Der Fremdkörper

Thüringen Der Wahlkreis 196 ist konservativ, aber nicht rechts. Das könnte dem Kandidat Maaßen zum Verhängnis werden
Der Fremdkörper
Obacht! Maaßen trägt die Maske nicht unter der Nase. Das könnte Wählerstimmen kosten!

Foto: Jens Schlueter/AFP/Getty Images

Wenn Thüringen das grüne Herz Deutschlands ist, so ist die Region südlich des Rennsteigs eine seiner beiden Herzkammern. Der sanfte Thüringer Wald, am Inselsberg milde 916 Meter hoch, geht nach Süden ins Kleingebirge Rhön und nach Südosten in den Frankenwald über.

Doch nicht wegen ihrer landschaftlichen Schönheit steht die Region aktuell in den Schlagzeilen. Seit am 30. April vier CDU-Kreisverbände den früheren Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen zum Kandidaten nominiert haben, ist der Wahlkreis 196 zu einem der Schlüsselorte der Bundestagswahl geworden. Umso mehr, als Maaßens Erfolg keineswegs gesichert erscheint. Denn der Import passt eigentlich nur in einer Hinsicht in die ihm fremde Region: Er ist konservativ.

Wahlkreis-Konkurrent Frank Ullrich zum Beispiel, der hier geboren wurde, kann man getrost als einen praktizierenden gefühlten Wertkonservativen bezeichnen, als einen spontanen Kümmerer. Der 63-jährige frühere Biathlon-Weltmeister, Olympiasieger und spätere Bundestrainer tritt jetzt für die SPD gegen Maaßen an; Ullrich, ein populärer, bodenständiger und geradeheraus redender einstiger DDR-Vorzeigeathlet, ist der plastische Gegenentwurf zu dem Mönchengladbacher Beamten im höheren Dienst Maaßen.

Ullrich sitzt im Trainingsanzug im Suhler Büro der SPD-Abgeordneten Diana Lehmann, das weiche Sofa kollidiert mit seiner nach wie vor sehnigen und schlanken Figur. Draußen steht sein Mountainbike. Auch die CDU habe um ihn geworben, als er noch als Parteiloser in den Suhler Stadtrat einzog, sagt Ullrich. „Ich bin aber nicht gläubig“, habe er damals entgegnet, umso weniger, als er nach dem frühen Verlust seiner Frau und seiner Schwester an Gott zweifeln musste. Das sei heute nicht mehr wichtig, hätten die CDU-Leute gemeint, woraufhin sich Ullrich dankend wieder umdrehte. „Glaubwürdigkeit steht für mich an erster Stelle“, sagt er.

Akkurat und gepflegt

Drei Landkreise umfasst der Wahlkreis 196, Schmalkalden-Meiningen, Hildburghausen, Sonneberg, dazu die Stadt Suhl. Rund 235.000 Wahlberechtigte stimmen hier am 27. September über ihren Bundestags-Direktkandidaten ab. Wie ticken sie? Die Ureinwohner sind von angenehmer Art und passen zum milden Mittelgebirge. Zu ihrer Freundlichkeit passt wiederum der singende Dialekt mit dem rollenden „r“ und dem sehr weichen „d“, der nach Süden hin immer mehr mit dem Oberfränkischen verschmilzt. Die Dörfer hoben sich schon vor 50 Jahren vom DDR-Durchschnitt ab, wirkten akkurat und gepflegt. Ein ausgeprägtes Heimatbewusstsein kann man Anhängern aller politischen Lager bescheinigen.

„Konservativ, aber nicht rechts“, schätzt die SPD-Landtagsabgeordnete Janine Merz aus Walldorf an der Werra ihre Landsleute ein. „Ich bin noch nie wegen meiner Punk-Frisur angegangen worden“, sagt Sandro Witt, seit acht Jahren Vizechef des Thüringer DGB und von der Linken zum Bundestagskandidaten im Wahlkreis 196 nominiert. Auch mit 40 trägt er noch die charakteristische rote Bürste, mit der man ihn im Raum Suhl seit 25 Jahren kennt. Er schätzt an den Südthüringern, dass man fern der Landeshauptstadt Erfurt gewohnt sei, „alles selbst zu organisieren“.

Deshalb ärgert es beide, dass die Region durch Nazikonzerte und braune Inseln in Verruf geraten ist. Gegen die Brüllkonzerte auf einem Privatgelände in Themar regte sich nicht nur ziviler Widerstand. Auch Innenminister Georg Maier schritt konsequent ein, damit sich Südthüringen nicht zu einem Mekka der Rechtsrocker entwickelt. Der alte NPD-Kader Tommy Frenck betreibt im benachbarten Kloster Veßra eine Kneipe mit Versandhandel.

Der „angeborene“ Konservatismus der Südthüringer hat sie allerdings nicht folgerichtig in die Arme der konservativsten oder reaktionären Parteien geführt. Suhl war lange eine Hochburg der PDS und der Linken, und das Bundestagsdirektmandat holten hier seit 1998 dreimal die SPD-Frau Iris Gleicke und 2009 der Linke Jens Petermann. Erst danach schien der Wahlkreis 196 ein Erbhof des jungen CDU-Kandidaten Mark Hauptmann zu werden, wenn auch mit sinkender Tendenz. 2017 holte er nur noch ein Drittel der Erststimmen. Bis dann im März dieses Jahres seine Verwicklungen in die sogenannte Aserbaidschan-Connection und in Maskenaffären bekannt wurden. Für die CDU war er fortan untragbar, die Unionskandidatur im Wahlkreis vakant. Die ohnehin seit der empfindlichen Niederlage zur Landtagswahl 2019 angeschlagene Union suchte ein Zugpferd.

Als Strippenzieher in dieser Situation gilt der CDU-Landtagsabgeordnete Michael Heym aus Meiningen. Schon unmittelbar nach der Landtagswahl vom Oktober 2019 hatte er eine Zusammenarbeit mit der AfD ins Spiel gebracht. Im November forderten dann weitere 17 CDU-Funktionsträger „ergebnisoffene Gespräche“, darunter viele Sympathisanten der in Südthüringen relativ starken Werte-Union. Der medienscheue Heym gilt in Kreisen der rot-rot-grünen Minderheitsregierung geradezu als Sozialistenhasser. Wohl auch deshalb will er als einer von vier CDU-Abgeordneten am 19. Juli einer Selbstauflösung des Thüringer Landtages seine Stimme verweigern, womit die erforderliche Zweidrittelmehrheit in Gefahr gerät. Diese Auflösung ist Voraussetzung für die seit einem Jahr avisierten Neuwahlen, um stabilere Regierungsverhältnisse anzustreben. Sie sollen parallel zur Bundestagswahl am 27. September stattfinden. Hinter der Verweigerung der vier steckt allerdings auch eine Spaltung der CDU-Fraktion. Heym gilt als loyal gegenüber dem abgesetzten früheren Spitzenkandidaten Mike Mohring.

Vor Maaßen wurde nach Informationen des Freitag der Wahlkreis dem unterlegenen Bewerber um den CDU-Vorsitz Friedrich Merz angeboten. Der aber lehnte ab. Am 30. April wurde Maaßen auf Vorschlag der Kreisverbände Schmalkalden-Meiningen und Hildburghausen mit deutlicher Mehrheit zum CDU-Kandidaten nominiert. Eine Verzweiflungstat der völlig in die Defensive geratenen Union? Ein Kreisgeschäftsführer aus dem benachbarten Sachsen-Anhalt macht für die Entwicklung auch ein Versagen des CDU-Chefs Armin Laschet verantwortlich. „Nach der Affäre Hauptmann hätte er sofort hinfahren und sich kümmern müssen“, meint er. Denn die CDU hat sich nach Umfragen dieses Jahres nicht vom historischen Tief 2019 erholt, liegt weiterhin nur wenig über 20 Prozent, knapp hinter der AfD. Auf ihre frühere Dominanz kann also auch Hans-Georg Maaßen in Südthüringen nicht mehr setzen.

Fischt Maaßen AfD-Stimmen?

Zur Landtagswahl vor knapp zwei Jahren verfehlte Frank Ullrich das Direktmandat im Wahlkreis Schmalkalden-Meiningen II gegen den AfD-Kandidaten René Aust um 0,8 Prozent. „Nur die Silbermedaille“, nimmt Ullrich den politischen Wettbewerb sportlich. Niederlagen gehören dazu, was an seiner Bereitschaft nichts ändert, zu helfen und einzugreifen, wenn er gebeten wird. „Ich bin ein Mensch, der schlecht Nein sagen kann!“

„Manchmal schon fast apolitisch“ nennt ihn Linken-Konkurrent Sandro Witt, der Ullrich erklärtermaßen aber „sehr mag“. Seine Heimatgemeinde Trusetal mit dem berühmten Wasserfall hat ihn zum Ehrenbürger ernannt. Erst im Februar dieses Jahres ist Ullrich auch formal der SPD beigetreten. Wenn man so will, eine Spätwirkung der Erzählungen seines Sozi-Großvaters. Die Partei sieht er gar nicht links, sondern in der Mitte und in einer Konsolidierungsphase. Sonst sind ihm „Parteizugehörigkeiten eigentlich egal, wenn es um Hilfe geht“, die AfD ausgenommen, aber nun möchte er ambitioniert seiner SPD doch zur Selbstfindung verhelfen.

Und dann sieht eine Forsa-Umfrage vom 7. Juni Ullrich auch noch als Wahlkreis-Favoriten vorn! Demnach kann sich Maaßen nur auf 45 Prozent der CDU-Anhängerinnen und -Anhänger verlassen und liegt insgesamt bei einem Viertel der Stimmen. Geht es um Kriterien wie Vertrauenswürdigkeit, Kompetenz und Regionalvertretung, ist Ullrich deutlich vorn. Sandro Witt überrascht das Ergebnis nicht. Er erinnert an eine Studie des Jenaer Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft IDZ vor der Landtagswahl 2019. Ein Zusammengehen mit der AfD lehnten damals schon 80 Prozent der CDU-Anhänger ab.

Hans-Georg Maaßen aber hat nicht nur 2019 in Radebeul im sächsischen Wahl-kampf eine Wahlveranstaltung hingelegt, die von AfD-Personen und deren Gedankengut dominiert wurde. Sowohl Sandro Witt als auch Frank Ullrich sind überzeugt, dass er jetzt auch im Bundestagswahl-kampf auf Südthüringer AfD-Stimmen setzt. Deren Kandidat, der 70-jährige Jürgen Treutler, sei nur ein Strohmann.

Maaßen, der erklärtermaßen in Thüringen eine Wohnung nehmen will, versucht nach Beobachtung seiner Kontrahenten inzwischen, sich mit dem unbekannten Terrain vertraut zu machen. Sogar nach rechts soll er Abgrenzung pflegen. Beim „Neuen Schmalkaldischen Bund“, wo unter anderem Kabarettist Uwe Steimle als Honecker-Parodist auftritt, wurde er jedenfalls nicht gesehen. Der Bund ist eine skurrile Querdenker-Gruppe mit Straßenpräsenz, die offenbar nicht weiß, wie der originale protestantische Bund im Schmalkaldischen Krieg 1547 unterging.

Laut Forsa-Analyse hätte Maaßen erst recht keine Chance, wenn sich ein Parteienbündnis gegen ihn etwa auf den Kandidaten Ullrich einigen würde. Das aber will in auffälliger Übereinstimmung niemand. „Sinnlos“ gar nennt Frank Ullrich eine solche Verhinderungsallianz. Die Bündnisgrünen bekräftigen am 9. Juni noch einmal, an ihrer Kandidatin und ehemaligen Landessprecherin Stephanie Erben festzuhalten.

Sandro Witt klingt so zuversichtlich, als habe man ein solches Bündnis gar nicht nötig. „Maaßen gewinnt nicht“, ist er überzeugt. „Einer von uns beiden wird es“, legt er mit Blick auf Frank Ullrich nach.

Michael Bartsch ist gebürtiger Südthüringer und Beutesachse und besuchte für diese Reportage manch Schauplatz seiner Kindheit

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06:00 05.07.2021

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