Der Fall M. gegen M.

Russland Mehr als ein Streit um die Unterhaltszahlungen eines Aufsteigers an seine Ex-Frau

Ich lebe noch und hoffe, gut auszusehen.« Obwohl Jelena Mordaschowa leise spricht, wirkt sie zielbewusst und äußerst selbstsicher. Das ist offenbar auch nötig, denn ihre einstiger Mann, Alexej Mordaschow, Direktor des Stahlwerks Severstal, fährt harte Bandagen auf. Nachdem sich Jelena im Juni mit dem 15jährigen Sohn Ilja aus der Kleinstadt Tscherepowez aus dem Norden Russlands nach Moskau abgesetzt hatte, ließ Alexej das Gerücht ausstreuen, Jelena lebe nicht mehr. Selbstbewusst legt diese den Kopf in den Nacken und meint gelassen, mit ihrem Auftritt im Studio von Radio Echo Moskau werde ja wohl das Gegenteil bewiesen.

Der Fall »Mordaschowa gegen Mordaschow« sorgt in Russland für Schlagzeilen. Die Zuschauer sind in zwei Lager gespalten. Die einen meinen, Jelena könne den Hals nicht voll kriegen, immerhin bekomme sie monatlich im Schnitt 1.000 Dollar Alimente von ihrem »Ex«. Die anderen fiebern mit dieser Frau. Bricht sie doch eine Lanze für all jene, die ihre Kinder ohne einen Rubel Unterhalt großziehen. Nach Angaben der Frauenrechtlerin Maria Arbatowa zahlen in Russland gegenwärtig nur zwölf Prozent aller geschiedenen Männer Alimente. Es sei überhaupt das erste Mal, dass eine Frau versuche, öffentlich ihren Anteil einzuklagen.

Man spricht bereits vom russischen »Santa Barbara«. Mit der Anfang der neunziger Jahre in Endlosfolgen ausgestrahlten, gleichnamigen Seifenoper aus Mexiko ging es um einen ähnlichen Konflikt. »Für uns Zuschauer wäre es doch zu schade, gäbe es bei der Serie kein Happy End«, titelt das Moskauer Massenblatt Moskowskij Komsomolez.

Bis 1996 lebte Jelena Mordaschow in einer glücklichen Familie, dann aber stieg Alexej aus. Im Scheidungsvertrag übereignete er seiner Frau die Drei-Zimmer-Wohnung, Kühlschrank und Lada. Für sich behielt er die bis dahin gestapelten Aktienpakete. Unmittelbar nach der Trennung wurde Alexej Generaldirektor von Severstal. Heute nun zweifelt Jelena die Rechtmäßigkeit der 1996 unterzeichneten Übereinkunft an. Sie habe sich seinerzeit in einer Notlage befunden und sei zur Unterschrift gezwungen worden.

In den folgenden Jahren zahlte der Generaldirektor Mordaschow pro Monat zwischen 300 und 1.500 Dollar Alimente, nach Meinung von Eingeweihten bedeutend weniger, als russische Oligarchen gewöhnlich für ihre Ex-Liebhaberinnen übrig haben. In einem wieder von Moskowskij Komsomolez abgedruckten Brief »An alle Frauen« beklagt Jelena denn auch die »Undankbarkeit« ihres Ex-Mannes. Die Studentenzeit sei hart gewesen, der gemeinsame Sohn Ilja kränkelte oft. Sie musste die Familie mit Putzjobs durchbringen. Zum Dank habe ihr Alexej nach der Trennung das Leben zur Hölle gemacht.

Damit hat sie nicht Unrecht. Als Alexej Ende vergangenen Jahres zugetragen wird, Jelena habe in Tscherepowez als Mitarbeiterin einer von ihm kontrollierten Bank ein Verhältnis, wird sie auf seinen Wink hin ständig schikaniert, muss in ein winziges Büro umziehen und sieht sich zur Kündigung gedrängt. Als sie den Job in der Bank dann tatsächlich verliert, wird das Leben in der Stadt zum Martyrium. Die Nachricht, Alexej Mordaschow habe im Jahr 2000 80 Millionen Dollar verdient, bringt Jelena schließlich völlig aus der Fassung.

In der Stahlhütte boomt das Exportgeschäft, und Sohn Ilja soll mit 1.000 Dollar abgespeist werden? Jelena beschließt, vor Gericht 20 Millionen einzufordern, denn sie weiß, laut Gesetz muss ein geschiedener Ehemann bei nur einem gemeinsamen Kind 25 Prozent seiner Einkünfte an Unterhalt zahlen. Um ihr Anliegen vor einen Richter durchzusetzen, flüchtet sie nach Moskau. Im Provinz-Biotop Tscherepowez kann Alexej ein Strafverfahren vereiteln. Der Severstal-Direktor ist in der 350.000-Einwohner-Kommune ein Patriarch. Fast jeder dritte Erwerbstätige der Stadt arbeitet im Stahlwerk. Mordaschow kontrolliert nicht nur 80 Prozent der Aktien, sein Unternehmen ist auch Eigentümer mehrerer lokaler Fernsehkanäle und Zeitungen.

In Moskau angekommen, findet Jelena einen Staatsanwalt, der den Fall übernimmt, ein Verfahren einleitet und gleich einmal 32 Prozent der Severstal-Aktien beschlagnahmt. Dann jedoch stockt die Maschinerie, Jelenas Hoffnung, der »Fall M gegen M« werde ein Moskauer Gericht beschäftigen, erfüllt sich zunächst nicht. Zweifel über die Echtheit aller eingereichten Unterlagen werden laut.

Die elegant gekleidete Jelena lässt im Interview mit Radio Echo Moskau durchblicken, ihr einstiger Mann habe gedroht, ihr Leben zu vernichten. Die Lage sei heikel und Mordaschow nicht nur in der nordrussischen Provinz der Platzhirsch. Er verfüge nicht zuletzt über einen guten Draht zu Wladimir Putin.

Tatsächlich hat Mordaschow in den vergangenen Monaten mehrmals mit dem Kreml-Chef über Wirtschaftsfragen konferiert. Aber auch mit anderen Größen, die aus St. Petersburg kommen, darf er sich verbunden fühlen. In den achtziger Jahren studierte Mordaschow am dortigen Wirtschaftsinstitut gemeinsam mit der heutigen Vizepremierministerin Walentina Matwijenko, die von ihrem ehemaligen Kommilitonen fasziniert scheint. Ein Manager mit diesem Charisma, lässt sie nach einem Besuch in Tscherepowez die sie begleitenden Journalisten wissen, sei ein Kandidat für die Regierung in Moskau. Doch trotz aller Lorbeeren rudert der Severstal-Direktor derzeit in schwerem Fahrwasser. Ein Kampf von unerbittlicher Schärfe ist um das Stahlwerk Magnitogorsk im Ural entbrannt, einem Filetstück auf dem inländischen Stahlmarkt. Mordaschows mächtiger Rivale in dieser Schlacht heißt Iskander Machmudow von der Ural Bergwerk- und Metallgesellschaft und wird von dem in Bedrängnis geratenen Severstal-Chef verdächtigt, das Alimente-Verfahren seiner Ex-Frau gesponsert zu haben. Begründung: Machmudow habe die Severstal-Aktien im Visier.

Es mag dahingestellt bleiben, ob das wirklich der Fall oder nur eine der üblichen Verleumdungen ist, eines jedenfalls lässt sich mühelos erkennen - dem 1965 geborenen Severstal-Generaldirektor fehlt es ganz offensichtlich an dem nötigen Fingerspitzengefühl und der Lebenserfahrung, um einen Konflikt außerhalb der ökonomischen Sphäre mit dem nötigen Feingefühl zu lösen. Die Härte, mit der sich ein Mann seines Schlages in den wilden Privatisierungsjahren Anfang der Neunziger nach oben boxte, hilft ihm jetzt beim Alimente-Streit mit seiner Geschiedenen nur wenig. Mordaschow beschreibt sich selbst unumwunden und ohne Zaudern als »Panzer mit der Mentalität eines roten Direktors« und fährt fort: »Wenn es die Perestroika nicht gegeben hätte, wäre ich sicher Parteifunktionär geworden. Als 1991 schlagartig die Privatisierungen begannen, siegte einfach der Selbsterhaltungstrieb in mir. Sich durchsetzen oder untergehen - allein das war die Alternative.«

Der Aufsteiger mit dem weichen Gesicht zählt freimütig seine Reichtümer auf, mehrere Yachten und Privatflugzeuge. Unaufhörlich arbeite er an neuen, kühnen Plänen. Ihm schwebe ein Stahlwerk mit einer vertikalen Struktur vor - von der Kohleversorgung bis zu Weiterverarbeitung und Vermarktung. Neben seiner Rolle als Manager und Eigentümer bei Severstal sitzt er auch im russischen Unternehmerverband und in diversen Regierungskommissionen. »Die Familie stand und steht an zweiter Stelle«, registriert Alexej ohne erkennbares Bedauern. Mit seiner neuen Frau, die ebenfalls Jelena heißt, habe er zwei Kinder. Ilja, den Sohn aus erster Ehe, sehe er bestenfalls im Abstand von Wochen.

Im Studio von Radio Echo Moskau gehen ständig Anrufe von Hörern ein. »Die Mordaschowa will für sich Reklame machen. 1.000 Dollar Alimente, das soll wenig sein?«, fragt eine Frau. Den nächsten Anruf liest die Moderatorin sichtlich angewidert vor. »Glauben Sie nicht, dass es für ihren Ex-Mann billiger kommt, einen Killer anzuheuern?« - Jelena bleibt gefasst. »Ich hoffe, er bleibt klug und löst die Frage auf zivilisiertem Weg.«

In Moskau munkeln nach wie vor böse Zungen, Jelena finanziere ihre Kampagne mit fremdem Geld. Neben ihr im Studio sitzt Alexej Mitrofanow, zweiter Mann bei Wladimir Schirinowskis Ultranationalisten von der Liberaldemokratischen Partei. Mitrofanow spielt sich in der Sendung als Frauen-Freund auf. Russlands Frauen müssten endlich von ihren Geldsorgen befreit und wieder »gebärfreudig« werden. Warum zu diesem Zweck keine Frauenpartei bilden? - Anfang der neunziger Jahre setzten sich viele aufstrebende Jungunternehmer von ihren Familien ab. »Sie wechselten die Frau, die Wohnung und das Auto«, wie man in Russland sagt. Der »Fall M gegen M« könnte daher eine ganze Prozesslawine auslösen, vermuten Experten. Das Wirtschaftsblatt Wedomosti beschuldigt Jelena prompt der Maßlosigkeit. In der Stadt Tscherepowez habe sie doch zur Oberschicht gehört. Was wolle sie denn noch?

Für die Frauenrechtlerin Maria Arbatowa schützt das russische Gesetz noch immer in unzulässiger Weise den Mann vor den Ansprüchen der geschiedenen Frau wie auch der Kinder. Die Alimente würden nach dem offiziell angegebenen Einkommen berechnet, dabei gäben die staatlichen Behörden selbst zu, dass 70 Prozent der Geschäfte in der Schattenwirtschaft abgewickelt würden. Eine geschiedene Frau müsse schon Privatdetektive anheuern, um ihrem »Ex« die wirkliche Höhe seiner Einkünfte nachzuweisen.

Jelena Mordaschowa jedenfalls will ein Beratungszentrum für geschiedene Frauen aufbauen. Und Mordaschows Konkurrent, der erwähnte Iskander Machmudow, hat Pläne, die ihr bei diesem Vorhaben äußerst hilfreich sein könnten. Ein Sprecher seines Unternehmens, teilte mit, sollte Jelena Mordaschowa in einem Prozess einen Teil der Severstal-Aktien gewinnen, werde man ihr die gern abkaufen.

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00:00 14.09.2001

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