Der Gewissenschaftler

Porträt Hans Joachim Schellnhuber setzt als Klimaforscher auf die Vernunft der Menschen und den Willen zur Transformation

Vor dem Weltklimagipfel treffen sich in der französischen Hauptstadt 2.000 Wissenschaftler und diskutieren im Plenarsaal des UNESCO-Sitzes über „Unsere gemeinsame Zukunft im Klimawandel“. Der Physiker und Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber sitzt im Panel „Kollektives Handeln und transformative Lösungen“: Keine Abhandlung über Kippelemente im Zwei-Grad-Szenario erwartet man hier von ihm, auch keine fundierte Expertise über die Folgen des Abschmelzens der Westantarktis. Man erwartet von ihm das Unmögliche, er soll sagen: Wie kann man die Menschheit doch noch zum Umdenken bewegen?

Süffisant lächelnd schaut der 65-Jährige ins Publikum und sagt in seiner vornehmen Art Sätze, die sonst eher Umweltaktivisten skandieren: „Wir können von heute auf morgen beschließen, nicht mehr zu fliegen.“ Oder: „In einem vollklimatisierten Saal lässt es sich gemütlich über die Erderwärmung sprechen.“ Die Welt werde „postfossil“ – oder sie werde nicht mehr sein. Jeder müsse bei sich selbst anfangen, und zwar hier und heute.

Schellnhuber ist bekannt dafür, komplexe Themen ganz unaufgeregt in klare Ansagen zu gießen. Spätestens seit seinem gerade erschienenen Buch Selbstverbrennung ist er nicht mehr nur der Klimawissenschaftler, sondern einer, der Klima mit Gewissen verbindet, ein „Gewissenschaftler“.

Schellnhuber erinnert darin an seine Kindheit in der niederbayrischen Provinz und beschreibt, wie er nun, ein halbes Jahrhundert später, von der gleichen Anhöhe aufs heimische Rottal schaut, von der er als Junge zusammen mit seiner Mutter die „Schaumkrönchen aus Waldinseln“ bewundert hat. Heute ist das Tal weitgehend kaputt. Der Wissenschaftler erkennt die „Transformationsnarben der Flurbereinigungen“, die „Amputationsstümpfe der Wohlstandsoperationen“ und die „offenen Wunden einer Landwirtschaft“, wie sie zwischen Traditionskultur und Maisproduktion schwären.

Nachdem er 1970 das Abitur mit der Note 1,0 abgelegt hatte, studierte Schellnhuber Mathematik und Physik an der Universität Regensburg, promovierte und habilitierte. Ins „intellektuelle Abenteuer“ der Klimawirkungsforschung habe es ihn aber, so bekennt er in seinem Buch, eher zufällig katapultiert – durch den Fall der Berliner Mauer. Die Wendezeit, resümiert er wie viele andere „Aufbauhelfer West“, habe einzigartige Spielräume eröffnet. Die ostdeutschen Apparate seien verschwunden, und die aus dem Westen Angereisten hätten die „intellektuellen Abrisshalden jenseits der Elbe noch nicht im Griff“ gehabt.

Schellnhuber begeisterte sich schnell für die Idee, auf dem Potsdamer Telegrafenberg ein Institut zur Klimafolgenforschung zu gründen. Die Physik nichtlinearer Systeme, die er verfolgte, ließ sich auf das Erdklima, eines der komplexesten Systeme überhaupt, übertragen – kein papierner Formelkram. Stattdessen ging es um das Schicksal von Natur, Landschaft, ja der gesamten Zivilisation. Und dies alles unweit von jenem Sommerhaus in Caputh, in dem einst der von ihm bewunderte Albert Einstein Ende der 20er Jahre gelebt und gearbeitet hatte. Person, Thema, Zeit und Ort passen ideal zusammen.

Von der Quantentheorie bis zum Klimapapst war es dann nicht mehr weit. Für Schellnhuber kein intellektuelles Kunststück, sondern eine Sache des gesunden Menschenverstandes. Als Klimaforscher sitze er manchmal in seinem stillen Kämmerlein, allein mit seinen apokalyptischen Erkenntnissen. Er sehe vor sich die sterbenden Arten, die abschmelzenden Eisberge, die überfluteten Atolle der Südsee und die Menschenmassen, die vor Stürmen und Dürren fliehen. Und weil der Forscher das vor allen anderen begreifen müsse, habe dieser eine Verantwortung. Das bedeute, die Hermetik des Kämmerleins zu verlassen, zu appellieren, aufzurütteln und politisch aktiv zu werden.

Dazu habe er sich, sagt Schellnhuber, dann entschlossen, als Papst Franziskus seine Enzyklika zum Klimawandel plante. Das katholische Kirchenoberhaupt berief den Klimaspezialisten zum Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Als Berater hatte Schellnhuber bereits Erfahrung: Schon die „Klimakanzlerin“ Angela Merkel und die EU-Kommission in Brüssel hatten einst seinen Rat gesucht.

Letztlich, sagt Schellnhuber, habe der Papst nicht anderes getan als der Forscher, nur umgekehrt: Er habe seine moralische Autorität dazu verwandt, sich mit Unterstützung der Wissenschaft an die Weltgemeinschaft zu wenden. Doch ebenso wenig wie der Papst zum Klimawissenschaftler mutiert ist, so wenig strebt es Schellnhuber an, selbst zu einem „Papst“ zu werden. Doch außergewöhnliche Umstände erfordern ungewöhnliche Allianzen. Dabei maßt sich der Direktor des Potsdam Institute of Climate Impact Research (PIK) nicht an, die Lösung in der Tasche zu haben. Politisch hält er sich zurück. Ob die postfossile Ära kapitalistisch organisiert sein wird oder nicht, das zu entscheiden überlässt Schellnhuber gern anderen.

Eines ist für ihn allerdings sicher: Für gesellschaftspolitische Fantasien à la Naomi Klein bleibe keine Zeit mehr. Um das Klima zu retten, könne die Welt nicht darauf warten, bis der Kapitalismus abgeschafft ist – stattdessen müsse man hier und jetzt etwas tun. In dieser Hinsicht bleibt Schellnhuber ganz auf Linie des Papstes. Trotz ihrer heftigen Kritik an den dramatischen Folgen der Globalisierung, am bestehenden Wirtschaftssystem und den damit verbundenen Auswirkungen für das Klima wie das Leben der Menschen, bleibt es lediglich beim Aufruf zur Solidarität, zum Umdenken und zu globaler „Transformation“.

06:00 16.11.2015

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