Der Griff nach den Eiern

Kommentar Hackordnung und Protestkultur

Die Ehre, mit Eiern beworfen zu werden, wurde letzte Woche dem Kanzler in Wittenberge und Finsterwalde, diese Woche seinem Rivalen, Oskar Lafontaine in Leipzig zuteil. Ja, Sie haben richtig gelesen: Mit den Eiern des weiblichen Geschlechts in Berührung zu kommen - seien es Hühner- oder Fraueneier, der Dotter ist vergleichbar -, ist eine der höchsten Auszeichnungen, die es gibt. Doch wenn diese Sicht Ihrem Weltbild widerspricht, versuchen Sie es anders herum, beantworten Sie die uralte Frage: Was ist zuerst, die Henne oder das Ei? Wunderbar, Sie haben es erraten, es ist der Hahn. Ein Weltbild, zwei Sichtweisen, ein Hof voll gackernder Hühner oder "Weiber" und ein Gockel auf dem Mist, der entweder vögelt oder Hahnenkämpfe ausficht. Damit haben Sie alles zusammen, was als Kontext für die politische Sprache der Eier erforderlich ist. Es fehlt nur noch die Hackordnung, die sich in dem ausspricht, was der Kanzler über seinen Rivalen verlauten ließ, als dieser am Montag unter Tausenden gegen ihn demonstrierte, denn "jeder", so sagte der Kanzler, "hat das Recht, sich selbst zu diskreditieren".

Jeder ist gemeint, der unter Tausenden in 190 Städten der BRD gegen seine Diskreditierung demonstrierte. Allen wird von der Spitze der Hackordnung aus das "Recht" auf Selbstentwertung zugesprochen, durch das die hart gesottenen Reformen am Arbeitsmarkt, genannt "Hartz IV", sich legitimieren. Dass das Volk aus der Perspektive des Gockels auf dem Mist ein "weiblich" qualifiziertes Federvieh ist, sollte der Kanzler durch die Eier dieses Viehs hautnah spüren, die ihm mit dem Ruf "Das Volk sind wir! Weg mit Hartz IV!", keineswegs hart gesotten, entgegen geschleudert wurden. Doch er begriff die Ehre nicht, die ihm zuteil geworden wäre, hätte ihr goldener Dotter ihn geschmückt. Stattdessen verhielt er sich, als sei die Schande des Lebens aller über ihn gekommen. "Anschlagsangst" titelten die Medien, er selbst sprach von der "Zerstörung der politischen Kultur", da Eier aus deutschen Landen keine Argumente seien: "Das ist es, was wir in diesem Land nicht haben wollen".

Wie? Sollen durch die Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen, die nach den "Eierattacken" vorgenommen wurden, sämtliche Eier ausgerottet werden? Der Kanzler vergisst nicht nur, dass er selbst Eier hat, sondern er vergisst auch das Sprichwort, "wer Eier will, darf die Hühner nicht braten". Er muss seine Sichtweise also revidieren, weil die Hackordnung des Hahn-Henne-Modells auf Eierraub basiert. Dass dabei die Bestohlenen die Schande der sie Bestehlenden auf sich zu nehmen haben, ist klar, da der Eierraub unbemerkt bleiben, da er sich vollziehen soll, als ob "nichts" genommen worden sei. Fehlt doch was? Dann machen Sie doch von ihrem "Recht" auf Selbstentwertung Gebrauch! Kommen Sie Ihrer Pflicht zur Selbstausbeutung nach, dann fehlt ihnen nichts. Die Eierwürfe spiegeln zurück, dass dieser Griff nach den Eiern begriffen ist.


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00:00 03.09.2004

Ausgabe 39/2020

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