Ludwig Watzal
20.08.2004 | 00:00

Der Goliath, der ein David war

Chronik des Wahnsinns Der israelische Historiker Moshe Zimmermann analysiert den Nahost-Konflikt

Der Nahost-Konflikt hat seine eigentlichen Wurzeln in Europa. Er wird durch die nicht definierten Grenzen Israels ins schier endlose verlängert, wodurch ein Staat "Palästina" keine endgültigen Konturen gewinnen kann, so einige provokanten Thesen des renommierten israelischen Historikers Moshe Zimmermann. Er gehört zu den besten Kennern deutscher und israelischer Geschichte und zählt zu den "politischen Professoren", die im Geiste der Aufklärung historische Mythen zerstören und sich ins politische Tagesgeschäft mit sachkundigen Kommentaren einmischen.

Aufgrund seiner Biographie zählt er zu den Grenzgängern zwischen Deutschland und Israel. Dieses Grenzgängertum bezieht sich nicht nur auf die beiden Länder, sondern auch auf die palästinensischen Mitbürger und die palästinensischen Nachbarn in den besetzten Gebieten. Zimmermann lehrt Neuere Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Seine provokante Haltung hat dem Autor zahlreiche politische Prozesse von rechtsextremen Siedlerverbänden und führenden Politikern der nationalistischen Rechten eingetragen, weil er ihnen eine faschistoide und NS-Gesinnung attestierte; bisher hat Zimmermann immer obsiegt.

Der Autor hat in diesem Taschenbuch seine Kommentare in drei Kapiteln zusammengefasst: "Blick auf Deutschland", "Festungsmentalität" und "Die El-Aqsa/Tempelberg-Intifada". Alle Beiträge wurden im Zeitraum von 1997 bis 2004 in israelischen, schweizerischen und deutschen Tageszeitungen veröffentlicht. Im ersten Kapitel blickt Zimmermann aus einer israelischen Perspektive auf Europa und Deutschland. Wenn die Goliath-Metapher überhaupt noch einen Sinn ergibt, so sein Fazit, dann nur aufgrund des weltweit wiederaufkeimenden Antisemitismus. Dessen Bekämpfung ist aber primär die Aufgabe des jeweiligen Landes und nicht Israels. Oder will Israel vielleicht mit Atomraketen den Antisemitismus bekämpfen? In dieser Falle verortet der Autor auch Israel. Festungsmentalität und Einigelung bestimmen das Verhalten der israelischen Regierung. Israel stehe keinem "formidablen Feind von damals" gegenüber, sondern agiere gegen einen schwachen und kleinen Kontrahenten in einem Konflikt gegenseitiger Missverständnisse, so der Autor. Im dritten Kapitel rückt Zimmermann die verheerenden Ergebnisse des verqueren Rollenspiels ins Bewusstsein der Leser. "Seit mehr als drei Jahren verfolgen wir die Chronik eines Wahnsinns." Zwei Davids befinden sich, verschärft seit dem 9. September 2001, im gegenseitigen Würgegriff.

Obgleich die Tagespolitik kommentierend, sind viele der Beiträge zeitlos und immer noch hoch aktuell. Für Zimmermann schadet die Besatzungspolitik nicht nur den Besetzten, sondern auch den Besatzern selber. Er sieht die israelische Gesellschaft in Gefahr, ihr kostbarstes Gut, nämlich seine demokratische Struktur, selber zu zerstören. Der Autor legt nicht die Haltung der Linkszionisten an den Tag, welche die Folgen der Besatzung immer nur in Bezug auf Israel beweinen und damit den Palästinensern indirekt die Schuld am israelischen Elend zuschieben. Diese Haltung gipfelt in der grotesken Aussage: "Was hat die Besatzung uns angetan." Nicht die Israelis sind aber die primär Leidtragenden der Besatzung, sondern die Palästinenser.

Zimmermann ist nicht nur ein exzellenter Historiker, sondern auch ein begnadeter Fußballspieler und kompetenter Kommentator der Bundesliga in Israel. Wöchentlich spielt er mit Kollegen auf dem Mount Scopus in Jerusalem selber Fußball. Folglich finden sich in diesem Sammelband auch zwei Kommentare zu diesem Sujet. Dass selbst diese harmlosen Beiträge im politisch-korrekten Klima Deutschlands Anstoß erregen, scheint kaum fassbar zu sein. Eine kleine Korrektur scheint im Fußballbeitrag Eine runde Geschichte angebracht: Deutschland und Israel haben bereits 1987 zum ersten Mal gegeneinander gespielt; aber dies ist nur eine Petitesse.

Israel ist für Zimmermann vom bewunderten David zum grausamen Goliath mutiert, was man in Deutschland partout nicht wahrhaben will. Die Israelis sehen sich zwar nach Zimmermann immer noch in der David-Rolle und weisen ihrem Gegner, den Palästinensern, die Goliath-Rolle zu, obwohl viele politische Beobachter längst die neuen Machtverhältnisse erkannt haben. Israels Versuch, kräftig wie Goliath zu sein und doch das Image eines David behalten zu wollen, nennt der Autor "kläglich". Sitzt nicht nur der Goliath in der Falle, sondern ist nicht auch er selber der Fallensteller? Vielleicht sollten sich die israelischen Politiker am Fußballspiel ein Beispiel nehmen: niemanden auszuschließen, fair play walten lassen, Regeln beachten; Sieg hin, Niederlage her. Auf diese naheliegende Logik scheinen sich die beiden alten Männer dieses Konfliktes, Sharon und Arafat, aber nicht einlassen zu wollen.

Moshe Zimmermann: Goliaths Falle. Israelis und Palästinenser im Würgegriff. Aufbau Taschenbuch, Berlin 2004, 192 S., 8,50 EUR