Der Feind hat kein Gesicht mehr

Israel Der Gaza-Krieg sollte die Israelis davon überzeugen, dass es keinen palästinensischen Partner für einen Frieden gibt. Die Minderheit, die anders denkt, findet kaum noch Gehör

Yeela Raanan sagt, sie habe lieber nichts über den Gaza-Krieg wissen und die Bilder der Kinder nicht sehen wollen, die von israelischen Geschossen getötet wurden. Und sie wolle nichts darüber lesen, dass die Armee ihres Landes Kriegsverbrechen begangenen habe.

Doch es gibt kein Entkommen, Raanan hörte zwei Wochen lang, wie Gaza unaufhörlich von der See her und aus der Luft angegriffen wurde. Nur fünf Kilometer sind es von ihrem Haus im südisraelischen Ort Ein Habsor bis zur Grenze. Irgendwo dort drüben, mitten im Krieg, weiß Yeela Raanan ihren 20-jährigen Sohn, der in der israelischen Armee dient. "Ich konnte nichts dagegen tun. Ich habe die Bilder der palästinensischen Kinder, die getötet wurden, nicht gesehen. Es ist einfacher, nichts zu fühlen. Die Nachrichten sah ich nur für ein paar Minuten am Tag, um zu sehen, ob etwas über mein Kind gesagt wird."

Wenn sie an ihren Sohn denke, dessen Namen sie lieber nicht öffentlich nennen will, dann müsse sie doch an die palästinensischen Mütter und deren Söhne in Gaza denken, sagt Yeela. Sie sei da ganz anders als ihre Nachbarn. "Ich mag nicht, wofür Hamas steht. Aber ich bin nicht wütend auf sie. Ich verstehe, warum Hamas gewählt wurde, ich verstehe, warum Hamas tut, was sie tut, aber mit den Leuten hier im Ort kann ich nicht darüber reden." Der Versuch, auch die andere Seite zu verstehen, hat der ehemaligen Offizierin der israelischen Luftwaffe den Vorwurf eingebracht, eine Verräterin zu sein, die "ihre Nation an den Teufel verkauft". Ob sie ihren Sohn denn nicht liebe, wird sie gefragt.

Rhetorik des Krieges

Wie die Armee in Gaza vorgeht, darüber erfährt die Bevölkerung in Israel nur wenig. Wenn doch, wird es beiseite geschoben. Das sei zwar alles schrecklich, heißt es, aber Hamas habe das nun einmal den eigenen Leuten eingebrockt. Das wirkliche Opfer sei Israel. Die Mainstream-Presse hält sich an die offizielle Lesart vom Verteidigungskrieg, der dem Land aufgezwungen wurde. Die Zahl der zivilen palästinensischen Todesopfer wird heruntergespielt, die Toten überwiegend als Terroristen bezeichnet. Die Berichte über die Auslöschung ganzer palästinensischer Familien treten zurück hinter den Geschichten über das israelische Trauma, das die Angriffe der Hamas verursacht hätten.

Als israelische Araber gegen den Krieg protestierten, wurden sie wegen Untergrabung der nationalen Moral festgenommen. Im Fernsehen werden die Kritiker des Angriffs auf den Gazastreifen von Moderatoren beschimpft, die deren Patriotismus anzweifeln. Es ist paradox, dass sich bei Umfragen viele Israelis dafür aussprechen, einen Konsens auszuhandeln, der zu zur Schaffung eines palästinensischen Staates führt - genauso wie Yeela Raanan und die israelischen Friedensaktivisten. Eine nicht unerhebliche Anzahl von Israelis stellt diese Möglichkeit jedoch in Frage. Aus ihrer Sicht beweist das Andauern des Konflikts nachdem Ariel Sharon 2005 die jüdischen Siedler und das Militär aus dem Gazastreifen abgezogen hatte, dass die Araber keinen Frieden wollen; und dass es keine Sicherheit bringt, Territorium aufzugeben.

So landet die breite Masse der Israelis, die behaupten, für den Frieden Partei zu ergreifen, dann doch wieder auf Seiten der Siedler. "Ich sage ungern, dass wir euch gewarnt haben", sagt Yisrael Medad, ein prominenter jüdisches Siedler aus Shilo, das tief in der Westbank liegt". Jetzt hört man ständig, es war ein Fehler, sich 2005 aus Gaza zurückzuziehen. Man hört es im Fernsehen, wo es vorher nie diskutiert wurde. Mehr Moderatoren sind jetzt bereit, diese Frage zu stellen, die sie zuvor niemals gestellt hätten. Sonst hieß es immer, wir Siedler würden eine extreme Sicht vertreten. Inzwischen würde ich sagen, das ist die vorherrschende Sicht bei uns: Egal, was wir im Hinblick auf die Gebiete* getan haben, es wird die Palästinenser nicht zufrieden stellen. Sie werden uns immer weiter angreifen."

Die Siedler mögen zwar eine extremistische Minderheit sein, aber mit ihren Ansichten darüber, warum es richtig war, israelische Soldaten im Gazastreifen kämpfen zu lassen, stehen sie bei weitem nicht allein. Yeela Raanan lebt in Ein Habsor, einem Moshav - einer kooperativen landwirtschaftlichen Gruppensiedlung - mit etwa 1.000 Mitgliedern. Die Siedlung leidet unter den regelmäßigen Einschlägen der Kassam-Raketen. "In den letzten paar Tagen hatten wir zwei pro Tag. In der Umgebung. Ein paar auch direkt bei uns. So nah, dass es ebenso gut das eigene Haus hätte treffen können", sagte sie. Niemand wurde verletzt, aber am nahegelegenen Sapir College, wo Raanan Verwaltungswissenschaften lehrt, wurde im Februar ein Student von einer Rakete der Hamas getötet. Roni Yechiah, 47 Jahre alt und Vater von vier Kindern, starb, als das Geschoss auf dem Parkplatz einschlug.

Raanan wünscht sich eine Regierung, die bereit ist, ernsthaft mit den Palästinensern zu verhandeln. Sie vertritt die Ansicht, Israel sei zwar stark genug, um den Palästinensern Schaden zuzufügen, dies bedeute jedoch nicht, dass dies auch im Interesse des Landes liege. Sie möchte, dass andere Israelis die Leiden der Palästinenser nachvollziehen können.

Vorposten Shilo

"Wenn du dir wirklich vor Augen hältst, dass 40 vollständig unschuldige Menschen in einer Schule der Vereinten Nationen getötet wurden, wird dich das umtreiben. Es ist schwer, sich dies vor Augen zu halten und zugleich unseren Soldaten Erfolg zu wünschen. Das spaltet die Persönlichkeit. Ich schätze, es geht nicht anders, aber es ist schwierig durchzuhalten." Die Israelis, sagte Raanan, hätten die Palästinenser in so hohem Grade entmenschlicht, dass sie gar nicht mehr wahrnehmen konnten, wen sie da töten. "Es ist für sie sehr schwer, sich in jemanden hinein zu versetzen, der im Gazastreifen lebt."

Yisrael Medad in Shilo stimmt mit Raanan in einem Punkt überein. Auch er findet, die öffentliche Meinung in Israel werde von Gleichgültigkeit gegenüber den Leiden der Palästinenser bestimmt. Daran sei jedoch die Kritik des Auslands schuld. "Die ist so barsch, dass sie langsam aber sicher immer mehr Israelis dazu bringt, sich von Grundbegriffen der Humanität und Rücksichtnahme abzuwenden, so dass die letztlich denken: Wen soll das schon kümmern? Wir sehen auf der anderen Seite kein menschliches Gesicht mehr. In dieser Situation können wir tun, was wir wollen. Der Feind besitzt keine Identität. Er ist kein Mensch mehr."

Medad glaubt, der Konflikt könne dazu beitragen, die Zukunft der Westbank-Siedlungen sicherzustellen - indem er die Israelis daran erinnert, dass nur die von ihnen ausgeübte Kontrolle über die Gebiete, die sie Judäa und Samaria nennen, verhindert, dass Raketen der Hamas eines Tages bis nach Tel Aviv fliegen. "Die Lage hat sich verändert - der Gaza-Konflikt hat die Lage verändert", sagt er.

Shilo liegt an der Hauptstraße von Ramallah nach Nablus, weit entfernt von den Sperranlagen, die Israel als "Sicherheitspuffer" durch die Westbank und Jerusalem gebaut hat. Die Bewohner von Shilo sind streng religiös, die meisten stehen hinter dem Anspruch, den ihr Land auf das gesamte Territorium westlich des Jordan erhebt. Dass ringsherum Tausende Palästinenser leben, wird bestenfalls geduldet.

Seit es im Gazastreifen keine israelischen Siedlungen mehr gibt, sind die in der Westbank expandiert. Auch Shilo ist seit 2005 um ein Viertel gewachsen. Die Außenposten im Umfeld, die sogar nach israelischem Recht illegal sind, wuchsen so schnell, dass der gesamte Siedlungsblock von Shilo mit seinen rund 10.000 Einwohnern inzwischen genauso groß ist wie die Hauptsiedlung, die im Gazastreifen geräumt wurde.

Umfragen zufolge wären die meisten Israelis bereit, Shilo für den Frieden zu opfern. Einflussreiche Politiker stellen sich aber dagegen, darunter der Mann, der als Kandidat für den Posten des Verteidigungsministers unter einem möglichen Premier Netanyahu gehandelt wird. Mosche "Bogie" Jaalon, einst Generalstabschef der Streitkräfte, drängte die Regierung Olmert über Monate hinweg, den Gazastreifen anzugreifen, und lehnt einen Rückzug aus der Westbank ab.

Jeff Halper, ein erfahrener Friedensaktivist, sieht hierin einen weiteren Beweis dafür, dass die öffentliche Meinung in Israel heute mehr denn je von der Angst beherrscht wird, irgendetwas preiszugeben, was man später bereuen könnte. "Die Israelis haben die Auffassung verinnerlicht, dass es keinen Partner für einen Friedensprozess gibt. Alles wird auf Terrorismus reduziert, weil der politische Kontext der Besatzung verdrängt und behauptet wird: Wir hätten großzügige Angebote gemacht, die von den Arabern immer zurückgewiesen wurden. So wird die Öffentlichkeit von ihrer eigenen Führung als Geisel gehalten. 70 Prozent der israelischen Juden sagen, sie seien gegen die Besatzung und wären glücklich mit einer Zwei-Staaten-Lösung. Aber zu uns, den Leuten von der Friedensbewegung, sagen sie: ›Du musst mit mir nicht über Frieden reden, ich will ja Frieden. Die Araber lassen uns nicht, denn die Araber sind einfach Terroristen.‹ Tief verwurzelt ist die Vorstellung - die Araber sind unsere immerwährenden Feinde."

Yeela Raanan dagegen hofft. Sie zählt die Tage, bis der Angriff auf den Gazastreifen vorbei ist und ihr Sohn abgezogen wird. Falls und wenn das passiert, wird ihr persönliches Trauma jedoch noch nicht überstanden sein. Ihr zweiter Sohn wird in sechs Monaten zum Militärdienst einberufen. So wie die Dinge stehen, könnte auch er seinem Bruder in den Gazastreifen nachfolgen.

Übersetzt aus dem "Guardian": Zilla Hofman/Julian Doepp

(*) Mit Gebieten sind im israelischen Sprachgebrauch in der Regel die besetzten Teile der Westbank gemeint.

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00:00 28.01.2009

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