Armenviertel von Madrid, war in Algerien als Straßenarbeiter unterwegs, zog dann weiter nach Paris und erfuhr dort buchstäblich am eigenen Leib, was Armut bedeuten kann: Es fielen ihm die Zähne aus, weil er an Skorbut erkrankte.

Diese Form des Vagabundenlebens gab Herburger erst auf, als 1962 sein Sohn Daniel geboren wurde. Nun riss er, ersatzweise, schreibend aus. Bald wurde der KiWi-Lektor Dieter Wellershoff auf ihn aufmerksam; er machte mit dem nervösen Nachwuchsautor vor der Manuskriptarbeit Liegestütze, bis 1964 der Erzählband Eine gleichmäßige Landschaft fertig war. Der Durchbruch war geschafft. Und die erste Schublade geöffnet: Herburger, das war der junge Wilde aus der Kölner Schule, ein talentierter Pionier des Neuen Realismus.

Der "Rennomier-Intellektuelle" der DKP

Doch ihn zog‘s weiter, künstlerisch und geografisch. Ging nach Westberlin, mitten in den „Topf Friedenau“, wo sich die Literatur- und Politikbesessenen abends im Bundeskeller trafen. Tagsüber schrieb Herburger mit Born, Buch, Fichte, Johnson, Wagenbach und anderen Slogans und Reden für das Wahlkontor der SPD, an das die Jungautoren ihre Köpfe vermietet hatten. Spätestens nach der Bildung der Großen Koalition 1966 lockte aber wieder die Literatur. Er schrieb Dogmatisches über Gedichte gegen die „blattvergoldeten Worte“ der Wortsoßendichter und Saisonelegiker und veröffentlichte Lyrik, die eine markante Eigenart bis heute behalten hat: In ihr werden Szenen aus seiner Prosa vorab durchgespielt, überprüft und ausgebaut.

Das zeigte sich 1969 in Herburgers erstem Roman Die Messe, erschienen im Luchterhand Verlag, in dessen Berliner Dependance der Autor vorher die eine oder andere Nacht durchgefeiert hatte. Herburger schrieb nun Bücher im Akkord, aber zunächst auch dicke rote Zahlen in die Verlagsbilanz, bis 1971 Birne geboren wurde. Die Glühbirne, die alles kann, war in der idyllischen Welt der Kinderliteratur geradezu revolutionär: Sie war für Stadtkinder, für „Realisten von oft unglaublicher Grobheit“, die eben nicht mehr von Kälbchen und Oberförstern, sondern von Fabriken, Düsenflugzeugen und Westernhelden umgeben waren. Und das kam an: Kein Roman des Autors, kein Erzählungs- und kein Gedichtband erschien in so hohen und so vielen Auflagen wie die Birne-Bände.

Für seine erwachsenen Leser schrieb Herburger parallel einige Erzählungen, unter ihnen so wunderbare wie Die Eroberung der Zitadelle, für deren Verfilmung sich Bernhard Wicki hoch verschuldete. Wie Lenau und Hauptlehrer Hofer stand der Text für die Politisierung im Werk des Autors, die sich 1973 im Schlusssatz des Essays Für wen ich schreibe bündelte: „Schreiber sind dabei Chronisten dessen, was dereinst vorhanden sein muß: die Befreiung des Menschen.“ Aus diesem literarischen Credo zog Herburger konkrete Konsequenzen und trat in die DKP ein. Der Autor nutzte das Parteibuch vor allem als Schlüssel für den Eisernen Vorhang, mit dem er nach Moskau, Kiew und Nowosibirsk kam. Im westdeutschen Literaturbetrieb, aus dem sich Herburger nach der Geburt seiner behinderten Tochter Katrine 1974 zusehends zurückzog, ölte die Parteimitgliedschaft hingegen einen bekannten Mechanismus:  Der „Renommier-Intellektuelle“ der DKP konnte nur grob und kunstlos sein.

Rettung durch "ideologische Entfettunsgkur"

Auch im anderen deutschen Staat, der DDR, änderte sich nun der Grundtenor der Rezeption – allerdings genau spiegelverkehrt. Während der neue Realist Herburger noch als Beispiel für den „kulturellen Zerfall im Spätkapitalismus“ herhalten musste, ihm fehlendes politisches Bewusstsein, der Verzicht auf künstlerische Wahrheit und Pornografie vorgeworfen worden waren, galt er nun als humanistischer Autor und potentieller Bündnispartner. Den realsozialistischen Adelsschlag erhielt er von der Literaturwissenschaftlerin Ursula Reinhold: „Seit einigen Jahren“, so hieß es in den Weimarer Beiträgen, „bekennt er sich politisch zu den Kommunisten und literarisch zum Realismus.“

Als Folge dieses Wertungswandels erschien 1976 der Erzählband Nüssen im Aufbau-Verlag. Zwei Jahre später sollte auch die Birne in einer Auswahlausgabe den Sprung über die Mauer schaffen. Die zuständige Lektorin im Kinderbuchverlag wollte einzig das Vorwort etwas verändert wissen, weil die Kinder in der DDR mit Superman weniger vertraut seien, sie Tiefgaragen als Spielplätze nicht kennen und ihnen Jesus kaum ein Begriff sein dürfte.

So richtig ankommen konnte Herburgers Werk im „Leseland“ aber trotzdem nicht. Das zeigte sich bereits 1977, als Flug ins Herz, der erste Teil der 1991 fertiggestellten Thuja-Trilogie, in einem Doppelband bei Luchterhand erschien, aber eben nicht in der DDR. Während die Auguren des Aufbau-Lektorats die „biologische Utopie“ von vornherein abgelehnt hatten, schoss ausgerechnet Hans Christoph Buch in der FAZ mit großem Kaliber. Er zerriss den Roman als „Kurzlehrgang der marxistischen Ökonomie“, dessen Fortsetzung einzig durch eine „ideologische Entfettungskur“ zu retten sei. In der Tat war das Buch ein Faustschlag für den Leser, aber nicht wegen der Passagen linker Theorie: Der Plot, die Entführung eines Großindustriellen durch eine Gruppe Unzufriedener, die ein Arm-Reich-Vererbungsexperiment planen, diente dem Chaosspieler Herburger als Versuch einer Vereinigung von Vernunft und Sinnlichkeit, als progressive Universalpoesie im wahrsten Sinne, voller Sackgassen und Labyrinthe, in denen der rote Faden auf insgesamt 2000 Seiten verknäuelt, durchschnitten und neu verknotet wird.

Cotta-Literaturpreis

Als diese Langstrecke am Schreibtisch zur Hälfte absolviert war, stürzte sich Herburger, 50jährig, wie andere Schriftsteller auch auf die Langstrecke der Straße. Im Laufen fand er die Dramaturgie seiner Romane wieder: Über den ersten Abschnitt trägt die Vorbereitung, bald folgt der Konflikt, die Müdigkeit, bis die Konzentrationsphase erreicht ist und die Schritte von allein geschehen. 1988 erschien mit Lauf und Wahn das erste Buch übers Laufen, dem weitere folgen sollten, oft illustriert von Schnellschussfotos. In ihnen spürt man die existenzielle Erfahrung der Wettkämpfe, deren längster den Autor über 320 Kilometer durch Mauretanien führte.

Mittlerweile hängen die Laufschuhe am Nagel. Herburger war aber trotzdem weiter unterwegs, gezwungenermaßen, weil die Münchner Wohnung durch Mieterhöhungen für die Familie unbezahlbar geworden war. Nach einem kurzen Intermezzo im „Mutterhaus“ in Isny zog er nochmal nach Berlin. Hier schlägt er seine eigenen Schneisen durch das Dickicht, schreibt stets modern, doch nie modisch. Dafür scheint ihm nun tatsächlich später Ruhm zu blühen: 2011 erhielt er den Cotta-Literaturpreis und als erster Preisträger den Literaturpreis Von Autoren für Autoren. Auf eine rote Liste muss sein Name also nicht gesetzt werden. Auch nicht zum 80. Geburtstag, den Günter Herburger dieser Tage feiert. Pünktlich zum Ehrentag ist Haitata erschienen, ein Band mit völlig verbeulten Kurzgeschichten, kleinen Oden an die Fantasie, die aus der fragwürdigen Wirklichkeit hervorbrechen, ohne Nutzen, frei, zerzaust. Das ist seine Kunst. Und der Vorteil seiner Literatur: Sie kann tun und lassen, was sie will.

Haitata: kleine wilde Romane, Günter Herburger , A1 2012, 112 S., 18,80 €

Konstantin Ulmer (28) promoviert über den Luchterhand Verlag und hat die Thuja-Trilogie komplett gelesen

08:00 06.04.2012

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