Der Geliebte

Nachruf Er blieb bis zum Schluss das hyperbegabte Kind, das nicht erwachsen werden wollte. Zum Tod des Gesamtkünstlers Christoph Schlingensief (1960-2010)

In einem Interviewfilm von Frieder Schlaich erzählt Christoph Schlingensief wie er 1988 im WDR seinen Film Mutters Maske vorführte. Hinterher meinte eine Redakteurin zu dem noch kaum bekannten Regisseur: „Sie werden niemals einen Menschen lieben können.“ Offenbar verstand die Fernsehfrau etwas von Psychologie, nichts aber von Film. Sonst hätte sie ein Talent entdecken können, wie es das deutsche Kino seit Fassbinder und Schroeter nicht mehr gehabt hatte. Mit sieben Jahren, als er seinen ersten Spielfilm auf 8mm drehte, war Christoph ein verhaltensauffälliges, hyperaktives Kind, das man heute als ADS-krank einstufen und mit Ritalin ruhig stellen würde. Zum Glück ertrugen seine Eltern ihn wie er war, obwohl sie sich später, wegen der Nachbarn, für seine Filme schämten.

Als ich Schlingensief 1990 im Gremium der Hamburger Filmförderung kennenlernte, war er auf der Berlinale und in Hof bereits zum Liebling der Filmkritiker avanciert, hatte mit Tilda Swinton und Udo Kier gedreht und mit Fassbinders Darsteller-Clique den ersten Teil seiner Deutschlandtrilogie beendet: 100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker. Für den zweiten Teil, Das deutsche Kettensägenmassaker, warb er in Hamburg mit unwiderstehlichem Charme und artiger Bescheidenheit. Er brauche nur etwas Geld, um seinem Drehstab ein warmes Essen bezahlen zu können. Als das Gremium unter Leitung des Spiritus rector des Neuen Deutschen Films, Laurens Straub, 60.000 DM für das Projekt bewilligte, fiel der Regisseur vor Dankbarkeit auf die Knie. Jedesmal, wenn ich ihn später traf, präsentierte er mich als einen der Geldgeber fürs Kettensägenmassaker. Es wäre mir peinlich gewesen, wenn das beim Publikum durchgefallene Werk nicht der einzig gelungene Film zur deutschen Einheit geworden wäre.

Mit dem dritten Teil‚ Terror 2000 – Intensivstation Deutschland, der Russ-Meyer-Hommage United Trash und der Pasolini-Travestie Die 120 Tage von Bottrop bekam der cineastische Hysteriker Schlingensief es mit den anständigen Kulturverwaltern von links und rechts zu tun und nicht einmal mehr Geld fürs Catering. 1997 endete die Karriere des produktivsten und provokantesten Filmemachers Deutschlands. Da auch das Fernsehen ihn nicht wollte, obwohl er 1992 beim WDR einen braven Dokumentarfilm über Udo Kier gedreht hatte, blieb ihm nur das Theater.

Frank Castorf hatte Schlingensief bereits 1993 an die Berliner Volksbühne verpflichtet, wo er mit seinen maximalistischen Happenings aus Piscator-Agitprop, Living Theatre und TV-Talkshow, das durch die Stürme des postmuralen Berliner Kulturbetriebs fahrende Schlachtschiff am Rosa-Luxemburg-Platz auf Kurs hielt. Im Osten der Republik blieb Schlingensief ein Fremdkörper. Fassbinder, Kluge, Jelinek waren ihm näher als Brecht und Müller. Trotzdem erwies er sich mit seinen politisch-theatralischen Aktionen als gelehriger Schüler beider Prinzipalen des antibürgerlichen Kunstbetriebs. Der begann den wilden Ewig-Jungenhaften mit den guten Manieren erst zur Kenntnis zu nehmen, als er sich wie Müller an den Hamlet wagte und nach Bayreuth eingeladen wurde. Der unerwartete Triumph seines multimedialen Parsifal auf dem Grünen Hügel war die Katastrophe, die der unermüdliche Exorzist seiner Ängste gefürchtet und herbeigesehnt hatte. Sein sehnlichster Wunsch, zum Establishment zu gehören – Achillesverse jedes Rebellen –, erfüllte sich, der egomanische Drang, sich selbst treu zu bleiben, blieb.

Zärtlichkeit und Humor

2008 erkrankte Schlingensief. Dem Nichtraucher wurde der linke Lungenflügel entfernt, doch der Krebs befiel auch die andere Hälfte. Vor der Peinlichkeit, seine Seelenqualen öffentlich auszustellen, hatte Schlingensief sich schon 1997 in seiner Fernsehshow Talk 2000 nicht gescheut, als er der Nation heulend erklärte, dass seine Freundin ihn verlassen hatte. Die Angst vorm nahen Tod wurde zehn Jahre später zum Thema ex professo seiner Regiearbeiten, die nach Meinung mancher Rezensenten sich jeder Kritik entzogen, weil sie völlig der dramatischen Befindlichkeit des Machers geschuldet waren. Andere lobten das Authentische, das in seiner medial-überlagerten Perfektion aus Film, Theater, Oper an die letzten Dinge rührt. Diese sind in der westlichen Kultur gleichbedeutend mit der Nichtakzeptanz des Todes, und darum liebten nun alle „diese sich selbst verdauende Referenzhölle“ (taz) des Provokateurs. Jeder Schritt des Totgeweihten wurde filmisch begleitet, man überschüttete ihn mit Kunstpreisen, lud ihn in Talkshows, überließ ihm den Deutschen Pavillon auf der Venedig-Biennale 2011 und lobte sein Tagebuch einer Krebserkrankung So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! (KiWi, 2009) zum Bestseller.

Schlingensief arbeitete immer am Scheitern. Seine Freakshow 3000, in der er Deutschlands Superstar der Behinderten suchte, hätte daneben gehen können. Doch die Travestie auf dergleichen TV-Wettbewerbe gelang ihm auf wunderbare Weise, ohne die Protagonisten der Lächerlichkeit preiszugeben. Nur ein Narr reinen Herzens, konnte den Sender VIVA zu so einer unmöglichen Show bewegen.

Die letzte Provokation des als guten Bürgersohn einverleibten Enfant terrible war der Bau eines Operndorfes in Burkina Faso. 2007 hatte Schlingensief im Teatro Amazonas von Manaus den Fliegenden Holländer inszeniert. Nun wollte er, der das Kino und die hohen Künste für sich als Material ausschlachtete, als wären sie nur dafür geschaffen, sich mit der filmgeborenen Idee von Werner Herzogs Fitzcarraldo von dieser Welt verabschieden, um ihr im Gedächtnis zu bleiben.

Wie kaum ein Künstler seiner Generation verband der Gesamtkünstler Christoph Schlingensief Größenwahn und Gartenlaube, Anarchie und Eloquenz. Einen der berührendsten Auftritte des redegewandten Selbstdarstellers erlebte ich in Hof 2006. Dort hielt er die Laudatio für Alexander Kluge, der nach ihm den Filmpreis der Stadt Hof erhielt. Soviel Zärtlichkeit und Humor herrschten selten in einem deutschen Kino. Schlingensief konnte Gefühle in Männern und Frauen wecken, die über das Beschützende, über das Über-den-schelmenhaften-Strubbelkopf-Streichelnde hinausgingen. In der Arbeit war er ein Tyrann, trotzdem wollten viele bei ihm lernen. Womöglich hätte er eine Schule begründet, aus der unentwegt zahllose Schüler hervorgegangen wären, die uns mit schlingensiefianischer Film- und Theaterkunst beeindrucken wollten.


In dem Interview mit Frieder Schlaich (Christoph Schlingensief und seine Filme, 2004) erklärt Christoph Schlingensief den Unterschied zwischen Theater und Film, nachdem er eine urkomische Episode von den Dreharbeiten zu United Trash in Afrika schildert: „Theater produziert Ereignisse, Film Geschichten.“ Seine erste Liebe war das Kino, dort realisierte sich sein überbordendes Talent am besten. Weil er mit biederem Erzählkino in Deutschland nicht dienen konnte und Gefahr lief, sich als Exot am Rand zu wiederholen, eroberte er das Theater. Hatte er in seinen Filmen seine kollektiven Ängste visualisiert, war er auf der Bühne der Hauptdarsteller seines Lebens in der Kunst. Ob er das Theater und die Oper liebte, scheint fraglich. Die Magie des leeren Raumes, den man mit menschlichen Leidenschaften füllt, nicht mit Ideen, kannte er nicht.

Am Ende liebten alle Schlingensief, weil er ein Erfolgreicher und Verlorener war. Er glaubte, den Krebs mit seiner Angst vor der Angst coram publico wenn nicht besiegen, so doch hinhalten zu können, hielt ihn für etwas Fremdes. So blieb er sich trotz seiner Klugheit und seines Talents bis zuletzt produktiv fremd und starb als hyperbegabtes Kind, das nicht erwachsen werden wollte. Kurz vor seinem Tod erklärte Schlingensief im Fernsehen, dass er gerade anfange zu leben, die Liebe zu den einfachen Dingen, die Kunst des Seins zu lernen.

Am 21. August ist Christoph Schlingensief im Alter von 49 Jahren gestorben.

Thomas Knauf ist Drehbuchautor und Filmemacher in Berlin

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16:15 23.08.2010

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