Der Frühling, an dem mir meine abgetrennten Glieder wieder wuchsen

Prag und Berlin 1968 Fragmente über eine entrückte Zeit

Nachdem am 4. Januar 1968 die Führung der tschechoslowakischen KP an den Reformer Alexander Dubcek übergegangen war, begann eine Reform­periode, die die gesamte Gesellschaft erfasste. Nicht nur hob Dubcek die Zensur auf, er drang auch auf die Demokratisierung der Wirtschaft und des Rechts. Doch die als "Prager Frühling" in die Annalen eingegangene Ära war nur von kurzer Dauer. Die Sowjetunion mobilisierte die Bündnistruppen des Warschauer Pakts und marschierte am 21. August 1968 in Prag ein.

Um halb sechs Uhr in der Frühe des 21. August 1968 donnerte jemand gegen meine Tür im Studentendorf Berlin-Schlachtensee: "Die Russen sind in die Tschechoslowakei einmarschiert!" Wer der Überbringer der bösen Botschaft war, weiß ich nicht mehr. Die dramatischen Berichte aus Prag sprachen sich schnell herum, sie schienen fast jeden aufzuwühlen. Als ob sich die sorglosen Studenten dieser deutschen Nachkriegsgeneration für einen Moment lang bewusst geworden wären, dass die von einer hohen Mauer und Wachtürmen eingefriedete Exklave mit dem Namen Westberlin eben doch nicht in irgendeinem Flower-Power-Land fern am westlichen Rande des Kontinents, sondern genau an der Schnittstelle des Kalten Krieges lag.

Ich schaltete das Radio ein und fand meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Ich begann zu weinen, zum ersten Mal in meinem Leben wegen eines politischen Ereignisses. Plötzlich war ich wie die übrigen Tschechoslowaken. Ich, der das Land verlassen hatte, weil ich keiner mehr sein wollte.

Wieso war ich so erschüttert? Im Sommer 1968 lebte ich schon drei Jahre im westlichen Deutschland, zunächst vier Semester in Tübingen, ab 1967 in Westberlin. Da ich von einem staatlich genehmigten Verwandtenbesuch in Süddeutschland nicht zurückgekehrt war, wurde ich in der Tschechoslowakei zu einem Jahr Gefängnis "in Abwesenheit" verurteilt, "wegen unerlaubten Verlassens der Republik". Das Land meiner Herkunft hatte ich "für immer", wie ich mir einredete, hinter mir zu lassen, auch in meinem Kopf, damit sich das Heimweh in Grenzen hielte. Eine Art Selbstamputation, Vergessen und Verdrängen als Mittel des psychischen Selbstschutzes.

In der neuen Umgebung fand ich mich recht schnell zurecht. Ich freute mich auf die "Freiheit des Wortes" und in einem Land zu leben, in dem mir der Staat keine Vorschriften darüber machte, welche Zeitung oder welches Buch ich mir kaufen oder in einer Bibliothek leihen durfte. Mit besonderer Freude genoss ich, dass ich die Regierung kritisieren, ja sogar gegen sie demonstrieren konnte, ohne dass ich Angst haben musste, dafür ins Gefängnis zu wandern.

Dennoch, ich war nicht aus einer finsteren Diktatur in den "Westen" gekommen, zumindest nicht aus einem erstarrten Land. Ich hatte es in einem Moment verlassen, als das Bröckeln der Diktatur an vielen Stellen zu spüren war, vieles in Bewegung zu geraten schien und Hoffnung auf bessere Zeiten aufkam. Die Luft roch nach mehr als nur nach "Tauwetter", wie man Perioden nannte, in denen die Partei die Zügel ein wenig löste, um sie bald wieder anzuziehen.

Ich erinnere mich an meine letzten Wochen in Prag 1965, als aufmüpfige Studenten, statt auf der obligatorischen 1. Mai-Demonstration vor den höchsten Repräsentanten des siechen Novotný-Regimes zu defilieren, am Laurenziberg das verbotene Studenten-Maifest "Majáles" zu neuem Leben erweckten, trotz Polizeieinsatz lautstark Meinungsfreiheit forderten und den in der Stadt weilenden amerikanischen Beatnik-Dichter Allen Ginsberg zum Král Majales - zum Maikönig - wählten, was ihm prompt die Ausweisung einbrachte.

Zwar gab es keine Pressefreiheit, doch spielten an ihrer Statt literarische Werke einen wichtigen Ersatz für die nicht stattfindenden gesellschaftlichen Debatten. Spätestens nach Milan Kunderas Roman Der Scherz (1965) konnten die Verfolgungen der frühen fünfziger Jahre nicht mehr ganz tabuisiert werden, nach Josef Škvoreckýs Roman Die Feiglinge, der bereits 1958 erschien, war das Thema der tschechischen Kollaboration mit den Nazibesatzern nicht mehr zu verdrängen.

Sogar dem toten Franz Kafka fiel eine Rolle bei der ideologischen Aufweichung zu. Noch heute höre ich den lauten Ruf meines Freundes Mirejovský Šik: "Ich kann´s nicht glauben, die Ostdeutschen haben ein Kafka-Buch herausgegeben!" Ich kratzte meine letzten Kronen zusammen und beeilte mich, im nahe gelegenen DDR-Kulturzentrum in der Národní die Sensation in Augenschein zu nehmen. Endlich Kafka im deutschen Original lesen dürfen! Ich erstand es für 40 Kronen. Das Buch steht noch heute in meinem Bücherschrank.

"Kafka" war für uns ein Geheimcode, der das irrationale Funktionieren des despotischen Staatsapparats, unter dessen Kon­trolle wir zu leben hatten, aufzuschlüsseln versprach. Ähnelte Josef K. nicht ein wenig jenen, die Anfang der fünfziger Jahre in Schauprozessen für Taten angeklagt und hingerichtet wurden, die sie zwar nicht begangen, als treue Parteigenossen aber dennoch zugegeben hatten? Und jetzt eben doch ein Kafka aus der DDR, trotz der heftigen Angriffe des Ostberliner Politbüros gegen die Internationale Kafka-Konferenz, die zwei Jahre zuvor vom Prager Germanisten Eduard Goldstücker organisiert wurde. Widersprüche im System.

Die Zeiten des schlimmsten Staatsterrors der frühen fünfziger Jahre waren schon etwas entrückt, nur die Wunden lagen noch offen - als unaufgearbeitete Vergangenheit und in Gestalt eines Regimes, das ganz in der Kontinuität der Schlächter von damals stand, das aber sichtbar erodierte.

Es war die andere Welt, von der ich physisch getrennt war. Die Wirklichkeit des "real existierenden Sozialismus" - übrigens eine von der DDR während der Invasion 1968 geprägte Kampfparole, mit der allen Träumen von einem lebensfähigen und lebbaren Sozialismus der Garaus gemacht werden sollte - diese Wirklichkeit lag hinter mir.

Da ich in einer deutschsprachigen Familie aufgewachsen war und schon als Jugendlicher deutsche Bücher las, hatte ich keine Sprachprobleme. Durch diese Herkunft fühlte ich eine diffuse emotionale Nähe zu meinen westdeutschen Altersgenossen, die gerade dabei waren, offene Rechnungen mit ihren Nazi-Eltern zu begleichen. Dies wurde zwar nie offen ausgesprochen, spielte untergründig dennoch eine Rolle. Ich rutschte fast organisch in die Studentenbewegung hinein, in eine ganz andere Realität als die, aus der ich gekommen war. Westberlin sollte mein neues Zuhause werden.

Die Wiederannäherung an die Welt, die ich einige Jahre zuvor hinter mir gelassen hatte, ereignete sich plötzlich und unerwartet. Als im Februar die Zeitungs- und Buchzensoren der tschechoslowakischen Öffentlichkeit gemeinsam erklärten, dass sie ihre Tätigkeit, die sie Tag für Tag, Jahr für Jahr ausgeübt hatten, nicht mehr fortzusetzen gedachten und diese Mitteilung mit ausdrücklicher Billigung des neuen Parteichefs Alexander Dubcek verbreitet wurde, war auch mir klar, dass sich in Prag bedeutsame politische Vorgänge abspielten.

Von da an war ich wie elektrisiert. In kürzester Zeit schienen die durch das Exil abgetrennten Gliedmaßen wieder anzuwachsen, ganze Hirnpartien, die wie abgetötet brach gelegen hatten, regenerierten sich innerhalb von Tagen. Ich fühlte mich wieder als Angehöriger des Landes meiner Herkunft. Jeden Morgen fieberte ich den Nachrichten entgegen. Als ich Berichte von Großveranstaltungen sah, in denen so über Jahrzehnte hinweg unberührte Fragen offen diskutiert wurden - die Schauprozesse, die Einparteien-Diktatur, die Zensur und unabhängige Gerichte - hatte ich keinen Zweifel mehr, dass dem Land grundlegende Veränderungen bevorstanden. Könnte ich vielleicht bald wieder nach Prag fahren? Dieser Gedanke ließ mein Herz höher schlagen.

Kurz bevor Rudi Dutschke Opfer eines Mordanschlags geworden war, reiste er mit einigen anderen Aktivisten des SDS nach Prag. um mit den dortigen Studenten zu diskutieren. Ich selbst traute mich noch nicht mitzufahren, denn politische Fälle, zu denen auch meine "Republikflucht" gehörte, waren noch nicht amnestiert.

Vor seiner Fahrt hatte ich mit Dutschke ein kurzes Gespräch, in dem ich mit ihm die Situation in der Tschechoslowakei erörterte. Ich erwähnte, dass das marxistisch-marcusianisch durchsetzte Soziologendeutsch, das damals in Berlin unter den Studenten vorherrschte, in Prag auch vom besten Übersetzer nicht zu vermitteln sei. Weil auch ich von der Anziehungskraft dieses Fünf-Sterne-Charismatikers längst erfasst worden war, traute ich mich nicht, ihm zu sagen, dass seine Art zu sprechen in Prag als jene Phrase empfunden werden würde, von der man sich soeben zu befreien begann. Er als ehemaliger DDR-Bürger, dachte ich, würde das selbst am besten verstehen und den richtigen Ton finden.

Wir vereinbarten, uns nach seiner Rückkehr zu treffen, um die Ergebnisse der Reise auszuwerten. Dazu ist es wegen des Attentats nicht mehr gekommen. Wie ich später erfuhr, sprach Dutschke in Prag im selben Stil wie er es aus seinen Veranstaltungen in Deutschland gewöhnt war. Die Unterschiede waren auch inhaltlich. Während die meisten Prager Studenten die Vorstellungen Ota Šiks von einer "sozialistischen Marktwirtschaft" verteidigten und ein parlamentarisches Mehrparteien-System forderten, suchten die Berliner ihre Diskussionspartner von der Notwendigkeit einer Rätedemokratie zu überzeugen.

Einige Wochen später traf in Westberlin eine offizielle Delegation des "Akademischen Rates der Studenten" - der neuen, zum ersten Mal frei gewählten Vertretung der Studierenden der Prager Karls-Universität - ein. Die Tschechoslowaken konnten inzwischen noch viel freier als in den Jahren davor ins westliche Ausland reisen. Auch dies war eine der vielen Errungenschaften des Tschechoslowakischen Frühlings. Sie kamen, um mit den "verrückten" Berliner Radikalen zu diskutieren, den Besuch der "Kommune 2" inbegriffen. Mir fiel naturgemäß die Rolle des Übersetzers und Erklärers zu.

Die Prager fühlten sich in Westberlin wie Alice im Wunderland. Sie sahen auf der einen Seite den Wohlstand, von dem ein tschechischer Durchschnittsbürger nur träumen konnte, und versuchten gleichzeitig zu verstehen, warum die Studenten gegen diese erfolgreiche Gesellschaft Sturm liefen. Die Deutschen überschütteten ihre tschechischen Gesprächspartner mit marxistischen Lehrsätzen. Kein einziges Mal war der schlichte Hinweis zu hören, dass fast alle der deutschen Aktivisten Nazi-Familien entstammten oder solchen, die sich in der Nazi-Zeit verstrickt hatten und Mao, Lenin und andere Kommunisten daher geeignete Schreckgespenster waren, mit denen die Eltern erfolgreich provoziert werden konnten. Ein Jahr später, als Folge diverser Sektenbildungen, kam noch Stalin hinzu. Die Erkenntnis, dass es 1968 auch solche Zusammenhänge gab, kam erst Jahre später auf, etwa in sarkastischen Selbstreflexionen seitens der Veteranen der Studentenbewegung, die ich in privaten Gesprächen vernahm.

Während ihres Berlin-Aufenthaltes sah ich die Gäste aus Prag öfters den Kopf schütteln. Die Revolte ihrer deutschen Altersgenossen erschien ihnen wie das Aufbegehren verwöhnter Bürgerkinder, die sich das Thema Sozialismus gerade erst frisch aus Büchern angelesen hatten. Nun belehrten sie ihre tschechischen Gäste darüber, was in der Tschechoslowakei unter Dubcek gerade falsch gemacht würde.

Diese Diskrepanz war aus dem unterschiedlichen Ost-West-Hintergrund noch erklärbar. Dafür bleibt es für mich bis heute ein Rätsel, warum nicht zumindest diejenigen unter den Exponenten der Westberliner Studentenbewegung, die aus der DDR geflohen waren, etwas mehr Verständnis für ihre tschechischen Altersgenossen aufzubringen vermochten, obwohl sie doch aus ähnlichen Lebenserfahrungen schöpften.

Drei Monate nach der Okkupation, im Spätherbst 1968, besuchte ich endlich Prag. Meine "Republikflucht" war in der Zwischenzeit - noch vor dem Einmarsch - amnestiert worden, ich hatte die deutsche Staatsangehörigkeit und fühlte mich bis zu einem gewissen Grad dadurch geschützt. Damals kannte ich bereits Petr Uhl, der dann zwischen 1969 bis 1989 für seinen Kampf gegen die "Normalisierung", wie das Regime in bester Orwellscher Manier seine Unterdrückungspolitik nannte, über neun Jahre seines Lebens in politischer Haft verbringen sollte.

Verschiedenen Gedächtnisprotokollen und späteren Prozessakten ist zu entnehmen, dass ich in Prag an der Gründung der "Revolutionären Bewegung der Jugend" beteiligt war. Das stimmt. Ich suchte meine Rolle als Bote und Mittler zwischen dieser von Petr Uhl ini­tiierten und angeführten linken Studentengruppe und ähnlich denkenden Organisationen im Westen. Der Geist von Leo Trotzkij und Ernest Mandel, des sympathischen Rhetors und Demagogen aus Brüssel, schwebte über uns. Die Gruppe strebte jedoch nicht danach, den "Trotzkismus" oder ein anderes geschlossenes ideologisches System zu propagieren. Dafür war sie, was die Zusammensetzung anging, ohnehin zu heterogen. Es ging darum, gewaltlosen Widerstand gegen die Folgen der Okkupation zu organisieren, unter basisdemokratischen Vorzeichen, versteht sich.

Im Nachhinein denke ich, dass ich für die Rolle des Überbrückers und Kontaktmannes, also jenes politischen Aktivisten, die ich gerne gespielt hätte, ungeeignet war. Ich war ein Zauderer, der die Dinge von verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten suchte und in Frage stellte.

Anfang Dezember 1969 war ich zum letzten Mal in Prag. Ich beteiligte mich an Diskussionen der Gruppe, in einer Nacht auch an der Herstellung von Flugblättern. Sie wurden revolutionär-romantisch mit Hilfe von Matrizen, einer Nudelwalze, einem Waschbrett und ähnlichen Hilfsmitteln produziert. Gott sei Dank standen anderswo bessere Vervielfältigungsmaschinen zur Verfügung, mit denen noch viele Flugblätter gedruckt werden konnten. Wenn mich die Erinnerung nicht täuscht, bestand der Plan darin, eine große Flugblattaktion zum erste Jahrestag der Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach im Januar vorzubereiten.

Dazu sollte es nicht mehr kommen. Die Geheimpolizei war wieder voll funktionsfähig geworden und hatte, wie man später erfuhr, die Gruppe unter Kontrolle. Nach einigen Tagen reiste ich, wie geplant, nach Berlin zurück. Ein erneuter Besuch in Prag war für Weihnachten, zwei Wochen später, vorgesehen. Ich erinnere mich, dass ich mich in einer merkwürdigen opferbereiten Gemütsverfassung befand, in der ich sogar den Aufenthalt im Gefängnis auf mich genommen hätte. Kurz vor der Reise bekam ich durch einen Mittelsmann, der Martin hieß und damals wegen einer burmesischen Aktivistin häufig in Prag weilte, die Warnung, nicht mehr in die Stadt an der Moldau zu fahren, da einige Mitglieder der Gruppe bereits festgenommen worden waren, darunter auch Petr Uhl.

Später fragte ich mich manchmal, ob ich mich in der Haft bewährt hätte, wenn es anders gekommen wäre. Ob ich standgehalten und nicht "gesungen" hätte, wenn man mich unter Druck gesetzt hätte. So etwas weiß man erst, wenn man konkret vor so einer Situation steht. Obwohl ich selbstverständlich keine Sekunde bedauert habe, dass mir das Gefängnis erspart blieb, bin ich nicht sicher, ob ich die Zeit, die ich stattdessen in Freiheit verbrachte, wirklich immer so sinnvoll genutzt habe, wie man Freiheit zu nutzen hat, wenn man nicht im Gefängnis sitzen muss. In den ersten Jahren nach diesem letzten Aufenthalt in Prag, habe ich mich aktiv an internationalen Solidaritätsaktionen für die gefangenen Gruppenmitglieder beteiligt, womit ich in einem gewissen Sinne der verhinderten "Brückenfunktion" doch noch ein wenig gerecht wurde.

Das Land meiner Herkunft sah ich erst 20 Jahre und einen Monat später zum ersten Mal wieder.

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