Der gebannte Blick

Im Kino "Der Pianist" von Roman Polanski zeigt die Geschichte eines "wunderbaren" Überlebens

So weit ich zurückdenken kann, ist in meinem Leben die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit hoffnungslos verwischt gewesen", bemerkt der polnische Filmemacher Roman Polanski in seiner Autobiografie. Ein Satz, der in seinen frühen Filmen wie Ekel oder Der Mieter geradezu obsessiv bildhafte Gestalt angenommen hat. Und ein Satz, der von einer traumatischen Erinnerung gespeist wird. Polanski ist Jude. Er erlebte als Junge das Krakauer Ghetto und die Bombennächte in Warschau. Mit dem Vater gelang ihm die Flucht - seine Mutter starb in Auschwitz.

Mit Der Pianist nimmt Polanski im Alter - nach mehr oder weniger geglückten Ausflügen in den Mainstream - sein Thema wieder auf. Mehr noch: Er nähert sich anhand der Autobiografie des polnischen Pianisten Wladyslaw Szpilman Mein wunderbares Überleben dichter als je zuvor der eigenen, traumatischen Erinnerung. Der Jude Szpilman konnte 1943 dank rettender Hilfe aus dem Warschauer Ghetto entkommen, seine Familie wurde in Treblinka von den Nazis ermordet. Die Flucht vor dem überall lauernden Tod führt ihn an den Rand des Wahnsinns, bis ihm ein deutscher Offizier das Leben rettet.

Dieser schleichende Prozess einer inneren und äußeren Verwahrlosung im Angesicht permanenter Todesdrohung ist das Leitmotiv des Films. Das zeigt sich bereits an der Wahl des Bildausschnitts. Halbnah fängt die Kamera die Figuren ein, kein Gesicht in Großaufnahme und andererseits auch keine Weite. Polanski verstärkt damit den Eindruck des Eingeschlossenseins und hält zugleich den Zuschauer auf Distanz zum Geschehen. Ähnlich reduziert sind die Kamerabewegungen, die Musik und das Spiel der Darsteller.

Wie schon in den frühen Filmen verschwimmt die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit in Räumen, die immer zu freiwillig, unfreiwilligen Gefängnissen werden. Polanski selbst spielte in Der Mieter einen Mann, der sich in seine Wohnung einspinnt, alle Kontakte zur bedrohlichen Außenwelt abbricht und sein Leben bis in den Selbstmord mit dem Schicksal seiner Vormieterin verbindet. Der Pianist Szpilman wird, zunächst noch mit der Familie, immer mehr seiner Freiheit beraubt. Mit jedem Umzug werden die Wohnungen kleiner und wächst zugleich die äußere Bedrohung. Der Familie bleibt vor der Deportation nach Treblinka nur noch, was ein jeder auf dem Leib trägt und die Geige des Vaters. Die Endstation im Ghetto ist ein Gefängnis unter irreal blutrot verfremdetem Himmel.

Für Szpilman, den ein jüdischer Hilfspolizist vor der Deportation bewahrt, beginnt danach auf der einsamen Flucht bis zum Kriegsende ein Leben in geheimen Zimmern hinter von außen verriegelten Türen. Freunde versorgen ihn anfangs noch mit Lebensmitteln, die nicht vergehen wollende Zeit muss er allein ertragen. In einer der kleinen Behausungen steht zwar ein Klavier, doch das Spielen könnte den Pianisten verraten. So lässt Szpilman seine Hände nur imaginär über die realen Tasten gleiten. Später kommen Hunger, Krankheit und ein Delirium hinzu.

Vor allem aber zwingt ihn die Situation in die Rolle des Beobachters. Vom Fenster seiner Wohnungen schaut Szpilman zu wie die deutschen Besatzer Nachbarn erschießen, den Ghettoaufstand niederschlagen und Partisanen jagen - ohne den Blick abwenden zu können. Da wird ein alter Mann, weil er nicht aufstehen kann, mit seinem Rollstuhl über die Balkonbrüstung geworfen. Die weiteren Mitglieder seiner Familie, die gerade beim Abendbrot saß, erschießen die Deutschen auf der Straße. Diesen ohnmächtigen, gebannten Blick Szpilmans macht Polanski zur Perspektive der Zuschauer. Sie sehen die Gewalt mit den Augen der Opfer.

Dabei weidet sich Polanski keineswegs an einem Inferno des Schreckens. Ganz im Gegenteil: Die sich wiederholenden Szenen von plötzlich einsetzenden, willkürlichen Exekutionen bezeugen das kaum vorstellbare Ausmaß der äußeren Bedrohung. Polanski zeigt dann unerträglich langsam, wie letztere sich im Körper Szpilmans einnistet und diesen bis zur Undurchlässigkeit verhärtet. Als der Pianist nach dem Abtransport der Familie wie ein Schlafwandler einsam durch das verlassene Ghetto wandelt, schüttelt ihn noch kurz ein Weinen. Auf der weiteren Flucht verschließen sich die Gefühle vollends im inneren Erleben. In der äußeren Realität kämpft Szpilman allein um das physische Überleben: Nahrung und Wärme sind alles, was für den Körper noch zählt.

Mit Adrien Brody hat Polanski einen Schauspieler gefunden, der diese Verwandlung vom feinfühligen Pianisten zum instinktgeleiteten Überlebenskünstler ohne jede große Geste glaubwürdig macht. Sein Szpilman ist kein Held wie Ben Kingsley in Spielbergs Schindlers Liste Spielberg und auch kein lebensrettender Märchenerzähler wie Roberto Benigni in Das Leben ist schön. Wie unter Strom stehend wirkt sein Pianist, wenn dieser sich am Ende auf der Suche nach Nahrung und Unterschlupf durch die geisterhaft wirkenden Ruinen der verlassenen Stadt schleppt, nur mehr ein fiebriger Schlafwandler. Als Szpilman - in einer der intensivsten Szenen des Films - für den ihn später rettenden deutschen Offizier Wilm Hosenfeld (Thomas Kretschmann) Klavier spielen muss, wirkt sein zerfallenes Gesicht so entrückt, als ob sich sein Geist bereits in eine eigene Phantasiewelt zurückgezogen hätte. Allein der vor Kälte und Hunger zitternde Körper hält ihn noch in der äußeren Realität. Es ist diese innere Distanz, gespeist aus der Liebe zur Musik, die den Pianisten nicht abstürzen lässt auf der Grenze zum Wahn. Brody macht diesen inneren Prozess sichtbar dank seines großen Gespürs für wundersam reduzierte Gestik und Mimik.

So realistisch wie möglich sollte sein Film werden, eben kein Hollywood-Kitsch, erläutert Polanski. Doch die Kulissen und Kostüme wirken bei aller Detailbesessenheit des Regisseurs oft eher surreal als wirklich. Auch der Verlockung der schönen, genau ausgeleuchteten Bilder entkommt Polanski nicht, wenn er den Alltag auf den Straßen im Ghetto zeigt. Das bunte, mitunter auch grausame Treiben wirkt dann wie eine Theaterszene - pittoresk und harmlos. Eine ästhetische Falle, die jeden Film einholt, der das Undarstellbare der Shoa mit den Mitteln der Fiktion darzustellen versucht.

Roberto Benigni hat mit dieser Falle in Das Leben ist schön ein märchenhaftes und zugleich waghalsiges Spiel getrieben, indem er seinen Bildern den Realismus austrieb. Die Bedrohung blieb unsichtbar, aber gerade deshalb immer präsent. Der Tod ist am Ende ein akustisches Signal - ein Schuss. Polanski hingegen setzt auf historische Detailtreue. Der Banalisierung entgeht er jedoch allein durch die Verengung der Handlung auf seine Hauptfigur. In ihr fokussiert er die kaum erträgliche Situation des radikalen Ausgeliefertseins an Augen und Ohren. Szpilman kann nur abwarten und durch seine Verstecke irren. Die tödliche Bedrohung lastet wie ein Schatten auf Körper und Seele. Die Entdeckung droht permanent, jedes Geräusch auf der Straße - etwa ein haltendes Auto - martert die Nerven.

Mit Der Pianist hat Polanski erneut die sich verwischende Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit erkundet und zugleich im ästhetischen Prozess traumatische Erinnerungen der Kindheit wiederholt. Doch diese Nähe zur eigenen Biografie hat ihn nicht die Distanz gekostet. Im Gegenteil: Der Pianist wirkt gerade deshalb so eindrücklich und zieht den Zuschauer so intensiv ins Geschehen hinein, weil Polanski die Geschichte gleichbleibend kühl inszeniert. So vermeidet er jeglichen Gefühlskitsch. Der Pianist versinkt am Ende nicht wie noch Schindlers Liste in einer unerträglichen Feier der Gutmenschen - obwohl die Versuchung groß ist. Und damit rettet Polanski nicht nur ein Stück eigene Erinnerung, sondern wird auch der erstaunlichen und lesenswerten Autobiografie Szpilmans gerecht.

Literaturhinweis: Wladyslaw Szpilman: Mein wunderbares Überleben. Ullstein, München, 2002, 231 Seiten, 7,95 Euro. Das Buch enthält Fotografien der Familie und Filmbilder sowie Eintragungen aus dem Tagebuch des deutschen Hauptmanns Wilm Hosenfeld

00:00 25.10.2002

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