Dennis Yücel
30.11.2012 | 15:42 32

Der falsche Türke

Migration Hat sich das Verhältnis der Deutschen zu Zuwanderern tatsächlich gewandelt? Unser Autor hat andere Erfahrungen gemacht

Der falsche Türke

Der Münchner Dennis Yücel

Foto: Kevin Mertens

Mein erster Chef war ein milder, kluger Mann mit einem merkwürdigen Hang zum Absurden. Manchmal, wenn man ihn auf den Bürofluren traf, groß und schlaksig, das weiße Haar zu einem bübischen Scheitel gekämmt, fing er plötzlich an, seine dürren Beine nach vorn zu stechen, wie ein Storch. Auf diese Weise stolzierte er einem direkt vors Gesicht und blieb mit fragendem Lächeln stehen. Zu mir sagte er nach einem ziemlich langen Augenblick peinlicher Stille immer: „Merhaba, Arkadas.“ „Hallo, Freund.“

Ich glaube, er mochte mich ziemlich gern. Auch wenn ich ihn immer wieder enttäuschen musste. Mehrmals ließ er mich in sein Büro kommen und sagte: „Ich brauche Sie jetzt! Sie können doch Türkisch!“ Jedes mal musste ich verneinen, woraufhin er seine Hände immer mit großer Geste in die Höhe schießen ließ und mit zitternder Stimme in den Himmel rief: „Ja, um Gottes Willen! Raus! Raus! Verlassen Sie mein Büro!“

Zu Weihnachten hat er mir trotzdem eine Kaffeetasse geschenkt, auf der mit einem Bier und einem Teeglas angestoßen wird, auf die „Deutsch-Türkische Freundschaft“. Trotz meiner Abneigung gegen alles, was mit irgendwie humoristisch gemeinten Motiven bedruckt ist, habe ich die Tasse aufgehoben. Als Symbol für all die Situationen, in die ich immer wieder gerate, weil ich mein ganzes Leben für jemanden gehalten werde, der ich nicht bin: ein Türke.

Zwar stammt mein Vater aus der Türkei. Weil sich meine Eltern aber scheiden ließen, als ich zwei Jahre alt war, habe ich davon nie viel gemerkt. Von meinem Vater habe ich meinen Nachnamen und meine schwarzen Haare. Alles andere habe ich von meiner Mutter. Und die kommt vom Ammersee.

Ich bin in einer Münchner Reihenhaussiedlung aufgewachsen, mit Tagesschau und Wetten, dass..?, Schweinsbraten und Spaghetti Bolognese und Weihnachtsfesten, die mal besinnlich waren und mal an der Grenze zum Familienstreit. Mit der Türkei hat mich nie etwas besonders verbunden. Außer eben, dass ich mich daran gewöhnen musste, ständig gesagt zu bekommen, ich sei Türke.

Kein Paradebayer

Es ist ein bisschen so, als liefe ich permanent in einer Art Wallraff-Verkleidung durch die Gegend. Man kann eine Menge über Deutschland dabei lernen.

Bis auf einen tyrannischen Grundschullehrer, den man nach einigen Vorfällen aber gefeuert hat, ist mir sehr selten wirkliche Feindseligkeit entgegengeschlagen. Im Gegenteil: Besonders seit Istanbul in den erlesenen Zirkel sogenannter Trend-Metropolen aufgenommen wurde, höre ich zunehmend, wie faszinierend meine vermeintliche Heimat doch sei.

Dennoch finde ich es bemerkenswert, wie sehr die Herkunft meines Vaters ins Gewicht zu fallen scheint. Es hat mich verwundert, dass mein Professor in einem Empfehlungsschreiben auch mein „akzentfreies Deutsch“ für erwähnenswert hielt. Und seit ich aus München weggegangen bin, fällt mir auf, wie wenig Menschen sich mit dem Verweis auf diese Stadt begnügen, wenn sie mich fragen, wo ich herkomme. „Nein, ich meine, wo kommst du wirklich her?“, ist eine Frage, die mir ziemlich oft gestellt wird.

Bayerische Prägung

Ich unterstelle diesen Menschen keinen bösen Willen. Aber ich frage mich manchmal, ob es nicht doch problematisch ist, wenn mein Name und mein Aussehen mehr zu zählen scheinen, als meine gesamte kulturelle Prägung, die vollkommen deutsch – oder um genau zu sein: bayerisch ist.

Als ich einmal mit Kollegen der Süddeutschen Zeitung über eine bayerische Redewendung diskutierte, die ich nicht kannte, sagte einer der Autoren zu mir: „Tja. Du bist eh nicht so der Paradebayer, oder?“ und drehte sich weg.

Persönlich trifft mich so etwas kaum. Ich habe so wenig Verbindung zur türkischen Kultur, dass sich mir überhaupt nicht die Möglichkeit zur Identitätskrise stellt. Ich habe das alles immer locker gesehen, als interessanten Zusatz meiner Biografie. Vor einigen Jahren habe ich sogar mal angefangen, Türkisch zu lernen und es einigermaßen weit gebracht. Aber daraus ist etwas geworden, was mich im Alltag oft nervt und manchmal hemmt. Weil ich mich ständig dafür erklären muss, ganz normal deutsch zu sein.

Reste des Aberglaubens

Und ich frage mich, wie man Migrantenkinder, die so sozialisiert wurden, dass sie sich auch im Heimatland ihrer Eltern zuhause fühlen könnten, dazu bringen soll, ein selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft zu werden, wenn selbst mir das nicht vollends zu gelingen scheint.

Ich habe keine Ahnung, was für ein Verhältnis man zur deutschen Gesellschaft entwickelt, wenn man hier in einem türkischsprachigen Elternhaus aufgewachsen ist. Aber ich habe ein Gefühl davon, was für ein Verhältnis die Gesellschaft zu solchen Menschen entwickelt. Es macht einem nicht leicht, sich als ein Teil von ihr zu fühlen.

Manchmal scheint es, als ob es selbst nach all den Jahren, in denen wir uns die Zungen wund diskutiert haben, wie wir das hinkriegen sollen mit dem „Zuwanderungsland Deutschland“, noch immer Reste eines biologistischen Nationaldenkens gibt. Reste eines Aberglaubens, die sich wider allen besseren Wissens einfach nicht ganz loswerden lassen, wie die Vorstellung, die Sonne würde sich um die Erde drehen.

Die Frage nach meiner „wirklichen Herkunft“ impliziert nichts anderes, als dass jenseits aller kulturellen Sozialisation meine eigentliche Heimat irgendwo anders liegt, nämlich dort, woher meine Gene stammen.

Das Paradoxe ist, dass ich selbst so deutsch bin, dass ich das alles selber kenne. Die feinen Unterschiede, die man manchmal zieht, reflexartig, schwer einzugestehen und kaum zu benennen. Denken wir nicht alle manchmal, wenn wir etwa beim Public Viewing einen dunklen Typen im Deutschlandtrikot sehen: „Ach, wie schön! Ein Türke in Schwarz-Rot-Gold! Das nenne ich gelungene Integration!“ – Aber sollte das, was wir „gelungene Integration“ nennen, nicht auch eine Leistung von „uns“ beinhalten, nämlich dass wir den „Türken“ in diesem Menschen gar nicht mehr sehen?

Es ist eine Gratwanderung. Ich bin nicht für die Einebnung aller Unterschiede. Im Gegenteil. Ich lebe in Neukölln und bin froh, dass ich dort Dinge sehe, die es nicht genauso auch in Ebersbach an der Fils gibt. Und mir ist es egal, ob die Menschen hier wissen, dass die Partitur der deutschen Nationalhymne eigentlich für den österreichischen Kaiser geschrieben wurde.

Sie san Türke?

Die Bindung von Land an eine bestimmte Kultur scheint mir ein fragiles Konstrukt, und gerade die Phrase „historisch gewachsen“ unterstreicht, dass sie nie Endgültigkeit beanspruchen kann. Ich kann gut damit leben. Dennoch kann ich Menschen verstehen, die sich ein Land wünschen, das weiterhin von dem geprägt ist, was wir „deutsche Kultur“ nennen. Nur muss für Migranten und deren Kinder, die bereit sind, deutsch zu sein, die Möglichkeit existieren, als Deutsche akzeptiert zu werden.

Ich glaube aber, wir sind auf einem guten Weg. Als ich mein Geld noch als Lokalreporter verdient habe, habe ich einmal einen älteren Herren besucht, der in seinem Garten ein Modell des berühmten Oktoberfest-Fahrgeschäfts „Menzels Münchner Zugspitzbahn“ aus Teilen seines Metallbaukastens gebaut hatte. Ich saß bei ihm im Garten, gefangen bei Kaffee und Kuchen, und der Mann sagte: „Sie san Türke, ge? Sauber. I hob in meim Lebm immer nur gute Erfahrungen mit eich g‘mocht!“ Und ich weiß noch, wie er seiner Frau, die gerade mit einem Tablett angelaufen kam, quer über den Garten zurief: „Ge Marianne, mir ham nur gute Erfahrungen mit Türken!“

Ich habe eigentlich auch ganz gute Erfahrungen mit Deutschen.

Dennis Yücel wurde 1989 geboren und lebt seit zwei Monaten als Münchner in Berlin

Kommentare (32)

Popkontext 30.11.2012 | 20:07

Danke für den Text! Solche Geschichten kenne ich reihenweise aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis, aber viele scheinen sich darüber noch keine Gedanken gemacht zu haben. "Ausländisches" Aussehen / ausländischer Name = "nicht von hier" (so wie einst übrigens auch die Buschkowskys und Sarrazins, aber das nur am Rande.) Schönes Video zum Thema: https://www.youtube.com/watch?v=63h0vwUT-vY&feature=player_embedded

Idefix 30.11.2012 | 21:37

Ich denke Integration braucht auch einfach Zeit. Ich schaue da immer gerne auf den Fußball. Bis vor 10 Jahren gab es keine deutschen Nationalspieler mit türkischen Namen. Nicht, weil es keine potentiellen Spieler gegeben hätte, sondern weil in der Vorstellung der Scouts - ähnlich wie im Artikel berichtet wird - hinter einem türkischen Name kein deutscher Spieler stecken konnte. Nun darf man das Beipsiel nicht überbewerten, denn der Fußball ist auch besonders heuchlerisch. Wenn man besonders gut gegen einen Ball treten kann, dann ist man offenbar sehr schnell Deutscher, andernfalls aber nicht. Aber das Beispiel zeigt trotzdem, dass sich Dinge langsam ändern. Irgendwann wird hoffentlich ein türkischer Name, so wie polnische Namen in Ansätzen schon heute, nicht mehr automatisch mit einer anderen Herkunft assoziiert werden. Aber das wird Zeit brauchen. Und Menschen wie Sie, Herr Yücel, die von sich erzählen und helfen anders zu denken.

mymind 30.11.2012 | 23:12

Herr Yücel,

ein nachdenkenswerter Text! Es wird viel über Integration diskutiert, einiges in die Wege geleitet, dennoch befürchte ich inzwischen immer mehr, dass das alles nur Tropfen bleiben werden, solange Integration bzw. Miteinander nicht in weiteren Teilen der Gesellschaft angenommen & vor allem gelebt wird. Die zögerliche Akzeptanz & Annahme, selbst bei Lebensbiographien wie z.B. Ihrer, ähnliche sind mir vertraut, haben in meinen Gedanken oft diverse Fragezeichen ausgelöst.

Inzwischen meine ich, dass nicht allein rassistisch bedingte Vorurteile das Problem sind, sondern insbesondere eine Haltung, die ich am besten mit ´Abgrenzung´ beschreiben kann. Der Ursprung liegt nicht so oft in einem Überlegenheitsdenken, sondern vielmehr in der Unsicherheit im Zusammentreffen mit ´anscheinend´ fremden bzw. anders aussehenden oder anders lebenden Mitmenschen, manchmal reicht auch ein anders klingender Name. In den meisten & harmlosesten Fällen bedingt diese Unsicherheit ein Festhalten an erlernten Werten, Verhaltenskodizes, ´vertrauter´ Kultur etc. Diese sind zwar einem ständigen Wandlungsprozess ausgesetzt, aber je rasanter sich eine Gesellschaft entwickelt, desto mehr ist, zumindest in diesem Land, auch ein Verharren zu beobachten bis hin zu einem konservativen ´roll back´.

Dabei sind multiethnische Gesellschaften, insbesondere in Europa & im Kontext der europäischen Integration, bereits heute schon Realität. Die Chancen & gegenseitige Bereicherungen sollten den Menschen, die es noch nicht erkannt haben, verdeutlicht werden. Angesprochen fühlen dürfen sich alle, denen noch etwas an diesem Kontinent liegt, dafür bedarf es allerdings einen Blick hinaus des eigenen Vorgartens.

Ihren Optimismus finde ich gut, der ´gute ´Weg, den Sie erkennen, könnte etwas selbstverständlicher gestaltet & gepflastert werden. Im Moment wird nicht jeder deutsche Passinhaber als Deutscher akzeptiert. Aber was heißt das im Endeffekt für das Zusammenleben? Es gibt auch Deutsche, die nicht akzeptiert werden & jede Menge Nichtdeutsche, die hier leben & denen es egal ist, ob sie diesen Pass haben oder nicht & dennoch deutsche Freunde haben. Leider sind diese multiethnischen Freundschaften keine Selbstverständlichkeit, was der 1. & wichtigste Schritt wäre, um die Barrieren der Abgrenzung & Vorurteile abzubauen. Arbeiten wir daran & irgendwann sind hoffentlich diese sinnlosen Fragen ´woher man kommt etc.´ ggf. überflüssig oder könnten persönlicher & differenzierter gestellt werden

Peter Nowak 01.12.2012 | 14:27

Das zentrale Problem des Herrn Yücel ist, dass er von seiner Mutter und deren Verwandtschaft so deutsch erzogen wurde, dass er in seinem Artikel unablässig beteuert ein "ganz normaler Deutscher" sein zu wollen. Was ist das überhaupt?

Dabei hätte er mit seinem Geburtsort die Chance einer kosmopoltischen Erziehung haben könne, wo Nationalitäten keine Rolle spielen. Es ist schon traurig, dass er erst im Erwachsenenalter türkisch lernen musste und nicht zweisprachig aufgewachsen ist. Dass Yücel diese deutsche Erziehung nicht problematisiert, ist ebenso traurig.

Peter Nowak

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Ehemaliger Nutzer 01.12.2012 | 14:47

Es ist weder problematisch noch verwunderlich, dass die Menschen einander am Aussehen erkennen. Das ist nämlich auf der ganzen Welt so. Und es ist biologisch so vorgesehen. Problematisch und verwunderlich wäre es, außer bei einer sehbehinderten Person, wenn man die Leute nicht auf den ersten Blick erkennen und einschätzen könnte.

Wenn man sich dann räumlich näher kommt, richt man die anderen oder reicht sich sogar die Hand oder irgendetwas in der Art. Auch das ist auf der ganzen Welt so.

Hier empfehle ich Elias Canettis dreiteilige Autobiographie: Die gerettete Zunge, Die Fackel im Ohr und Das Augenspiel. Da lernt man viel über Kultur und Menschen.

Und natürlich sind ungewöhnliche Namenskombinationen auch auf der ganzen Welt auffällig. Wer bei uns Dennis Yücel heißt, fällt genau so auf, wie ein Kevin Schmitz. Andererseits passen manche Einwanderer ihre Namen den Landesgebräuchen an oder lassen sie sogar richtig übersetzen. Wessen Namen im Türkischen z.B. Müller bedeutet, kann sich hier genauso gut Müller nennen. Einige behalten ihre Herkunftsnamen bei, was man im Rheinland an den französischen Namen (Fouquet) aus der napoleonischen Besetzungszeit und im Ruhrgebiet an den polnischen Namen auch nach über einhundert Jahren nach der Einwanderung hören kann (Schimanski, Schigunski ...).

Und natürlich wissen wir von den Geschichtswissenschaftlern der Annales-Schule (Fernand Braudel), dass sich Gewohnheiten und Gebräuche einer Region Jahrhunderte lang halten. Auch das ist auf der ganzen Welt so.

Wenn man kein Aufhebens um seine biologische Abstammung und seinen Namen macht, fällt man irgendwann nicht mehr auf. Es wächst sich sozusagen aus. Andererseits ist es aber auch so, dass gerade türkische Einwanderer und deren Nachkommen besonders viel Aufhebens darum machen.

Warum man mit akzentfreiem Deutsch auffällt, ist auch nicht verwunderlich. Erstens gibt es gerade bei den türkischen und türkischstämmigen Einwanderern besonders viele, die die deutsche Sprache nicht oder nur wenig beherrschen. Andererseits gibt es auch bei uns viele regionale Sprachunterschiede. Im Bundesland Bayern z.B. durfte während der 70er Jahre auf den Gymnasien im Unterrichts kein Dialekt (fränkisch, oberpfälzerisch, bayrisch ...) gesprochen werden. Möglicherweise stammt daher das Lob des Professors. Wer die als hochdeutsch bezeichnete Bühnenaussprache des Deutschen spricht, zeigt in der Regel seine Bildung damit an.

Georg von Grote 01.12.2012 | 14:48

So richtig lesen, was Yücel da schreibt, wollten Sie wohl nicht wirklich, oder?

Ich bin zwar nicht in einer aufgewachsen, aber ich kann Ihnen versichern, so richtig cosmopolitisch wächst man in einer typisch Münchner Reihenhaussiedlung nicht auf. Und auch mit dem Erlernen der türkischen Sprache dürfte es da einige Probleme geben.

Und wieso problematisiert Yücel nicht die "deutsche Erziehung"? Okay, die Holzhammermethode verwendet er nicht, aber ich lese aus dem Artikel reine Ironie heraus.

Und da sind wir bei dem immer wieder hier vieldiskutierten Punkt: "Am besten man läßt als Online-Schreiber jegliche Ironie sein, denn online versteht Ironie keine Schw..." :-)

JR's China Blog 01.12.2012 | 16:51

Ist ganz und gar nicht mein Fachgebiet, aber ich vermute, die Wahrnehmung von "Fremdheit" ist schlichtweg evolutionär geprägt. Ein "fremdes" Gesicht, eine "fremde" Haarfarbe - und dann läuft beim äußerlich "Einheimischen" ein Programm ab, das von seiner persönlichen Prägung abhängt.

Ist er ein emotional ausgeglichener, aufgeräumter Typ, reagiert er wie der Modellbaubayer - das mag man als peinlich empfinden, aber eigentlich nicht als unfreundlich.

Ist er alles andere als ausgeglichen, tendenziell ängstlich oder zornig, reagiert er mit einer Abwehrhaltung, oder mit einem Verhalten, das Konflikte provoziert.

Und Reflexion hilft beiden Grundtypen, die Situation klarer zu sehen. Aber das ist kein kurzer Prozess. Evolution ist ein großes Ding.

JR's China Blog 01.12.2012 | 17:26

Achtung: stark vergröbert.

Der Artikel beginnt - nach der Eingangsanekdote - eigentlich erst richtig mit der Reihenhaussiedlung.

Reihenhaus: das ist Malocher, Facharbeiter, einfacher Angestellter, oder vielleicht auch Lehrer.

Mit einem Reihenhaus endet der Artikel auch: jedenfalls stelle ich mir den Modellbauer als Bewohner einer Reihenhaussiedlung mit Garten vor. Er hat "mit Türken" malocht, und sie bildeten sich nicht ein, einander etwas vorauszuhaben. Sie waren Kollegen. In einem Türken - oder in jemandem, der "türkisch aussieht", sieht jeder den "Gastarbeiter".

Bei einem Professor, der auf den gleichen Menschen trifft, sieht das anders aus. Mancher würde die Akzentfreiheit nicht erwähnen, weil ihm das zu dämlich wäre. Aber das ist Sache des persönlichen Formats, nicht der persönlichen Wahrnehmung. Den "Gastarbeiter" sehen in dem Moment die meisten Professoren (meine Behauptung). Sie "sehen" aber auch das Reihenhaus und die fehlenden Codes, die "einer der ihren" mit der Muttermilch aufnimmt. Ich glaube nicht, dass der Professor aus dem Artikel Tansu Cillers Sohn oder Tochter in die Referenz schreiben würde, er oder sie spräche "akzentfreies Deutsch" - obwohl das ja bei denen viel bemerkenswerter wäre. Ob er das aber schreibt, wenn einer seiner Studenten oder Studentinnen Erdogan zum Vater hat? Da wird es vermutlich spannend. Sieht er in Erdogan eine "Oberschicht" oder einen "Gastarbeiter"?

Der Artikel stellt (auch) Klassenhintergründe dar.

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Ehemaliger Nutzer 02.12.2012 | 05:18

Hatte Sie bisher nach Lektüre ihrer überwiegend schweinejournalistischen Texte bei der taz in der Schweinejournalistenschublade. Vor allem das Ding über Gauck mit den Militärstiefeln im braunen Schlamm empfand ich so appetitlich wie einen Döner, wo ein Reihenhausbewohner heimlich in die Soße gewichst hat. Aber das hier - verdient Respekt. Chapeau. Sie haben sogar die Sonnenbrille abgenommen. Muss am Medium liegen.

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Ehemaliger Nutzer 02.12.2012 | 05:33

Und seit ich aus München weggegangen bin, fällt mir auf, wie wenig Menschen sich mit dem Verweis auf diese Stadt begnügen, wenn sie mich fragen, wo ich herkomme. „Nein, ich meine, wo kommst du wirklich her?“, ist eine Frage, die mir ziemlich oft gestellt wird.

"Vom Ammersee", schlage ich mal so als Antwort vor.

Und mir ist es egal, ob die Menschen hier wissen, dass die Partitur der deutschen Nationalhymne eigentlich für den österreichischen Kaiser geschrieben wurde.

Und das in Ungarn.

Ciao

Wolfram

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Ehemaliger Nutzer 02.12.2012 | 05:35

@Hans Georg Ossianowsky

Die Deutschen sind die fremdenfreundlichsten Europäer.Schaut man sich den Franzosen, Engländer oder Österreicher und den Schweizer dit sind echte Rassisten.

Die österreichischen Rassisten sind manchmal Tschuschen.

Die SS war die erste multikulturelle Armee Deutschlands. Nach dem Krieg haben viele SS Ärzte mit gefälschten Identitäten eine neue Anstellung in Arbeitsämter gefunden. Die Gastarbeiteranwerbestellen in der Türkei die von der Nürnberger Arbeitsanstalt betrieben wurde, hatte SSÄrzte als Betriebsärzte und Arbeitsmediziner in diesen Anwerberstellen des Arbeitsamtes in Istanbul und Anatolien. Diese SS-Ärzte gaben grosszügig vielen anatolischen Burschen Arbeitsgenehmungen. Das so viele Dürken nach Deutschland durften ist diesen SS leuten zu verdanken.

Manchmal, wenn ich übermütig und leichtfertig bin, bilde ich mir ein, die Abgründe und Tiefststände menschlichen Denkens ausgelotet zu haben. Dann aber tauchen Menschen wie Sie auf und belehren mich eines besseren.

Ciao

Wolfram

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Ehemaliger Nutzer 02.12.2012 | 05:40

@Peter Nowak

Das zentrale Problem des Herrn Yücel ist, dass er von seiner Mutter und deren Verwandtschaft so deutsch erzogen wurde, dass er in seinem Artikel unablässig beteuert ein "ganz normaler Deutscher" sein zu wollen. Was ist das überhaupt?

No, Herr Nowak, wie ist's bei Ihnen? Sprechen Sie noch tschechisch oder polnisch, ich mein fließend, nicht auf der Volkshochschule gelernt?

Es ist schon traurig, dass er erst im Erwachsenenalter türkisch lernen musste und nicht zweisprachig aufgewachsen ist.

Von wem hätte er denn Türkisch lernen sollen? Der Vater hat sich, als Deniz zwei Jahre alt war, über die Häuser gehaut.

Ciao

Wolfram

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Ehemaliger Nutzer 02.12.2012 | 05:41

@JR's China Blog

Ist ganz und gar nicht mein Fachgebiet, aber ich vermute, die Wahrnehmung von "Fremdheit" ist schlichtweg evolutionär geprägt. Ein "fremdes" Gesicht, eine "fremde" Haarfarbe - und dann läuft beim äußerlich "Einheimischen" ein Programm ab, das von seiner persönlichen Prägung abhängt.

Schon die bloße Einteilung der Menschen in verschiedene Phänotypen (damit hier der Begriff "Rasse" vermieden wird) ist eine erlernte Sache, die Abwertung bestimmter Phänotypen in bestimmten sozialen Zusammenhängen ist es ohnehin. Wenn in den fünfziger Jahren die Amerikaner ihre Panzer durch Eggenfelden rollen ließen, dann schauten aus den Panzern meistens Schwarze raus. Als Kind hat mich das nicht irritiert, das war einfach so. Punkt.

Und der "Neger Oskar" (so nannten wir ihn, dem - diskriminierenden, gewiß - Sprachgebrauch der Erwachsenen arglos folgend), der bei uns auf der Wiese mitkickte, war halt schwarz (eigentlich ja eher braun, denn er war ein Besatzungskind). Mei. Daß er wesentlich eleganter spielte als wir anderen, war uns selbstverständlich, denn 1958 war Brasilien Weltmeister geworden, der gerade mal 17 Jahre alte Pelè war der große Star, und so war uns allen klar, daß Schwarze halt eleganter spielen als Weiße. Erst Beckenbauer hat mir dieses (positive) Vorurteil zerstört, aber da war ich schon so leidlich erwachsen und meine Weltsicht nicht mehr ganz so naiv.

Was ich sagen will: Ich habe als Kind den Oskar nicht als fremd wahrgenommen. Rassismus ist etwas Erlerntes.

Ciao

Wolfram

JR's China Blog 02.12.2012 | 08:43

@Wolfram

Sie haben Oskar vielleicht nicht als "fremd" erlebt, aber "eingeordnet" haben Sie ihn. Als Kind waren Sie demnach ungefähr dort, wo der Modellbahnbauer im Rentenalter war. Das ist kein Vorwurf; das ist nur meine Wahrnehmung, und im Internet ist das, was ich "sehe", natürlich eher zweidimensional.

Erlernt ist m. E. die Prägung. Die hängt schon sehr davon ab, wo, wie und mit wem man aufwächst. Das ist tatsächlich ein Lernprozess.

Ein wichtiger Punkt, falls wir uns darin nicht einig werden: Rechtfertigen kann man Rassismus weder mit meiner Erklärung noch mit Ihrer. Der Mensch ist schließlich denkfähig.

Georg von Grote 02.12.2012 | 10:56

Ich gebe ja zu, dass ich immer wieder Schwierigkeiten habe, zu begreifen, dass es nach wie vor noch Schwachmaten gibt, die immer noch diese dumpfe Ideologie verinnerlicht haben.

Aber dass die dann auch noch hergehen und glauben, sie könnten das auch noch herumposaunen, dann fragt man sich schon, samma wieda so weit? Sind wir nicht. Typen wie Sie, Ossianowsky, die voller Blut und Ehre-Stolz von der SS als "multikultureller" Armee schwärmen und vielleicht auch noch Buchenwald und Auschwitz als humane Sterbehospize verkaufen wollen, haben "ausgedient". Erzählen Sie das im stillen Kämmerlein Ihrem Führerbildchen an der Wand, aber verschonen Sie mich künftig mit dieser braunen Gülle.

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Ehemaliger Nutzer 02.12.2012 | 12:10

@JR's China Blog

Sie haben Oskar vielleicht nicht als "fremd" erlebt, aber "eingeordnet" haben Sie ihn.

Was heißt schon eingeordnet. Natürlich ist mir seine dunkle Hautfarbe aufgefallen und natürlich habe ich ihn als Neger einsortiert. Bei uns gab es zwar nur zwei davon, zu wenig, um daraus eine Gruppe zu bilden, aber 1958 war Fußball-WM, Brasilien wurde Weltmeister, der Stern Pelès war damals am Aufgehen. Der Punkt ist: Ich habe den Neger Oskar horizontal eingeordnet, nicht vertikal, also in einer Rangordnung. lediglich der Umstand, daß er besser Fußball spielte, ließ ihn mir auf diesem Gebiet, und nur auf diesem, als höherrangig erscheinen.

Ciao

Wolfram

mädchenohneträume 02.12.2012 | 14:20

„Ge Marianne, mir ham nur gute Erfahrungen mit Türken!“

Da scheint mir, ebenfalls nicht Paradebayerin weil mein Phänotyp der dem "fernen Osten" zuzuschreiben wäre, aber ebenfalls unfreiwillig bayerisch sozialistiert, dem falschen Türken wohl ein Grammatikfehler unterlaufen zu sein.

Es sollte heißen

„Ge Marianne, mir ham nur gute Erfahrungen mit die Türken!“ :)

Ansonsten schöner Text und interessante Perspektive! Ich bin ja mehr eine von der Sorte, die keine so guten Erfahrungen in Deutschland gemacht hat und Rassismus nicht nur als gewaltsamen Auswuchs von Fremdenfeindlichkeit definiert (weil der Autor ja meinte, dass ihm hier keine Feindseligkeit entgegengeschlagen wurde). Deswegen trifft mich alles, was mich auf meinen wahren biologisch deteminierten Platz verweist, sehr persönlich und ich fühle mich oft angegriffen und verletzt. Es macht mir mehr emotional zu schaffen als mir lieb ist.

Aber das muss nicht sein, wie ich nun gelernt habe (ich sage das frei von jeder Ironie). Man kann auch anders aussehen und glücklich sein, kurzum: Es kann einem offenbar auch egal sein, diese kleinen rassistischen "Witze", die "gut gemeinten" Kommentare. Ich kann diese Wahrheit zwar akzeptieren, aber es fällt schwer, weil man im Kampf gegen den (Alltags-)Rassismus immer geneigt ist, ihn stärker zu dramatisieren als er in der gelebten Realität ist.

ln(e) 18.12.2012 | 14:06

Erbaulich zu lesen, das Aufsätzchen des Nicht-Türken. Dieses ganze Integrationsgedödel gibt es aber nur bei den Türken. Denn die Mehrzahl der Türken ist lediglich in die Sozialsysteme eingewandert und will gar nicht deutsch sein. So gesehen ist Herr Yücel eher eine Ausnahme. Ich war 12 (Russe aus dem heutigen Kasachstan) als ich hierher kam. Vom Aussehen her falle ich nicht auf. Sprach halt kein Deutsch. Die Sprache ging aber ziemlich schnell. Mit 14 als Seiteneinsteiger aufs Gymnasium....(ganz schön durchlässig, das deutsche Bildungssystem). Mit 17 war ich dann schon Deutscher und mit 18 beim Bund. Selten, dass jemand nach meinen russischen Vorfahren fragt.