Der fliegende Dackel

Wunsch nach Versöhnung Am 7. März wäre Heinz Rühmann 100 Jahre alt geworden

Ja, auch Heinz Rühmann ist vom MfS beforscht worden. In einem 28-seitigen Dossier findet sich die überraschende Erkenntnis, er habe mit seinen Filmen "die Manipulationspolitik der Faschisten wie der herrschenden Kreise in Westdeutschland nach 1945" gestützt. Das änderte jedoch nichts am guten Verhältnis der DDR zu Rühmann. So konnte Frank Beyer ernsthaft überlegen, Heinz Rühmann die Hauptrolle von Jakob der Lügner anzutragen. Ohnehin wurden montags im DFF gerne die Rühmann-Klassiker gezeigt. So liefen nicht nur in den Kinos des Westens - und zumindest bis 1970 stets auch im Osten - die je neuen, immer wieder erfolgreichen Filme des alternden, sondern auch parallel dazu die alten des jungen Rühmann einträchtig in Ost und West. Drei Jahre nach seinem Tod gab es immer noch Rühmann-Filme auf allen Kanälen. Und so konnte Alexander Osang nicht ganz zu unrecht schreiben: "Deutschland 1997 sieht aus wie Heinz Rühmann." 2002, wenn am 7. März sein hundertster Geburtstag gefeiert wird, wird es wohl wieder so aussehen.
Doch nicht nur die mediale Gleichzeitigkeit des scheinbar Ewiggleichen aus verschiedenen Zeiten hat dazu beigetragen, dass sich wohl kaum sonst im kollektiven Bilderhaushalt eine Person derart mit ihren Figuren vermengt, die Figuren untereinander derart changiert haben wie im Falle Rühmanns. Ob einer der Drei von der Tankstelle, ob braver Sünder, Stolz der 3. Kompanie, Mustergatte, lachender Erbe, so ein Flegel, Heinz im Mond, der Mann, von dem man spricht, Gasmann, Quax, der Bruchpilot, Pfeiffer mit den drei f, mein Freund Harvey, Briefträger Müller, Charleys Tante, Hauptmann von Köpenick, der Mann, der nicht nein sagen konnte, Pauker, eiserner Gustav, Mann, der durch die Wand geht, Jugendrichter, Schulfreund, braver Soldat Schwejk, Schwarzes Schaf, Max der Taschendieb, Lügner, Maigret - die Figuren über- und verblenden sich wie seine Lebensalter - vom ältlich Unerwachsenen bis zum kindlichen Greis. Ein Muster-Morph vor Erfindung des Morphing. Ein deutscher Zelig zudem, den man auf Fotos neben Hitler, Ulbricht und Bundespräsidenten gleichermaßen sehen kann. Ein deutscher Sonderweg - der mediale Riesenzwerg.

In Deutschland jedenfalls war er weltberühmt. "Heinz Rühmann ist heute ein Begriff wie ein Volkswagen oder ›Made in Germany‹. Nur vielleicht noch krisenfester." So textete 1963 die Werbeabteilung der Gloria-Film. Weltbekannt wurde freilich nur Der Hauptmann von Köpenick, in 53 Länder verkauft, sogar in der Kategorie bester ausländischer Film für den Oscar nominiert. Und 1965 hat Rühmann es einmal nach Hollywood geschafft. Der Vorspann von Ship of Fools nannte ihn allerdings erst an elfter Stelle. Dennoch ist der Vergleich mit dem VW durchaus passend. Rühmann war so etwas wie der VW des deutschen Films. Wie der Käfer für Anspruchslosigkeit, Bescheidenheit, Unaufwendigkeit, Zuverlässigkeit, Robustheit oder Sparsamkeit stand, für die Tugenden des kleinen Mannes, so war Rühmann der kleine Mann schlechthin. Und dies nicht nur seiner Einsfünfundsechzig wegen. Eine nicht unwesentliche Differenz im Image gab es allerdings zwischen diesen beiden Haustieren der deutschen Selbstzuversicht: Während durch die geniale Werbung der Agentur DDB zum Image des Käfers die Selbstironie gehörte, stand Rühmann für Humor. Und der war in Deutschland strikt versöhnlich. Wehe, wenn nicht! Doch gab es wiederum eine grundlegende Gemeinsamkeit: Wie der Volkswagen hat Rühmann den Übergang von der Zeit vor 1945 in die danach geschafft. Wenngleich - anders als der VW - nicht ohne Stocken.
Dabei hatte er sich gleich im Mai 1945 angeboten: Jetzt, da "die Kunst befreit sein wird von allen Schikanen und Fesseln, unter denen sie bis vor wenigen Tagen litt", sei die Aufgabe um so schöner, "den am Wiederaufbau Schaffenden die Freude und die Entspannung" zu bieten. Wer wirklich arbeite, habe um so mehr Freude und Entspannung verdient. Das hatte aus dem Munde von Goebbels kaum anders geklungen. Überhaupt hatte Rühmann damals noch Mühe, sich sprachlich zu befreien. So beteuerte er gegenüber Vorwürfen, die daher rührten, dass er unter Fesseln und Schikanen eben nicht gelitten hatte, dass seine "Produktionsgruppe" seinerzeit in "antifaschistischer Richtung" nur einwandfreies "und von mir nach diesen Gesichtspunkten ausgesuchtes Menschenmaterial enthielt". Rühmann hatte Orientierungsschwierigkeiten. Er geriet in den West-Ost-Konflikt. Als er 1951 öffentlich die Verhandlungsvorschläge Grotewohls begrüßte, brach vom Westen massiver Ärger über ihn herein. Zudem ging seine Produktionsfirma "Comedia", ursprünglich hatte er ganz opportunitätsfrei an den Namen "Pax" gedacht, mit Millionenschulden pleite. Kein Wunder, dass diese Zeit 1987 in seiner Autobiographie betitelt ist: "Als mir das Lachen verging."
Doch dann - das gehört zu Erfolgsgeschichte des kleinen Mannes unbedingt hinzu - kam er zurück. Und seine Erfolge beim deutschen Publikum waren immens. Weiterhin ein kleiner Mann, wechselte er nach und nach vom Frechdachs, Angeber und Aufschneider hinüber zum verständnisvoll-melancholischen Schmunzler, freundlich-stillen Helferlein, Kinder-, Tier- und Menschenfreund. Seine für Jugend und Sünden verständnisvollen Lehrer-, Priester- oder Detektivfiguren hatten zwar nichts mit der Wirklichkeit, alles aber mit dem Wunsch nach Versöhnung darin zu tun. Die Schnittstelle dessen markiert 1961 Der Lügner. Darin phantasiert die kleine Tochter ihn auf eine Weltkonferenz, seine Größenphantasie und Vagheit in eins: "ich bin der größte kleine Mann, und im Namen aller kleinen Männer protestiere ich gegen den Krieg." Er selbst jubelt am Ende: "Doch, doch, so darf ich fliegen, weil ich glücklich bin, ein kleiner Mann zu sein, ein kleiner Mann, eine kleine Stellung, ein kleines Gehalt, ein kleines Leben, eine kleine Tochter."
Ja, er durfte fliegen: Der als Lausebengel, Hans im Glück, Mensch wie du und ich, Allzumenschliche und immer wieder als der kleine Mann titulierte Rühmann war nicht nur sentimentaler Tierfreund und unentwegter Hundebesitzer, sondern auch ein ebenso leidenschaftlicher wie waghalsiger Flieger, der einzige fliegende Schauspieler Europas, wie der Völkische Beobachter vermeldete. Von den zwanziger Jahren bis zum 82. Lebensjahr ist er geflogen. Und so erscheint als Dreh- und Angelpunkt der Person wie ihres Lebens jener Film, in dem die Kompetenzen des Schauspielers und des Fliegers ebenso fusionierten wie Illusion und Wirklichkeit durcheinander gerieten: Quax der Bruchpilot. Ein von 1941 in zivile Zeiten zurückverlegter Doppeldecker-Klamauk, in dem aus einem Aufschneider und Angsthasen am Ende ein tüchtiger Fluglehrer wird, während Rühmann im richtigen Leben sich dabei ablichten lässt, wie er in einer modernen Me 108 zum Kurierflieger ausgebildet wird: "Ein Befehl wird erteilt - Heinz Rühmann führt ihn aus." Disziplin und Allotria, vorauseilender Gehorsam und hinterhergeschickte Grimassen - so ventiliert der brave kleine Mann sich durch die Zeiten. Die jüdische Ehefrau, von Carl Zuckmayer als "Landplage" tituliert, mit Anstand geschieden und ins sichere Ausland expediert, zu Goebbels Geburtstag mit dessen Kindern einen Lob- und Dankesfilm gedreht. Mit Udet gesoffen und mit dem Führer artig parliert. 37 Filme zwischen 1933 und 1945 gedreht und umsichtig die Mehrung der Gage betrieben. Geliebt, gesoffen, gewohnt, gesegelt, geflogen. Niemandem wissentlich geschadet, alle unterhalten. Der Trickster mit dem Dackelblick. Nicht Kind, nicht Mann, mal herrisches Knäblein, mal Kind im Mann. Oder wie es eine Filmkritik 1933 fasste - "eine zwerchfellerschütternde Kreuzung aus einem begossenen Pudel und einem kessen Jungen".
Einer zudem, der zwar in seinen Filmen in aller Welt unterwegs war, wie sich die Deutschen gern auf Reisen träumten - Bomben auf Monte Carlo, Quax in Afrika, Zwischenlandung in Paris, Unser Haus in Montevideo oder Ein Zug nach Manhattan -, doch stets wie hausgemacht. Der schief gelegte Kopf, Verschmitztheit in den Augen, Anfälle von Großmannsucht, dann wieder treuherziger Dackelblick, die abgehackte, tonlose, vermeintlich selbstferne Beiläufigkeit des Sprechens, die doch stets zugleich Aufmerksamkeit und Zuwendung des Gegenüber testet. Alles das charakterisiert nicht nur Rühmann, sondern steht auch für die Funktion der Figuren, die er vorzugsweise spielte - das je schon domestizierte, sich seiner Begrenztheit bewusste, momentane und allzu schnell wieder vorübergehende Heraustreten aus der Normalität als Bewährung des Normalen. So sagt es 1939 am Ende von Wenn wir alle Engel wären Kanzleivorsteher Kempenich: "Es ist erwünscht, dass jeder einmal über die Stränge schlägt - natürlich nur in allen Ehren und soweit Platz vorhanden. Dann ist die Welt lustig, und es lässt sich darin leben."
Aber nicht nur dies - auch sonst ein Optimierungstechniker in der Ausnutzung des vorhandenen Platzes, noch im Einsatz der Stimme, deren schmale Basis er zum Markenzeichen einer schnippischen Monotonie macht. Einer, der sich verschmitzt im Griff hat. So ist er nicht, wie Zuckmayer damalige Gerüchte wiedergab, als Kampfflieger in Polen gefallen, sondern bis heute auf uns gekommen. Eine deutsche Selbstzüchtung, Snoopy, der blasse Baron. Ein fliegender Dackel eben.

In vorauseilendem Marktgehorsam sind noch im vergangenen Jahr drei Biographien zum bevorstehenden Jubiläum erschienen. Nicht leicht zu sagen, welche zu lesen sich lohnt. Sie haben alle drei ihre Meriten. Die von Görtz und Sarkowicz stellt Rühmann in "sein Jahrhundert", kombiniert Leben, Werk und Zeitgeschichte, wofür die Autoren bestens präpariert sind. Dabei muss man leider allerlei an präventive Weißwäscherei reichende Verrenkungen in Kauf nehmen. So wird der erfolgreiche Durchläufer am Ende gar als insgeheimer "Anarchist" suggeriert. Fred Sellin ist da seinem Rühmann gegenüber entschieden kritischer. Sellin konzentriert sich auf die Biographie und es ist erstaunlich, wieviel er - basierend auf einer imposanten Liste von Interviewten - an nicht nur ersprießlichen Episoden aus einem von Rühmann selbst der Öffentlichkeit gegenüber stets sorgfältig abgeschirmten und höchst dosiert verabreichten Leben zusammengebracht hat. Sellin schreibt flott, auf Dauer allzu flott. Der ständig präsentische Gestus des Gerade-jetzt-dabei lässt ihn immer mal wieder ins Illustriertenhafte abrutschen. Torsten Körner hingegen besticht durch eine abwägende Präsentation von Biographie und Werkanalyse, die wegen ihres Umfangs und eben ihres Abwägens allerdings einige Geduld erfordert. Wer davon die intellektuelle Essenz dessen haben will, ist mit Körners wissenschaftlicher, jedoch sehr lesbarer Arbeit Der kleine Mann als Star gut versorgt.
Und nun gehe man hin und genieße zum Jubiläum alle die wiederholten Kapriolen des fliegenden Dackels. Doch Vorsicht! So ist es mit den Dackeln: Man will ihr Betteln ignorieren, aber wirft man ihnen auch nur die Brocken eines Blicks hin - schon haben sie einen wieder an der Leine.

Torsten Körner: Der kleine Mann als Star. Heinz Rühmann und seine Filme der 50er Jahre. Mit einem Vorwort von Reinhard Baumgart, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2001, 424 S., EUR 34, 90
Torsten Körner: Ein guter Freund. Heinz Rühmann Biographie. Mit einem Vorwort von Michael Verhoeven, Aufbau-Verlag, Berlin 2001, 479 S., EUR 25
Fred Sellin: Ich brech´ die Herzen ... Das Leben des Heinz Rühmann, Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2001, 415 S., EUR 19,90
Franz-Josef Görtz und Hans Sarkowicz: Heinz Rühmann 1902 - 1994. Der Schauspieler und sein Jahrhundert, C.H. Beck-Verlag, München 2001, 434 S., EUR 22,50

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00:00 08.03.2002

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