Der Feldherr privat

Home-Story Wie der "Kanzlerfotograf" Konrad R. Müller einmal bei Wladimir Putin zu Hause war

Bei manchen Büchern fängt es schon auf der ersten Seite an. Noch bevor es richtig zur Sache geht, machen sie sich verdächtig. Das neue Buch des Berliner Fotografen Konrad Rufus Müller ist so ein Buch. Man ist über das editorische Vorspiel noch nicht hinaus, da hat Müller schon den ersten Stolperstein eingebaut. Eine Zueignung in kleinen Lettern, die mindestens doppelt so großen Eindruck schiebt. Das Buch, so verrät uns Müller, sei Erich Salomon gewidmet. Ein kleiner Satz, mit Stutzfunktion. Entweder, hier wird gleich ein Bettelbrief für den nach Salomon benannten Fotopreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie vorgelegt oder der Verlag will präscriptum den kritischen Verstand schon einmal schwindelig drehen.

Derart in Stimmung gebracht, begibt man sich an Konrad R. Müllers jüngstes Werk. Ein Bildband über Wladimir Putin. Den Wladimir Wladimirowitsch, denkt sich der Leser da noch, hätte sich der große Doktor Salomon sicher auch gern mal zur Brust genommen. Schließlich hat der zu Lebzeiten manchen Politiker mit der Kamera entblößt. Friedrich Ebert im Badekostüm etwa oder die Teilnehmer der zweiten Haager Konferenz beim nächtlichen diplomatischen Nickerchen. Den Putin mal so ohne Pose zu sehen, das wäre doch eine feine Sache.

Doch denkste! Was Müller in seinem neuen Bildband macht, ist das, was er immer schon gemacht hat. Das, wofür man ihn respektvoll den "Kanzlerfotografen" nennt. Denn Konrad R. Müller, er hatte sie alle. Den Konrad Adenauer und den Willy Brandt, den Helmut Schmidt und neulich erst die Highlights aus zwei Amtsperioden mit dem großen Hannoveraner. Als in Deutschland keine Kanzler mehr zum Knipsen übrig waren, da fuhr er einfach zu Bruno Kreisky oder Francois Mitterrand. Konrad R. Müller ist der Fotograf für Amt und Würden. Der Zeremonienmeister mit der Kamera.

Wenn so einer Wladimir Putin fotografiert, dann wird aus diesem unweigerlich so etwas wie ein russischer Konrad Adenauer. Es sind die üblichen Tricks: Ohne Kunstlicht und ohne künstliche Kulissen fotografiert Müller große Männer in ihrem privaten und amtlichen Umfeld. Keine unerwarteten Schnappschüsse, sondern Fotografie auf Einladung. Neues von Putin heißt somit große Klischees in zärtlicher Pose. Der Staatspräsident beim Judo, beim Reiten und beim Angeln. Und zwischendurch, schließlich muss das so sein, immer wieder auch mal beim Regieren. Es ist die Kreml-Home-Story als Fotoroman.

Auch Stern-Autorin Katja Gloger, die den Begleittext zu dem Putin-Büchlein geschrieben hat, plaudert erst mal richtig drauf los. Über Putins blauen Trainingsanzug, auf dem, wie sollte es sonst sein, Rossija steht, über Toska und Conny, die beiden quietschfidelen Präsidentenhündchen und über "WWP" natürlich, wie man den Wladimir Wladimirowitsch in seinem Umfeld respektvoll nennt. Bei soviel Geschnatter kommt Kaffeeklatschlaune auf. Und schmerzlich vermisst man einen wie Ralph Morgenstern, der mit WWP noch bei dicker Sahnetorte gackern könnte.

Stattdessen fügt Gloger viel Wehgeklage der betrübten Hauszierde ein. Ach, was muss man da nicht alles hören von Ljudmila Putina. Wie der Gatte ihre Kochkunst missachtet ("Für mich war es wie ein Messerstich ins Herz") und wie sie "so geweint" habe, als er die Namen der Kinder über ihren Kopf hinweg bestimmt habe. Ob Ljudmila indes auch ins Taschentuch schnäutzt, wenn sie in der Zeitung über die bestialischen Gemetzel in Tschetschenien liest, darüber schweigt sich das Buch aus.

Zwar kommt auch Katja Gloger nicht ganz an Putins Geheimdienstseilschaften, an dem suspekt beherzten Einsatz im Moskauer Musicaltheater oder am sogenannten Anti-Terrorkampf des WWP vorbei. Das alles aber ist nicht mehr als narratives Dekor. Hätte sich Gloger weiter daran festgebissen, Konrad R. Müller hätte seine Îkonographie präsidialen Wohnens sicher bald als besudelt empfunden. So ist das ganze Buch nicht mehr als eine schön gemachte Scheußlichkeit. Eine Hofschranzerei, an der Erich Salomon sicher keine Freude gehabt hätte. An diesen Schutzheiligen der Administrativen-Fotografie bliebe noch eine letzte Bitte: Lieber Doktor Salomon, schenk uns schnell einen neuen Kanzler, an dem Konrad R. Müller wieder etwas unbedachter herumfotografieren kann!

Konrad Rufus Müller/Katja Gloger: Wladimir Putin. Steidl Verlag, Göttingen 2003,
128 S., 28 EUR


00:00 13.02.2004

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