Der Fall Ingo H.

Im Kino "Führer Ex" von Winfried Bonengel zeichnet mit fiktionalen Elementen die Lebensgeschichte des Nazi-Aussteigers Ingo Hasselbach nach

Kennengelernt haben sie sich 1991, als Ingo Hasselbach noch überzeugter Neonazi war. Winfried Bonengel wollte einen Dokumentarfilm über ihn und seine Gesinnungsgenossen drehen. Hochgewachsen, blond und intelligent war Ingo Hasselbach, damals das perfekte Aushängeschild der Rechtsextremisten. Seine Eloquenz zog viele junge Menschen an, für die er der Beweis der Attraktivität der Szene und der Richtigkeit ihrer Werte war. Die Presse nannte Hasselbach gern den "Führer von Berlin". Winfried Bonengel stellte seinen Film über die Neonazis mit dem Titel Wir sind wieder da fertig und führte Ingo Hasselbach damit buchstäblich vor, wo er sich befand. Hasselbach sagte später, dass er über sich selbst erschrak. Der Neonazi traf den Filmemacher öfter. Es seien die Gespräche mit einem denkenden Menschen außerhalb der Naziszene gewesen, die bei Hasselbach einen Prozess in Gang setzten, der zum Ausstieg im Februar 1993 führte. Winfried Bonengel war nicht nur Gesprächspartner, er bot Hasselbach auch Asyl und neue Kontakte in einer Zeit, da er vor dem sozialen Nichts stand. Gemeinsam schrieben sie das Buch Die Abrechnung, Ingo Hasselbachs Lebensbericht. Schon damals planten sie einen Spielfilm über dieses Thema. Der Titel Führer Ex wurde von der amerikanischen Ausgabe der Abrechnung übernommen: erst das markige, historisch besetzte "Führer" und dann der Abstieg in nur einer Silbe: "Ex".

Der Film von Regisseur Bonengel und Mitautor Hasselbach erzählt die Geschichte zweier Jungen, die auf ihrem Weg durch DDR-Gefängnisse in die illegale Naziszene geraten. Er basiert auf der Biographie Ingo Hasselbachs, ist aber keineswegs deren faktentreue Verfilmung. Es wird versucht, ungefähr jene Perspektive zu vermitteln, die ein junger Rebell aus etabliertem, aber emotional verkorkstem Elternhaus auf die DDR hatte. Die Straßen, die Räume wirken klaustrophobisch, trostlos - ein bisschen wie die Bestätigung von Klischees, die über die DDR existieren mit ihren kahlen Wohnungen und sächselnden Beamten. Dank der beiden jungen Hauptdarsteller Christian Blümel und Aaron Hildebrand, die mit frischer Authentizität spielen, baut sich dennoch eine dichte Atmosphäre auf.

Diese für den Film erfundene Freundschaft von Heiko (sozusagen dem "alter ego" von Ingo H.) und Tommy erweist sich als Glücksgriff für den Film. Sie bietet die Möglichkeit, die weiche (Heiko) und die harte Seite (Tommy) des Konflikts mit der Gesellschaft zu zeigen, um sie dann später überraschend zu verkehren. Es ist dieses enge, fast zärtliche Verhältnis der beiden Jungen, die miteinander erst durch Kneipen und über die Dächer, dann durch das Loch im Grenzzaun und durch die Gefängnisse ziehen, das den Film vorantreibt. Ihre dramatischen Erlebnisse im Gefängnis sind Zentrum und Zäsur des Films. Der Weg von dort führt Heiko geradewegs in die Führungsgremien der Neonaziszene des wiedervereinten Deutschlands. Tommy, dem kurz zuvor noch die Republikflucht gelungen war, akzeptiert es zunächst etwas erstaunt, unentschlossen in seiner Ablehnung. Bis es schließlich auf Leben und Tod geht ... Für Heikos Ausstieg fand Bonengel ein großartiges emotionales Schlussbild: Heiko inmitten der Passanten einer belebten Straße. Das Jungsgesicht in der Menge, einsam, erschüttert, auf die Kamera zugehend, bis es zum Standbild gefriert.

In der Geschichte der Neonazis geht es um Gewalt und entsprechend kommt im Film viel Gewalt vor, dies aber immer mit Rücksicht auf die FSK. Wo das FSK-Prädikat bei vielen Filmen eine finanzielle Bedeutung hat, ist es hier Teil des künstlerischen Konzepts. Die brutalen Details werden angedeutet, doch am Ende nie ganz gezeigt. Trotzdem ist der Film sehr körperlich. Das ist eine seiner Stärken; begründet doch das Physische des Films seine Authentizität, seine Glaubwürdigkeit. Das reicht von Berührungen der Freundschaft, dem solidarischen Brechen von Gliedmaßen, damit man nicht zur Arbeit muss, dem exzessiven Tanzen Beates bis zu den Gewaltszenen im Gefängnis und den Naziüberfällen.

Ingo Hasselbachs Beitrag zur Aufklärung des historischen Rätsels, dass es in der DDR, dem Land, wo der Faschismus "mit seinen Wurzeln" angeblich ausgerottet war, den Nährboden gab für Rechtsextremismus, ist nur schwer zu überschätzen. Die Gefahr, die hinter der von der DDR betriebenen wahllosen Kriminalisierung steckte, hat er genau beschrieben. Die Grenzen zwischen den verschiedenen jugendkulturellen Richtungen, die auch ideologische Orientierungen waren, wie Punks, Gruftis, Skins, Faschos oder einfach nur Mädchen, die Kleider aus Bettlaken trugen, waren für die Behörden fließend und wurden bei der Ahndung nie unterschieden. Wie folgenreich diese Repressalien für die junge Generation waren, zeigt eben das Beispiel Ingo Hasselbach. Bei ihm schürten sie zunächst vor allem Hassgefühle auf den Staat DDR. Dieses Antigefühl hatte viele Gesichter. Der intelligente Schüler brach mit der achten Klasse die Schule ab, wurde Punk, rief 1987 "Die Mauer muss weg" und saß dafür zehn Monate im Gefängnis, wo auch Altnazis wie der Mörder von Oradour oder der ehemalige Gauleiter von Dresden einsaßen.

Diesen psychosozialen Hergang einer allmählichen rechtsextremen Orientierung von Ingo Hasselbach thematisiert der Film; jedoch wird der Anlass für Heikos Inhaftierung "aufgestockt", es muss nun schon versuchte Republikflucht sein. Dabei wirft gerade die Geringfügigkeit des Delikts im wirklichen Leben von Hasselbach ein besonders bezeichnendes Licht auf den Zustand des verfallenden und nervösen Systems DDR.

Die Filmemacher, das ist deutlich, wollten der Gefahr begegnen, durch erzählerische Ausbreitung von Kultur und Gewalt der Naziszene einen potentiellen Kultfilm für Neonazis zu drehen. Auf authentische Nazisymbole, häufige Hitlergrüße oder einschlägige Musik scheint bewusst verzichtet worden zu sein; wie überhaupt der Aufenthalt der Handlung in der Naziszene dramaturgisch sehr kurz gehalten ist.

Nach propagierter Meinung seiner Autoren will Führer Ex sowieso weniger ein Kunstwerk sein, das Intellektuelle debattieren oder Cinéasten begeistert, sondern Publikumsrenner bei Jugendlichen um die 14 werden. 14 Jahre bezeichnet Hasselbach als Schlüsselalter für die Rekrutierung von Nachwuchs für rechtsextremistische Gruppen. Das Anliegen des Films wird unterstützt von einer Reihe von Begleitprojekten für die Schule. Neben Sondervorführungen gibt es die Möglichkeit, auf CD-Roms die sozialen Lebenswelten des Films - der Punks, der Flüchtlinge, Hausbesetzer und Nazis - einzeln zu erkunden.

Es ist der Mangel an vergleichbaren Werken in unserer geistigen Landschaft, der Mangel an intelligenter und engagierter Zeugenschaft darüber, was in der Naziszene Deutschlands geschieht, der Mangel an Politik für die konkreten Lebensbedingungen Jugendlicher in diesem Land, der den Film so brisant macht. Jugend als biographischer Ort höchster Gefährdung spürt Defizite der Gesellschaft immer noch am deutlichsten auf, und doch wird sie noch immer meist als bemitleidenswertes Übergangsstadium betrachtet.

00:00 06.12.2002

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