Der Geruch von Napalm am Morgen

"Search and Destroy" Als die Amerikaner einst in Vietnam auf den großen Sieg hofften

Im Herbst 1966 glaubt General Westmoreland, damals Oberkommandierender der US-Streitkräfte in Südvietnam, die ultimative Strategie des Sieges gefunden zu haben. Ihr Credo klingt so resolut wie erbarmungslos: "Search and Destroy" - "Aufspüren und Vernichten". Wenn vom Gegner nichts übrig bleibt, ist er besiegt, so die Logik dieses Rezepts, sie klingt unanfechtbar.

Dem entspricht die Gefechtsordnung bei "Search and Destroy", die von den US-Kampfeinheiten ein um das andere Mal in der stoischen Überzeugung eingehalten wird, dass sie in ihrer Effizienz nicht zu übertreffen ist: Hubschrauber-Staffeln greifen die Stellungen des Viet Cong (VC/*) an, Düsenjäger setzten mit Napalm nach, die Infanterie besorgte den Rest. Verbrannte Erde bleibt bis auf weiteres von jeder Art des Widerstandes ausgeschlossen, so hofft man.

Francis Ford Coppola hat in seinem Vietnam-Film Apokalpyse Now die Arbeitsschritte bei "Search und Destroy" während des Angriffs auf ein südvietnamesisches Küstendorf nachgezeichnet. Colonel Kilgore, ein monströser Killer mit Surf-Brett und in Barbecue-Laune für den Abend danach, stößt mit seiner Luftkavallerie vor, die Bordkanonen feuern, was das Zeug hält, aber es halten sich Widerstandsnester des VC, also wird ein Luftgeschwader angefordert, das den Küstenstreifen mit Napalm belegt. Eine Feuerwand rast durch den Dschungel. Kilgore ist begeistert: "Napalm mein Junge, es gibt nichts auf der Welt, das so riecht wie Napalm. Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen. Weißt du, einmal haben wir einen Hügel bombardiert, zwölf Stunden lang. Als alles vorbei war, lief ich herauf. Nicht eine einzige stinkende Vietnamesen-Leiche haben wir dort gefunden. Das war ein Geruch - der ganze Hügel, ja, wie roch er? Wie nach Sieg roch er."

Präsident John F. Kennedy, mit dem das amerikanische Engagement in Südvietnam so richtig beginnt, hat Anfang der sechziger Jahre das Korps der "US-Adviser" auf einige tausend aufgestockt. Als sein Nachfolger Lyndon B. Johnson Ende 1966 auf einer Gipfelkonferenz in Manila die Strategie des "Search and Destroy" von den Alliierten (den Philippinen, Thailand, Südkorea, Australien und Neuseeland) absegnen lässt, stehen 250.000 GIs in Indochina, die das Pentagon bald auf 500.000 bringt unter dem beifälligen Nicken der freien Welt, die sich dem Geruch des Sieges nicht verschließen will. Sechs Jahre später, als Präsident Nixon beginnt, den Abgang der Amerikaner vom Kriegsschauplatz einzuleiten, weil der Glaube an den Sieg schwindet, liegt deren Truppenstärke bei 625.000 Mann.

1966/67 allerdings scheint dieser Glaube noch ungebrochen. Um den Erfolg von "Search and Destroy" stets vor Augen zu haben, kommt die Methode des "Body-Count" in Mode. Die Kommandeure der Kampfeinheiten melden nach jeder Operation die Zahl der getöteten Vietnamesen an Westmorelands Hauptquartier. "Jeder bekam eine Quote, die festlegte, wie viele Leichen er zu bringen hatte. Das war so etwas wie das Barometer des Krieges zu jener Zeit für Amerika ... ", erzählt der CIA-Agent K. Barton Osborn im Dokumentarfilm Phoenix (Studio Heynowski Scheumann 1979/80). "Body-Count" ist auch dann üblich, wenn es keine direkte Feindberührung gibt. Sobald man glaubt, eine VC-Stellung entdeckt zu haben, werden "die Ameisen mit der Dampfwalze" zermalmt, wie es ein US-General ausdrückt, danach wird geschätzt, wie viele "stinkende Vietnamesen-Leichen" im Dschungel liegen könnten.

Ein Stil der Kriegsführung, von dem die Franzosen als koloniale Vorgänger der Amerikaner in Vietnam Jahrzehnte zuvor nur träumen konnten. "Search and Destroy" gilt als elegant, effizient und modern, allerdings wird genauso erbärmlich gestorben wie zur Zeit der Franzosen, mit krachenden Knochen, nachgebendem Fleisch, aufschießendem Blut, gesprengten Lungenflügeln, erstickten Schreien, schwindendem Bewusstsein. Auf beiden Seiten.

Bald soll sich zeigen, dass trotz dieser Wirkung von "Search and Destroy" die Erfolge nicht in dem Maße eintreten, wie das die US-Regierung erwartet hat. Im Februar 1968 erreicht stattdessen die "Tet-Offensive" der südvietnamesischen Befreiungsfront in ihren Ausläufern nicht nur die Zitadelle von Hue, sondern auch die wie eine Zitadelle bewachte US-Botschaft in Saigon, der Hauptstadt Südvietnams. Mitten im Stadtgebiet ist verständlicherweise der Einsatz von Napalm nicht möglich, so dass sich auch der Geruch des Sieges nicht wie gewohnt einstellen kann. Die amerikanische Stil der Kriegsführung stößt an seine Grenzen.

Man muss erkennen, dass auch der Gegner in einem eher bescheidenen "Ameisen-Krieg" - ohne Luftkavallerie und Napalm - seinen Heimvorteil auszuspielen versteht. Zum Sieg reichen seine Kräfte keineswegs, zur Unbesiegbarkeit schon. "Search and Destroy", so spüren die Amerikaner, ohne es auszusprechen, wäre nur dann der ultimative Erfolg beschieden, würde das ganze Land "aufgespürt und vernichtet". So bleibt nur der Rückzug.

Als die Allerletzten von ihnen im April 1975 aus Saigon vor dem anrückenden Viet Cong ausgeflogen werden, hat man ein Signal für den Fall vereinbart, dass die Evakuierung innerhalb der nächsten zwölf Stunden stattfinden muss. Alle im Stadtgebiet von Saigon stationierten Radiosender sollen dann ein bestimmtes Lied spielen: Bing Crosbys "I´am dreaming of a white christmas".

(*) "Viet Cong" - wörtlich übersetzt: vietnamesischer Kommunist - war die im Westen gebräuchliche Bezeichnung für den militärischen Gegner der USA in Vietnam, der aus der südvietnamesischen Nationalen Befreiungsfront (FLN) und der Volksarmee der Demokratischen Republik Vietnam (DRV) im Norden bestand.

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00:00 18.07.2003

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