Der Geist der Geschichte

Kunststadt Weimar Weimars reiches Erbe ist für das Tourismusmarketing der Stadt ein Segen. Für die junge Kunstszene dagegen ein Fluch. Einen Versuch der Vermittlung unternahm das Kunstfest

Weimar ist Hochkultur. Weimar, das ist Goethe, der als Minister und Dichter hier seinen Wohnsitz hatte, das ist Schiller, der hier seine letzten großen Dramen schrieb. Zu Weimar gehören Wieland und Herder. Weimar ist das Wirken des aufgeklärten Geistes, das Streben nach der Vorherrschaft des Ästhetischen. Erstmals in Deutschland gab Herzog Carl August Anfang des 19. Jahrhunderts hier seinem Staat eine Verfassung. In Weimar verwandelte Franz Liszt Dichtkunst in Musik. Eines von Liszts Werken nahm Nike Wagner, Ururenkelin jenes bekannten Musikers, in diesem Jahr zum Anlass, das gerade zu Ende gegangene Kunstfest Weimar namens pèlerinages einem großen Thema zu widmen: den Idealen.

Nichts scheint passender, als in Zeiten wirtschaftlicher Krisen philosophisch zukunftsgewandte Fragen dort zu stellen, wo Ideen nicht nur gedacht, sondern auch gelebt wurden. Und nicht umsonst kam Nike Wagner 2004 in die Symbolstadt Weimar, um die Leitung des Festivals zu übernehmen und hier künstlerische Traditionen auf neue Weise fortzusetzen. Weimars Marktwert, der sich im 18. Jahrhundert etablierte, hat bis heute nicht an Anziehungskraft verloren. Etwa 3,5 Millionen Touristen bevölkern jährlich die Innenstadt, besuchen Kulturdenkmäler und Gartenhäuser, um dann in vollen Bussen davonzufahren, mit dem Gefühl in der Tasche, den großen Geist der Geschichte berührt zu haben.

Geschichte wiederholt sich nur

Können Orte an sich selbst scheitern, wenn sie die Gegenwart mit ihrer Geschichte ummanteln? Wann erstickt eine Stadt an ihren eigenen Traditionen? Und warum braucht sie dafür ein klassisch-orientiertes Kunstfestival, wenn die Klassik hier schon ihre eigene Stiftung hat?

Trotz Theaterhaus Weimar, bauhaus lab, Galerie Eigenheim, der Fotothek oder einer Vielzahl studentischer Initiativen: Weimar ist keine Stadt der zeitgenössischen Kunst. Das weiß nicht nur Frank Motz. Er leitet die ACC-Galerie, auch ein Ort, der sich dieser Kunst widmet. Sein Ziel ist es, jene, die zum Besuch des Goethe-Nationalmuseums, der Bauhausausstellungen oder der Herders und Schillers wegen kommen, auch für andere Orte zu begeistern. Solche, die nicht im öffentlichen, kollektiven Freizeitbewusstsein verankert sind. Deshalb ist für Motz die Zusammenarbeit mit dem Kunstfest ein Vehikel. Ein Viertel der ACC-Besucher kommt allein in den drei Kunstfestwochen. In diesem Rahmen kann Motz Aufträge an junge Künstler vergeben, weil er finanziell besser da steht. Sonst kann er das nicht.

In diesem Jahr kuratierte er für das Kunstfest Die ideale Ausstellung. 21 Künstler sinnierten über die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Die Ansammlung von Sozialutopien spiegelt aber auch die Absurdität moderner Illusionen wider und kritisiert die vielerorts praktizierte Simulation der Perfektion. Für Motz ist die Ausstellung selbstreflexiv. Denn die Klassikerstadt ist selbst Teil einer Simulation. „Wenn ich in den Gasthof Zum weißen Schwan gehe und an die Fassade klopfe, dann ist das Wärmedämmung, ein simulierter Gasthof. Wir stecken mitten drin in der Verheidelbergisierung Weimars.“

Die Stadt als vorgetäuschte klassische Welt. Das füllt die Kassen. Das Kunstfest ist wichtiger Bestandteil des Tourismusmarketings, dementsprechend wird es von Stadt und Land gefördert. Nur ein Zehntel der Gelder erhält die Freie Kunstszene im ganzen Jahr. Für Janek Müller steht das in keinem Verhältnis. „Viele gut ausgebildete junge Künstler verlassen Weimar, weil sie hier keine Perspektiven sehen“, sagt der freie Theatermacher und Kulturschaffende, der nun selbst der Stadt den Rücken kehrt. „Das Kunstverständnis hinter dem Festival entstammt dem 19. Jahrhundert“, sagt Müller, „für die städtische Kultur ist das nur kontraproduktiv.“

Das Aushängeschild Klassik aber funktioniert. Rund 23.000 Besucher zählt das Kunstfest pro Jahr. 45 Prozent kommen von außerhalb. Sie alle bringen Geld mit. Nike Wagner weiß um die Rentabilität: „Wir machen kein Fest nur für die Weimarer.“ Gleichzeitig sieht sie hier ihren Bildungsauftrag, denn Weimar ist auch durch die politische Geschichte des 20. Jahrhundert gezeichnet: das Gute und das Böse an einem Ort.

Zwei Welten in Weimar

Das soll auch ein jüngeres Publikum interessieren, das vielleicht nicht wegen einer Liszt-Aufführung hierher finden würde. Also standen in den letzten drei Wochen auch zeitgenössische polyphone Kompositionen, modernes Tanztheater, eine Filmreihe in Zusammenarbeit mit der Bauhaus-Universität im Programm. Ein Schritt in Richtung Gegenwart. Den Schritt in die Vergangenheit erwartet Nike Wagner von ihren neuen Gästen: „Wir tun alles, aber ein bisschen interessieren muss sich die Jugend schon selbst.“ Leicht ist das nicht immer. Der Kunstfest-Exkurs in „ideale“ Klang- und Bildwelten endete letzten Sonntag mit Werken von Franz Schubert und Johannes Brahms, interpretiert von einem Osttiroler Ensemble, dessen Ursprünge in der neuen Volksmusik liegen.

Es scheint, als bewegten sich in Weimar zwei Welten aneinander vorbei. Wegen der zeitgenössischen Experimente kommen die Besucher nicht. Nicht zum Kunstfest, nicht nach Weimar. Und doch steckt darin das Potential für eine Zukunft jenseits der Seniorenfreundlichkeit. Von den ungenutzten Reserven weiß Frank Motz, der seit 20 Jahren versucht, in Weimar freie Kunst zu etablieren und der nicht aufhören will, an der Außenwahrnehmung Weimars zu feilen. Trotz des ewigen Dilemmas: „Was uns stark macht, macht uns gleichzeitig schwach. Es ist viel preiswerter, die Millionen Besucher mit Goethe hierher zu locken, als sich etwas Eigenes einfallen zu lassen.“

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11:09 13.09.2009

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