Georg Seeßlen
03.03.2011 | 08:00 16

Der Freiherr als Staubsaugervertreter

Berlusconismus Guttenberg geht für den Moment, aber er wird wiederkommen. ­Ein vorläufiger Nachruf auf einen künftigen Politikertypus

Jedes europäische Land auf dem Weg in die Postdemokratie bekommt den Berlusconismus und seine Vertreter, die es verdient. In ihrer äußeren Erscheinung und in ihrer back story mögen sie unterschiedlich sein, die Postdemokraten in Italien, Frankreich, Russland, Polen oder nun eben Deutschland; das Grundmodell ihrer Macht dagegen ähnelt einander verblüffend.

Karl-Theodor zu Guttenberg begründete seinen Rücktritt als Verteidigungsminister mit der veränderten Wahrnehmung seiner Person durch die Medien. Das war keineswegs überraschend: Der berlusconistische Politiker erhält seine Macht nicht so sehr durch die parlamentarisch-demokratischen Institutionen und nicht durch die Hierarchien und Allianzen der Parteien, sondern vor allem durch die Medien. Nicht Wahl oder Diskurs entschieden über seine Macht, sondern seine mediale Präsenz – möglichst überraschend, möglichst „unpolitisch“.

Dementsprechend definiert er sich als meta-parteilich, als unabhängig und solitär. So wird er zur direkten Antwort auf die „Politikverdrossenheit“, die nicht zuletzt eine Parteienverdrossenheit ist: Berlusconismus ist, unter vielem anderen, Politik für Leute, die mit Politik nichts im Sinne haben, sowohl unpolitische Politik als auch politische Un-Politik.

Damit hängt zusammen, dass der berlusconistische Politiker sich nach den Gesetzen der Unterhaltungsindustrie inszeniert. So wie er selber als gecasteter Typus in einer politischen Seifenoper erscheint, verbindet er sich auf einer zweiten Ebene mit dem Entertainment: Der eine heiratet eine Schlagersängerin, der andere lässt sich von Quiz-Kasperles hoffieren, jener unterdrückt und dieser kauft die Zeitungen, die er braucht. Der unsere lässt seine Frau als Pädophilenjägerin im Privatfernsehen auftreten und ist mit eingebetteten Schreibern und Bildermachern unterwegs.

Zur Inszenierung gehört weiter, dass der berlusconistische Politiker Wert auf sein Erscheinungsbild legt, was durchaus karikaturistische Drastik beinhalten kann: Von „Burlesquonis“ Lifting zu Guttenbergs Haargel – stets erscheint eine Art bizarrer, etwas vulgärer Eitelkeit, ein polyvalentes sexuell-ökonomisches Bild. Nicht schön, aber laut.

Für den berlusconistischen Politiker gibt es keinen Unterschied zwischen Politik und Privatleben: Berlusconi behandelt den italienischen Staat als Privateigentum, Guttenberg positioniert sich als so wichtig für den deutschen Staat, dass für ihn allgemeine Rechte und Regeln nicht zu gelten scheinen und er sich selbst im Abgang noch fürs „Vaterland“ opfert: „Ich war immer bereit, zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht“. Affären, so oder so, werden Teil serieller Dramaturgien („So leidet Guttenberg“, wie die Bild am Sonntag titelte). Immer muss man ihn zugleich bewundern und in Schutz nehmen; alles, was an ihm kritisiert werden kann, ist eine Gemeinheit seiner linken, intellektuellen Kritiker, die die Einzigartigkeit unseres Stars nicht ertragen. Der Politiker dieses Typs wird zu einer Popcorn-Variante des faschistischen „Führers“.

Er erhält seine Zustimmung, wie medial diese auch immer manipuliert sein mag, nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Verstöße gegen Gesetz und die fundamentalen Regeln von Stil und Anstand. Er ist ein Volksheld auch in dem Sinne, dass er sich scheinbar ehrlich – „Blödsinn“ – zu seinem Verhalten bekennt: Ohne bescheißen kommt man zu nichts. Wesenszug dieses Populismus ist der Anti-Intellektualismus. Insofern geht es in der Zustimmung zum Bescheißen nicht nur ums Akzeptieren unehrenhaften Verhaltens, sondern auch um die Abwertung der akademischen Institutionen.

Letztes Aufbäumen

Paradoxerweise wird in dieser Hinsicht ein Guttenberg durch den Betrug erst richtig glaubwürdig, genau so, wie er als Freiherr erst richtig glaubwürdig wird, weil er diese Rolle wie in einer schlechten Vorabendserie des deutschen Fernsehens spielt. Er vereint die akademischen und aristokratischen Distinktionen mit der Präsenz eines Parvenü: Der Freiherr als Staubsaugervertreter oder umgekehrt.

Die Unterwerfung unter den berlusconismus ist einerseits ein Bekenntnis zu einer anti-demokratischen und mafiösen Organisation der Interessen, sie ist andererseits aber auch nicht frei von Masochismus. Wir wissen ja, was Schau ist, die Beschissenen sind die anderen. Berlusconistische Politiker versäumen es nicht, die Schadenfreude zu bedienen.

In der Postdemokratie ist ein solcher Politiker unendlich anschlussfähig. So wie bei Berlusconi selber die Netze vom Neofaschismus bis zum organisierten Verbrechen, vom Showbusiness bis in den Sport reichen, so ist auch Guttenberg nur zu denken in zumindest medialen Verbindungen mit anderen anti-demokratischen, anti-rechtsstaatlichen, populistischen Impulsen. Träumt man nicht, wenigstens als Bild-Leser, von dem Dream-Team Guttenberg/Sarrazin?

Die Herrschaft jenes Politikers ist in einem nicht unerheblichen Maße virtuell. Er geriert sich als ein „leichter“ Fall von Diktatur, er bricht Gesetze und erlässt welche nach Belieben, alles scheint an ihm neu und anders. In Wahrheit aber geht es bei ihm darum, Hemmungen und Gewichte für die freie Entfaltung der Marktführer aus dem Weg zu räumen und ansonsten alles beim alten zu lassen. Seine diktatorische und pop-industrielle Anmaßung maskiert den Umstand, dass die selbst von den gemäßigten Befürwortern des freien Marktes als dringend notwendig erachteten Reformen des Kapitalismus unterbleiben. So ist absehbar, dass jede Art von Berlusconismus – und wir können nur ahnen, wie bewusst es ihren Befürwortern ist – am Ende ein Kapitel der Selbstdestruktion von Staaten und Gesellschaften bedeutet.

Seine Grundfunktion ist, den gesellschaftlichen Stillstand und den Verlust von Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität in einem Land zu hysterisieren und zu medialisieren. Jenseits dessen bedient er jeden Impuls aus seinem Volk, der ihm dient. Von Berlusconi wurde gesagt, er würde von heute auf morgen eine militant antisemitische Politik verfolgen, wenn ihm seine Marktforscher versichern würden, die Mehrheit des italienischen Volkes wäre dafür. Da sich dieser Politikertypus, in seiner Verknüpfung von privaten Interessen und politischer Funktion, rasch in eine Maschine verwandelt, deren einziges Produkt die Erhaltung der eigenen Macht ist, leistet er sich keine moralische Zimperlichkeit. Spätestens gegen Ende seiner Karriere wird er zu einer lebenden Bombe: Zur Machterhaltung gehört es zwingend, das System von Demokratie, Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit abzuschalten. Eine solche Politik benötigt Geld. Viel Geld. Und sie macht Geld. Noch mehr Geld.

Unser Freiherr zu Guttenberg scheint eine Idealbesetzung für einen deutschen Politiker dieser Art zu sein. Dabei ist es vergleichsweise unerheblich, dass sich das „alte System“ noch einmal gegen den konzertierten Angriff von Guttenberg und Bild-Zeitung zur Wehr setzen konnte und ein vorläufiger Rücktritt erfolgt ist.

Die klassischen demokratischen Institutionen und ihre Vertreter haben sich bereits, ebenso wie die Kanzlerin, in die berlusconistischen Fallen manövrieren lassen, sie versuchen dem Pfad in die Postdemokratie ein bisschen zu folgen und ein bisschen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu verteidigen. Wenn die deutschen Universitäten ihre akademische Würde verteidigen, dann um einen gewaltigen Preis: Am Ende steht nicht allein die Aberkennung der Doktorwürde für einen einzelnen karrieristischen Politiker, sondern der Vorgang führt zu einer schmerzhaften Selbstaufklärung der deutschen Universitäten, die bei der „Drittmitteleinwerbung“ schon längst jede Würde und Freiheit verloren haben.

Guttenberg ist nicht, wie man vermuten könnte, eine Art Berlusconi light; schließlich, sagt man, lässt er sich nicht von Medien machen, die er selbst in Besitz hat. Vielleicht ist damit aber die nächste Phase erreicht: Im klassischen Berlusconismus wie in den Postdemokratien Osteuropas halten sich Politiker ihre Zeitungen. Im Deutschland auf dem Weg in die Postdemokratie hält sich eine Zeitung einen Politiker! Und indem sich das „alte System“ gegen diesen Angriff der Unterhaltungsindustrie auf die Politik wehrt, muss Frau Merkel etwas tun, was schon der Ex-Kanzler Helmut Schmidt als unmöglich erachtet hat – gegen die Bild-Zeitung regieren. Egal, wer verliert, Bild gewinnt immer.

Ende einer Geschichte

Die Verbindung von Bild, Fernsehen und der Karrierefamilie Guttenberg erweist sich deshalb für diese als Segen und Fluch zugleich. Guttenbergs konnten in einer Geschwindigkeit aufsteigen, wie es in der parlamentarischen Demokratie und in der intrigant-pfründischen Struktur der Parteien nicht möglich gewesen wäre. Dafür ist das Guttenberg-Paar nun auf Gedeih und Verderb diesen Medien ausgeliefert. Das kennen wir aus Mafia-Filmen: Wenn die gefütterten Freunde der Freunde nicht mehr nützlich sind, der Bild-Zeitung oder auch, sagen wir einmal, den Markführern, die Interessen an berlusconistischer Politik haben, dann werden sie bedenkenlos geopfert.

Berlusconistische Politik ist für die Konzern-Medien nicht nur ein guter Stoff und ein guter Deal – auch wenn es nicht immer so schamlos zugeht wie beim Anzeigengeschäft für die Soldatenwerbung. Sie ist auch Voraussetzung für das weitere Wachstum dieses Marktes – haben wir eigentlich schon erwähnt, dass es ein Kernpunkt der berlusconistischen Politik ist, alle unabhängige Kultur abzuschaffen? Berlusconismus ist nicht allein die Herrschaft von postdemokratischen Leicht-Diktatoren mit Hilfe der Medien, sondern auch die Herrschaft der Unterhaltungsindustrie über Regierung und Staat. Ob der berlusconistische Politiker dann die „Marionette“ von Kapital und Entertainment ist oder ein Subjekt der neuen Herrschaftsform, ist kaum noch von Bedeutung. Ob Guttenberg durch Bild oder Bild durch Guttenberg herrscht, ob Guttenberg eine Vorahnung oder schon die Idealbesetzung ist – fest zu stehen scheint: Die Geschichte der zweiten deutschen Republik, ihrer Institutionen, Werte und ihres, nun ja, Geistes geht zu Ende. Guttenberg wird wiederkommen.

Für sein Radiofeature Von der Demokratie zur Postdemokratie erhielt Georg Seeßlen den Otto-Brenner-Preis 2010

Kommentare (16)

Ben 04.03.2011 | 15:21

Viele sehen in der Affäre Guttenberg den Untergang der deutschen politischen Kultur und einige nennen sogar den Namen Berlusconi als Vergleich.
Man sollte tatsächlich die Affäre Guttenberg mal in Relation stellen zu den italienischen Vorgängen. Zumindest die "freien" italienischen Medien und viele Italiener sehen in der deutschen politischen Kultur ein Vorbild. Denn eine Rückritt nur wegen des Abschreibens von wissenschaftlichen Arbeiten, das ist in Italien Utopie. Italien hat ganz andere Probleme. Siehe dazu: www.rivoluzion.net/2011/03/01/die-affäre-guttenberg-aus-italienischer-sicht/

Wer Guttenberg mit dem Regime Berlusconi vergleicht, verharmlost die gravierende Lage in Italien.

Hier nur ein paar Fakten:

1. Von 1994 bis 2010 hat die italienische Regierung alleine für Berlusconi 37 Gesetze verabschiedet, um ihn vor seinen Prozessen zu retten. B. und seine Getreuen sind nur in die Politik eingetreten, um sich vor dem Gefängnis zu bewahren und sich zu bereichern. 1994 waren B. und seine Unternehmen hoch verschuldet. Dank guter Gesetzgebung und reichlichen Steuerentlastungen für seine Unternehmen verfügt er nun über ein Vermögen mehreren Milliarden Dollar.

2. Im italienischen Parlament sitzen mehrere Dutzend Abgeordnete, die auf eine Gefängnisvergangenheit zurückblicken können und/oder gegen die prozessiert wird. Berutti von Berlusconis PDL ist so ein Beispiel. Kürzlich ist er wieder mal zu über 2 Haft verurteilt worden. Er hat schon mehrmalige Gefängniserfahrung. Marcello dell'Ultri ist ein weiteres Exempel. Er ist einer der Schlüsselfiguren des Regimes Berlusconi, sowohl als Führungskraft in seinem Medienunternehmen als auch als Gründer und Vordenker der Partei Berlusconis. Derzeit hält er sich wieder mal im Gefängnis auf: verurteilt zu über 7 Jahren Haft wegen Mafiaverstrickungen. Gefängniskarrieren gibt es aber nicht nur in seiner Partei.
B. hat viele seiner Anwälte und Angestellten in seiner Fraktion und Regierung untergebracht.

3. B. ist sogar schon mal rechtskräftig verurteilt worden. Seit 1999 sendet einer seiner Sender illegal. Das Unternehmen Centro Europa 7 hatte diese Sendefrequenz bekommen, konnte aber nie mit einem Kanal starten, da Rete 4 illegal weitersendete. Dies ging bis zum europäischen Gerichtshof, der 2008 entschied, dass Rete 4 nicht mehr senden darf. Auch heute läuft Rete 4 noch. Die Europäische Politik hat sich nie dazu geäußert.

4. Die parlamentarische Mehrheit: B. hatte letztes Jahr seine Mehrheit verloren, da sich eine Gruppe von Abgeordneten abgespalten hat. Seit dem Misstrauensvotum am 14.12. verfügt er auf wundersame Weise wieder über die Mehrheit. Abgeordnete aller Fraktionen wechselten und wechseln auf die Regierungsseite.

5. Gesetzesvorhaben: Die Regierung plant tiefgreifende Gesetze, um sich und insbesondere B. zu retten und die Demokratie und den Rechtsstaat weiter einzuschränken. So soll unter anderem eine Justizreform verabschiedet werden und die Befugnisse von Staatsanwälten und Richtern weiter eingeschränkt werden.

6. Die Medienmacht: B. hat nahezu das Monopol auf dem TV-Markt und kontrolliert das staatliche TV politisch. Zusätzlich hat er große Anteile am Print- und Onlinemarkt. Wer der italienischen Sprache mächtig ist, kann sich vom Ausmaß der Propaganda und Zensur in Italien überzeugen.

7. In Italien gibt es eine riesige Protestbewegung. Fast täglich finden Demonstrationen statt. Die größten Proteste haben Millionen an Teilnehmer. Nur in den Medien finden diese fast gar nicht statt. Die nächste Großdemonstration wird am 13.März italienweit sein: Zur Verteidigung der italienischen Verfassung.

Staaten und Regierungen der EU schweigen zu Italien. Es ist an der Zeit, dass Sie Berlusconi noch mehr isolieren und sich zur italienischen Zivilgesellschaft bekennen.
Mehr unter: www.rivoluzion.net

ER0L 04.03.2011 | 16:47

Da sich dieses Missverständnis durch die Gazetten zieht und auch hier zu bestehen scheint (s. die Überschrift und mehrere Stellen im Text): Zu Guttenberg ist KEIN Freiherr, er ist auch kein Baron, er ist überhaupt nicht adlig. In Deutschland gibt es nämlich - auch wenn dies in bestimmten Kreisen nicht gern gehört wird - keinen Adel mehr, schon seit 1919, sondern nur Bürger. Das Missverständnis beruht darauf, dass damals die Standesbezeichnungen ehemals adliger Familien - anders als in Österreich, wo es "Herr Habsburg" heißt - als Namensbestandteile übernommen wurden. "Karl-Theodor usw. Freiherr von und zu Guttenberg" HEISST also nur "Freiherr", er ist aber keiner. Man kann also nicht schreiben "Der Freiherr als ...", weil man damit gewissen Bestrebungen, den Adel weiterhin als existent zu postulieren, unbewusst Vorschub leistet. Ich würde es - um Missverständnissen vorzubeugen - noch nicht einmal ironisch in dieser Form äußern. Bitte weitersagen.

Ben 04.03.2011 | 17:04

in Ergänzung hier noch ein Link zu einem äußerst informativen Radiobeitrag über die italienische Medienreaktion zur Guttenberg-Affäre: www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio64826.html
Im Radiobeitrag befindet sich auch ein italienischer Radioausschnitt, in dem sich zwei Radiomoderatoren vor lauter Ungläubigkeit und Erstaunen über den damals noch bevorstehenden Rücktritt (war am 18.02.) nicht mehr mehr zusammenreißen können und lauthals lachen. Genau die gleiche Reaktion und Lache, die die beiden italienischen Radiomoderatoren über den damals noch in Frage stehenden Rücktritt von unseren Ex-Doktor und Verteidigungsminister im Beitrag zeigen, habe ich damals in Mailand auch von italienischen Freunden erlebt...

Ben 04.03.2011 | 17:11

Trotzdem, unverständlicher- und bedauernswerterweise wird der Adel in Deutschland noch hofiert und eine Reihe Adelshäuser besitzen neben schier unendlichen Reichtümern und Gütern, die sie größtenteils nie abtreten mussten, einen sozialen Status, der ihnen nicht zusteht. Daran ist nicht nur der Adel selbst schuld, sondern auch wir alle.
Man kann über unsern Nachbarn Frankreich meinen und denken, was man will. In einem Punkt sind die Franzosen unbestritten vorbildlich, beneidenswert und zu bewundern: Sie haben 1789 dafür gesorgt, keine Probleme mehr mit diesen Leuten zu haben. Insofern: Vive la France!

wwalkie 04.03.2011 | 18:22

Danke, Herr Seeßlen, für diesen Text, der viele disparat scheinende Dinge noch einmal auf den Punkt bringt. Vor allem die Schlussthese finde ich interessant: Unsere zweite Republik scheint wirklich zu Ende zu gehen. Dazu nur ein Aspekt: Die Parteien "emanzipieren" sich von ihrer Geschichte, werden politwarenästhetisch austauschbar. Die Demokratie, die wir einmal zurecht und leider verächtlich bürgerlich genannt haben, verliert an Akzeptanz - parallel zur zunehmenden Geschichtsvergessenheit. Und gerade in diesem "Präsentismus" gelingt Guttenberg und seinen Machern die Verbindung von scheinbar altehrwürdigen Werten (Adel als Haltung, Pflicht, Aufgabe) mit dem neuen Sommermärchen-Deutschland, in dem Fahnenschwenken, Hymne, Jung- und Deutschsein selbstverständlich geworden sind. Ich weiß nicht, ob er wiederkommen wird. Wenn nicht, es wird sich doch wohl noch jemand finden lassen...

ER0L 04.03.2011 | 20:41

@Ben: Gegen Angehörige ehemaliger Adelsfamilien ist überhaupt nichts einzuwenden, gerade weil sie ja ihren alten Status nicht mehr haben - juristisch gilt hier dasselbe wie in Frankreich. Ich habe kein Problem mit einem "Richard Karl Freiherr von Weizsäcker", zumal ich mich nicht erinnern kann, dass jemand von unserem Ex-Bundespräsidenten als "dem Freiherrn" oder "dem Baron" gesprochen hätte, wie dies bei zu Guttenberg häufig der Fall ist. Mich stört nur, dass auch die seriöse Presse mit solchen Zuschreibungen ein Image bedient, das sonst in erster Linie von einer selbsternannten Pseudoadelselite und natürlich von der Boulevardpresse hochgehalten wird. Darüber vergisst man dann irgendwann das Faktum, dass es wirklich und wahrhaftig keinen Adel in Deutschland gibt. Hier muss also - insofern passt der Frankreichbezug wieder - so etwas wie Aufklärung 2.0 betrieben werden. Es wäre doch zu schön, wenn der B***-Zeitung dann noch ein weiteres wichtiges Ressort wegbräche!

Achtermann 04.03.2011 | 21:28

Guttenberg und die Bildzeitung haben gezeigt, welche Polit-Figuren im Sinne des Boulevards die richtigen sind. Doch so leicht zu wiederholen ist das nicht. Lässt man die derzeitigen Kabinettsmitglieder revuepassieren, müssten alle noch üben.

Zuvorderst ist Annette Schavan zu nennen, deren Star-Faktor als katholische Tante doch sehr enge Grenzen hat. Rainer Brüderle kommt nur als schwätzenden Weinnase rüber, Kristina Schröder ist schwanger, Dirk Niebel hat Übergewicht, Ronald Pofalla näselt, Thomas de Maiziére tritt nur mit Ärmelschonern auf und Westerwelle macht halt den Guido. Die restlichen können Berlusconi auch nicht das Wasser reichen.

cnorthe 07.03.2011 | 16:47

Mit Bedauern sehe ich zu diesem sehr, sehr guten Artikel nur wenige Kommentare. Hoffe mal, daß Georg Seeßlen dennoch sehr viele Leser gefunden hat, denen ob der Konsequenzen nur die Spuke weggeblieben ist. Und die Worte.

Mich hat der Artikel dazu ermutigt von der Gegenöffentlichkeit der Webgemeinde zu schreiben, ohne die der Betrug Guttenberg nicht so schnell zum Rücktritt gebracht hätte. Die Kraft des Webs in Sachen Demokratie beginnt der breiten Öffentlichkeit erst langsam zu dämmern. Daran zu arbeiten, ist ebenso wichtig, wie solch herrvorragende Analysen, die das Fundament des Handeln bilden.

Mein Artikel: dadao.cnorthe.de/gegenoffentlichkeit-zu-guttenberg-system-merkel-und-der-steigbugelhalter/

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Ehemaliger Nutzer 07.03.2011 | 22:50

Auch ich bedauere, dass dieser Artikel so wenig Kommentare hat - vermutlich haben ihn die meisten nicht zu Ende gelesen.
Dieser Artikel ist äußerst polemisch und niveaulos. Herrn Seeßlen ist sein Radiofeature-Preis wohl etwas zu Kopf gestiegen, wenn er Herrn Guttenberg erst mit Herrn Berlusconi vergleicht und dann - wenn jemand schon am Boden liegt, tritt sich's wohl recht leicht - auch noch mit Hitler! ("Popcorn-Variante des faschistischen "Führers" ")
Richtigerweise stellt der Autor fest, dass Herr Guttenberg keine Medien besitzt. Das hält ihn aber nicht davon ab, ihm eine positive Darstellung seiner Person durch manche Medien vorzuwerfen.
"läßt seine Frau als Pädophilenjägerin im Privatfernsehen auftreten": Frau Guttenberg hat sich in ehrenwerter Weise eines Themas angenommen, das dem Rest der mehr oder weniger ehrenwerten Prominenz viel zu heiß und schmutzig ist. Ihr zu unterstellen, dass es ihr hierbei nicht um die Sache, sondern das Image ihres Mannes ginge, ist eine absolute Unverschämtheit, für die sich der Autor schämen sollte, wenn er wieder bei Bewußtsein ist.

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fritzbender 08.03.2011 | 08:46

Ich möchte ein Zitat als Aufhänger gebrauchen:

"Dementsprechend definiert er sich als meta-parteilich, als unabhängig und solitär. So wird er zur direkten Antwort auf die „Politikverdrossenheit“, die nicht zuletzt eine Parteienverdrossenheit ist: Berlusconismus ist, unter vielem anderen, Politik für Leute, die mit Politik nichts im Sinne haben, sowohl unpolitische Politik als auch politische Un-Politik."

Zunächst: es stimmt schlicht und ergreifend nicht, dass Guttenberg sich als meta-parteilich inszeniert hätte. Selbstverständlich hat er immer wieder medienpräsent betont, was für ein "Querkopf" er selbst sei. In den Positionen aber ist er selten weit von der eigenen Partei abgewichen. Auch sein Schritt in Richtung Aussetzung der Wehrpflicht ist schließlich eine Reaktion auf Schäubles Spardiktat gewesen. Er hat allerorten die CSU ziemlich offen vertreten und sich durch sie vertreten lassen.

Dann, und noch falscher, drückt sich im Zitat das gravierendere Ausmaß der Politikverdrossenheit aus: Elitismus der Kritischen. Sicher, wir alle hier, wir haben "mit Politik zu tun", und sicher, wir alle hier freuen uns insgeheim oder lautstark über den Verlauf der 'causa' Guttenberg. "Die anderen" aber, die verstehen es einfach nicht, die glauben einfach alles, was die BILD ihnen erzählt.

Mit dieser Rhetorik, Herr Seeßlen, kann ich Entfremdungsgefühle von Minderheiten befriedigen. Wenn ich mich aber aufspiele, auf ein so grundlegendes Phänomen wie den, in meinen Augen ebenfalls völlig fehlbenannten, "Berlusconismus" aufmerksam zu machen, dann sollte ich mehr leisten. Dann sollte ich meine Behauptungen belegen und mich nicht in allgemeinsten Wendungen wie der folgenden verlieren: "Ob der berlusconistische Politiker dann die „Marionette“ von Kapital und Entertainment ist oder ein Subjekt der neuen Herrschaftsform, ist kaum noch von Bedeutung."

Wer so schreibt, der hat sich und die eigene Theorie längst gegen Kritik immunisiert. Wer immer jetzt zur Verteidigung der deutschen Verhältnisse anträte, der wäre wohl schlicht dem Berlusconismus verfallen, was?
Selbstverständlich muss kritisiert werden, in welch enger Weise der ehemalige Verteidigungsminister mit BILD- und ZDF-Journalisten unter einer Decke steckte (und vermutlich noch immer steckt). Das aber sollte am Fall konkret offengelegt und vor allem bewiesen werden. Spekulationen, die dann auch das Phänomen zum Symptom verklären, klingen in den Ohren der Ohnehin-Kritiker leicht plausibel und nähren das "Ich hab's doch schon vorher gewusst"-Gefühl. Bei ernster Betrachtung aber zeigt das nur, dass man genauer hinsehen sollte. Gerade, wenn man sich als Schützer der 'echten' Demokratie begreift.