Der Goethe-Freund

1953 In West-Berlin entsteht vor 60 Jahren die Urania. Zu den Gründern zählt Otto Henning, der sich schon unter Goebbels um „geistige Volkspflege“ verdient gemacht hat
Der Goethe-Freund
Ab 1963 führte Otto Henning die Urania im neuen Haus

Foto: AKG-images/dpa

Der Verein soll „geistige Volkspflege“ betreiben. So jedenfalls steht es 1954 in einer Denkschrift über den „Gründungs- und Organisationsplan für eine Deutsche Kultur-Gemeinschaft Urania“ in West-Berlin. Verfasser des Dokuments ist Dr. Otto Henning, ein Kulturfunktionär, der sich „geistiger Volkspflege“ sowohl in der Diktatur wie der Demokratie verschrieben hat. Dies geschah eine Zeit lang an der Seite von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels, aber stets unter Berufung auf Johann Wolfgang von Goethe. Die Karriere dieses Mannes ist bemerkenswert, aber keinesfalls untypisch und darf getrost als Beispiel für das gelten, was bis heute immer wieder gern tabuisiert wird: Die Kontinuität zwischen NS-Diktatur und bundesrepublikanischer Demokratie.

Der 1899 in Dillenburg geborene Henning arbeitet nach seinem mit einer Promotion abgeschlossenen Studium der Rechtswissenschaft zunächst als Vorsitzender des Goethe-Bundes in Gießen, dann als Mitarbeiter der „Berliner Gesellschaft für Volksbildung“. 1936 schließlich wird er – ein Jahr nach dem NSDAP-Beitritt – Mitarbeiter des Reichspropagandaministeriums am Berliner Wilhelmplatz. Henning steigt schnell zum Geschäftsführer und „Vortragsveranstalter“ in der Reichsschrifttumskammer auf, die ab 1933 als Abteilung des Propagandaministeriums die deutsche Literatur vor „volksschädlichen Einflüssen“ bewahren soll. Damit betraut, organisiert Henning Vorträge, die überall im Reich gehalten werden.

Weimarer Dichtertreffen

Dies macht er so gut, dass ihn Goebbels schon 1937, nur ein Jahr nach dem Eintritt ins Ministerium, mit der Leitung des neu geschaffenen „Vortragsamtes in der Reichsschrifttumsstelle beim Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ beauftragt. Seine Dankbarkeit für diesen Karrieresprung bringt Henning mit Worten zum Ausdruck, die zugleich als Wertschätzung des NS-Regimes verstanden werden sollen: „Dichtung, Schrifttum und Buch haben durch die nationalsozialistische Kulturführung eine andere, höhere Wertung erhalten.“ Die Ergebenheitsfloskeln werden umgehend honoriert. Henning darf fortan die „Weimarer Dichtertreffen“ organisieren, die das III. Reich ausrichtet. Das erste gibt es im Oktober 1938, natürlich nicht auf dem von Goethe so geliebten Ettersberg bei Weimar. Dort sind ein Jahr zuvor die ersten Häftlinge ins Konzentrationslager Buchenwald eingewiesen worden. Zum Tagungsort ist Hitlers Weimarer Lieblingshotel Elephant ausersehen. Das zweite Treffen dieser Art steht 1940 unter dem Motto Die Dichtung im Kampf des Reiches, um die sich immerhin über hundert deutsche Dichter verdient machen wollen, darunter auch einige, die nach 1945 stets behaupten werden, niemals dabei, sondern immer in der „inneren Emigration“ gewesen zu sein. Zum dritten Weimarer Dichtertreffen reisen im Oktober 1941 Schriftsteller aus 14 europäischen Ländern an, von denen einige bereits von der deutschen Wehrmacht erobert und besetzt sind.

Für diese Gäste gibt es eine Deutschland-Rundfahrt über Bonn, Frankfurt, Freiburg und München in das österreichische Anschlussgebiet, wo Städte wie Salzburg und Wien besucht werden. Den deutschen Kollegen wird gar eine „Dichterfahrt ins Kampfgebiet des Westens“ angeboten. Eine Idee von Otto Henning, der es sich nicht nehmen lässt, die deutschen Poeten in das eroberte Frankreich zu begleiten. Diese Reisenden sind so etwas wie die ersten „Embedded Poets“.

1945 haben sich diese Possen erledigt. Aus den vom nationalsozialistischen Regime zuweilen auf Rosen gebetteten, nicht emigrierten Autoren werden wieder arme und bedauernswerte Dichter, die über die „deutsche Katastrophe“ jammern und klagen. Otto Henning tut es ihnen gleich, wofür es ihm nicht an Zeit und Gelegenheit fehlt. Man hat ihn in der sowjetischen Besatzungszone festgenommen und zusammen mit weiteren Funktionären des untergegangenen Reiches in das ehemalige KZ Buchenwald gesperrt. Hier kann er sich seinem nach und neben Goebbels so geliebten Goethe wieder nahe fühlen. Henning bekundet dies, indem er 1949 zum 200. Geburtstag des Genius eine „Goethe-Stunde“ veranstaltet. Er tut dies wohl gemerkt als Insasse eines sowjetischen Speziallagers auf dem Gelände eines ehemaligen nationalsozialistischen Konzentrationslagers. Doch das ficht den „Goethe-Freund“ Henning nicht an. Für ihn gehört Buchenwald zum „heiligen Boden Weimars“.

1950 darf Henning diesen Boden verlassen. Das Speziallager wird geschlossen, dieser Gefangene aber nicht umgehend freigelassen, sondern vom damaligen Landgericht Chemnitz wegen „aktiver Verbreitung der Rassenlehre unter dem deutschen Volk“ zu zehn Jahren „Gefangenschaft, Sühnemaßnahmen und Vermögensentzug“ verurteilt. Ein hartes, ja drakonisches Urteil. Henning kommt in das für seinen übermäßig harten Strafvollzug bekannte Zuchthaus Waldheim, wird 1952 begnadigt und kann nach Berlin zurückkehren. Im Westteil der Stadt beginnt er sofort wieder mit dem, womit er 1945 aufgehört hat: Mit der Organisation eines Vortragsdienstes für die „geistige Volkspflege“

Wieder obenauf

Zu diesem Zweck und Ziel entwirft er einen „Gründungs- und Organisationsplan für eine Deutsche Kulturgemeinschaft Urania“. Darin ruft der Verfasser dazu auf, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Gemeint sind die Nazi-Diktatur, der im Namen Deutschlands entfesselte Zweite Weltkrieg – und die Atombomben der Amerikaner von 1945. All das, so der Autor, mache eine Neubesinnung erforderlich. Sie soll sich unbedingt dem Geist Goethes verpflichtet fühlen und neben den Natur- vor allem die Geisteswissenschaften erfassen. Henning findet für seinen Plan zahlreiche Gönner und Geldgeber aus Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein neuer Urania-Verein wird während der Gründungsversammlung am 19. November 1953 im Senatssitzungssaal der Technischen Universität Berlin aus der Taufe gehoben. Schließlich kann die neue Urania am 12. März 1954 mit einem feierlichen Festakt ihren Vortrags- sowie Veranstaltungsbetrieb aufnehmen und einen ersten Direktor vorweisen: Dr. Otto Henning, der dieses Amt bis zu seinem Tod im Jahr 1970 nicht mehr abgeben wird. Die von ihm geleitete Urania betreibt Volksbildung in der Frontstadt des Kalten Krieges. Und sie tut dies mit solchem Erfolg, dass Henning dafür vielfach geehrt wird.

Das mag verständlich sein. Nicht verständlich und mehr als fragwürdig ist hingegen, dass keiner in West-Berlin auf die Idee kam, in Hennings Wirken für das Dritte Reich an einem solch exponierten Ort wie dem Reichspropagandaministerium einen Makel zu sehen. Davon wollte man nichts wissen, das gehörte zur Vergangenheit, die man meinte, bewältigt und hinter sich zu haben. Erst 2003 erschien das erste und bisher auch einzige Buch über das Wirken des Volksbildners Dr. Otto Henning (Jörg-Peter Jatho, Dr. Otto Henning. Vom Gründer des Goethe-Bundes Gießen zum Leiter des Vortragsamtes in Berlin). Eine Aufklärungsschrift, die mehr oder minder totgeschwiegen wurde. Es erübrigt sich, darauf einzugehen, weshalb das geschah.

Die anhand der Karriere dieses deutschen Kulturfunktionärs erkennbare Eliten-Kontinuität zwischen nationalsozialistischer Diktatur und bundesrepublikanischer Demokratie schien stets nur einige wenige zu stören. Nach 1990 waren dann ohnehin die „Abwicklung“ der DDR-Kulturfunktionäre und die Bewältigung der „zweiten deutschen Diktatur“ wichtiger. Dieses Faktum kann man akzeptieren, muss es aber nicht billigen. Schließlich sind wir mit der Aufarbeitung der ersten deutschen Diktatur und des Übergangs zur bundesdeutschen Demokratie noch lange nicht fertig – zu viele Tabus und Grauzonen bestehen bis heute fort.

Wolfgang Wippermann schrieb zuletzt über den 1942 hingerichteten Widerstandskämpfer Rudolf von Scheliha

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 8/13 vom 21.02.20013

09:00 24.02.2013

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