Der Geburtstagswunsch

Gedenken Die Mutter hatte diese Reise gewollt. Nun steht der Sohn mit ihr im KZ Auschwitz und wird unruhig: weil er sich so gar nicht betroffen fühlt

Wie unwirklich einem das Wirkliche werden kann, wenn man es nur aus Spielfilmen, Büchern, der Presse kennt. Die Familie steht vor dem Eingang des Stammlagers Auschwitz I, dort, wo der diensthabende Blockführer die Zahl der Neuankömmlinge mit der Transportliste abglich. Über dem Tor der schmiedeeiserne Schriftzug „Arbeit macht frei“ – dieser Sinnspruch, den man sich auch auf Deckchen gestickt vorstellen könnte, wenn er nicht hier stehen würde. Merkwürdig, dass es den wirklich gibt, denkt er. Dass es diesen Ort wirklich gibt. Eine Frau richtet sich in der Scheibe des Wachturms ihre Frisur, die durch den Kopfhörer der Audio-Tour verrutscht ist; ein Pärchen fotografiert sich unter dem Eingangstor. „Smile“, sagt die Frau zu ihrem Freund. Hinter dem Tor eine Siedlung aus zweistöckigen Backsteingebäuden, dazwischen Rasen mit Gänseblümchen, am Wegesrand hohe Pappeln.

Es war ein merkwürdiger Wunsch, den seine Mutter da geäußert hatte. Sie war vor einiger Zeit 70 geworden, er hatte sie gefragt, welche Wünsche und Pläne sie für ihr Leben noch habe, sie hatte geantwortet: „Ich möchte mit meinen drei Kindern und den großen Enkeln gerne nach Auschwitz fahren.“ Andere hätten auf diese Frage von einer Kreuzfahrt gesprochen, einer Reise nach Indien, davon, ihre Memoiren zu schreiben – seine Mutter wollte nach Auschwitz. Sein erster Gedanke: Das ist der Wunsch nach Nähe, die sie in gemeinsamer Trauer zu finden hofft. Seine Schwester fand, es sei eine weise Idee: Die Mutter wolle mit ihnen nach Auschwitz fahren in dem Wissen, wie knapp es damals gewesen ist. Wie leicht es hätte sein können, dass sie nicht dort stünden. Und so schenkten sie ihr diese Fahrt zum 72. Geburtstag: er, seine Geschwister Anne und Robert, ihre jeweils ältesten Kinder Milan, Jonas, Jaci – drei Generationen einer deutschen Familie im Alter von 15 bis 72.

Was wussten die Enkel über die Vergangenheit ihrer Familie? „Es ist schwer, da den Überblick zu behalten“, erklärte seine Nichte Jaci, „sich zu merken, wer jemand ist und wohin er gehört, wenn man immer nur Schwarz-Weiß-Fotos sieht.“ Wir spielen stille Post, dachte er, und die Mutter hatte wahrscheinlich keine Ahnung, was von dem, was sie über die Familiengeschichte auf die Reise geschickt hatte, bei ihren Enkeln angekommen war.

Ihre Großmutter war Jüdin gewesen, Tochter eines jüdischen Fleischers, selbst Mutter dreier Kinder. Alle drei waren christlich erzogen worden, galten aber nach der nationalsozialistischen Rassendoktrin als „Mischlinge ersten Grades“. Ein Onkel, der eine Jüdin geheiratet hatte, wurde mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert, später weiter nach Auschwitz. Auch die Großmutter kam nach Theresienstadt. Als der Zweite Weltkrieg am 8. Mai 1945 endete, hatten alle drei überlebt.

Aufgewachsen mit Judensternen

Nachdem die Tante aus Auschwitz zurückgekehrt war, hatte sie seiner Großmutter innerhalb einer Nacht ihre Erlebnisse aus den Lagern erzählt. Die Großmutter erzählte es später seiner Mutter – und diese erzählte es nun ihm. Sie saßen in der Wohnung, in der er aufgewachsen war, im Wohnzimmer der Mutter. Im Regal die Bücher ihres Lieblingsautors Max Frisch, daneben Ratgeber über Akupressur und die Heilmethoden der Schamanen. Wenn sie schwiegen, war das Ticken der Uhr zu hören. Das meiste, was die Mutter erzählte, hatte er schon mal gehört. Aber so lange geredet hatten sie darüber noch nie. Es war, als würden sie die einzelnen Puzzlesteine nehmen und zu einem Bild zusammenlegen. Das Bild einer Kindheit entstand: Unruhig sei es gewesen, sagte die Mutter. Das habe zum einen am Krieg gelegen; zum anderen an der Verfolgung, die sie zwar spüren, aber nicht benennen konnte. „Man hat mich mal gefragt hat, was das intensivste Gefühl meiner Kindheit war, und da habe ich geantwortet: Angst.“

Im Gegensatz zu seinem Bruder und ihm fühlte seine Schwester sich eindeutig in der Nachkommenschaft von Verfolgten. Sie war 45 Jahre alt, Psychotherapeutin, wohnte mit Mann und vier Kindern bei Hamburg. Sie sagte: „Ich bin aufgewachsen mit einer Kiste mit Judensternen und den Geschichten, die Oma über die KZ erzählte. Bei unseren Großeltern gab es ja überhaupt niemanden, der gesagt hat, er sei dafür.“ Warum fiel es ihm so schwer, das zu sagen? Warum sah er sich eher als Angehöriger des Tätervolks? Weil seine Verwandten nicht vergast worden waren, also keine richtigen Opfer? Oder weil er nichts dafür konnte? Ein Gespräch mit der Schwester.

Sie: Aber fühlst du dich als Kind von Tätern? Wie machst du das denn?

Er: Nein, als Kind von Tätern nicht. Aber ich persönlich bin ja weder Opfer noch Täter, von daher kann ich mich da nur als Teil eines „Wir“ zuordnen. Und bei diesem „Wir“ bin ich eher Deutscher. Das wäre vielleicht anders, wenn ich Jude wäre. Aber ich bin evangelisch und habe halt eine jüdische Urgroßmutter.

Sie: Du bist ein Achteljude.

Er: Aber das heißt auch, dass ich zu sieben Achteln kein Jude bin.

Sie: Ich würde sagen, die Nicht-Identifikation mit den Opfern hat was mit Angst zu tun; zu wissen, du wärst auch dran gewesen. Ich glaube, das will niemand gerne zur Kenntnis nehmen.

Er: Und ich würde sagen, sich mit den Opfern zu identifizieren, schafft so ein Bild von: „Ich Arme, Schwache“.

Sie: Nein, unsere Oma zum Beispiel war ja ausgesprochen kämpferisch. Und auch Auschwitz zu überleben, heißt ja, dass du gekämpft hast – mit Schwäche hat das nichts zu tun.

Er: Dann aber damit, zu den Guten zu gehören.

Sie: Gut sind Opfer auch nicht. Sie sind nur nicht Täter. Nicht alle, die ins KZ kamen, waren gute Menschen. Aber es geht ja nicht darum, dass das Kind eines Täters schlechter wäre als das eines Verfolgten. Es ist nur eine andere Aufgabe, die du erbst.

Es herrschte eine Mischung aus Müdigkeit und Nervosität, als sie sich schließlich am Flughafen trafen. Das letzte Mal mit Mutter und den Geschwistern war er als Kind verreist; nun ging es ausgerechnet nach Auschwitz. Merkwürdig, so ein Wochenendtrip dorthin, dachte er: Die Unterkunft ist gebucht, die Führung bestellt – müsste man nicht wenigstens mit dem Zug fahren? Versuchen, ein Gefühl für den Weg zu bekommen? Aber selbst, wenn sie in einem Güterzug fahren würden, mit 60 Menschen in einem Waggon: Er wüsste, bei der Ankunft könnte er Wasser trinken, durchatmen, wieder nach Hause fahren – er müsste keine Todesangst haben.

Am Abend saßen sie in Krakau zusammen. Die Mutter hatte einen Stammbaum gebastelt, Fotos ausgewählt, aufgeklebt, mit Namen und Daten versehen. Sie erzählte die Familiengeschichte, dazu ihre fragmentarischen Erinnerungen: von den Nachbarskindern, die nicht mehr mit ihr und ihrem Bruder spielen durften; von ihrem Vater, der einen Haufen Kot im Briefkasten fand; von dem Luftangriff, der die junge Familie auf der Straße überraschte und vor dem Mutter und Kinder in einen Bunker flohen, während der Vater nach Hause eilte ... „Ich wusste gar nicht, dass überhaupt jemand im KZ war“, sagte Jonas später, „das war alles ziemlich überraschend für mich.“

Am nächsten Tag fahren sie anderthalb Stunden nach Oświęcim, ins Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau. Auf dem Parkplatz vor der Gedenkstätte: dutzende Reisebusse und Autos, ein Stand mit Fast Food und Ansichtskarten. Im Eingangsgebäude babylonisches Stimmengewirr. Tickets für Führungen werden verkauft, Kopfhörer verteilt und zurückgegeben, Schulklassen sammeln sich. Der vielen Besucher wegen darf man nicht mehr alleine durch die Gedenkstätte gehen, sondern muss eine Führung buchen.

Die jüdische Schriftstellerin Ruth Klüger spricht in ihrem Buch weiter leben von den Gedenkstätten sarkastisch als „KZ-Museen“. Sie weist auf die neue Konstellation der Orte hin, die nicht mehr „Gefängnis und Häftling“, sondern „Gedenkstätte und Besucher“ laute. Der Bruder erfährt diese Änderung ausgerechnet an der so genannten Todeswand, an der 20.000 Häftlinge erschossen wurden. Aus dem Pulk der Besucher tritt er an die Wand und betrachtet die Blumen und Kerzen, die vor der Mauer liegen. Als er sich nach einer Weile wieder umdreht, erschrickt er: Er steht plötzlich vor lauter Leuten, die ihn fotografieren. „Die haben auf mich vor dieser Wand gewissermaßen geschossen.“

Wieviel ist von dem, was hier passierte, noch vorstellbar? Sie gehen durch die Ausstellung in den Baracken, vorbei an Vitrinen mit aufgehäuften Brillen, Schuhen und Haaren, vorbei an Waschräumen und Pritschen. Er versucht, sich das Gelände in Schwarz-Weiß vorzustellen. Er steht in der Mitte der gepflasterten Lagerstraße und schaut in Richtung des Krematoriums. Er versucht, sich vorzustellen, wie die 13-jährige Ruth Klüger hier stand und dort drüben den Rauch aufsteigen sah. Er hatte eine Erschütterung, eine Erkenntnis erwartet – doch nicht mal das übliche Gefühl der Betroffenheit stellt sich ein. Vielleicht, denkt er, liegt es an den Erwartungen, die an diesen Namen geknüpft sind – diesen Ort, der für 1,1 Millionen Tote steht. Auch die Taschentücher, mit denen die Mutter sich bevorratet hat, bleiben in ihrer Tasche. Sie wirkt gefasst, hört zu, sieht sich alles an. Und während es für sie vielleicht sogar hilfreich ist, dass die Führung stark den Intellekt anspricht, entschließt sich der Bruder den Rundgang abzubrechen, und zieht sich aus der Gruppe zurück. „Ich konnte irgendwann gar keine Fakten mehr aufnehmen und wollte lieber einen Moment Zeit haben, um mir Lagerleben vorzustellen.“

Die Schwester wiederum sagt, irgendwann habe sie die Trauma-Trigger, die sie von ihren Klienten kenne, an sich selber gespürt: zitternde Knie, harter Bauch, Kopfschmerzen, Schwindelgefühle. „Durch das Wegdrücken der Emotionen“, sagt sie, „ist es in den Körper gegangen.“ Wieder erstaunt es ihn, wie unterschiedlich die Geschwister empfinden. Steigert die Schwester sich hinein? Blockt er ab? Wie hat man in einem KZ zu empfinden?

Trauer gewünscht

Vielleicht, denkt er, ist er nur dem Missverständnis aufgesessen, dass man in einem KZ erschüttert sein müsste; dass Gedenkstätten Orte der Emotionen sind. Der Historiker James E. Young hat geschrieben, dass der Gedenkraum zwischen Denkmal und Betrachter wichtiger sei als das Monument. Und so ist es auch bei dieser Reise nur Mittel zum Zweck, das Gespräch wichtiger als die Gedenkstätte selbst. Später wird Jaci sagen: „Ich habe ja gesehen, dass es für Mama ziemlich heftig war, und wollte das auch bei mir. Aber wirklich traurig macht mich das eigentlich gar nicht, deswegen habe ich mich unwohl gefühlt.“

„Es erfordert eine Transferleistung“, sagt die Schwester, „und ich habe gemerkt, dass das, was bei mir im Kopf passiert, nämlich, dass ich die Bilder mit Menschen sehe, bei Jaci nicht passiert. Und darüber war ich eigentlich ganz froh.“ Das Fühlen an sich sei ja nicht gut oder schlecht, die Frage sei doch: Welche Konsequenzen ziehe ich aus einem Auschwitz-Besuch? Und nicht: Wie betroffen bin ich?

Seine anfängliche Enttäuschung verfliegt. In den kommenden Wochen merkt er, wie die Reise in ihm nachwirkt; immer wieder taucht das Bild des Lagers vor seinem geistigen Auge auf: das Eingangstor, die Baracken, die Wege, keine grausamen Bilder oder Geschichten. Die Vergangenheit ist nähergerückt.

Philip Meinhold, 40, lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien im Mitteldeutschen Verlag sein Roman Fabula rasa

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14:00 07.05.2011

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