Der Fiat-Arbeiter filmt in China

Widerstand Von der Geschichte italienischer Arbeitskämpfe und Revolten handelt eine neue Sammlung von Texten und Filmen. Das Ergebnis enttäuscht
Fabian Tietke | Ausgabe 26/2014
Der Fiat-Arbeiter filmt in China
Illustration: Otto

Der neueste Band der Bibliothek des Widerstands nimmt sich italienischer sozialer Bewegungen an. Jenen kleineren Revolten ab Anfang der 60er Jahre vor der großen europäischen von 1968. Das Buch konzentriert sich auf zwei Schwerpunkte: die theoretisch-praktische Bewegung des Operaismus und die Aufstände, die 1960 hervorgerufen wurden, als die konservative Partei Democrazia Cristiana eine von den Faschisten geduldete Regierung bildete. Die meisten Filme auf den beiliegenden DVDs sind Beispiele des militanten Kinos aus Italien.

Fast alle verdienen eine Wiederentdeckung. Kaum ein europäisches Kino hätte damals einen so klugen Film über Migration hervorbringen können wie Lino De Fras Fata Morgana. Ausgehend von der Ankunft süditalienischer Migranten auf dem Bahnhof von Mailand entfaltet De Fra eine Reflexion über deren Bedeutung für die Arbeitswelt, schildert die Lebensumstände und analysiert das Wechselspiel zwischen den norditalienischen Reaktionen auf die Migranten und deren Umgang mit den an sie gerichteten Erwartungen.

Drei Filme befassen sich mit konkreten Arbeitskämpfen. Gerade Ugo Gregoretti gelingt es in der Dokufiction Apollon, den konkreten Arbeitskampf mit einer Analyse des paternalistischen Kapitalismus im Italien des Wirtschaftswunders zu verweben. Abgerundet wird die Auswahl der Filme durch ein Beispiel für filmischen Proto-Maoismus: 1970 erhält der Fiat-Arbeiter Franco Platania Gelegenheit, China zu bereisen. Das militante Kinokollektiv aus Turin gibt Platania eine Super-8-Kamera mit und montiert anschließend aus dem Material einen Film, der auf äußerst interessante Weise zwischen Faszination, Unverständnis und rhetorischer Verklärung changiert.

Dem Schwelgen in den filmischen Schätzen folgt der harte Aufprall im Buch. Wie bei früheren Bänden der Bibliothek des Widerstands fragt man sich auch hier, warum eine Sammlung wenig überzeugender Bücher mit großartigen Filmbeigaben als Bibliothek firmiert. Der Großteil des Buchs besteht aus zwei nicht uninteressanten, ohne Vorkenntnisse jedoch nur mäßig erhellenden Texten von Sergio Bologna und Cesare Bermani. Karl Heinz Roth hat eine kurze Einführung beigesteuert.

Ein Bezug auf die Inhalte der Filme fehlt ebenso wie das Interesse für die Mediengeschichte der sozialen Bewegungen in Italien. Der einzige Text, der konkret vom militanten Kino handelt, umfasst sechs von über 200 Seiten. Dabei waren die meisten der vertretenen Filmemacher zugleich Publizisten, deren Texte die Verschränkung von politischer Arbeit und Kulturarbeit in den sozialen Bewegungen hätten verdeutlichen können. Schade.

Verdeckter Bürgerkrieg und Klassenkampf in Italien I. Die sechziger Jahre: Entstehung des neuen Antifaschismus, Bibliothek des Widerstands, Band 31, Laika 2014, 224 S. mit 2 DVDs, 29,90 €

 

06:00 09.07.2014

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