Der Grad der unvollständigen Definition

Sportplatz Kolumne

Poker kennt man aus dem Kino. Man kennt Cincinnati Kid (1965) mit Steve McQueen oder Der Clou (1973) mit Robert Redford und Paul Newman. Aber wer kennt Rounders? Matt Damon mimt in dem Pokerfilm von 1998 einen Spieler, der sich durch die übliche Dramaturgie anfänglicher Niederlagen (Geld weg, Freundin weg, Freund in Not) bis zum vorhersehbaren Finalsieg wurstelt. Er tut dies zwar in halblegalen Clubs, aber mit legalen Mitteln, das heißt, er ist kein Falschspieler - im Gegensatz zu seinem Partner (Edward Norton). In Pokerkreisen als Kultfilm gehandelt, blieb Rounders von der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, er lief hier gar nicht erst im Kino. Zu gering war offensichtlich das Interesse am Stoff. Das hat sich geändert. Die vermehrte Nutzung von Spiel-Portalen im Internet und die Übertragung von Turnieren im Sportfernsehen hat zu einem Poker-Boom geführt, im Zuge dessen Rounders aus der Versenkung geholt, synchronisiert und in Videotheken gut platziert wurde. Das hat eine alte Kontroverse wieder belebt: Handelt es sich bei Poker um reines Glückspiel oder sportliche Meisterschaft?

Es gibt nicht wenig Leute, die hartnäckig darauf beharren, Poker habe rein gar nichts mit Betrügerei oder bloßem Zufall gemein. Im Gegenteil, das Spiel erfordere Geschicklichkeit; basale Fähigkeiten wie rationale Urteilskraft, ein gutes mathematisches Verständnis und Menschenkenntnis würden geschult. Den Nachweis zu erbringen, dass Poker kein Glücksspiel ist - dafür kämpfen derzeit einige enthusiastische Pokerfreunde. Sie gründeten eine Vereinigung (Pokerroom Berlin GmbH) mit dem Ziel, das in Deutschland unter Paragraph 284 gesetzlich verankerte Verbot der Gründung von Clubs aufzuheben oder zumindest einzuschränken. Als letzter Trumpf wird die Veranlassung eines gerichtlichen Gutachtens angestrebt, das die Einordnung des Spiels unter den Paragraphen ausschließen soll. Das Gutachten soll zeigen, dass sich ein hoher Anteil an Spielzügen durch Wahrscheinlichkeitsrechnung bestimmen ließe. In Österreich, Großbritannien oder Holland ist Poker erlaubt. Ausgenommen von der strengen Regel in Deutschland sind nur einige große Spielbanken; die Internetzocker befinden sich in einer rechtlichen Grauzone, da die Server der Websites im Ausland stehen.

Das Klischee vom Poker sieht im Kino so aus: Grobschlächtige Banditen-Brüder verschanzen sich mit Whiskeyflaschen in verrauchten Hinterzimmern. Gegen dieses nicht mehr zeitgemäße "Schmuddelimage" wollen die Pokerfreunde vorgehen. Der Grad der unvollständigen Information (das heißt: der Zufallsfaktor), der höher ist als beim Skat, werde von wahren Könnern durch Strategie, Mathematik und Psychologie minimiert, kann man auf der Website von Matthias Wahls nachlesen. Wahls sorgte kürzlich für Aufsehen mit seinem Wechsel vom Schach, wo er zu den Top 50 zählte, zum Poker. "Die Schönheit des Pokerns rührt von seinem wissenschaftlichen Kern", insofern stehe es dem Schach in nichts nach. Darüber kann man geteilter Meinung sein.

Gegen die Glücksspiel-These spricht, dass Erfahrung nur über eine jahrelange intensive Beschäftigung mit dem Gegenstand zu erwerben ist. Aus diesem Grund wird sich ein kompetenter Spieler so gut wie immer gegen einen unbedarften durchsetzen, mag der Anfänger noch so viel Glück haben. Das hört man auch aus dem Lager der professionellen Pokerspieler. Der Umstand, dass sich jedes Jahr die gleichen Spieler im Weltmeisterschaftsfinale gegenüberstehen, zeigt, dass es unmöglich ist, über längere Zeit nur mit Glück zu gewinnen. Die Ausnahme bestätigt die Regel: Im Jahr 2003 gewann ein bis dato gänzlich unbekannter Mann mit dem bezeichnenden Namen Chris Moneymaker den Titel. Er hatte sich über eine Reihe von niedrig dotierten Internet-Tournieren für die Endrunde qualifiziert. Ursprünglich betrug sein Einsatz angeblich 40 Dollar, am Ende nahm er als Sieger 2,5 Millionen mit nach Hause. Seitdem träumen viele kleine Angestellte vom großen Sieg. Im Prinzip kann tatsächlich jeder an der Weltmeisterschaft teilnehmen. Vorausgesetzt, man kann die Startsumme von 10.000 Dollar aufbringen.

Gespielt wird bei den Turnieren die derzeit beliebteste Variante - das Texas Hold´em. Das Spezielle an ihr ist, dass jeder Spieler nur zwei verdeckte Karten erhält und fünf andere für alle offen sichtbar auf dem Tisch liegen. Bei der Spielart des Five Card Draw dagegen, wie man sie aus Westernfilmen kennt, wurde völlig verdeckt gespielt. Außerdem gibt es beim Texas Hold´em vier Wettrunden, beim Five Card Draw waren es nur zwei, was den Einfluss des einzelnen Teilnehmers auf das Spiel erhöht.

Der große Reiz des Poker liegt im Bluffen. Ein guter Spieler kann die eigenen Chancen im Spiel, wenn nicht immer errechnen, so doch an dem Verhalten des Gegners ablesen. Im Grunde geht es "um eine Kraftprobe auf psychologischer Ebene, man will dem Gegner seinen Willen aufzwingen", sagt Rainer Gottlieb von Pokerroom. Frauen seien mit ihrer weiblichen Intuition den Männern dabei oft überlegen. Anders als im Kino ist Poker keine reine Männersache mehr.


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00:00 10.02.2006

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