Der gallische Trump

Frankreich Ex-Präsident Nicolas Sarkozy hat den Populismus für sich entdeckt
Rudolf Walther | Ausgabe 40/2016 4
Der gallische Trump
Sarkozy-Unterstützer nehmen Anleihen beim US-Wahlkampf

Foto: Denis Charlet/AFP/Getty Images

Auch die schärfsten Kritiker von Nicolas Sarkozy müssen eines zugeben: Niemand sonst versteht sich derart darauf, Kampagnen zu betreiben, in deren Mittelpunkt er und nur er steht. Dies betrifft das Timing ebenso wie die Inszenierungen, die Sarkozy und sein Team professionell organisieren und mit landesüblichen Zutaten versehen: Gegner wie innerparteiliche Konkurrenten herabsetzen, sie attackieren, notfalls beleidigen. Vor allem kennt Sarkozy keinerlei Scheu, sich selbst zu widersprechen. Reden von gestern sind ihm egal, die von vorgestern hat er längst vergessen.

Das alles bekommt Alain Juppé, stärkster Rivale im Kampf um die konservative Präsidentschaftskandidatur, nun täglich zu spüren. Seit 2013 dekoriert Juppé sein Programm mit dem obersten Ziel, für eine „glückliche Identität Frankreichs“ zu sorgen. Er wollte damit ausdrücklich keine vorhandenen Zustände beschreiben, sondern prägte den Slogan zur Abgrenzung von rechten Niedergangspropheten wie Alain Finkielkraut. Der hatte 2013 ein schwarz in schwarz gemaltes Pamphlet unter dem Titel Die unglückliche Identität herausgebracht. Der Philosoph trauert darin der „homogenen Nation“ nach, die durch Einwanderer, Muslime, die „medial-juristische Maschine“ und fehlende Bildung zerstört worden sei. Zu ähnlich düsteren Auguren zählen der in Frankreich populäre Schriftsteller Michel Houellebecq und der rechtsradikale Figaro-Kolumnist Eric Zemmour. Allen diesen Autoren à la mode wollte Juppé mit dem Wort von der „glücklichen Identität“ eine Alternative entgegensetzen – die Hoffnung auf eine bessere Zukunft des Landes. Sarkozy verstand das Wort absichtlich als Zustandsbeschreibung und kanzelte Juppé deshalb als „naiven Schönredner“ der gerade alles andere als glücklichen Zustände in Frankreich ab. So oft Juppé auch auf dieses Missverstehen hinwies, so beharrlich wiederholte Sarkozy seine Verballhornung.

Gebot zur Assimilation

Im Stil von Donald Trump zieht Sarkozy auch über die ökologische Bewegung her und bestreitet über Nacht, was er gestern noch vertreten hat. Am 22. September 2009 erklärte er vor der UN-Vollversammlung: „Wir wissen, dass wir die Erderwärmung begrenzen müssen auf zwei Grad Celsius, sonst droht die Katastrophe. Darüber braucht man nicht zu debattieren.“ Am 14. September 2016 verkündete er vor Unternehmern: „Man müsste überheblich sein wie der Mensch, um zu behaupten, dass wir es wären, die das Klima geändert haben. Das Klima ändert sich seit vier Milliarden Jahren. Die Sahara ist nicht wegen der Industrie zur Wüste geworden.“ Bei seiner agitatorischen Suada verriet er zudem die Stoßrichtung seiner Ignoranz gegenüber wissenschaftlich erhärteten Fakten: „Die wichtigste Ursache für die Verschlechterung der Umwelt ist die Zahl der Erdbewohner.“

Wie alle Rechtspopulisten vom Schlag Donald Trumps, Viktor Orbáns oder Marine Le Pens macht neuerdings auch Sarkozy die Einwanderung und demografische Trends für alle sozialen, ökologischen und politischen Probleme verantwortlich. Wie Marine Le Pen vom Front National (FN) spricht er von der „Überflutung des Landes mit Flüchtlingen“ und plädiert für rigorose Zurückschaffung: „Wir haben keine Arbeitsplätze, keine Wohnungen, kein Geld mehr.“ 2015 nahm Frankreich ganze 26.015 Flüchtlinge auf. Dennoch sagt Sarkozy bei öffentlichen Auftritten das politische Alphabet des FN auf, das nur Wörter kennt, die mit I beginnen: Immigration, Insécurité (Unsicherheit), Islam. Wie Le Pen möchte er „Gefährder“ wie verurteilte Terroristen behandelt wissen – in Präventivhaft nehmen und in Umerziehungslager zur „Entradikalisierung“ stecken. An Menschen, die weniger als fünf Jahre im Land leben, soll keine Sozialhilfe mehr bezahlt werden. Wer ausländischer Herkunft ist, soll nicht integriert, sondern „assimiliert“ werden.

Zur Begründung bediente sich Sarkozy in einer Rede vor jungen Anhängern Mitte September in Franconville bei Paris eines aparten Arguments, das nur noch unter völlig vernagelten Völkischen und Identitären ernst genommen wird: „Was auch immer die Nationalität eurer Eltern sein möge – junge Franzosen, in dem Moment, in dem ihr Franzosen werdet, sind eure Vorfahren die Gallier und Vercingetorix.“ Im Falle Sarkozys, dessen Vater aus Ungarn stammt, müsste sich der Sohn also zu den Hunnen bekennen. Die legendären „Gallier“, ein buntes Konglomerat von schriftlosen Stämmen, die unter anderem im Gebiet des heutigen Frankreich siedelten, wurden zwischen 58 und 51 v. Chr. von Gaius Iulius Caesar unterworfen, der mindestens was die Sprache angeht, mehr zu Frankreichs „Identität“ beigetragen hat als alle Gallier zusammen. Sarkozys Identitätsgerede ist nichts weiter als eine weichgespülte Variante eines völkischen, rassistischen Irrationalismus.

Noch vier Prozent

Folgt man den Meinungsumfragen, ist Sarkozy mit seiner Kampagne gegen die vier aussichtsreichsten Mitbewerber um die konservative Präsidentschaftskandidatur – neben Juppé sind das François Fillon, Bruno Le Maire und Jean-François Copé – durchaus erfolgreich. Im März 2016 trennten ihn noch 16 Prozent vom führenden Juppé, ein halbes Jahr später sind es noch vier. Allerdings, gewinnt Sarkozy nicht schon in der ersten Runde der Vorwahlen am 20.November, schwinden seine Chancen, 2017 nochmals als Präsidentenbewerber antreten zu können. Denn im zweiten Wahlgang am 27. November werden die unterlegenen Kandidaten – mutmaßlich sind das Fillon und Le Maire – ihren Wählern empfehlen, für Juppé zu stimmen, der dann mit einer sicheren Mehrheit rechnen kann.

Aber nicht nur wegen dieser Konstellation wird es für Sarkozy schwierig. Sein ehemaliger, von ganz rechts kommender Kommunikationsberater Patrick Buisson legte am 28. September ein Buch vor, um mit Sarkozy scharf abzurechnen und diesen zu beschuldigen, eine Intrige organisiert zu haben, um den damaligen Premier de Villepin bei Präsident Jacques Chirac zu diskreditieren. Von dem wiederum soll Sarkozy gesagt haben, er habe „nie einen korrupteren Typen gekannt“. Und die Medienplattform Mediapart hat enthüllt, wie der einstige libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi Sarkozys Wahlkampf 2007 mit 6,5 Millionen Euro sponserte. Sarkozys Reaktion: „Übertreibung, Gemeinheit, Verleumdung, sogar Verrat!“

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06:00 11.10.2016

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