Der Gott der Bourgeoisie

Gnadenordnung Ton Veerkamps Buch "Der Gott der Liberalen"untersucht die Glaubensstruktur des Neoliberalismus

Aladin und die Wunderlampe - das ist der Ausgangspunkt, von dem aus Ton Veerkamp eine sehr gut lesbare und mitreißend geschriebene Kritik des Liberalismus liefert. Ausgehend von dem bekannten Märchen, untersucht er die modernen Aladins und ihre Geister - "das Heer arbeitsamer Menschen". Das Fazit der Parabel "Ohne dienstwillige Geister keine Aladins", zieht sich durch das Buch, das in drei Hauptkapiteln Die Epoche der Bourgeoisie, die Gegenbewegung und die Rechts- oder Gnadenordnung untersucht. Trotzdem geraten dem Autor hinsichtlich der "Dienstwilligkeit" die Geister, welche dem Autor aus dem Blick, da er nicht die Frage der eigenen Reproduktion des Kapitalismus stellt. So bleibt am Ende des Buches nur die Möglichkeit "den Gehorsam zu verweigern" - ein nutzloses Fazit für die heutigen Gegenbewegungen.

Veerkamp konzentriert sich auf Theorien, ohne die konkreten Menschen zu vergessen und formuliert eine Kritik an liberalen wie auch an neo-keynesianischen Theorien. Denn es sind die "Ausgeschlossenen" die Marx lediglich als vorrübergehende Erscheinung analysierte, die heute jedoch ein konstitutiver Bestandteil des Kapitalismus sind. Sie sind zu einem "trostlosen Leben ohne Würde" verdammt und schaden dem Kapital schon durch ihre Existenz. Damit dies nicht zu einem Problem wird, wird der Kapitalismus religiös verklärt.

Veerkamp deckt die verschiedenen Götter der Liberalen auf. So waren zwar Kapitalismus und Calvinismus zwei paar Stiefel; jedoch führte die Auffassung, es wäre eine Ehre für Gott und damit sein eigenes Heil zu arbeiten, zu einer "Verinnerlichung des kapitalistischen Grundverhältnisses von Kapital - Lohnarbeit". Es sind nun die besitzindividualistischen Bedingungen denen die Menschen als "Gott" vereinzelt gegenüberstehen. Er schreibt: "Der Mensch wurde als Einzelner ... auf den Arbeitsmarkt geworfen; so wurde er wirklich zu jenem ›Einzelnen vor Gott‹, den die Reformation predigte. Sie lehrte die Menschen, die reale Vereinzelung zunächst gottgewollt und dann als Eigenschaft ›der menschlichen Natur‹ zu akzeptieren."

Veerkamp analysiert die bürgerliche Revolution als widersprüchliche Bewegung in Richtung Emanzipation und universale Entwicklung von Freiheit und Gleichheit, andererseits als universale Herrschaft des Besitzes über die Besitzlosen. Es gelingt ihm aber nicht, diese Widersprüchlichkeit in die notwendige Frage zu transformieren wie sich der Kapitalismus denn selbst reproduziert. Seine düstere Prognose lautet: "Wir werden in den kommenden Jahrzehnten mehr an Staat erhalten, als uns lieb sein kann, eben Staat als Polizeistaat, den wenige wollen und durchsetzen." Hierdurch gerät der Gedanke des von ihm als Ideologen gescholtenen Joachim Hirsch aus dem Blick, der von einem "Totalitarismus der Mitte" spricht. Zwar ist es richtig und notwendig, das Religiöse an den Mythen des Kapitals aufzudecken, die sich tief in das heutige Bewusstsein eingegraben haben, aber mit reiner Aufklärung ist es nicht getan. In der hier vorgeführten Form macht es die politisch Aktiven nicht handlungsfähiger, da die Dichotomie von "schlechten" Liberalen und "guter" Gegenbewegung aufrecht erhalten wird. Die eigene Mit-TäterInnenschaft der Beherrschten bleibt bei Veerkamp ausgeblendet.

Neben dem Besitzindividualismus entlarvt er einen weiteren Gott: die "unsichtbare Hand" des Adam Smith. Da dies keine empirisch nachprüfbare Theorie ist, ist sie Theologie und fungiert als "Gott der Bourgeoisie". Das dazugehörige Glaubensbekenntnis ist für Veerkamp der Utilitarismus, der das menschliche Zusammenleben auf Selbstliebe und Eigennutz reduziert. Das erstrebte Himmelreich ist die Pareto-Optimalität - dass also jede Veränderung für alle Menschen Vorteile hat.

Als Zweck des Mythos Pareto-Optimum benennt er die Abwehr alter und neuer Verteilungsansprüche zur Schwächung des sozialen Gegners. Dieser Mythos ist Bestandteil aktueller Reformpolitik. Das Religiöse des Liberalismus wird deutlich, wenn die Marktgesetze, wie bei Hayek, als Naturgesetze dargestellt werden. Das Göttliche liegt dabei in der Unhinterfragbarkeit des Marktes. Denn was in der Ökonomie geschieht ist ebenso unerforschlich wie Gottes Wille. Daher liegt das Wesen des Liberalismus in einem bekennenden Irrationalismus. Die unpersönlichen Marktkräfte fungieren als "göttliche Instanz".

Wenn Veerkamp die Vokabel Gott verwendet, geht es ihm darum, die gesellschaftliche Funktion zu begreifen; es geht um die Herausarbeitung der apersonalen Religion der Liberalen, die wie alle Religionen Anpassung und Unterwerfung predigt. Seine These: "Die neue Weltreligion ist die vorbehaltlose Unterwerfung unter die Gesetze des Marktes." Hier gibt es keine Gesellschaft mehr, sondern nur Individuen. Sein abfälliger Kommentar: "Der Neoliberalismus ist keine Auseinandersetzung wert; man muss ihn bekämpfen und zwar so schonungslos, wie es irgend geht", geht an der Wirkungsmächtigkeit neoliberaler Gedanken im Alltagsbewusstsein nur leider vorbei.

Auch seine These, der Neoliberalismus sei die Freiheit ohne Behinderung seitens des Staates rücksichtslos Geschäfte zu machen, greift zu kurz, wodurch er der rot-grünen Artikulation des Neo-Liberalismus und der Re-Formulierung des Gerechtigkeitsbegriffs bei Tony Blairs spin-doctor Anthony Giddens nicht gerecht wird. Richtig ist Veerkamps Schlussfolgerung, dass "die neoliberale Abschaffung des Staates ... paradoxerweise genau das Gegenteil produzieren wird: den diktatorischen Staat", denn die Gesellschaft ist dabei in soziale Fragmente zu zerbrechen. Diese Ordnung nennt er eine Gnadenordnung, denn "wer arbeiten will, muss sich ›bewerben‹; ob er arbeiten kann, hängt von der positiven Antwort auf seine Bewerbung ab. Er kann diese Antwort weder erzwingen noch einklagen, er muss abwarten. Der kapitalistische Arbeitsmarkt ist die Grundsituation nicht einer Rechts-, sondern einer Gnadenordnung."

Veerkamps düsteres Fazit: "Die Politik sieht es also als ihre Aufgabe an, diejenigen, die Gnade erweisen können, sozusagen gnädiger zu stimmen ("Angebotspolitik") und den armen Sündern ihre Hauptsünde ("Anspruchsdenken") auszutreiben beziehungsweise sie etwas weniger sündig ("anspruchsvoll") zu machen, damit sie als Sünder gnädig angenommen werden. Dieser Gott der Liberalen bestimmt in unserer Gesellschaft frei darüber, wer arbeiten darf und wer nicht. Das Gnadenstatut unserer kapitalistischen Gesellschaft zeigt eine religiöse Struktur." Auf populärwissenschaftliche Weise gelingt es Veerkamp, das Religiöse (neo-)liberaler Politik deutlich hervorzuheben. Um der Resignation des Autors zu entkommen und die religiöse Gnädigkeit zu überwinden, wird allerdings einer kraftvollen Gegenbewegung bedürfen.

Ton Veerkamp: Der Gott der Liberalen. Argument, Hamburg 2005, 309 S.; 14,90 EUR


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00:00 09.06.2006

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