Der Goldrausch und die vergessenen Frauen

GERICHTSREPORTAGE Der langjährige DDR-Sportchef Manfred Ewald wurde in einem Doping-Prozess zu einer Bewährungsstrafe verurteilt

Eine Frau mit breiten Schultern schimpft: »Wir sind benutzt, miss braucht und vergessen worden!« Dabei sieht sie hinüber zu dem schmächtigen Mann, der gerade aus dem Gerichtssaal kommt. Doch Manfred Ewald reagiert nicht auf die Empörung dieser ehemaligen DDR-Sportlerin. Der Grauhaarige mit exaktem Seitenscheitel trottet sanft lächelnd hinter seinem Anwalt her. Als habe er mit der Vergabe von männlichen Hormonen zur Leistungssteigerung nichts zu tun gehabt.

So war es oft in dem über zweimonatigen Prozess um das DDR-Doping gegen den langjährigen Sportchef Manfred Ewald und den mitangeklagten Sportmediziner Manfred Höppner. Beide bastelten federführend mit an einem Sportsystem, in dem die Individualität und der Schutz des Einzelnen den erwünschten Siegen geopfert wurden. Beide mussten sich nun wegen Beihilfe zur Körperverletzung an Sportlerinnen verantworten. Im Gerichtssaal saßen ihnen Opfer der Vergabe von muskelaufbauenden männlichen Hormonen gegenüber: Große Frauen mit breiten Schultern, Frauen mit ungewöhnlich tiefen Stimmen. Außerdem ein Mann, der zunächst vom Vorsitzenden Richter als »Nebenklägerin Andreas Krieger« angesprochen wurde. Ein Patzer, früher hieß Herr Krieger mit Vornamen Heidi und stieß 1986 bei den Europameisterschaften die Kugel weiter als alle Konkurrentinnen. Doch die vielen männlichen Hormone, die bei der jungen Frau die Muskeln wachsen ließen, forcierten ihre transsexuelle Veranlagung. Heidis Seele geriet in eine Schieflage, mit ihrem Körper konnte sie sich nicht mehr identifizieren. Vor drei Jahren hat sich Krieger zu einer Geschlechtsumwandlung entschlossen.

Eine tiefe Stimme, eine Vermännlichung durch verstärkte Körperbehaarung, Muskelkrämpfe oder Störungen des Hormonhaushaltes - diese Folgen traten bei vielen der 142 in der Anklageschrift aufgeführten Opfer nach der Einnahme der zumeist blauen Doping-Pillen auf. Als Zeuginnen vernommene frühere DDR-Athletinnen berichteten im Prozess aber auch von Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten, Kindern mit Behinderungen oder Tumoren, die aus ihrer Sicht mit dem Doping im Zusammenhang stehen könnten. Und immer wieder sprachen Zeuginnen von der Angst, dass da etwas Unberechenbares in ihrem Körper lauere.

Schon vor Beginn des wichtigsten Prozesses um das systematische Doping im DDR-Sport war klar, dass die Angeklagten keine hohen Strafen befürchten mussten. Nach anzuwendendem DDR-Recht standen maximale Haftstrafen von zwei Jahren im Raum. Die Nebenkläger wussten das. Ihre Erwartungen gingen in eine andere Richtung. Sie erhofften sich von Ewald ein Zeichen von Reue, Klarheit über das heimliche Doping, eine »ehrliche Entschuldigung«.

Oberstaatsanwalt Klaus-Heinrich Debes verlas über eine Stunde lang den Anklagesatz. Ewald habe sich trotz bekannter Nebenwirkungen immer wieder für die Vergabe von Anabolika eingesetzt, hieß es. Doping-Kritikern habe er bei einer internen Beratung 1985 sogar »Feigheit« vorgeworfen. Ein anderes Mal äußerte Ewald laut Anklage, hinsichtlich des Doping-Einsatzes sei »alles erlaubt«, entscheidend sei die erbrachte Leistung.

In Kurzform trug der Ankläger die 142 Fälle vor. Er nannte Namen, Geburtstage, Zeiträume der Verabreichung verbotener Hormonpräparate. Demnach waren einige der aufgelisteten Sportlerinnen erst elf oder zwölf Jahre alt, als sie das erste Mal von ihren Trainern die Doping-Mittel erhielten. Zumeist mit der Erklärung, es seien wichtige Vitamine.

Als die Anklageschrift verlesen wurde, saßen 19 der insgesamt 22 Nebenkläger den Angeklagten gegenüber. Sie suchten den Blickkontakt zu den Männern. Doch der 66-jährige Höppner schaute auf die Tischplatte vor sich, Ewald lächelte nur ab und zu.

Der 74-jährige Ewald, der 27 Jahre lang Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) der DDR war und dem Zentralkomitee der SED angehörte, gab vor Gericht nur kleine Erklärungen ab. Einmal murmelte er: »Ich weiß gar nicht, worum es hier geht.«

Ewald-Anwalt Frank Osterloh meinte sogar, sein Mandant sei verhandlungsunfähig und könne dem Verfahren »intellektuell nicht folgen«. Am Ende der Beweisaufnahme erklärte sich Ewald schließlich für unschuldig.

In Ewalds Ära gewann die DDR bei Olympia 197 Goldmedaillen, 178 silberne und 167 bronzene. Damit befand sich das kleine Land in den Dimensionen der Sportriesen USA und Sowjetunion. Siege, die die Überlegenheit des Sozialismus demonstrieren sollten.

Der Goldrausch hatte seinen Preis. Hartes Training auf der einen Seite, auf der anderen chemische Nachhilfe. Wissenschaftler experimentierten, um Leistungen zu steigern und trotzdem bei internationalen Doping-Kontrollen nicht aufzufallen. Im DDR-Sprachgebrauch war allerdings keine Rede von Doping. Das Präparat Oral-Turinabol - eine synthetische Nachbildung des männlichen Hormans Testosteron - wurde als »unterstützendes Mittel« bezeichnet.

Während Ewald zu all dem schwieg, sprach Manfred Höppner im Ermittlungsverfahren und auch im Prozess darüber. Er verteidigte zwar das System, er legte aber auch ein Geständnis ab. Es sei sein Ziel gewesen, »die als unvermeidbar gesehene Anwendung von unterstützenden Mitteln im Hochleistungstraining in geordnete Bahnen zu lenken«.

Und Höppner sagte: »Ich bin mir absolut sicher, dass sich bei der großen Mehrzahl der Sportler die sachgerechte Anwendung von Anabolika bewährt hat.« Die Gesundheit sei immer vor Goldmedaillen gegangen. Soweit er wusste, seien die Athleten stets darüber informiert gewesen, dass sie Anabolika erhielten.

Höppner leitete die 1974 gegründete »Arbeitsgruppe unterstützende Mittel«, sie war das zentrale Gremium für Doping-Fragen. Dort wurden die Richtlinien erarbeitet, die bis zur Wende Basis für den Anabolika-Einsatz im DDR-Hochleistungssport waren. Laut Anklage bestellte Höppner die verabreichten Doping-Mittel bei der Apotheke des DDR-Ministeriums für Gesundheit und verteilte die Präparate an die verschiedenen Sportverbände. Er war für die Umsetzung des staatlich gesteuerten Dopings zuständig.

Während Höppner seine siebenseitige Erklärung verlas, wurde es immer unruhiger auf der Bank der Nebenkläger. Er, der als »IM Technik« Berichte über das DDR-Doping bei der Staatssicherheit abgeliefert hatte, ließ sich aber nicht beirren. Die »unterstützenden Mittel« hätten die Sportler vor Gesundheitsschäden durch das harte Training geschützt, fuhr er fort. Schließlich sei doch weltweit bekannt, dass »Hochleistungssport kein Gesundheitssport ist«.

Insgesamt sei durch die kontrollierte Anabolika-Anwendung eine »unkontrollierte Selbstmedikation durch Sportler und Helfer« verhindert worden. Leider sei dabei nicht alles wie gewünscht verlaufen. Aber er, Höppner, sei Ende der achtziger Jahre sogar von Trainern als »Bremser« bezeichnet worden, weil er sich gegen den Einsatz von Wachstumshormonen gesträubt habe. »Ich bedauere zutiefst, dass es mir nicht gelungen ist, Unheil von allen Sportlern abzuwenden«, sagte Höppner am Ende seiner Erklärung und bat die Opfer, seine Entschuldigung anzunehmen.

Aber die Nebenkläger konnten ihm die Reue nicht abnehmen. Birgit Boese, Ex-Kugelstoßerin, empfand Höppners Worte als »Schlag ins Gesicht«. Sie sei schon als 13-jährige gedopt worden. »Ich habe zu keiner Zeit gewusst, was mir da gegeben wurde«, sagte sie.

Die Richter gaben den Opfern die Möglichkeit, vor Gericht als Zeuginnen auszusagen. Das war bislang in den wenigsten Prozessen um das Doping im DDR-Sport der Fall. Mehrere Verfahren gegen Trainer, Ärzte oder Funktionäre endeten nach einem äußerst kurzen Geständnis nach dem Motto »die Anklage trifft zu« schon nach einem halben Verhandlungstag. In der Regel erhielten die Angeklagten Geld- oder Bewährungsstrafen. Den Opfern, den Frauen mit zumeist kräftigem Körperbau und dem Mann, der früher einmal Heidi hieß, war anzumerken, wie schwer es ihnen fiel, in der Öffentlichkeit über intimste Dinge zu sprechen. Darüber, wie der Körper auf die »unterstützenden Mittel« reagierte.

Manche der Zeuginnen weinten. Viele hatten das Gefühl, erneut zum Opfer zu werden. Weil der Verteidiger von Höppner immer wieder fragte, ob sie denn wirklich nicht ahnten, was sie da erhielten. »Meinen Sie, ein junges Mädchen würde freiwillig männliche Sexualhormone nehmen?«, konterte eine der betroffenen Frauen und gab dem Anwalt auch gleich die Antwort: »Bei allem Ehrgeiz - niemals.« Mehrere Zeuginnen sagten, die fraglichen blauen Pillen seien ihnen gegenüber als »unterstützende Mittel«, nicht aber als Anabolika bezeichnet worden.

»Es hieß, damit sei das Krafttraining leichter zu ertragen«, sagte Brigitte Michel. Aber an Doping habe sie nicht gedacht, erklärte die Ex-Diskuswerferin. Durch die Mittel sei bei ihr die »natürliche Schmerzgrenze« verschoben worden, und sie habe sich durch das harte Training die Knochen kaputt gemacht. Wieder fiel der Satz: »Wir sind missbraucht und vergessen worden«. Die Opfer wissen, dass es keine gesundheitliche Wiedergutmachung geben kann. »Aber werden wir in Zukunft wieder vergessen?«, fragte Brigitte Michel vor laufender Kamera.

Eine frühere Weltklasse-Sprinterin wehrte sich schließlich lautstark gegen die Fragen des Höppner-Verteidigers und bekam von den anderen Nebenklägern Beifall. »Wir werden hier als unkritische Masse dargestellt«, sagte Ines Geipel. Sie und die anderen Betroffenen seien damals doch noch halbe Kinder gewesen. Begeisterte Sportlerinnen, die hart trainierten und ihren Trainern vertrauten.

Die Nebenkläger betonten, dass sie nur stellvertretend für womöglich 10.000 DDR-Sportler stehen, denen Hormonpräparate verabreicht wurden. Immerhin aber konnten sie dem Leid ein Gesicht geben. Nach dem Willen der meisten Opfer sollte gegen Ewald eine Gefängnisstrafe von drei Jahren verhängt werden, gegen Höppner eine von zweieinhalb Jahren. Anwälte der Nebenklage wollten eine Verurteilung der Angeklagten auch wegen schwerer Körperverletzung erreichen, blieben aber erfolglos.

Das Verfahren stand unter Zeitdruck. Auf Grund der Verjährung des so genannten mittelschweren DDR-Unrechts müssen die Gerichte bis zum 2. Oktober 2000 erstinstanzliche Urteile bei Doping-Vorwürfen gefällt haben. Sonst bleiben die Angeklagten straffrei. Zur Beschleunigung des Prozesses stellte das Gericht sogar 120 Fälle der Anklage ein. Es blieben nur die Vorwürfe, die die 22 Nebenkläger betrafen.

Nach zweimaliger Verschiebung des Urteils verkündete Richter Dirk Dickhaus dann die Entscheidung. Wegen Beihilfe zur Körperverletzung ergingen 22 Monate Haft auf Bewährung gegen Ewald, gegen Höppner 18 Monate auf Bewährung. Das Gericht blieb damit unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft, die jeweils zwei Jahre auf Bewährung verlangt hatte.

»Die Angeklagten rechneten mit schädigenden Nebenwirkungen und nahmen sie billigend in Kauf«, sagte Dickhaus. »Ewald war die treibende Kraft hinter Höppner.« Der Sportarzt wiederum habe die Konzeptionen für die Vergabe der blau gefärbten Hormon-Tabletten erstellt. Schon das Verabreichen von Anabolika sei Körperverletzung, die Mittel griffen erheblich in den Hormonhaushalt des Körpers ein.

Juristisch seien den Angeklagten nicht alle im Prozess geschilderten Schädigungen zuzurechnen, sagte der Richter weiter, Ewald und Höppner müssten sich aber moralisch die Frage stellen, ob nicht der Brustkrebs einer Sportlerin oder die Tatsache, dass eine andere Betroffene ein behindertes Kind geboren habe, auf die Vergabe von Dopingmitteln zurückzuführen sei.

Dem einst mächtigsten Mann im DDR-Sport hielt der Richter vor, er sei zum Teil mit »erbarmungsloser Härte« vorgegangen. Wichtig sei der sportliche Erfolg, aber nicht die Gesundheit der fast durchweg völlig ahnungslosen Sportlerinnen gewesen. Im »hohen Maße« seien die beiden Angeklagten verantwortlich für das Leid der Opfer.

In zwei der zuletzt noch 22 Fälle erfolgten jedoch Freisprüche. Der Grund: Diese beiden Sportlerinnen waren nicht in den so genannten Kaderklassen der Spitzenathleten, für die Höppner die Erarbeitung von Doping-Plänen gestanden hatte. Höppner bekam vor allem auf Grund seines Geständnisses eine mildere Strafe. Er habe mit seinen umfassenden Aussagen dafür gesorgt, dass es diesen und andere Prozesse wegen Dopings gab, hieß es im Urteil.

Der Richter sprach darüber, dass Höchstleistungen nicht alle Mittel heiligen - da war denn doch eine kleine Brücke gebaut zu dem insgesamt im Leistungssport bestehenden Doping-Problem. Das Gericht sei sich bewusst, dass damals wie heute der Einsatz von Anabolika nicht auf östliche Länder beschränkt gewesen sei. »Aber auch das Doping in westlichen Ländern entschuldigt die Angeklagten nicht.«

Höppner fand nach dem Urteil, der Richter habe »eine ordentliche Arbeit« gemacht. »Man muss auch verlieren können«, meinte der Sportarzt. Der schmächtige Ewald bahnte sich einen Weg durch ein Spalier von Kameras und Mikrophonen. Noch einmal stand er im Rampenlicht, noch einmal ging er wortlos an den Opfern vorbei.

Siehe dazu auch den Sportplatz in der aktuellen Ausgabe

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00:00 28.07.2000

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