Der Führer lebt. Und wie!

Untoter Der einstige „Spiegel“-Redakteur Rolf Rietzler hat das Hitler-Bild der Deutschen aus 70 Jahren zusammengetragen

Plötzlich sei allen etwas zu Hitler eingefallen, erinnerte sich einmal Hannah Arendt. Das war in den Jahren 1932/33. Sie lebte damals in Berlin und verkehrte intensiv in einem großen Kreis von Intellektuellen. Man wusste natürlich, was man von den Nationalsozialisten zu halten hatte. Eigentlich. Und plötzlich ...

Nach 1945 fiel den meisten Deutschen zu Hitler noch viel mehr ein. Was das war, was da in einigen Jahrzehnten zusammenkam, hat jetzt Rolf Rietzler zusammengestellt und temperamentvoll kommentiert. Rietzler war viele Jahre lang Redakteur beim Spiegel und das merkt man seinem Stil leider an. Was über die drei oder fünf Seiten einer Spiegel-Geschichte ganz erquickend zu lesen ist, wirkt über fünfhundert Seiten manchmal enervierend.

Die Deutschen lachten

Auf die Frage „Wie konnte das passieren?“ fiel den Deutschen 1945 zunächst nur eine Antwort ein: Hitler. Daran hat sich bis heute wenig geändert, auch wenn die Fragen, die sich an die Person knüpften, beträchtliche Wandlungen erlebten. War Hitler ein Dämon? Oder doch nur ein Hampelmann? Hat man ihn zum Sündenbock gemacht, wo doch in Wahrheit ganz andere Mächte den Untergang Deutschlands betrieben oder riskierten? Was bedeutete es, dass noch 40 Jahre nach Hitlers Tod und bei Kenntnis all der Verbrechen, die unvermeidlich mit seinem Namen verbunden sind, ein Hamburger Illustriertenverlag von internationalem Renommee ein Welt-geschäft mit angeblichen Hitler-Tagebüchern machen zu können glaubte und dabei auf eine jämmerliche Fälschung hereinfiel? Und was bedeutete es, dass sich viele Deutsche darüber kaputtlachten, als Helmut Dietl den Film Schtonk! daraus machte? Geschäfte sind wichtiger als Geschichte.

Das alles und einiges mehr arbeitet Rietzler ausführlich ab. Aber das ist erst der Anfang. Die nächste Etappe erreicht der Autor, wenn er Fragen thematisiert, die in Deutschland lange Zeit tatsächlich mit dem Anschein historischen Ernstes von namhaften Persönlichkeiten gestellt wurden: Wäre Hitler 1938 zu Tode gekommen, würde er dann – zwei Jahre nach den glanzvollen Olympischen Spielen und im Jahr des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich – heute zu den erfolgreichsten Staatsmännern gezählt werden, die Deutschland je hatte? Und: War es der militärische Scharlatan Hitler, der verhinderte, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewann – Dünkirchen, Russland, Stalingrad? Beide Fragen sind nur mit Nein zu beantworten. Aber wie viele Köpfe haben sie beschäftigt und beschäftigen sie noch. Mehr als eine neue Stufe erreicht Rietzler, wo er untersucht, was den Deutschen so aus der Feder floss, wenn sie sich mit dem „Dritten Reich“ und dem „Führer“ befassten – lange nachdem beide dahin waren. Es kam wohl aus dem Herzen.

Der einst berühmte Historiker Percy Ernst Schramm bezeichnete in einem Beitrag für den Spiegel die „Judenfeindschaft“ Hitlers als einen „Tick“ des Führers, typisches Kleinbürgertum. „Die Sprache ist immer auf Verrat aus“, zitiert Rietzler einen klugen Satz von Rudolf Augstein. Die Sprache einiger Spiegel -Geschichten machte da keine Ausnahme. Zu dem Eichmann-Prozess in Jerusalem fiel dem Nachrichtenmagazin ein, es seien „die bundesrepublikanischen Steuerzahler die eigentlich Leidtragenden“, es war von der „Regulierung der Judenfrage“ die Rede – beides ohne Gänsefüßchen. Rietzler kommentiert: „Verrät das eine die Gültigkeit vom Gesetz der modernen Wildnis, dass vor der Moral immer die Penunze kommt, erscheint der distanzlos gebrauchte Fachausdruck aus dem Amtsdeutsch zu NS-Zeiten hier als Freud’scher Versprecher, herausgerutscht aus dem Unterbewussten.“

Es fällt auf, dass es besonders prominente Autoren aus dem Hamburger Milieu sind, die vor- und nicht gut wegkommen: Henri Nannen, Claus Jacobi, die Gräfin Dönhoff. Aber das gilt für viele: Bundespräsidenten, Bundeskanzler. Allen fiel etwas ein. Wurde es verlangt? Was Rietzler die Chance gibt, tiefer zu graben, ist die Tatsache, dass viele von diesen Personen ein Leben vor 1945 hatten. So auch der schon zitierte Percy Ernst Schramm. Ihm war 1938 eingefallen, dass „das Genie Hitlers ... die Fähigkeiten Bismarcks und der Jungfrau von Orleans in sich vereinigte“.

Das liest sich heute lustig. Aber Schramm und die Historiker, die ihn verehrten, haben nach 1945 deutsche Geschichtslehrer ausgebildet und in angesehenen Zeitschriften publiziert. Wenig angesehen, aber umso weitreichender in der Verbreitung sind die Publikationen von zumeist Hobby-Historikern, die noch den lächerlichsten Details aus Hitlers Leben nachspüren. So weiß einer von ihnen, dass Hitler keinen Hund hatte, der „Prinz“ hieß. Die Hunde vor „Blondi“ hießen „Blonda“ und „Muck“. Rietzler fragt zu Recht, was das soll. Aber es hat wichtige Leute interessiert. So zum Beispiel den ehemaligen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Da vermutet der Autor allerdings, dass der „seinem persönlichen Führer in Führer-Angelegenheiten gefolgt sei“, was nicht stimmt.

Chef-Historiker Guido Knopp

So oft man den Urteilen dieses Buches zustimmen mag – etwa beim Wirken des Fernseh-Historikers Guido Knopp (muss man wirklich so oft prächtige Hitler-Aufmärsche in der Glotze haben?) – , so sehr drängen sich die Passagen dazwischen, in denen Rietzler ungerecht verfährt. Etwa bei Joachim Fest, der eben kein professioneller Historiker war. Spätestens jetzt wird dem Leser klar, was auch schon der allzu flotte Stil vermuten ließ. Das Buch hat alle Ingredienzien zu einem wissenschaftlichen Werk, ist aber keins.

Tatsächlich hat Rietzler hier seine Autobiografie als Leser geschrieben. Das Buch endet auch mit einigen strikt autobiografischen Seiten. Als von Anfang an aufs Autobiografische angelegte Buch wäre die Fülle des Stoffs nicht zu vermitteln gewesen. Der von manchen vielleicht als Nachteil empfundene Aspekt des Unternehmens ist darin zu erkennen, dass das Buch sehr Hamburg-lastig geworden ist, obwohl darin auch mehr, als man lesen mag, von dem Unfug aufgeschrieben worden ist, der sich in 70 Jahren überall in Deutschland in sich verändernden Schüben breitgemacht hat.

Über eine politische Pädagogik zum Thema Hitler (und ob es sie überhaupt geben kann) wäre nachzudenken. Als Zwitter wird es Rietzlers Buch schwer haben. Den Historikern ist es zu flott geschrieben, dem Publizisten fehlt das Wissen, um sich an den Stoff zu wagen. Das Spiegel-Cover ist natürlich sehr gut.

Info

Mensch, Adolf. Das Hitler-Bild der Deutschen seit 1945 Rolf Rietzler C. Bertelsmann 2016, 544 S., 24,99 €

06:00 27.04.2016
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