Der ferne Friede

Syrien Aus Sicht des Konfliktforschers kann die Gewalt vorerst nicht eingedämmt werden
Der ferne Friede
Zerstörung und Gewalt bahnen sich ihren Weg schnell, derjenige zum Frieden ist immer beschwerlich

Foto: Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Nach sieben Jahren Bürgerkrieg leidet die Bevölkerung am meisten. Wie so oft interessiert das die kriegführenden Parteien nicht, solange sie einen Vorteil in der Gewaltanwendung sehen. Gleichwohl muss und wird jeder Krieg einmal enden. Die Frage ist nur: wie und wann? Eine Strategie der internationalen Gemeinschaft existiert nicht, weil sie zerstritten ist, was besonders für die Protagonisten USA und Russland gilt. In dieser Lage sind gelegentliche Rufe nach Intervention verständlich, aber wenig durchdacht. Zieht man Erkenntnisse aus der Konfliktforschung zu Rate, ist zu befürchten, dass der Krieg noch lange anhalten wird. Bürgerkriege, in die von außen eingegriffen wird, dauern oft länger und sind schwerer zu beenden. Wofür besonders ein Grund von Belang ist: Die Friedensdynamik ist gegenüber der Kriegsdynamik immer im Nachteil. Es ist einfacher, eine Gewaltspirale in Gang zu setzen als einen Friedensprozess. Es braucht nur einen gewaltbereiten Störer, damit sich diese Spirale zu drehen beginnt. Gewalt eines entschlossenen Akteurs wird nicht durch Friedensappelle unterbunden, nur durch die glaubhafte Androhung und gegebenenfalls Anwendung überlegener Gegengewalt.

Keine Sieger

In Bürgerkriegssituationen wie in Syrien, wo es keine übergeordnete befriedende Macht mehr gibt, treibt nicht zuletzt das Sicherheitsdilemma der involvierten Akteure die Gewaltdynamik an. Sicherheit ist demnach nur gegen den anderen möglich, also durch seine Unterwerfung oder Vernichtung – sonst droht einem das gleiche Schicksal. Eine friedenspolitische Kompromisslösung zu suchen scheint zwecklos, da tiefes Misstrauen zwischen den Konfliktparteien herrscht und eine übergeordnete Institution fehlt, um vereinbarte Zusagen verlässlich zu garantieren. Gewalt und Gegengewalt befeuern eine Eskalation, die sich verselbstständigen kann und den Konflikt immer wieder verlängert. Das gilt vorrangig dann, wenn die Gewalt gut organisiert ist und von außen unterstützt wird. Organisation konsolidiert und verlängert nicht nur Gewalt, sie kann auch zu ihrer Ausbreitung beitragen.

Friedensbemühungen haben es in derart komplexen Situationen schwer, Gehör zu finden – es gibt leider keine Eigendynamik zum Frieden. Dieser muss immer gestiftet werden und setzt den Konsens der Beteiligten voraus. Friedensschaffung braucht nicht nur viel Zeit, sondern ist permanent vom Scheitern bedroht. Während der Aufbau einer Friedensordnung lange dauert, verbreitet sich Gewalt in Bürgerkriegen sehr schnell. Deren Mobilisierungskraft ist ungleich stärker, was nicht zuletzt auf spezifische Gruppendynamiken, politisch-ideologische Antriebskräfte und materielle Interessen zurückzuführen ist.

Was folgt daraus für die Friedenschancen in Syrien? Aus Sicht der Gewaltsoziologie und Konfliktforschung sind die derzeit kaum vorhanden. Es gibt keine einfache Lösung, und jede der nachstehend skizzierten Optionen hat ihre Schwächen. Eine erste wäre es, dass sich die USA und Russland aus dem Konflikt zurückziehen und es den regionalen wie lokalen Akteuren überlassen, ihn zu beenden. Die damit verbundene Hoffnung wäre, dass sich die Konfliktparteien vor Ort erschöpfen und dann Frieden einkehrt, dagegen spricht freilich die Interessenlage der vielen externen Akteure. Eine andere Option wäre es, eine syrische Konfliktpartei derart zu unterstützen, dass sie den Sieg erringt und den künftigen Staat regieren kann. Einseitige Sicherheit könnte zumindest zeitweise zu einer prekären Waffenruhe führen. Nur ist der Versuch, die Assad-Gegner zu einem Siegfrieden zu führen, bereits gescheitert. Auch wenn Präsident Assad mit dem Beistand Russlands und des Iran momentan auf dem Vormarsch ist, beherrscht er weder das ganze Land, noch ist er in der Lage, es nachhaltig zu befrieden. Vielmehr laufen seine Schutzmächte Gefahr, langfristig in den Krieg verwickelt zu werden.

Eine dritte Option bestünde darin, den Konflikt durch die internationale Gemeinschaft auf der Basis eines UN-Mandats durch Androhung und gegebenenfalls den Einsatz überlegener Gewalt zu beenden. Danach müsste eine Friedensordnung aufgebaut und garantiert werden. Dieser Ansatz der kollektiven Sicherheit wäre nachhaltiger als die beiden vorgenannten Optionen. Doch sind gegenwärtig weder die USA noch Russland noch die beteiligten Regionalmächte dazu bereit. Statt kollektiver Sicherheitslogik folgen sie lieber einseitiger Interessenlogik.

Eine Teilung Syriens

Verbleibt als vierte und aus heutiger Sicht wahrscheinlichste Option eine Einigung auf der Basis eines wie auch immer gearteten Status quo nach der endgültigen Zerschlagung des IS. Syrien würde dadurch zumindest vorübergehend geteilt. Dieser Ansatz setzt nicht nur das Einverständnis der relevanten lokalen Konfliktakteure voraus. Es wären ebenso ihre politischen und ökonomischen Interessen zu berücksichtigen. Darüber hinaus müsste es Existenzgarantien geben. Schließlich sind Konfliktparteien in der Regel erst dann zum Frieden bereit, wenn der sich mehr lohnt als eine Fortsetzung des Krieges. Eine solche Nachkriegsordnung würde auf Misstrauen und Machtteilung beruhen. Und sie müsste von äußeren Mächten gesichert werden, wenn daraus langfristig eine stabile Friedensordnung werden soll.

Hans-Georg Ehrhart gehört zur Leitung des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg (IFSH)

06:00 09.05.2018

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