Gaspreis außer Kontrolle: Was regelt der Markt und was die Spekulation?

Energie Der Anstieg der Preise für Rohstoffe und Gas hat mit Knappheit zu tun und mit politischen Entscheidungen. Dabei sollte man aber die Rolle der Spekulanten nicht vergessen
So würde die Scheibe Brot zumindest wesentlich weniger Getreide verbrauchen – und wäre günstiger!
So würde die Scheibe Brot zumindest wesentlich weniger Getreide verbrauchen – und wäre günstiger!

Foto: Oliver Burstin/Kon Images/Akg-Images

Die Preise steigen immer schneller, die Inflationsrate in Deutschland wird im nächsten Monat voraussichtlich auf neun Prozent springen. Inflationstreiber sind wesentlich die Agrar- und Rohstoffpreise, die nach dem russischen Überfall auf die Ukraine in die Höhe geschnellt sind. Erklärt wird der Preisanstieg gemeinhin mit einem Mangel: Gas etwa ist knapp – daher wird es teurer. Der Preis sendet dann sein Signal. „Das Gas wird zu den Gebieten mit der größten Knappheit umgelenkt“, so beschreibt das die Commerzbank. „Der europäische Gasmarkt funktioniert also.“ Es lohnt sich ein Blick darauf, was da wie funktioniert.

Zunächst ist festzuhalten, dass es sich nicht um eine physische Knappheit an Rohstoffen handelt, sondern um eine politisch hergestellte. Auf die russische Invasion der Ukraine antwortete der Westen mit Wirtschaftssanktionen, deren Ziel es sei, „den Kollaps der russischen Wirtschaft zu provozieren“, sagte im Februar Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire.

Russland antwortete mit Gegensanktionen, die vor allem in der Drosselung der Gaslieferungen bestehen. Europa greift nun auf teurere Energiequellen wie Flüssiggas (LNG) zurück, einerseits, um ausgefallene russische Lieferungen zu kompensieren, und andererseits, um Russland von Exporteinnahmen abzuschneiden. „Wir sollten alles dafür tun, Putin den Geldhahn abzudrehen“, sagte Ursula von der Leyen. Damit ist ein globales Rennen um LNG-Reserven entstanden.

Für die Energieproduzenten und -verkäufer ist der Wirtschaftskrieg eine Gelegenheit, ihre Preise zu erhöhen, noch bevor Gas tatsächlich fehlt. Diese Wirkung des Marktmechanismus wiederum nehmen die Finanzmärkte vorweg. Es waren noch keine Sanktionen gegen Russland beschlossen, da wurde an den Rohstoffbörsen schon auf steigende Preise spekuliert, was die Notierungen für Öl, Gas, Weizen und anderes in die Höhe katapultierte.

Die daraus folgende Verteuerung lässt sich allein mit einem Mangel an Rohstoffen nicht erklären, sondern nur mit der Spekulation auf einen kommenden Mangel. An den Terminmärkten schoss Ende Februar der Preis für Erdöl binnen weniger Tage um 35 Prozent in die Höhe, fiel dann um ein Viertel und stieg wieder um ein Viertel. Der europäische Gaspreis verdreifachte sich, fiel dann wieder um die Hälfte und ist seit einigen Monaten im Aufwind. Weizenkontrakte verteuerten sich nach der Invasion um 50 Prozent und liegen seit Anfang Juli wieder auf dem Stand vor der Invasion.

Vorhanden, aber unbezahlbar

Für Ökonom:innen ist die Sache klar: Wenn die Preise steigen, dann liegt eine Knappheit vor, andernfalls ließe sich der Preisanstieg nicht erklären. Dagegen spricht, dass sich in den vergangenen Wochen insbesondere Agrarrohstoffe zwischenzeitlich deutlich verteuerten, obwohl „fundamentale angebotsseitige Engpässe im Getreidehandel 2022 nicht zu erwarten“ waren, so der Agrarökonom Thomas Glauben. Gleichzeitig allerdings herrsche in einigen Weltregionen „Knappheit im Sinne der Bezahlbarkeit“. Das bedeutet: Weizen ist zwar da, aber er ist zu teuer.

Damit soll nicht behauptet sein, die Rohstoffpreise hingen allein an der Spekulation und hätten mit realer Knappheit nichts zu tun. Aber welcher Anteil des Preisanstiegs auf Knappheit zurückzuführen ist und wie viel Knappheit bloß entsteht, weil die Preise zu hoch sind, lässt sich nicht so leicht sagen. Die Frage, ob die Rohstoffspekulation die Preise nach oben treibt oder ob sie lediglich von den Preisbewegungen profitiert – das ist unklar.

So warnte das Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) in Bonn schon Ende 2021 davor, dass eine Zunahme der Spekulation die Getreidepreise von ihren Fundamentaldaten entkoppeln könnte, so wie 2008. „Wir müssen die Spekulation auf den Energiemärkten beenden“, sagte im Oktober 2021 von der Leyen dem EU-Parlament. Und eine Gruppe chinesischer Ökonomen fand „eine große Bedeutung makroökonomischer Unsicherheit bei der Erklärung von Gaspreis-Schwankungen“. Andere Studien wiederum kommen zu dem Schluss, dass sich Rohstoffbewegungen nicht durch die Positionierungen von Spekulanten erklären lassen. Der Marktmechanismus, also die Konkurrenz von Käufern und Verkäufern, die darauf aufsetzende Finanzspekulation und die daraus folgenden Preisbewegungen, ist eben keine Wissenschaft, sondern eine Praxis. Die uns alle betrifft.

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