Der Geist der Stadt

Übersinnliches Anziehungspunkt für Magier und Parapsychologen: Wer in Chicago auf Gespenstertour geht, lernt nicht das Fürchten, dafür aber viel über die Seele der Metropole

Es ist ein klarer, kalter Winternachmittag und die verspiegelten Fassaden der Wolkenkratzer blitzen in der tief stehenden Sonne Chicagos. Ursula Bielski steht in der Tür eines gelben Schulbusses, der Verkehr rauscht an ihr vorbei. Niemand würde in dieser Kulisse eine Geisterjägerin vermuten, doch tatsächlich wartet die blond gelockte Frau auf zehn Menschen, die sich zu einer Resurrection-Mary-Tour angemeldet haben – einer Busrundfahrt zu den Spukstätten der Stadt, auf der Suche nach Chicagos berühmtestem Geist.

Mehr zum Thema:

Alle Stationen der Geistertour auf Google Maps, kommentiert von der Autorin

„Geister erzählen von den Hoffnungen der Menschen, von ihren Träumen und Ängsten, von den Tragödien ihrer Geschichte“, sagt Bielski. Wie könnte man eine Stadt besser kennenlernen als über ihre Spukgeschichten?

Die Geschichte von Mary beginnt in der Tanzbar Oh Henry Ballroom im Westen Chicagos. Dort hatte die junge Frau der Legende nach den letzten Abend ihres Lebens verbracht. Wegen eines Streits mit ihrem Begleiter beschließt sie, allein nach Hause zu gehen, anstatt sich fahren zu lassen. Doch auf der Archer Avenue, einer Straße entlang eines alten Indianerpfades, wird sie von einem Auto erfasst. Der Fahrer flüchtet, und Mary stirbt allein auf der kalten Straße. Ihre Eltern lassen sie in ihrem weißen Kleid und den Tanzschuhen begraben, auf dem Resurrection Friedhof an der gleichen Straße.

Tanz im Eisregen

Seither vergeht kaum ein Chicagoer Winter, in dem die Gestalt der Mary nicht am Straßenrand gesehen wird. Immer wieder berichten Autofahrer von einer Anhalterin, die darum bittet, nach Hause gebracht zu werden – und nach wenigen hundert Metern aus dem fahrenden Auto springt, um in der Dunkelheit zu verschwinden. Laut Ursula Bielski ist die letzte Sichtung gerade einmal drei Monate her: Ein junger Polizist will gesehen haben, wie Mary in ihrem dünnen Kleid auf der Archer Avenue im strömenden Regen tanzte.

Für die Historikerin Bielski ist die Legende der Mary keine Gruselgeschichte wie jede andere: „Resurrection Mary ist Chicago pur“, sagt die 40-Jährige, die mehrere Bücher über Chicagos Geister geschrieben hat und seit fünf Jahren Geistertouren anbietet (chicagohauntings.com).

Wer die Resurrection-Mary-Tour gebucht hat, erwartet nicht allein eine Geschichtsstunde. Vielmehr vermittelt die Tour einen Blick in die Seele der Stadt. Denn die meisten Teilnehmer leben in Chicago oder dem Umland, und sie kennen Marys Geschichte in- und auswendig. Sie haben Filme über „Rez Mary“ gesehen und Lieder über sie gehört, die Balladen der Alten und die Rapsongs der Jungen. Die Bewohner der North Side und der South Side Chicagos tauschen die besten Spukstätten ihrer Nachbarschaft aus. Schon mal im Hull House gewesen? Da liegt das Teufelsbaby im Garten begraben!

Wer bei Geistern an düstere Gemäuer denkt, wird sich über das Faible der Chicagoer für Übersinnliches wundern. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Stadt zu einem Anziehungspunkt für Parapsychologen, Geisterjäger und Magier entwickelt. Aber wie passen Spukgeschichten zu den verspiegelten Wolkenkratzern und dem Millenium-Park am leuchtend blauen Michigan-See, in eine Millionenmetropole, in die Stadt Al Capones und Obamas, der Gangster und Hoffnungsträger?

Ursula Bielski glaubt zu wissen, warum die Bewohner Chicagos so fest an die Existenz von Resurrection Mary glauben wollen. In ihrer Geschichte spiegele sich Chicagos Kreislauf von Zerstörung und Wiederauferstehung wider. Selbst nach einem gewaltsamen Tod auf einsamer Straße, will Resurrection Mary immer noch tanzen. Sie ist ein Kind der Stadt, eine hart arbeitende Immigrantin, die auch nach einer anstrengenden Schicht noch feiert: Work hard, play hard.

Bevor der Bus mit den Geistertouristen Kurs auf die Archer Avenue nimmt, die von Chicagos Chinatown zu den südwestlichen Vororten führt, hält er an einem unscheinbaren, weißen Holzhaus. Es ist das ehemalige Zuhause von Mary Bregovy, einer ­damals 21 Jahre alten Fabrikarbeiterin polnischer Herkunft, die laut einer Polizeimeldung in der Chicago Tribune am 10. März 1934 bei einem Autounfall ums Leben kam und auf dem Resurrection Friedhof begraben liegt.

Cocktail für eine Untote

Ob es sich bei ihr um Resurrection Mary handelt ist nicht verbrieft. Dennoch: Nur zwei Jahre nach Bregovys Tod meldet ein junger Mann namens Jerry Palus den ersten merkwürdigen Zwischenfall in der Gegend: Er habe im Tanzcafé ein wunderschönes Mädchen kennengelernt und den ganzen Abend mit ihr getanzt. Als er sie nach Hause bringen wollte, habe sie ihn zur Archer Avenue gelotst, sei am Friedhof aus dem Wagen gesprungen und in der Dunkelheit verschwunden.

Drei Stunden lang fährt der gelbe Schulbus die Stationen im Leben Marys ab. Die letzte Station der Tour ist „Chet’s Melody Lounge“, eine Kneipe, die abgeschieden an der Archer Avenue liegt. Der ehemalige Besitzer Chet, vor wenigen Jahren verstorben, will in seiner Bar häufig von verstörten Autofahrern aufgesucht worden sein. Viele hätten angegeben, dass sie soeben ein junges Mädchen überfahren hätten, es nun aber nicht mehr finden könnten. Für den Fall, dass ihn Mary selbst einmal besuchen kommen würde, hatte Chet stets eine „Bloody Mary“ am Ende der Theke stehen.

Die Tour ist zu Ende, heute wurde Mary nicht gesichtet. Obwohl: Als eine Teilnehmerin ihre Fotos durchsieht, findet sie auf dem Display ihrer Digitalkamera einen weißen Fleck. Mary? Oder doch nur eine Schneeflocke?

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden