Der Film zur Tournee

20. PANORAMA AUF DER BERLINALE Kevin Spacey entdeckt in der Filmbiografie "Beyond the Sea" über den Musiker Bobby Darin vor allem sich selbst

In einer bekannten Szene aus American Beauty wirft Kevin Spacey einen Teller an die Wand, als die pubertierende Tochter den im Hintergrund zu hörenden Song von Bobby Darin "Fahrstuhlmusik" nennt. Für die Post-MTV-Generation, die Spacey mit seinem Film Beyond the Sea in das enigmatische Leben von Bobby Darin einweihen wollte, ist das sicherlich ein zutreffender Ausdruck. Mit den Scherben allerdings, die Spacey mit dem Film verursacht hat, wird er noch eine Weile zu tun haben.

Skeptiker hatten im Vorfeld den 45-jährigen Schauspieler für zu alt gehalten, um einen einen Mann darzustellen, der bereits mit 22 Jahren auf den Bühnen von Las Vegas gesungen hatte, die nur gestandene Entertainer duldeten, und schon 37-jährig gestorben war. Andere hatten Zweifel an Spaceys Talent zum Singen. Dazu kam die Aversion gegenüber dem Genre Musical. Erwartet wurde dennoch mit Spannung, seit 2003 bekannt geworden war, dass Kevin Spacey das Leben von Bobby Darin verfilmen wollte - als Schauspieler, Regisseur, Produzent, Sänger und Drehbuchautor. Auch konnte sich niemand so recht vorstellen, dass ein Film des zweifachen Oscar-Preisträgers und brillanten Schauspielers Kevin Spacey floppen könnte. Der gänzlich in Berlin und Babelsberg gedrehte Beyond the Sea, dessen Weltpremiere im vorigen Jahr auf dem Filmfestival in Toronto stattfand, wurde nun in Europa zum ersten Mal in der Panorama-Sektion der Berlinale gezeigt. Und: Das anfängliche Misstrauen erwies sich am Ende als berechtigt. Zum Teil zumindest: Das Problem des Films liegt in Wirklichkeit weder am Alter noch an der mangelnden Gesangspraxis des Darstellers. Zudem beweist der aktuelle Film Ray sehr eindrucksvoll, dass Musikbiografien auch gelingen können. Zu kritisieren ist aber, dass Spacey eine Soap Opera gedreht hat, in der sein Held zu kurz kommt.

Der in Interviews beharrlich auf die Parallelen in seinem und Darins Leben verweisende Spacey stört in dem Film die Balance dieser vermeintlich Beziehung zu Ungunsten Darins. Spacey identifiziert sich so stark mit dem Musiker, dass er sich nicht damit bescheiden kann, dessen Konflikt zwischen künstlerischem Streben und der Erwartungshaltung der Zuschauer, als seinen eigenen zu beschreiben. Spaceys Drang, dem Publikum bis dahin nicht bekannte Seiten von sich zu zeigen, also zu singen und zu tanzen, verkommt in Beyond the Sea zur eitlen Ambition und stellt ihn vor Bobby Darin. Damit verrät er leider seine ursprünglich edle Intention, dem großen Popidol der 58er Generation ein Denkmal zu setzen.

Der als Walden Robert Cassotto in 1936 in New York geborener Bobby Darin wuchs in der Bronx in ärmlichen Verhältnissen auf. Als er mit acht Jahren vom rheumatischen Fieber befallen wurde, lautete die Diagnose, dass er vielleicht noch einmal so lang zu leben habe. Seine Mutter sorgte dann dafür, dass er, ohnehin musikalisch begabt, schon als Kind mehrere Instrumente lernte. Er begann mit kleinen Bands in diversen Lokalen Rock and Roll zu singen und unterschrieb 1957 seinen ersten Plattenvertrag bei Decca, wo er eine Reihe bedeutungsloser Popsongs aufnahm. Zwei Jahre später wechselte er zu Atlantic Records. Hier landete Darin seinen ersten Hit Splish Splash. Es folgten weitere Songs, die sich millionenfach verkauften. Bobby Darin gewann mehrere Grammys, und wurde einmal sogar als bester Nebendarsteller für einen Oscar nominiert. Bei den Dreharbeiten zu seinem ersten Filmes lernte er seine spätere Frau kennen, die dieser Tage verstorbene Sandra Dee, die damals bereits eine bekannte Schauspielerin war. In den letzten Jahren seines Lebens wurde Darin politisch aktiv. Empört über den Anschlag auf Robert Kennedy, bei dessen Wahlkampf er mitmischte, nahm Darin Protestmusik auf. 1973 starb er nach einer Herzoperation.

Bobby Darins Rock and Roll, Swing, Jazz, Pop und Folk umfassendes Musikrepertoire ist schwer zu kategorisieren: Ein Teil von ihm war Sinatra, ein Teil Elvis und ein Teil wiederum Bob Dylan. Als Entertainer wurde er mit Dean Martin und Sammy Davis Jr. verglichen. Sein mysteriöser Charakter, sein eigenartiger musikalischer Werdegang sowie sein von der Krankheit gezeichnetes Leben wurden in Hollywood unzählige Male von verschiedenen Studios und Drehbuchautoren für erzählenswert befunden. Vor Kevin Spacey, der für seinen Traum über zehn Jahre gekämpft und im Jahr 2000 endlich die Filmrechte erworben hatte, gab es vollständige wie halbfertige Bobby-Darin-Projekte, die immer wieder verworfen wurden. Regisseure wie Barry Levinson und Paul Schrader, Schauspieler wie Leonardo di Caprio waren im Gespräch. Das eine Drehbuch setzte auf Darins Konkurrenz zu Elvis, das nächste auf den Alkoholismus von Sandra Dee, das dritte auf den Lebensabschnitt, in dem Darin erfuhr, dass seine eigentliche Mutter seine 19 Jahre ältere Schwester war.

Kevin Spaceys Film Beyond the Sea nun hat nicht nur keine lineare Erzählweise, er verkettet auch die Tatsachen mit viel Fiktion. Eins der Glanzlichter des Films ist die Anfangsszene, in der Spacey Darins Hit Mack the Knife singt. Wenn er mitten im Song aufhört, stellt der Zuschauer verblüfft fest, dass er sich nicht im Nachtclub, sondern an einem Filmset befindet. So signalisiert Spacey nicht nur, dass es sich um einen Film im Film handelt, sondern er weicht auch der Kritik auf geniale Weise aus, die sich im Vorfeld über sein unpassendes Alter mokiert hatte, indem er den Darsteller des kindlichen Darin zu ihm sagen lässt: "Bist du denn nicht zu alt für diese Rolle?" Letztlich hätte Kevin Spacey sicherlich mehr Lorbeeren verdient, wäre er mit einem Bobby-Darin-Programm unter dem Titel Beyond the Sea auf Tournee gegangen.


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00:00 25.02.2005

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