Eren Güvercin
22.04.2010 | 11:00 91

Der Glaube unter Generalverdacht

Contra Kelek Necla Kelek unterschlägt, dass in Deutschland eine Generation modern denkender Muslime herangewachsen ist – eine Polemik

Necla Kelek inszeniert sich seit einigen Jahren erfolgreich als Befreierin der unterdrückten muslimischen Frau. Begriffe wie Freiheit, Aufklärung und Gleichberechtigung gehören zu ihrem Stammvokabular. Aber in der letzten Zeit bröckelt ihr Heldenstatus. Ihre Behauptungen werden nicht mehr so kritiklos hingenommen wie noch vor einigen Jahren.

Kelek will das islamische Leben erkunden, aber bei der Lektüre von Himmelsreise fällt es einem schwer zu glauben, dass sie auch nur eine Moschee von innen gesehen hat. Geschweige, dass sie mit gläubigen Muslimen auf Augenhöhe gesprochen hat. Zunächst betont sie, dass die große Mehrheit der Muslime in Deutschland integriert sei, und schlägt sich auf die Seite der „schweigenden Mehrheit“. Den Verbänden und Moschee-Vereinen, in denen die Muslime organisiert sind, erklärt sie jedoch den Krieg. Der Grund: Sie betrieben eine „Abgrenzung von den Ungläubigen“ und wollten insgeheim die Scharia einführen. Das zeugt entweder von grober Unkenntnis der Lebenswirklichkeit der in Deutschland lebenden Muslime, oder aber Kelek versucht bewusst ein falsches Bild von der Lage zu vermitteln.

Damit brüskiert sie all die Muslime, die sich in der Gesellschaft engagieren und eben nicht diesem Zerrbild entsprechen. Wer eine Brückenfunktion zwischen den traditionellen Glaubensgrundlagen und der westlichen Gesellschaft einnehmem will, wird mit dem Begriff Takiyya gebrandmarkt. Das bedeutet: Verheimlichung der wahren Absichten (aus taktischen Gründen). Damit versucht die „Meisterin der unbelegten Behauptung“ (Hilal Sezgin) alle engagierten Muslime per se als Islamisten abzustempeln.

Für Kelek ist der Islam in Deutschland „eine Religion der Migranten“. Fakt ist aber, dass eine wachsende Zahl von Muslimen hier geboren und aufgewachsen ist. Die meisten dieser jungen Muslime haben einen deutschen Pass, sind nicht selten Akademiker und engagieren sich in der deutschen Gesellschaft. Natürlich gibt es auch nicht zu verharmlosende Probleme, die man ansprechen muss. Aber diesen immer größer werdenden Teil der Muslime in Deutschland zu ignorieren, und den Islam als eine bloße Religion der Migranten darzustellen, ist schlichtweg falsch.

Gerade nach traditionell-islamischem Verständnis macht die Sprache die Identität aus. Der große Gelehrte des Islam Ibn al-Arabi betont, dass die Identität eines Menschen allein an sein Sprachvermögen gekoppelt ist. Keleks Verständnis des Islam ähnelt dagegen der einer extremistische Minderheit, der Salafisten. Wie diese denkt auch Kelek, dass der Islam der Ausdruck einer singulären Kultur (dort der arabischen) ist. Aber ein Blick in die Geschichte genügt, um zu erkennen, dass der Islam eben nicht an eine spezifische Kultur gebunden ist. Wie Abu Bakr Rieger, deutscher Muslim und Anwalt, es so schön ausdrückt: „Man kann Muslim sein und Beethoven lieben, Krawatte tragen und den Weimarer Genius Goethe schätzen.“ Interessanterweise kommen weder Kelek noch religiöse Fanatiker mit so einem deutschen Muslim klar.

Kelek lässt keine Gelegenheit aus, antiislamische Klischees zu bedienen. Sex und Gewalt prägen bei ihr den Alltag der Muslime, ihren Glauben stellt sie als etwas Primitives dar. Die Person Mohammeds wird wie der Islam selbst dämonisiert; weil der die Kreuzigung Jesus ablehne, sei er auf „Blutopfer“ angewiesen. Nach guter alter christlich-mittelalterlichen Tradition bezeichnet Kelek den Koran als „geistigen Diebstahl“. Der Koran sei eine „Vereinnahmung des mythischen Materials von der Genesis über die Thora bis zum Neuen Testament.“ Muslime zu sein. Ist damit etwa die von ihr intendierte „spirituelle Rehabilitierung“ gemeint? Es klingt eher nach Missionierung.

Sie strebe die Integration der Muslime an. Ihr Buch lässt aber keinen anderen Schluss zu, als dass die Muslime in unsere westlichen, säkularisierten Gesellschaften nicht integriert werden können. Anders gesagt, die Integration der Muslime kann anscheinend nur gelingen, wenn sie aufhören Muslime zu sein. Schon am aggressiven Ton ist das Ressentiment zu erkennen. Dabei geht es nicht um eine berechtigte kritische Haltung gegen einige muslimische Funktionäre, die politische Absichten verfolgen.

Wenn man die Doktorarbeit von Kelek zum Thema „Islam und Alltag“ mit ihrem aktuellen Buch vergleicht, sieht man den eklatanten Unterschied zwischen ihrem wissenschaftlichen Werk und ihren effekthascherischen Büchern. 2002 schrieb sie noch folgendes: „Ist die Annahme berechtigt, wonach die islamische Herkunftskultur der Migranten und die christlich-westliche Moderne des Einwanderungslandes kaum vereinbar sind? Ist die muslimische Religiosität ein Integrationshindernis? Die Ergebnisse dieser Untersuchung [...] erweisen Gegenteiliges. [...] Ihr Muslim-Sein ist nicht als traditionale Orientierung, sondern als Traditionsbewusstsein zu verstehen. [...] Es zeigt sich, dass ihr Muslim-Sein die Integrationsfähigkeit der Jugendlichen nicht hemmt, sondern als gelebtes Beispiel kulturellen Wandels fördern kann.“ Kurze Zeit später schwenkte sie in das andere Extrem um und verkaufte in ihrem Bestseller Die fremde Braut andere Wahrheiten.

In jüngster Zeit drängen zunehmend Autoren auf den Markt, die für sich in Anspruch nehmen, für die „schweigende Mehrheit“ der Muslime zu sprechen und sich für einen „zeitgemäßen Islam“ einzusetzen. Was zunächst begrüßenswert klingt, entpuppt sich mit ihrer Hau-den-Muslim-Argumentation als klischiert. Die aufgeklärten Damen und Herren haben keine Ahnung von der Lebenswirklichkeit der einfachen, gläubigen Muslime hier in Deutschland.

Wer sich diese Wirklichkeit anschaut, merkt schnell, dass sie keine selbst ernannten Fürsprecher brauchen, die sie angeblich von einer wie auch immer gearteten Unterjochung befreien wollen. Gerade die jungen Muslime, die hier geboren und aufgewachsen sind, leben bereits ein selbstbewusstes Leben und sehen sich als Deutsche, die sich kritisch mit der Tradition auseinandersetzen. Für sie bedeutet das aber nicht, ihre Religion als Ganzes über Bord zu werfen. Diese jungen und selbstbewussten Muslime sind Kelek ein Dorn im Auge; sie führen durch ihre bloße Existenz ihre Behauptungen und Diffamierungen ad absurdum. Deswegen beleidigt sie selbst junge, selbstbewusste Musliminnen, die sich sexy mit engen Jeans kleiden in ihrem Buch als „Islam-Bitches“. Geht es Frau Kelek also doch nicht um die „Befreiung der muslimischen Frau“?

Die Frage muss erlaubt sein, ob Necla Kelek nicht vielleicht selbst Takiyya betreibt. Um ihrer Kritik einen glaubwürdigen Anschein zu geben, bezeichnet sie sich zwar als kritische Muslimin. Andererseits stellt sie wesentliche Glaubensmerkmale des Islam, den Koran und den Propheten Muhammed so radikal in Frage, dass man sich als kritischer Leser fragt, ob Frau Kelek nicht selber ihre wahren Absichten verheimlicht? „Die ‚frohe Botschaft‘ des Christentums half mir, Zutrauen zu mir selbst zu fassen, Verantwortung für mich und andere zu übernehmen. Sie half mir, mich von dem ‚Wir‘ zu lösen und ein ‚Ich‘ zu werden.“ schrieb sie in ihrem Buch Die verlorenen Söhne.

Eren Güvercin ist ein verbandsunabhängiger, gläubiger Muslim, der als freier Journalist die Islamdebatte begleitet

Kommentare (91)

Gockeline 22.04.2010 | 12:56

Frau Kelek übertreibt,ja, wie alle die was verändern wollen.
Ja ,es gibt heute auch moderne Moslems.
Die soll es bestimmt auch nicht treffen,
sondern die unbelehrbaren Moslems.
Es geht bei den Christen nicht anders zu.
Die Bandbreite der Christen ist so rießengroß
wie bei den Moslems auch.
Wer hält gerne die erzkonservativen Christen aus?
Sie sind der große Hauptstrom und geben den Ton an,
wie beim Islam auch.

Querdenker 22.04.2010 | 14:19

Ein "modern denkender Muslim" ist ein Paradoxon und steht naturgemäß vor einer ganz persönlichen Zerreißprobe. Das ist genau das, was wir in Europa sehen, und was Necla Kelek beobachtet und beschreibt. Man kann nicht einer modernen, freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft ankommen wollen und gleichzeitig an einer 1500 Jahre alten Ideologie festhalten, die genau das Gegenteil davon postuliert. Wer intelligent ist, merkt irgendwann, daß man keinen Propheten braucht, um aus seinem Leben etwas zu machen. Man sollte dabei vor allem an sich selbst glauben.

zelotti 22.04.2010 | 15:51

Vielleicht liegt es an dem Mangel eines gesellschaftlichen Vertrages. Die Bevölkerung in unserem Lande hat ja nie dem zugestimmt, dass massenhaft der Islam eine Bedeutung in unserem Lande erlangen sollte. Religionsfreiheit stellt das dem Individuum anheim. Die Migranten die es gab aus Gründen der Arbeit, galten als Gastarbeiter. Nun hat sich das natürlich verändert und es gibt Konfliktlinien, weil Aufklärung, Abendland und Islam schwer vereinbar sind. Europa wurde immerhin mühsam gegen die Osmanen verteidigt, halb Spanien war unter muslimischer Herrschaft, erst in diesem Jahrhundert gelang es einen Judenstaat im Heiligen Land zu etablieren. Die Scharfmacherei der deutschen Rechten ist gegen Muslime ist heuchlerisch, weil die Rechten sie immerhin ins Land geholt haben und reaktionäre Traditionen bewundern.

Noch schlimmer finde ich aber den innerislamischen Zirkus mit Provokateuren wie Kelek. Aber, wenn es zu solchen Denkfiguren kommt, dann sind sie doch zu was gut: "Die Frage muss erlaubt sein, ob Necla Kelek nicht vielleicht selbst Takiyya betreibt. Um ihrer Kritik einen glaubwürdigen Anschein zu geben, bezeichnet sie sich zwar als kritische Muslimin. Andererseits stellt sie wesentliche Glaubensmerkmale des Islam, den Koran und den Propheten Muhammed so radikal in Frage, dass man sich als kritischer Leser fragt"

Irgendwer muss mal die Muslime mit Feuerbach verheiraten, dann wird es vielleicht noch etwas.

thinktankgirl 22.04.2010 | 15:54

Um ihrer Kritik einen glaubwürdigen Anschein zu geben, bezeichnet sie sich zwar als kritische Muslimin. Andererseits stellt sie wesentliche Glaubensmerkmale des Islam, den Koran und den Propheten Muhammed so radikal in Frage, dass man sich als kritischer Leser fragt, ob Frau Kelek nicht selber ihre wahren Absichten verheimlicht?

Aha, Frau Kelek fingiert Muslima zu sein, um ihrer Stimme Gewicht zu verleihen, impliziert Herr Güvecin in seiner Bemerkung, da sie zu kritisch mit dem Koran und Muhammed umgehe...
Sie betrieben eine „Abgrenzung von den Ungläubigen“ und wollten insgeheim die Scharia einführen. Das zeugt entweder von grober Unkenntnis der Lebenswirklichkeit der in Deutschland lebenden Muslime, oder aber Kelek versucht bewusst ein falsches Bild von der Lage zu vermitteln.
BTW, belegen Sie mal bitte, daß es keine Vereine gibt, die eine Abgrenzung von den Ungläubigen und die Einführung der Scharia gibt. Und was unterscheidet in diesem Fall Deutschland von England, wo das offen geschieht und auch islamische Schiedsgerichte offiziell eingerichtet wurden.

Sorry, das ist wieder der übliche Weichspülartikel, der jegliche Kritik unterbinden will.
Aber da unterscheidet sich der Islam in keinster Weise von den christlichen Kirchen.

mustermann 22.04.2010 | 16:30

O. g. Abu Bakr Rieger, Zitat aus dem Spiegel: "Wie die Türken haben wir Deutschen in der Geschichte schon oft für eine gute Sache gekämpft, obwohl ich zugeben muss, dass meine Großväter bei unserem gemeinsamen Hauptfeind nicht ganz gründlich waren." Aber Antisemit sei er nie gewesen und es täte ihm leid. Dies aber erst, nachdem ein Video auf youtube verröffentlicht wurde und Mr. Rieger seine Karriere in Gefahr sah. Goethe und Beethoven kommt bei den Deutschen echt besser an, da hat er schon recht.
"Die Lebenswirklichkeit der einfachen, gläubigen Muslime hier in Deutschland." scheint ja noch viel schlimmer zu sein, als ich befürchtet habe.

Peter.N10@gmx.de 22.04.2010 | 16:58

@ Monika+Mustermann,
in welchem Jahr leben sie eigentlich? Haben Sie Herrn Rieger jemals persönlich getroffen? Woher wissen Sie eigentlich, wer er ist? Haben Sie in den vergangenen 15 Jahren persönlich irgendetwas von ihm gelesen, gehört, gesehen? Offensichtlich nicht, denn sonst würden Sie nicht immer nur auf ein staubiges Video verweisen, von dem er sich längst glaubhaft distanziert hat. Ich bin ihm öfter mal begegnet – von „Kalifatsfantasien“ keine Spur! Auf mich wirkte er stets milde und nüchtern. Sie dagegen scheinen nicht zu bemerken, welch fatalem Muster der gezielten Hetzpropaganda Sie da aufsitzen: Aber Hauptsache immer im Brustton der klirrenden, totalen Empörung gegen „das Böse“, den „Unwert“ schlechthin. Kommt einem allzu bekannt vor. Die Titanic sinkt, da müssen Sündenbocke her - billiger machen wir's einfach nicht in Deutschland... ach, Mustermänner...

ManMüller 23.04.2010 | 17:24

Wieso diskutiert hier niemand die Inhalte des Beitrags? Stattdessen wird der Autor mit Leuten in Verbindung gebracht, die er vielleicht gar nicht kennt. Das ihr hier jemanden aufgrund von Google als Sektierer, Islamist oder sonst was abstempelt, ist sehr bezeichnend. Das erinnert mich sehr an die Stasi....

Wieso ist Kelek jeder Kritik erhaben? Ich finde es sehr richtig, dass der Autor hier einige Fragen stellt zur Intention von Frau Kelek. Auch wenn ich kein Moslem bin, finde ich die Herangehensweise von ihr sehr bedenklich.

thinktankgirl 23.04.2010 | 21:42

Vielleicht sollte der Autor mal auf mein Post antworten, in dem ich ihn fragte, wie er seine Behauptung stützen will
Den Verbänden und Moschee-Vereinen, in denen die Muslime organisiert sind, erklärt sie jedoch den Krieg. Der Grund: Sie betrieben eine „Abgrenzung von den Ungläubigen“ und wollten insgeheim die Scharia einführen. Das zeugt entweder von grober Unkenntnis der Lebenswirklichkeit der in Deutschland lebenden Muslime, oder aber Kelek versucht bewusst ein falsches Bild von der Lage zu vermitteln.

Ich kenne eine Menge Muslims und schaue mir auch mal islamische Webseiten an, und es gibt eben auch Gruppierungen, die nichts mit Ungläubigen zu tun haben und die Scharia einführen wollen. Ob das nun 1 oder 5 oder 10% der Muslims sind, weiß ich nicht. Aber zu behaupten, es gäbe sie nicht, ist Irreführung und macht mir den Autor suspekt.

thinktankgirl 23.04.2010 | 22:18

@ es geht darum, daß der Autor oben behauptet:

Das zeugt entweder von grober Unkenntnis der Lebenswirklichkeit der in Deutschland lebenden Muslime, oder aber Kelek versucht bewusst ein falsches Bild von der Lage zu vermitteln.

wenn Frau Kelek die Verbände und Moscheen, wegen Tendenzen zur Ausgrenzung von Ungläubigen und Einführung der Scharia kritisiert.

Wieso sagt er in seinem Artikel nicht, daß es eine kleine Minderheit gibt, die solche Ideen hat? Stattdessen bezichtigt er Frau Kelek, ein falsches Bild zu zeichnen.

Das macht ihn unglaubwürdig.

Columbus 24.04.2010 | 15:40

Lieber Herr Güvercin,

Tapfer und wahr geschrieben. Aber Frau Kelek und andere Kritiker argumentieren letztlich auf der Basis der "Überfremdungslehre" und des festen Glaubens an eher starre "kulturelle Identitäten". Sie glauben daran, dass in Deutschland entweder schon kulturell "kapituliert" wurde, so das reißerische Schlagwort, oder aber die Multikulturalisten und "Versteher", die "Gutmenschen" die Macht in Händen hielten. - Bei einer solchen sozialen Irrlehre schleichen sich schnell Stereotype und Dogmen ein, die man doch vorgeblich, im Namen der Freiheit und des Grundgesetzes, bekämpft.

Vielleicht ist das die bittere Wahrheit. Es gibt eine nicht unbeträchtliche Zahl von Intellektuellen und Medienkompetenten, die wollen die realen sozialen Probleme vor allem der jugendlichen Migranten in den Großstädten, lieber ursächlich auf die Religion zurück führen, obwohl dort, wo die Probleme am größten sind, weder Jesus-Christus aus der Bibel, noch Allah durch Muhammeds Niederschrift gehört oder gelesen werden.

Das hat Methode und hat einen Zweck. Am Ende soll der Islam als unvereinbar mit einer westlichen Kultur dargestellt werden. Unreformierbar, oder doch nur zum Preis der Selbstaufgabe und des Rückzugs ins Private ein wenig veränderlich.

Weltweit jedoch, besteht Hoffnung, dass nach einem historischen gemeinsamen Ursprung der Menschheit in Afrika, so etwas wie eine Weltgemeinschaft nicht nur denkbar, sondern jeden Tag mehr und real beobachtbar, notwendig wird. - Ich setze z.B. auf Menschen, die in jeder sozialen und kulturellen Hinsicht Mischehen, gemischte Partnerschaften und gemischte Familienstrukturen leben. Sie sind die Trendsetter, sie leben schon, was kommt.

Wenn die Globalisierung ein starkes positives Element hat, dann ist es das der notwendigen gegenseitigen Akzeptanz und Durchdringung. Manche Staaten im Westen sind schon weiter, Deutschland hinkt jedoch nach, auch weil so lange der Status des Einwanderlandes abgelehnt wurde.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Dybth 24.04.2010 | 20:31

@Prometheus

Sie haben zwar Einiges geschrieben, aber nicht viel gesagt. Beschaeftigen Sie sich doch mit den Thesen des Herrn Guvercin, anstatt mit seiner Person oder seiner angeblichen Affilitaet.

@thinkthank
Es ist doch laecherlich zu behaupten, weil er gewisse Randgruppen nicht erwaehnt hat, dass er dadurch unglaubwuerdig wird. Wenn man z.B. ueber Deutschland spricht, und von einer Demokratie redet, sagt man denn immer im gleichen Atemzug, dass es hier Gruppierungen gibt, die gerne wieder die NSDAP an der Macht haetten? Bestreiten Sie, dass es solche Gruppierungen in Deutschland nicht gibt?

Tankgirl, back to Think please.

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rahab 24.04.2010 | 21:10

@columbus

ich bekomme schon große augen, wenn ich so etwas lese:
"Wer eine Brückenfunktion zwischen den traditionellen Glaubensgrundlagen und der westlichen Gesellschaft einnehmem will, wird mit dem Begriff Takiyya gebrandmarkt. Das bedeutet: Verheimlichung der wahren Absichten (aus taktischen Gründen). Damit versucht die „Meisterin der unbelegten Behauptung“ (Hilal Sezgin) alle engagierten Muslime per se als Islamisten abzustempeln."

Hilal Sezgin als - beabsichtigte oder unbeabsichtigte - parteigängerin von Necla Kelek? die zudem "alle engagierten Muslime per se als Islamisten abstempelt"? - sorry,aber mir scheint, der herr Güvercin rührt und da einen leicht absonderlichen brei zusammen!

dazu, dass Necla Kelek publizistisch das glatte gegenteil zu thesen wie ergebnis ihrer doktorarbeit vorgelegt hat, siehe auch davo.uni-mainz.de/info/060429.htm

überhaupt kann ich zu Necla Kelek auf hibous Kelek-blog verweisen
(www.freitag.de/community/blogs/hibou/necla-kelek)
dort habe ich einiges an stimmen zu Necla Kelek zusammentragen.

aber ... um auf die frage des autors zurückzukommen: Necla Kelek betreibt nicht 'takiyya', sie betreibt essentialisierung!

Dybth 24.04.2010 | 21:52

@Columbus,

Nehmen wir an, eine 'Christentumkritikerin' in der arabischen Welt sagt in den Talkshows, ihren Artikeln und Buechern, dass sie eine glaeubige Katholikin ist, und es auch immer verteidigt. Nehmen wir weiterhin an, dass sie sich in ihren Buechern ueber Jesus am Kreuz laecherlich macht, seine Dreifaltigkeit in Frage stellt, Maria eine Hure nennt, den Papst nicht anerkennt, behauptet, dass das Christentum eine kriegerische Religion ist (denn Jesus hat ja gesagt, dass er nicht gekommen ist, um den Frieden zu bringen, sondern das Schwert). Dadurch waeren die Christen schon immer gewalttaetig gewesen. Ein Beispiel war ja auch Ihr Namensvetter Columbus, der Amerika entdeckt hat, und viele Eingeborene durch die Kolonialisierung zwangschristianisiert oder ausgerottet wurden. Denn der Akt der Kreuzigung waere ja schon gewalttaetig und es waere nicht verwunderlich, dass die glaeubigen Christen so gehaendelt haetten.

Weiterhin behauptet sie, dass das Christentum dumm macht. Als Beweis fuehrt sie auf, dass Christen bis zum Mittelalter in der Entwicklung hinter den Chinesen, Osmanen, Japanern, Arabern waren, und dass sie sich erst weiterentwickelt haben, nachdem sie durch die Aufklaerung das richtige Christentum abgelegt haetten. Aber eigentlich haetten sie das gewalttaetige nie so richtig abgelegt. Es steckt noch tief in ihnen. Sie betreiben die Kunst der Verstellung. Aber ab und zu kehren sie zum wahren Christentum zurueck, wie z.B. George W. Bush es gemacht hat, als er gesagt hat, that God has ordered him to invade Afghanistan and Iraq.

Wuerden Sie dann immer noch behaupten, dass diese Person keine 'Taqiyya', sondern Essentialisierung betreibt?

Dybth 24.04.2010 | 22:16

Rahab,

Jetzt verstehe ich, was Sie meinen. Und Sie moegen sogar recht haben. Simone de Beauvoir sagte bereits:
Ob es sich nun um eine Rasse, eine Kaste, eine Klasse, ein Geschlecht handelt, das zur Unterlegenheit verurteilt ist, immer ist das Verfahren der Rechtfertigung das gleiche. Das „ewig Weibliche“ spielt hier die gleiche Rolle wie die „schwarze Seele“ und der „jüdische Charakter

Mensch 25.04.2010 | 02:54

N. Kelek arbeitet subersiv und erfüllt die Funktion eines Kronzeugen wider die Muslime, auf deren Rücken sie, wie einige anderen auch, ihre Karriere zu machen weiss. Erst in dieser Rolle kann man es sich erlauben in der Gegend rum zu speien, wie sonst kaum andere. Aus dieser Warte steht man als der Menge gläubiger Muslime zugehörig im Diskurs ohnehin schlecht dar. Mina Ahadai, die angebliche Ex-Muslima, wird sicher vorher kaum bis nichts mit dem Islam zu tun gehabt haben, bedient dieses dieser Funktion einer Kronzeugin jedoch, weil sie um dessen Wirksamkeit weiss. Diese Form muss hinterfragt werden dürfen. Unangetastet wollen es meist jene haben, die sich öffentlich nicht erlauben wollen, dass zu machen, was N.Kelek betreibt.

Für eine solide, inhaltliche Kritik an Kelek siehe Prof. Birgit Rommelspacher: "Islamkritik und antimuslimische Positionen - am Beispiel von Necla Kelek und Seyran Ates", In Thorsten Schneiders: "Islamfeindlichkeit - Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen".

Allen Menschen sollte die Möglichkeit gegeben werden, sich zu bessern. Solange sie dies nicht tun, ist Kritik berechtigt und sinnvoll. Solange Kelek nicht den Hauch von Einsicht zeigt und weiterhin bei jedem Anlass gegen Muslime polemisiert (neuerdigns behauptete sie, es gäbe bei Muslimen Missbrauchfälle wie beim Zöllibat), bin ich dankbar sehr dankbar für solche Kritiken, die sich in der letzten Zeit erfreulicherweise mehren.

Omar 25.04.2010 | 10:52

Es ist erschreckend, wie einige hier die Publikationen von Necla Kelek entgegen sämtlicher Kritiken verteidigen, die sie der Lüge und der Ahnungslosigkeit überführt hatten. Von den behaupteten schwimmverweigernden türkischen Vätern (Kelek selbst legt das nur nahe und behauptet in TV-Interviews Zahlen, von denen sie selbst in einer "Studie" sagt, dass es sie nicht gibt) ist nach einer recht intensiven Recherche von Martin Spiewak (Zeit, 18.12.2006) nichts übrig. Auch in anderer Hinsicht (Vergleich ihrer datenbasisgleichen Doktorarbeit und darauffolgendem publikumswirksamen Buch) zeigt sich allerorts Opportunismus bei Frau Kelek. Und trotzdem glauben einige Menschen ihr huldigen zu müssen, denn sie spreche aus, was man hören möchte. Das sollte man nicht mehr wirklich ernst nehmen, wenn nicht so eine breite Bevölkerungs- und Politikerschicht sich gerade dieser Hochstaplerin und Ahnungslosen (ihr neustes Buch aber auch ein Interview mit Roger De Weck in der Sendung "Sternstunde Philosophie" von 2008 zeigen das sehr deutlich) ihre Informationen (und oftmals ihre Argumentationsstützen) abnehmen.

@thinktankgirl: "belegen Sie mal bitte, daß es keine Vereine gibt, die eine Abgrenzung von den Ungläubigen und die Einführung der Scharia gibt. Und was unterscheidet in diesem Fall Deutschland von England, wo das offen geschieht und auch islamische Schiedsgerichte offiziell eingerichtet wurden."

Grober ist nicht nur die Einforderung eines Beweises für die Nichtexistenz von irgendwas, sondern auch Ihr Beispiel Großbritanniens. Dort ist die Rechtmäßigkeit von Schiedsgerichten - säkulare, religiöse, parteiliche etc.. - grundsätzlich unter Einhaltung der Freiwilligkeit gegeben. Diese "Gerichte" haben keinen Anteil am offiziellen Staat und der Gewaltenteilung darin, können also keine "Urteile" durchsetzen, verhindern aber den massenhaften Zulauf auf die Zivilgerichte, die es in Deutschland bspw. gibt (auch wenn hier dann auch im Rahmen von Schiedsgerichten und Vergleichen NEBEN dem Gerichtsverfahren verfahren werden kann). Jedem steht aber gleichzeitig zu, ein ordentliches Gericht anzurufen und ein Gerichtsurteil einzufordern. Einführung der "Scharia"???

Alien59 25.04.2010 | 11:02

Zu der Situation in England muss man vielleicht auch noch ergänzen, dass schon viel länger es jüdische Gerichte gibt, die in etwa den gleichen Umfang an Rechtssachen für die jüdischen Gemeinden regeln. Es ist dort also auch eine Frage der Gleichbehandlung.

Ich frage mich ohnehin, ob es nicht in D auch jüdische Gerichte gibt - wie soll sich denn sonst ein gläubiger Jude scheiden lassen? Für Muslime ist das grad schwierig genug, und tatsächlich wäre vielen muslimischen Frauen besser geholfen, wenn es hier zu diesem Zweck gut besetzte Scharia-Gerichte gäbe, damit sie ihre Ansprüche auch durchsetzten kann. Vor einem deutschen Gericht Mahr einzuklagen, ist ein recht stressiges Verfahren, je nach Gerichtsstand.

thinktankgirl 25.04.2010 | 12:07

Gläubige Juden, gläubige Muslime und gläubige Christen können sich in Deutschland nach geltendem Recht scheiden lassen, wie alle anderen auch. Wenn sie dann noch den Wunsch haben, die Trennung gemäß ihrer Religion durchzuführen, dann ist das eine Privatangelegenheit. Keineswegs kann weltliches und religiösen Recht gleichgestellt werden.
Weshalb soll mit einem religiösen Gericht muslimischen Frauen besser geholfen sein?

thinktankgirl 25.04.2010 | 12:26

@dybth

Nehmen wir an, eine 'Christentumkritikerin' in der arabischen Welt sagt in den Talkshows, ihren Artikeln und Buechern, dass sie eine glaeubige Katholikin ist, und es auch immer verteidigt. Nehmen wir weiterhin an, dass sie sich in ihren Buechern ueber Jesus am Kreuz laecherlich macht, seine Dreifaltigkeit in Frage stellt, Maria eine Hure nennt, den Papst nicht anerkennt, behauptet, dass das Christentum eine kriegerische Religion ist (denn Jesus hat ja gesagt, dass er nicht gekommen ist, um den Frieden zu bringen, sondern das Schwert). Dadurch waeren die Christen schon immer gewalttaetig gewesen. Ein Beispiel war ja auch Ihr Namensvetter Columbus, der Amerika entdeckt hat, und viele Eingeborene durch die Kolonialisierung zwangschristianisiert oder ausgerottet wurden. Denn der Akt der Kreuzigung waere ja schon gewalttaetig und es waere nicht verwunderlich, dass die glaeubigen Christen so gehaendelt haetten.

Diese Dinge sind schon alle gesagt worden, auch von Christen ;-)
Z.B. war die Dreifaltigikeitslehre Gegenstand von Konzilen im Frühchristentum, da es für die Arianer (wenn ich mich erinnere) Polytheisimus darstellte.
Die Autorität des Papstes wurde schon oft angezweifelt, erst im 19. Jahrhundert hat er sich seine Unfehlbarkeit zugelegt, und es war, glaube ich, derselbe Papst der auch die unbefleckte Empfängnis Marias zum Kirchendogma machte.
Und das die Pfaffen alle falsch sind und geheime Interessen verfolgen, ist auch ein uralter Hut.

Es ist doch laecherlich zu behaupten, weil er gewisse Randgruppen nicht erwaehnt hat, dass er dadurch unglaubwuerdig wird. Wenn man z.B. ueber Deutschland spricht, und von einer Demokratie redet, sagt man denn immer im gleichen Atemzug, dass es hier Gruppierungen gibt, die gerne wieder die NSDAP an der Macht haetten? Bestreiten Sie, dass es solche Gruppierungen in Deutschland nicht gibt?

Nein, es ging darum, daß Güvecin die Behauptung Keleks, es gebe in bestimmten islamischen Kreisen Bestrebungen zur Abgrenzung von Andersgläubigen und zur Einführung der Scharia gebe, als grobe Unkenntnis oder bewußte Täuschung bezeichnet. Und da liegt seine Unglaubwürdigkeit. Denn es gibt diese Gruppierungen.
Wenn jemand nun behauptet, in D gebe es noch eine Menge Nazi-Gruppen, die die Demokratie abschaffen wollen, kann ich ohne Probleme antworten: ja, es gibt sie, allerdings weiß ich nicht, wieviele es sind. Und ich werde auch sagen, daß ich deren Meinung nicht teile. Ich werde diese Tatsache, doch nur leugnen, wenn ich etwas verbergen will.

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rahab 25.04.2010 | 12:28

ganz so einfach ist es nicht! eine gläubige jüdin aus ... sagen wir der gemeinde der Lubawitscher wird gut daran tun, sich beim rabbinatsgericht (und sei es das in Israel) eine 'git' (scheidebrief) zu holen. sie könnte sonst, wollte sie erneut heiraten ....sagen wir einen Lubawitscher ... das problem bekommen, dass sie als nicht ordnungsgemäß geschieden gilt - was auswirkungen auch noch auf das 'rückkehrrecht' ihrer kinder aus der zweiten (staatlich aber eben nicht 'religiös' ordnungsgemäßen) ehe hätte. alles schon dagewesen.
wie auch ganz weltlich der umgang mit ehe und was eine ist und was nicht und wie beachtlich oder auch nicht ein verlöbnis ist immer wieder - und sehr wechselhaft, willkürlich - praktischer ausdruck von politischem ordnungsdenken ist.

und auch sonst: die ehe als sakrament. katholiken können ein lied davon singen, wie 'privatsache' das ist. protestanten auch - spätestens dann, wenn es ans ehe-scheiden geht.

zu den rechten einer frau bei scheidung einer muslimisch geschlossenen ehe gibt es im übrigen auch urteile. das letzte, das durch die presse ging, war eines, in dem einem ehemann in tenor wie gründe geschrieben wurde, dass er im ehevertrag für den fall der scheidung vereinbarte zahlungen zu leisten habe. der hatte sich da nämlich ganz säkular gesinnt vor drücken wollen - so kann mann nämlich auch 'sparen', dachte er wohl.

thinktankgirl 25.04.2010 | 12:39

Auch der Islam ist organisiert, da die Gläubigen sich auf die Worte des Propheten und des Korans berufen. Wir haben, doch vor längerer Zeit über die Hijab-Pflicht gesprochen, die du als Pflicht sahest, die im Koran steht, und für alle Muslima bindend sei.
Organisierte Religion beginnt für mich damit, wenn es ein Gerüst an verbindlichen Regeln für die Gläubige gibt, die sie nicht übertreten sollen/dürfen.
Eben in Wikipedia gefunden:
Institution (v. lat. institutio = Einrichtung, Erziehung, Anleitung) ist in der Soziologie eine mit Handlungsrechten, Handlungspflichten oder normativer Geltung belegte soziale Wirklichkeit, durch die Gruppen und Gemeinschaften nach innen und nach außen hin verbindlich (geltend) wirken oder handeln.
Und das trifft auch auf den Islam zu.

Dybth 25.04.2010 | 13:30

@Tankgirl

Ich glaube, Sie haben meine Aussage nicht verstanden.

Wenn jemand solche Aussagen macht, aber immer noch behauptet, eine glaeubige Katholikin zu sein, als Katholikinexpertin bezeichnet wird, und sogar zu der Katholikenkonferenz eingeladen wird, sich sehr schmeichelnd ueber Muhammad und den Islam aeussert, ja sogar beide Religionen miteinander vergleicht, und immer die Lehren des Islams im Vergleich zum Christentum lobt..

Wuerden Sie die Behauptung, dass Sie eine glaeubige Katholikin ist, ernstnehmen? Ich wuerde ihr eher Opportunismus unterstellen. Und dass sie versucht, sich als Insider zu legitimieren, damit Sie als Expertin gehandelt wird, was sich dann ja auch in den Absatz-Zahlen ihrer Buecher zeigt.

Das ist nichts anderes als die Taqiyya, die sie selber predigt

dontyoubelievethehype.blogspot.com/2010/04/beherrscht-necla-kelek-die-kunst-der.html

thinktankgirl 25.04.2010 | 14:42

Ich kann damit leben, wenn ein gläubige/r KatholikIn, vielleicht auchTheologIn, beschlagen in der Religionsgeschichte, positiv über eine Schwesterreligion und deren Gründer spricht.
Sie, Dybth, aber nicht.
Religionen sind eben ausschliessend und fast jede meint die Wahrheit gepachtet zu haben, und will die Wahrheit der anderen nicht anerkennen.
Kritik ist unerwünscht, und vor allem nicht aus den eigenen Reihen. Hier wird Kadavergehorsam gefordert. Aber wie schon mehrmals gesagt, daß gilt auch für andere Religionen. Ich halte die christlichen Kirchen nicht für ehrlicher als den Islam.

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rahab 25.04.2010 | 15:30

na moment mal. ich weiß nämlich auch nicht, was der vorwurf der 'taqiyya' eigentlich soll. der besagt doch schließlich nichts anderes als dieses:
Kelek behaupte, eine 'richtige' muslima zu sein, sei aber garkeine 'richtige' sondern eine 'falsche', welche versuche, darüber zu täuschen.
also arbeitet auch dieser vorwurf letztlich mit essentialisierung, denn er beinhaltet ja, dass eine 'richtige' solche kritik wie Keleks nicht äußere, äußern könne.
oder sehe ich da was falsch?

Alien59 25.04.2010 | 15:46

ttg: das sind zwei Paar Schuhe. Ein zivilrechtliches Scheidungsurteil heißt für gläbige Muslime, Juden, Katholiken nicht, dass man nicht mehr verheiratet ist. Um also wieder heiraten zu können, braucht man ein entsprechendes Verfahren. Bei den Katholiken ist da die römische Rota zuständig - da es ja eigentlich keine Scheidung gibt, reicht das wohl aus.
Jüdische Communities - Rahab hilft mir da vielleicht mit Infos, ich weiß nicht, woher man jeweils den Scheidungsbrief bekommt. Muslimisch ist halt je nach Staatsangehörigkeit sehr kompliziert, je nachdem, ob wenigestens der Heimatstaat eine entsprechende Scheidung kennt (Türkei z.B. nicht). Jedenfalls ist es gerade für Muslimas wichtig, eine islamisch gültige Scheidung zu haben. Daher ist die Situation in GB derzeit schon recht erfreulich.

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rahab 25.04.2010 | 15:52

ttg
das ist, wenn ich es richtig verstehe, der vorwurf, welchen der autor (Güvercin) und auch Dybth ihr macht.
und das ist auch der grund, weshalb Güvercin in dem artikel Hilal Sezgin mit eingearbeitet hat.

im übrigen: ja, genau diese 'argumentationsschleife' ist das schibboleth jeglicher feministischer theologie. die einen erwischt es früher, wie Mary Daly, andere etwas später...

Fritz Teich 25.04.2010 | 16:21

Es geht ja nie um religioese Inhalte, allenfalls um Unterscheidungen, ansonsten um Politik, Einmischungen der "Eindringlinge" in Afghanistan, Irak, Palestina etc und darum, was Muslims, die nun mal die Masse der Bevoelkerung dort stellen, dagegen tun koennen. Wie Meister C. in seinem Buch fuer den kleinen Prinzen trefflich schreibt:


Der erste und wichtigste Grundsatz, den man zur Erreichung jener Zwecke sich vorsetzen muß, ist der: alle Kräfte, die uns gegeben sind, mit der höchsten Anstrengung aufzubieten. Jede Mäßigung, welche man hierin zeigt, ist ein Zurückbleiben hinter dem Ziele. Wäre auch der Erfolg an sich ziemlich wahrscheinlich, so ist es doch höchst unweise, nicht die höchste Anstrengung anzuwenden, um seiner ganz gewiß zu werden; denn diese Anstrengung kann nie einen nachteiligen Erfolg haben. Gesetzt, das Land würde dadurch noch so sehr gedrückt, so entsteht daraus kein Nachteil, denn der Druck wird um so schneller aufhören.
>>

Hier ist Religion sehr nuetzlich, ALLE machen es so, der Krieg wird gerecht genannt, man verteufelt den Gegner, gibt den Soldaten Pastoren und Priester mit, auch wenn die nicht so funktionieren, wie sie sollen (Mixa, Kaesmann), MEHR machen die Fundamentalisten auch nicht.

Fritz Teich 25.04.2010 | 16:37


zu den rechten einer frau bei scheidung einer muslimisch geschlossenen ehe
>>

Dazu gibts eine umfangreiche Kasuistik. In Radio Kuweit einmal zufaelligerweise eine laengere Sendung gehoert, die dialogisch aufgebaut war, der zweite Sprecher sagte allerdings immer nur: Oh, wie weise und gerecht. Ziemlich selbstbewusst. Es ging unter anderem um Zahlungen fuer den Fall, dass die Frau im Zeitpunkt der Schwangerschaft schwanger war. Das Kind gehoerte natuerlich dem Mann. Man muesste mehr ueber das System des Brautgeldes wissen, die Frau als Wirtschaftsgut, dann waere vieles vielleicht nachvollziehbarer. Wenn es um viel Geld geht, hoert Freiheit eben auf.

Querdenker 25.04.2010 | 18:47

"Ich setze z.B. auf Menschen, die in jeder sozialen und kulturellen Hinsicht Mischehen, gemischte Partnerschaften und gemischte Familienstrukturen leben. Sie sind die Trendsetter, sie leben schon, was kommt."

Von diesem "Mischland" sind dann aber praktisch alle Muslime, Hindus etc. aus religiös-kulturellen Gründen ausgeschlossen. Derzeit bietet auch nur die westliche Kultur die dafür notwendigen sozialen und kulturellen Voraussetzungen. Ich sehe da einen Widerspruch zu Aussagen wie: "Am Ende soll der Islam als unvereinbar mit einer westlichen Kultur dargestellt werden"

Sind Sie eigentlich auch Trendsetter?

Welche Staaten, glauben Sie, sind weiter als Deutschland?

Columbus 26.04.2010 | 20:20

Täuschung, und was hat es mit der Essentialisierung auf sich?

Von den prominenten Islamkritikern (m/w) wird auffällig häufig und mittlerweile notorisch das Argument vorgetragen, Muslime redeten in der Öffentlichkeit zwar davon, sie akzeptierten die Bedingungen des säkularen und demokratischen Staates, aber in Wahrheit strebten sie nach dem Gottesstaat. Mit diesem Verhalten folgten sie einer uralten Empfehlung, in den Regionen, in denen das "Haus des Islam" (der Islam als Träger des Staates und der Kultur) nicht herrsche, Anpassung vorzutäuschen, aber insgeheim am Heraufkommen einer anderen Staats- und Gesellschaftsordnung zu arbeiten. - Einmal abgesehen von den theologischen, sozialen und kulturellen Fehlinterpretationen die diesem Argument zugrunde liegen, hat es eine gewisse Popularität erlangt und wird gerne benutzt, wenn andere Argumente nicht mehr greifen.

Die zweite genutzte Schiene, wenn nichts mehr geht: Muslime könnten aus theologisch- kulturellen Gründen nicht kritisch (logisch, historisch) denken, seien also nicht zur Selbstaufklärung und Weiterentwicklung ihres Glaubens, vor allem nicht zu einer Anpassung an die westliche Zivilisation in der Lage. - Auch diese These steht auf sehr wackligen Füßen, denn mittlerweile gibt es von einem feministischen Islam, über die kritische Exegese des Korans, z.B. bei der neuen Ankaraer Theologen-Schule , bis zu, sich muslimisch nennenden, Mohammed-Leugnern , die nun auch noch die Existenz Jesu theologisch-historisch bestreiten, fast alles.

Aber trotzdem, oftmals sind gerade die unmöglichsten Thesen die allerpopulärsten, weil sie so schön "knallen" und das Hirn still legen.

Was hat es nun mit dem Essentialismus auf sich:

Religionen, gerade die monotheistischen Religionen, müssen ihre Schwesterreligionen, oder gar ältere Kulte und Göttervorstellungen nicht ausschließen (Gegenthese zu Thinktankgirl). - Wo das in großem Stile gelebt wird, dieses Nicht-Ausschließen, z.B. in Südamerika, in der Karibik, aber auch in Afrika, kann man die Realität anhand der Praxis nachvollziehen. Das gilt z.B. für die Praxis des Candomblé in Brasilien, die sich mit evangelikalen christlichen Strömungen, mit dem Katholizismus und sogar mit dem Islam durchaus leben und verbinden lässt.

Aber, alle Religionen entwickeln, meist von ihren theologischen Hierarchien getragen, Ausschließlichkeits- und Ausschließungskritierien. Sind die Hierarchien sehr stark und profitieren von solchen Regeln, oder ist die Religion gar Staatsreligion, dann verkünden sie mit Vorliebe unumgehbare Maximen.

Aber, das ist vielleicht die traurigste und bitterste , allerdings auch schon eine alte Erkenntnis (Dialektik der Aufklärung,1944), auch die scheinbar säkulare Welt der teilaufgeklärten, westlichen Demokratien, des Sozialismus, des Kommunismus, entwickelt solche Dogmen. Ein sehr beliebtes westliches Dogma ist das der "Individualität". Es ist zudem zunächst ein inhaltsleeres Dogma, was es besonders anfällig und gefährlich macht. In der verknappten Form, wie es z.B. hier von "Querdenker" (22.04.2010 um 12:19) vorgetragen wird, offenbart es die rationalen Sündenfälle einer "Scheinaufklärung":

"Wer intelligent ist, merkt irgendwann, daß man keinen Propheten braucht, um aus seinem Leben etwas zu machen. Man sollte dabei vor allem an sich selbst glauben."

Hier hilft nur Dekonstruktion weiter. Denn "Querdenker" offenbart, wer an einen Propheten glaubt, kann nicht intelligent sein. - Da hat er aber die Realität, also die Biologie und die statistische Wahrscheinlichkeit gegen sich.

Weiterhin verwechselt ein solches Denken,
"aus seinem Leben etwas machen", ein persönliches Motiv, mit einer religösen Grundhaltung. Religionen, selbst den animistischen Kulten, geht es nicht um das "Machen", selbst wenn das doch 1,5 Milliarden nominellen Christen und nominell 1,3 Milliarden Muslimen ebenso gelingt, wie den geschätzt drei-vierhundert Millionen Atheisten auf diesem Globus.

Am Ende gibt es dann noch einen Ratschlag: "Man sollte vor allem an sich selbst glauben." - Das kann aber sowohl heißen, fröne deinem Egoismus, als auch, sei ein selbstbewusster Jude, Katholik, Protestant, Muslim oder Atheist: "Say it loud, I´m muslim (...) and I´m proud. - James Brown verwendete ja nicht ohne Grund eine Gospel Phrase für diesen Song, der nur ein wenig anders geht.

Ein kleiner scherzhafter Exkurs: Dem schwäbischen Häuslebauer fällt auch immer nur ein, dem Rest der Republik anzuempfehlen, es doch genau so zu machen wie er und die Welt wäre in Ordnung, es herrschten Wohlfahrt und Widerspruchslosigkeit, ein Meer von "Häusles" überzöge die Erde. - Das Gegenteil ist aber der Fall, es wäre der Weltuntergang und das nur wegen der scheinrationalen Falle des "macht es doch so wie ich".

Würde nun diese Praxis in der Nußschale zum unangefochtenen Glaubenssatz der offenen und freien Gesellschaft, glücklicherweise gibt es andere Basiskonzepte, dann wäre das zwar ein säkular- essentialistisches Gesellschaftmodell, das weder Meister, noch Götter kennt, aber es wäre auch kein sehr lebenswerter gesellschaftlicher Ort. - Mir fällt gerade kein anderes Wort ein, aber in meinen Augen wäre es die Hölle auf Erden, in Kontinuität, absolut und ewig, bis zum Untergang.

Essentialistisches Denken wäre also eines, das sich selbst für so aufgeklärt und wissend hält, dass es "Wesenheiten" erkennen kann, die es absolut und verbindlich als gegeben voraus setzt. - Leider gibt es explizite und implizite essentialistische Denker zuhauf.
Die Dekonstruktion ist an sich einfach, weil man in den meisten Fällen den Essentialisten nur darauf aufmerksam machen muss, sich selbt einmal im Lichte seiner "Wesenheiten" zu beobachten. Also die Kritik auf die eigen Person und die eigenen Aussagen anzuwenden. Essentialisten lehnen das in aller Regel schnell und entschieden ab.

Der andere Weg, das ist der der offenen Gesellschaft, aber auch der des "Weltethos". Eine Utopie, aber eine mit positivem Ziel, deren Grundlagen, die "goldenen Regeln" der Moral und eine größere Akzeptanz des Fremden, trotz aller gegenteiliger Berichte, heute schon viele Milliarden Menschen bewusst oder vorbewusst leben.

Die monotheistischen Religionen haben damit übrigens weniger ein theologisches, als ein politisches Problem, denn Christen, Muslime und Juden erkennen sich theologisch an, verweisen sogar aufeinander und predigen in den besten theologischen Texten die Toleranz und Akzetanz gegenüber der je anderen Glaubensrichtung. - Auf dem Felde der Politik und der Gesellschaftordnung jedoch, arbeiten viele konfessionell bekennende, aber auch viele Atheisten und Nichts-Gläubige, an Ausschließungsformeln.

Grüße
Christoph Leusch

Michael Angele 27.04.2010 | 22:24

@Prometheus

Im Gegensatz zu Herrn Güvercin schreiben Sie hier unter Pseudonym. Also keine Ahnung, aus welcher Ecke diese unsäglichen Attacken gegen unseren Autor kommen. Ich fordere Sie nur ultimativ auf, diesen rufmörderischen Müll gegen Herrn Güvercin zu unterlassen. Sonst wird es ein Fall für die Rechtsabteilung, dafür garantiere ich ihnen, wer immer sie sind.
MfG
Dr. Michael Angele

thinktankgirl 28.04.2010 | 16:30

Auf Youtube ein Film mit einem jungen Abu Bakr Rieger:

www.youtube.com/watch?v=tNmiknnjPZ8

Grusswort von Andreas Abu Bakr Rieger:

# Herausgeber der Islamischen Zeitung (islamische-zeitung.de)
# Gründer des "Weimar Institut e.V. - Eine Initiative der Europäischen Muslime"
# Geschäftsführer des "Muslim Lawyers e.V."
# Stellvertretender Vorsitzender des Islamrats, der Mitglied des Koordinierungsrats der Muslime und Teilnehmer der Deutschen Islamkonferenz ist.

an die Anhaenger des „Kalifen von Koeln", Cemaleddin Kaplan. Rieger war damals etwa 27 Jahre alt. Anlass war die Jahresversammlung „Islamischer Bundesstaat Anatolien (A.F.I.D.)", 1993

„Wir sind eine Gruppe deutscher Muslime und freuen uns, dass wir hier von Euch tuerkischen Bruedern so freundlich aufgenommen wurden [...] wir haben heute hier sehr sehr viele Kaempfer gesehen, kuenftige Kaempfer fuer den Din vom Islam und das hat uns sehr viel Mut gemacht [...] wie die Tuerken, so haben auch wir Deutsche oft schon in der Geschichte fuer eine gute Sache gekaempft, obwohl ich zugeben muss, dass meine Grossvaeter bei unserem gemeinsamen Hauptfeind nicht ganz gruendlich waren". Er, Rieger, und seine deutschen Kameraden sehen nun ihre Hauptaufgabe darin, „den Islam in Deutschland stark zu machen", indem „wir Deutsche die Deutschen einladen zum Islam".

Die Informationen sind von der Deutsch Israelischen Gesellschaft - Arbeitsgemeinschaft Berlin: digberlin.de/SEITE/dantschke3.php

Andreas Abu Bakr Rieger distanziert sich von diesen aeusserungen nicht:
dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/306638/
"Islamismus und Antisemitismus in Deutschland", Deutschlandfunk, 24.09.2004

Er verteidigt auch den Kalif von Köln, Kaplan, gegen "Verleumdung".