Der Garten des Wissens

Theatrum Naturae et Artis 300 Jahre Sommergarten in St. Petersburg

Peter der Große - der Handwerker-Zar. Wenn jemand in seinem Hofstaat über Zahnschmerzen klagte, der Zar war zur Stelle, schwang die Zange und zog den Zahn. Wenn es galt, sich einzurichten, drechselte der Zar die Möbel selbst. Als es darum ging, einen Sommergarten anzulegen, griff Peter I. im Spätsommer 1704 zu einem Spaten und pflanzte eigenhändig die ersten Tannen und Eichen am linken Ufer der Newa gegenüber der Peter-und-Paul-Festung - nach Plänen, die er selbst gezeichnet hatte.

Einheit von Natur, Kunst und Technik

Genauso wie Peter der Große mit seiner aus dem Boden gestampften Stadt St. Petersburg, in der er europäische Baukunst zitiert, alle anderen Städte überstrahlen wollte, sollte sein Sommergarten alles, sogar den Garten von Versailles übertreffen. Dabei sollte die Anlage nicht nur die Funktion eines Erholungsortes erfüllen, sondern auch aufklärerischen Zielen gerecht werden und Russland an Westeuropa anschließen. Nach dem Entwurf des Zaren mussten so beispielsweise alle Grundformen der Geometrie in dem Garten vertreten sein. Der Sommergarten sollte die erste Garten-Schau in Russland werden, die mit geregelten Zuschnitten und der Installation von Fontänen europäischem Stil entsprach. Der auf diese Weise formulierte Wissenskanon verschränkte Natur, Kunst und Technik, allerdings durchbrochen von Spielereien, die in diesem Lehrgarten für Abwechslung sorgten. Sobald man in den Pavillons zum Beispiel bestimmte Stellen betrat, lösten sich Figuren von der Decke und gingen auf den Besucher nieder. Andere Steine senkten sich ab und tauchten den verdutzten Spaziergänger in eine Pfütze.

Der Sommergarten entstand auf dem ehemaligen Besitz eines schwedischen Majors in der Mitte der Stadt, die eben erst im Entstehen war. Dem Vorbild der Niederlande folgend, baute der Zar am Newa-Ufer in einer Ecke des Gartens einen Palast - ganz bescheiden im Stil eines holländischen Landhauses. Vom Haupteingang an der Newa-Seite aus führten drei Säulengänge tief in den Garten hinein, die Hauptallee bis zum Karpfenteich. Besonders an Feiertagen, wenn sich die Tafeln mit kulinarischen Köstlichkeiten bogen, spazierten Gäste durch diese ersten Kolonnaden Russlands. Etliche gerade, zum Teil sehr schmale Alleen waren mit formschönen Spalieren bepflanzt, die auf kleinen, von buschig-grünen Nischen gesäumten und mit Statuen geschmückten Plätzen mündeten und in deren Mitte sich eine Fontäne oder ein Blumenbeet erhob. Kaskaden, Volieren oder Menagerien zogen den flanierenden Blick der Gartenbesucher an. Eine Orangerie mit exotischen Früchten, ein Vogelhaus und ein Tiergarten, in dem sich Zebras, Löwen und Affen tummelten, dienten zur weiteren Verwunderung der Besucher.

Für die Fontänen-Anlagen wurde über dem Fluss, der den Park von der linken Seite umschloss, ein Turm errichtet, der die damals modernsten hydraulischen Pumpen überdachte, die die Wasserattraktionen mit dem notwendigen Druck versorgten. Erstmals in der Geschichte der Hydraulik haben die Petersburger Installateure 1718 eine Dampfpumpe verwendet; sie war aus England geliefert worden. Bis 1725, als die Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg eröffnet wurde, waren 20 Fontänen in verschiedenen Konstruktionen entstanden. Namentlich wurden die Wasserstrahlen auf den Fluss, der die Fontänen mit Wasser speiste, ausgedehnt: Fontanka.

Wunderort des Schauens und Lernens

Neben den Fontänen bildete Peters Grotte, die in einem extra konstruierten Haus installiert war, einen weiteren Publikumsmagnet. Die drei Säle der Grotte waren mit Tuffstein, Spiegeln, Gläsern und Muscheln verkleidet, eine Wasserorgel zwitscherte in Vogelmanier. Im Grotten-Inneren umringten Statuen und Marmorskulpturen die drei Fontänen. In einer Kartusche über dem Eingang der Höhlen-Szenerie thronte das Monogramm Peters des Großen, eingebettet in Basreliefs von Alexander dem Großen und der Amazonenkönigin Penthesilea.

Der Sommergarten wurde - neben der von Peter I. als erstes Museum Russlands gegründeten Kunstkammer - zu einem Ort der Wunder, an dem sich die Nation Wissen aneignen sollte. "Ich will, dass die Menschen schauen und lernen", so Peters Sinnspruch, den er bei vielen Gelegenheiten über die Lippen ließ. Dabei kam es dem Zaren auf eine bestimmte Art des Schauens und eine bestimmte Form des Lernens an: "Wunder" sollten das Volk anziehen und über das Staunen zu neuen geistigen Ufern führen. Staunen machten im Sommergarten der französische "Riese" Bourgeois mit 2,27 Metern und seine nicht minder hochgewachsene Frau, eine Finnin. Peter hatte Bourgeois im nordfranzösischen Calais gekauft und mit der großen Frau aus dem Nachbarland über dem Meer verkuppelt - vielleicht in der experimentellen Absicht, einige besonders große Soldaten für seine Armee zu zeugen. Die beiden Riesen bildeten ein Pendant zu den "lebendigen Monstren", die in der Kunstkammer ihr Dasein fristen mussten.

Die Nähe des Sommergartens zur Kunstkammer und zur Akademie der Wissenschaften hat Gottfried Wilhelm Leibniz bereits in seiner "Denkschrift über die Verbesserung der Künste und Wissenschaften im Russischen Reich für Zar Peter I." konzeptuell dargelegt: "Das Theatrum Naturae et Artis begreift in sich etwas grösseres; und zwar zum naturae gehören ganze Grotten, darin allerhand Sorten der Mineralien und Muschelwerke zu sehen, Garten, darin ungemeine Sorten von Bäumen, Stauden, Wurzeln, Kräuter, Blumen und Früchte zu finden und endlich Thiergarten und vivaria, darin lebende vierfüssige Thiere, Vögel und Fische zu sehen, samt einem theatro Anatomico, darin der Thiere Sceleta zu zeigen." Mehrmals schon hatte Leibniz sein Bildnis der Universalharmonie der Welt bei westeuropäischen Herrschern vorgestellt, aber keiner von ihnen hatte es umgesetzt. Dem russischen Zaren indes konnte Leibniz die Notwendigkeit eines solchen Wissenstheaters, das auch ein Observatorium beherbergen sollte, nahe bringen.

Armors Orgiasmen

Leibniz´ Vorschlag folgend, wurde beispielsweise der Gottorfer Riesenglobus im Garten aufgestellt, der heute in der Kunstkammer zu bewundern ist. Mit seinen 3,11 Metern Durchmesser galt er als weitere Attraktion des Sommergartens. Von außen bildete der Globus die Weltkugel nach, in seinem Inneren barg er ein Planetarium. Der besondere Reiz bestand in der Begehbarkeit der Riesenkugel, man konnte in sie hineinsteigen, Platz nehmen und die Sterne um sich kreisen sehen, ohne dabei selbst bewegt zu werden.

Die Assimilation der neuen Formen und Werte vollzog sich peu à peu. Regelmäßig wurde der Sommergarten für Veranstaltungen genutzt und damit zu einem vertrauten Ort. Auf einer der Alleen standen Drehbänke, an denen die Besucher, in Anwesenheit eines Hofmechanikers, ihre Kunstfertigkeit testen konnten. Der Ausbildung des aufgeklärten Kunstgeschmacks sollte die "Lektüre" der Statuen dienen. Diese erstaunten nicht nur durch eine nie zuvor gesehene Kunstfertigkeit - die russische Kirche verbot die Herstellung von Plastiken -, sondern vor allem durch die Fülle nackter Körper. Musen, plastische Gruppen des Satyrs, orgiastische Darstellungen von Amor und Psyche sowie Büsten historischer Persönlichkeiten waren hier in Stein gebannt.

Der Aufbau des Gartens als Wissensbaum spaltet sich in vier Äste: natural, scientifical, artifical und technical. Die permanente Oszillation an den Berührungspunkten dieser Bereiche, das erzieherische Prinzip, das den Freizeitsitz des Zaren mit der Akademie der Wissenschaften und der Kunstkammer verband, und die Aufgabe, die der Garten als öffentliche Einrichtung verfolgte - all dies lässt den Sommergarten als die "Ordnung der Dinge" unter freiem Himmel erscheinen.

Im Laufe der Zeit hat der Petersburger Sommergarten seine Form verändert. Unter Katharina II. verlor er sein barockes Äußeres. Peters Grotte wurde durch zahlreiche Überschwemmungen, unter denen die Stadt aufgrund ihrer Sumpflage und der Nähe zum Meer oft litt, stark beschädigt und irgendwann aufgegeben. Das Café, das die sowjetische Stadtregierung an ihrer Stelle errichten ließ, verbindet mit seinem Souvenir-Angebot das Russland von 2004 mit der Zeit des Stadtgründers: Bildchen, Anstecknadeln und Kühlschrank-Magneten sind sowohl von Peter dem Großen als auch von Wladimir Putin zu haben. Der Sommerpalast aber hat keine großen Veränderungen hinnehmen müssen. Das Häuschen war während der Blockade im Zweiten Weltkrieg von Flaks geschützt und so vor der Zerstörung bewahrt worden. In Reminiszenz an die Zeit seiner Gründung zu Beginn des 18. Jahrhunderts lädt der Sommergarten mit seinen antiken Statuen, die von Peters Italien-Einkauf übriggeblieben sind, im 300. Jubiläumsjahr zum Lustwandeln ein.


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00:00 24.09.2004

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