Der Garten Eden

Nachhaltigkeit Der amerikanische Ökologe Gus Speth fordert einen globalen ökologischen Strategiewechsel

Gus Speth, der große alte Mann der amerikanischen Umweltbewegung, hat ein warnendes, ein aufrüttelndes Buch geschrieben. Ganz so alt ist er eigentlich noch nicht, doch alt genug, um wieder zornig werden zu können. Zornig über die ökologischen Ignoranten, zornig über die Versäumnisse beim Schutz der globalen Ökologie, zornig über die Unfähigkeit der internationalen Staatengemeinschaft, Rückgang und Zerstörung der Ökosysteme aufzuhalten - zornig aber auch und vor allem über die Vereinigten Staaten von Amerika, die großen Anteil an den stürmischen Zeiten haben, die auf uns zukommen.

Über globale Umweltpolitik ist in den vergangenen Jahren viel geschrieben worden, aber selten, schon gar nicht hierzulande, in der Qualität, die Gus Speth bietet. Sein Buch dokumentiert besten, umfassenden Sachverstand, scharfe polit-ökonomische Analyse und ein beispielhaftes persönliches Engagement - ja "compassion", um ein nicht übersetzbares Wort zu gebrauchen. Speth´s zentrale These ist leicht zu fassen: Alle internationalen Verhandlungen, Verträge und Vereinbarungen der letzten zwölf Jahre - der "Zeit nach Rio" - haben uns nicht vorangebracht. Die Statistiken über den Zustand der globalen Ökologie würden immer schlechter, nicht besser. Alle relevanten Trends seien weiterhin destruktiv und die etablierten Governance-Strukturen völlig unzureichend. Deshalb plädiert Speth für einen Strategiewechsel, der den Übergang zu einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Entwicklung erst möglich mache. Dabei solle die Zivilgesellschaft das Ruder übernehmen.

Diesem neuen Entwurf widmet Speth vier Abschnitte. Zunächst führt er den Nachweis, dass die ökologischen Herausforderungen zunehmend als globale verstanden werden müssen. Er beschreibt eine "Welt voller Wunden", den endgültigen Verlust des "Garten Eden", die Umweltverschmutzung und die Ressourcenverschwendung in einer immer dichter bevölkerten Welt. Im zweiten Teil widmet er sich dann den bisherigen Versuchen, Antworten auf die ökologischen Herausforderungen zu finden, von den ersten viel versprechenden Initiativen der siebziger Jahre bis zu den internationalen Verträgen der neunziger Jahre, die aber alle - mit Ausnahme des Vertrages über den Schutz der stratosphärischen Ozonschicht ("Montrealer Protokoll") - keinen durchschlagenden Erfolg gehabt hätten.

Speth nennt diesen Teil seiner Studie "Anatomie eines Versagens". Da ein Strategiewechsel ohne sorgfältige Analyse der gemachten Fehler und der zugrunde liegenden Triebkräfte nicht gelingen kann, geht es anschließend um die Auswirkungen der zunehmenden Globalisierung der Wirtschaft auf die Ökosphäre.

Wie wäre nun eine Umkehr möglich? Speth zeichnet einen "achtfachen Weg" zur Nachhaltigkeit: Übergang zu einer stabilen, wieder kleiner werdenden Weltbevölkerung; Beseitigung der Massenarmut; Entwicklung umweltschonender Technologien; Preise, die die ökologische Wahrheit sagen; nachhaltiger Konsum; ökologisches Wissen und Lernen; "good governance"; aktive Zivilgesellschaft. Dieser vierte Abschnitt, der Hauptteil der Studie, ist voller interessanter und provokanter Ideen und Vorschläge. Leider fehlt in der deutschen Fassung der fünfte Teil des Originals - eine Dokumentation von Bürgerinitiativen in den USA. Wer diese Passagen in der englischen Fassung liest, kommt zu dem Schluss, dass sich die Bush-Administration angesichts höchst vielfältiger Aktivitäten vor Ort ökologische Ignoranz gegenüber nationalen und globalen Umweltproblemen eigentlich nicht mehr lange wird leisten können.

So wird denn die Botschaft dieses faszinierenden Buches noch einmal deutlich - und der Zorn des Autors versöhnlich: Eine effektive globale Umweltpolitik wird ohne weitere Verrechtlichung und Institutionalisierung nicht auskommen. Doch ohne ein breites Bewusstsein über die Ernsthaftigkeit der globalen ökologischen Probleme und ohne verstärktes zivilgesellschaftliches Engagement wird all das Stückwerk bleiben. Wie schlecht auch immer die Lage sein und bewertet werden mag, es gibt andere, es gibt bessere Lösungen.

Gus Speth´s Studie ist alarmierend und visionär zugleich. Ein äußerst wichtiges und autoritatives Buch über das, was falsch läuft, wie über das, was eigentlich geschehen müsste - und so den destruktiven Umgang mit der globalen Ökologie tatsächlich ändern, mindern oder verhindern könnte.

James Gustave Speth: Wir ernten, was wir säen. Die USA und die globale Umweltkrise. Aus dem Englischen von Kurt Beginnen und Sigrid Kuntz, C.H.Beck, München 2005, 283 S., 22,90 EUR


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00:00 07.10.2005

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