Der Griff nach der Hand Gottes

WM Sie leben in L. A. Sie sind zornig und traurig. Sie tragen Shirts von Independiente oder Santos. Die US-Latinos sind die Seele des Fußballs
Der Griff nach der Hand Gottes
Fans von Club Atlético Independiente

Foto: Leo La Valle/ AFP/ Getty Images

Kürzlich in Los Angeles: Junge Latinos streifen ziellos durch die Straßen des größten Mietkasernenbezirks der USA, Rampart District – das sind rund 150.000 Menschen im Radius von einer Meile. Die Zornigen gleichen Junkies: nervös, verschwitzt und fußballverrückt. Die Jüngsten tragen ihre Haare schulterlang, die Älteren sind kahl geschoren. Einige geben ihr letztes Geld für Panini-Sticker aus, andere plündern noch schnell ein Fernsehgeschäft, und während LAPD-Cops die Gegend absuchen, jonglieren sie bereits ganz unschuldig einen zerrupften Lederball, machen dabei komische Körperfinten, lässige Sambaschritte, den Fuß auf den Ball legen, rechts antäuschen, links antäuschen. Dann kommt irgendwann der Zorn zurück, und das Spiel geht wieder los.

In L. A. gibt es etwa 1.500 Straßengangs mit circa 200.000 Mitgliedern. Sie haben Namen wie Clika Los Primos, 18th Street, Big Top Locos oder Krazy Ass Mexicans. Viele Gangmitglieder tragen Hemden der Teams von südamerikanischen Fußballmannschaften: River Plate, Independiente, Santos, Newell’s Old Boys, Fluminense, die Liste ist lang. Von den europäischen Teams sind die Hemden von Bayern München besonders angesagt – auch wegen BMW; was für bekiffte Gangster so viel heißt wie Bob Marley and the Wailers. Marihuana gilt neben Fußball unter den Zornigen als die beliebteste Droge. Im Zentrum stehen die südamerikanischen Klassiker. Die Wildheit der eigenen Existenz wird erst bei der Übertragung der Spiele zwischen River Plate und Boca Juniors, Millonarios und Santa Fe, Peñarol und Nacional Montevideo, Racing und Independiente, Flamengo und Corinthians, Colo-Colo und CF Universidad de Chile oder Club América und Chivas neu definiert. Jeder dieser südamerikanischen Clásicos gibt der hoffnungslosen Existenz einen Sinn.

Im Rampart District

Und jetzt kommt also die WM! Eine WM, begleitet von Aufständen und brennenden Stadien – wegen korrupter Politiker, stagnierender Wirtschaft und zorniger Jungs. Die Untergangsszenarien der letzten Wochen, die sich am „brasilianischen Elend“ delektieren, lassen sich kaum toppen. Es sind europäische Szenarien. Es ist eine europäische Angst. Vielleicht läuft auf dem amerikanischen Kontinent ja alles ganz anders ab. Vielleicht läuft es so wie vergangene Woche im Rampart District, bekannt aus Filmen wie Training Day oder Heat, bekannt auch wegen der höchsten Mordrate der USA, eine Gegend zwischen Little Honduras, Little El Salvador, Koreatown und zwei Millionen Mexikanern im Herzen von L.A. Hier belagern seit einigen Wochen Heerscharen von zornigen Männern die Parkplätze des erfolgreichsten Fußballgeschäfts von Amerika: Niky’s Sport, ein Familienbetrieb. Über einen riesigen Großbildschirm flimmern legendäre Aufwärmspiele. Gerade laufen Bilder der WM 1986: Von links kommt Hans-Peter Briegel, „deutscher Panzergrenadier mit schlaff sitzenden Stulpen“, und überrennt den mexikanischen Stürmerstar Hugo Sánchez …

„Hijo de su puta madre!“, brüllt ein Ballonverkäufer, ein Raunen geht durch die Menge auf dem Parkplatz. Etwa 100 Taglöhner, Heimatlose, Typen der mächtigen 18th Street Gang, Verkäufer von gefälschten Green Cards, Sweatshop-Arbeiter haben sich vor dem Bildschirm versammelt, einige stützen sich auf Einkaufswagen, andere sind hinter Mülltonnen hervorgekrochen, als ob sie zu einer Erweckungsmesse gerufen worden wären. Es sind meist illegal eingewanderte Arbeiter, gefangen in einem undurchdringlichen Netz von Kleinstausbeutung. Die meisten partizipieren an einer postmodernen Form von Schuldknechtschaft, verkaufen Orangen, billige Kleider, sammeln Aluminiumdosen, um ihre Schulden bei den coyotes – den Schlepperorganisationen – zu begleichen.

Die Menschen vor dem Großbildschirm kauen jetzt auf ihren Fingernägeln, die Chicanos fluchen über die gnadenlosen Deutschen, beim Penaltyschießen fließen immer noch Tränen, einige lachen peinlich berührt. Thomas Berthold kassiert die rote Karte, das Spiel ist 28 Jahre alt, jeder weiß, wie es ausgegangen ist: schlecht für Mexiko, glücklich für Deutschland, Sieg im Elfmeterschießen.

Das Resultat ist den Leuten egal, irgendwas anderes bewegt sie. Vielleicht das Gefühl, dass man aus der verdammten Niederlage nichts gelernt hat. Der Pessimismus ist grenzenlos. Mexikaner glauben an gar nichts mehr, nicht an Mexiko, nicht an Andrés Guardado (Bayer Leverkusen), Javier „Chicharito“ Hernández (Manchester United) oder Giovani dos Santos (Villareal). Honduraner äußern sich grundsätzlich nicht zu Honduras, obwohl sie sich große Chancen gegen die Schweiz ausrechnen. Kolumbianer glauben nicht an Kolumbien ohne Falcao, obwohl es da noch James Rodríguez (AS Monaco) und Jackson Martínez (FC Porto) gibt. Egal. Und Chile? Der Überheilige heißt Alexis Sánchez (Barcelona), und das Mittelfeld muss vom Liebling der locos, von Arturo Vidal (Juventus Turin), getragen werden. Ecuador hat bloß eine einzige Hoffnung namens Antonio Valencia (Manchester United). An Uruguay glaubt hier auch niemand, trotz der Superstars Luis Suárez (Liverpool) und Edinson Cavani (Paris Saint-Germain). Costa Rica und Joel Campbell von Olympiakos kennt hier keiner. Ach so, der US-Nationalelf mit Jürgen Klinsmann gibt hier niemand eine Chance. Und über Brasilien und Argentinien will keiner reden, als ob bei Falschaussage die Todesstrafe drohte. „Zu hoch sind die Erwartungen“, traut sich jetzt ein 12-Jähriger in einem Arsenal-Hemd nach vorn. Zu schwach sei das brasilianische Mittelfeld mit Luiz Gustavo, Paulinho und Fernandinho. Zu schwach die argentinische Abwehr mit Javier Mascherano und Martín Demichelis. Ein Sicherheitsrisiko. Aber was ist mit der argentinischen Offensivpower? Und mit Neymar? Schweigen.

Eine Revolution anzetteln?

Das Ansehen des deutschen Teams ist dagegen ungetrübt. Die Deutschen kommen ins Finale, klar! Auch an Spanien glauben alle. Als ob eine Zeitlosigkeit das lateinamerikanische Fußballherz beherrscht wie der quälende Anblick einer alten spanischen Mission. Die Sehnsucht Fußball nagt im Inneren von Verlierern. Sie sind nicht wirklich stolz auf ihre Nationalmannschaften, aber sie sind stolz auf zornige Fußballer, die das Land immer wieder hervorbringt, und den Kleinkrieg, den sie gegen die böse Welt anzetteln können.

Fußball bildet hier nicht eine mehr oder weniger mittelständische Gegenwelt zum durchorganisierten deutschen Arbeits- und Familienleben. Das Spiel dauert hier auch nicht einfach 90 Minuten, und der Ball ist selten wirklich rund. Diese zornigen Jungen auf dem Parkplatz des Rampart District wollen Wahnsinnsfußball sehen. Fußball ist für diese Leute eine Möglichkeit, mit dem Elend und Entsetzen umzugehen. Europäischer Fußball wirkt dagegen ohne Trost, seine Oberflächlichkeit und Effizienz verweigern den Ernst der großen, metaphysischen Fragen nach der wahren Liebe, nach der eigenen Herkunft und einem sicheren Platz auf dieser Welt.

Zornige Jungs möchten eigentlich immer Fußball spielen, Tausende konkurrieren im Zentrum von Los Angeles an Straßenecken um Tagelöhnerjobs und kleinste Fußballfelder. Mit gnadenloser Effizienz führt das LAPD seine Razzien durch, beschlagnahmt oder zerstört ihre armselige Ware, gittert Bolzplätze mit Stacheldraht ein, während ihre Schwestern von der Einwanderungspolizei deportiert werden. Aber deswegen eine Revoution anzetteln?

Sprechen wir von Südamerika selbst. Im südamerikanischen Fußball existiert der professionelle Schutzwall, den Spieler und Vereine anderswo aufgezogen haben, noch nicht: das Ausschließen der zornigen Jungs, die stadionfreundliche „Nettigkeit“, die endlosen VIP-Sektoren. Die billigsten Tribünenplätze kosten in südamerikanischen Erstligaklubs durchschnittlich fünf Euro, bloß ein Drittel aller Teams verfügt über elektronische Anzeigetafeln, und die Quintessenz des Lebens mit Fußball heißt hier noch immer: Das Leben ist schön!

Fangewalt ist in Südamerika ein argentinisches Problem und hat sich dort zu einer folkloristischen Touristenattraktion gewandelt. In keinem anderen Land werden mehr Feuerwaffen bei Fußballspielen konfisziert. In Mexiko oder Brasilien dagegen ist tödliche Gewalt zwischen Fans selten, das Hooligansystem funktioniert außerhalb Argentiniens kaum. Zu sehr werden zum Beispiel mexikanische oder kolumbianische Fans vom Siegestaumel betäubt, zu tief sitzt die Trauer in der Niederlage. Es ist eine Volkstrauer mit Herzblut, die zwar auch mal einen Verteidiger wie den Kolumbianer Andrés Escobar, der 1994 ein Eigentor verschuldete, das Leben kostet. Aber eine Revolution?

Ein zorniger Junge, der gerade noch in einem ausgebrannten Dodge Dart geschlafen hat, steht jetzt in einem blau-weißen Vélez-Sársfield-Hemd vor dem Großbildschirm. Die grelle kalifornische Mittagssonne macht das Sehen schwer. Es ist ein trügerischer Effekt, es existieren kaum Kontraste, und die Augen werden wässrig, weil man besser sehen will, als man kann, und weil man nicht glauben will, was sich da auf dem grünen Rasen abspielt. Fußball wirkt hier wirklich wie die Liebe oder besser: wie die Zigarette danach. Macht wässrige Augen und betäubt.

„Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie das Spiel ausgeht“, sagte Sepp Herberger. Soziales Elend ist ein solches Spiel – mit offenem Ausgang. Nie ist die Solidarität unter den Menschen im Moloch Los Angeles größer als während einer Fußball-WM. Während der WM 2010 in Südafrika fanden sich in der Grünanlage „MacArthur Park“ mehr als 100.000 Menschen täglich vor Großbildleinwänden ein. Inmitten eines Heers von Obdachlosen. Das Betteln und Schnorren wurde einfach ausgesetzt. Das elende Dasein wird erträglicher, wenn eine Fußball-WM anläuft. Niemand wird hier weinen, sollte Mexiko früh ausscheiden. Und eine Revolution wird in Brasilien genauso wenig ausbrechen wie im viel schlimmer gebeutelten Mexiko, als es 1986 die WM ausrichtete.

Alle wurden damals seltsam friedlich, sagt jetzt der Vater eines zornigen Jungen nach der Niederlage gegen Deutschland. Es wurde still im Land. Wie bei einem Trauermarsch. Mit der Trauer können sie sich anfreunden. Es ist eine Trauer, die dich die Hand deines Vaters suchen lässt. Irgendwo ist immer eine Hand. Manche reden hier noch immer von der Hand Gottes.

Tom Kummer lebt in Los Angeles

06:00 12.06.2014
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