Der grobe Unterschied

Hart Braune Trends zwingen die Metal-Szene zur Klärung ihres Selbstverständnisses

"Ich bin kein Rassist, ich hasse alle", schreibt ein Menschenfeind namens "Frostrune" in einem Blog, in dem über die Haltung zum nationalsozialistischen Black Metal, kurz NSBM, diskutiert wird. Ein anderer ergänzt: "Black Metal ist absolut asozial, nicht national." Diese Begründungen ideologischer Unvereinbarkeit klingen gleichermaßen verblüffend wie einleuchtend: Misanthropie verträgt sich nicht mit Volksgemeinschaft und der extreme Individualismus des Black Metal nicht mit Politik. Die einen begründen so ihre Ablehnung der braunen Tendenzen in der Subkultur, andere verweigern mit der gleichen Haltung jede Auseinandersetzung: Was per definitionem unpolitisch sei, entziehe sich auch einer politischen Kritik und müsse als individueller Ausdruck toleriert werden.

NSBM ist eine Strömung im Black Metal. Bekannt geworden ist sie durch Auswüchse wie die Aufsehen erregenden Kirchenbrandstiftungen und Morde im Zusammenhang mit der norwegischen Gruppe Burzum und der deutschen Gruppe Absurd, die beide dem NSBM zugeordnet werden. Nur wenige Bands bekennen sich offen zum Nationalsozialismus und zu politischen Ambitionen, zur Szene gehört vielmehr eine "äußerst breite Grauzone", schreibt Bastian Voigtländer im Online-Magazin Metal.de. Die Grenzen seien oft unklar. Für Szenegänger wie für Außenstehende sei es gleichermaßen schwierig, die Motivation zu erkennen, die hinter Symbolen und Texten steht.

"Nationalsozialistische Anleihen und Provokationen sind in der Szene inzwischen völlig normal geworden", meint einer der Organisatoren des jährlichen PartySan-Open-Air-Festivals im thüringischen Bad Berka, der sich Mieze nennt. Es ist das größte von den kleinen Metal-Festivals mit etwa 8.000 Gästen. "Noch vor fünf Jahren haben wir gesagt, wir wollen mit Politik nichts zu tun haben", meint er. Lange sei er von einem gemeinsamen Wissen, von gemeinsamen Grundeinstellungen in der Szene ausgegangen. "Das ist nicht mehr so. Wir müssen uns positionieren, und wir müssen aufklären, um nicht von rechts überrannt zu werden." Auf der Homepage des Festivals zerschlägt eine Faust die Schwarze Sonne, das in der Metal-Szene wie bei Neonazis beliebte Runen-Symbol aus der SS-Kultstätte Wewelsburg.

Black Metal gilt als härteste Spielart des Heavy Metal. Seine Philosophie besteht in radikalem Individualismus vermischt mit beißender Kritik an der Massen- und Konsumgesellschaft, an Christentum und Kirche. Man spielt mit Blasphemie und Satanismus, provoziert mit allem, was die Gesellschaft vordergründig für böse hält. Wo der Heavy Metal mit Ironie und Zynismus spielt, versteht der Black Metal alles ernst. Zerstörung und Düsterkeit werden kultiviert und auf der Suche nach absoluter Authentizität ins Extrem getrieben. Die typische Black-Metal-Inszenierung ist martialisch. Mit effektvoller Körperbemalung wandeln Untote auf den Bühnen, gutturales Röhren wechselt mit schrillem Kreischen zu harten Beats.

In den Texten des Black Metal, die meist schwer zu verstehen sind, drückt sich gesellschaftliche Entfremdung entweder als melancholischer Nihilismus aus oder als Menschenverachtung mit rebellischem, anti-bürgerlichem Gestus. "Ich bin so voll des schönen Menschenhasses", heißt es bei der Band Minas Morgul. "Ihr hässlichen Kreaturen/Was soll man anderes mit euch tun,/als euch die Schädel zu zerschlagen./Ihr siecht dahin in eurer Welt, Gesellschaft ist,/was euch geprägt, verdient den Hass, den ich euch/gebe, ich schneide weg das nutzlose Fleisch,/weil es dies ist, wonach ich strebe. Eine Reise ins Ich,/hin zum Killerinstinkt."

Aus dem Hass auf das Christentum und die vermeintliche Dekadenz der Gesellschaft wird bei vielen Bands ein elitäres, anti-humanistisches Bekenntnis. Das ist versetzt mit einer sozialdarwinistischen Verherrlichung männlicher Stärke, die ihre Sinnbilder häufig im "nordisch"-heidnischen Götterhimmel sucht. Bei der Gruppe Black Messiah hört sich das so an: "Mein Hass, mein Ekel, meine Wut/gilt nur der schwachen Christenbrut./Christenfeind, so heiße Schwert,/deren Leben hat kein Wert./Verteidiger des alten Glauben,/sollst Du sein, ihr Leben rauben./Gleiches taten sie mit mir,/ihr Blut, ihr Leben holen wir."

Er hasse Nazis, erklärt Zagan, der Geiger der Band, im Interview mit dem Magazin Bloodchamber. "Es ist eine Frechheit, Symbole alter Kulturen oder Religionen für einen solchen Scheiß zu missbrauchen wie Faschismus oder Nationalsozialismus. Meines Erachtens gibt es nichts was schlimmer ist, als jemanden aufgrund seiner Abstammung zu verfolgen."

Wie nah sich aber die Welten sind, zeigt die etwas schärfere Variation des Themas bei der NSBM-Band Totenburg, die in ihrem Album Winterschlacht ein Stück der Nazi-Rockband Landser mit nur leichten Veränderungen covert: "Wir wollen euren Jesus nicht, das alte Christenschwein./Denn zu Kreuze kriechen, kann nichts für Germanen sein./Walvater Wotan soll unser Herrgott sein./Ein Blitz aus Donars Hammer schlägt in der Kirche ein./Nun fleh zu deinem Judengott. Er hört dich nicht, du Christenschwein."

Black Messiah und einige Stücke von Totenburg gehören zum Pagan-Metal. Mit Pagan, dem Heiden-Metal, kommt ein romantisierendes Element in den Black Metal: Der verklärende Rückbezug auf ein "germanisches" Heidentum rückt ins Zentrum, völkisch unterlegt als ein von den Ahnen durch das Blut übereignetes Wissen, als authentischer, naturnaher Glaube im Gegensatz zum fremdländischen, Natur zerstörenden Christentum.

Musikalisch dominiert im Pagan-Metal klarer Gesang, es gibt Folkelemente, und statt martialischer Gesichtsbemalung beherrschen vorwiegend historische Outfits die Präsentationen. Die Gruppe Menhir tritt zum Beispiel in merowingerzeitlichen Trachten auf. In den Texten geht es um das "Erbe der Ahnen", Bekenntnisse zu Heidentum und Patriotismus: "Erst die Verknüpfung des mythologischen Aspekts mit der Natur und der Heimat ist die Vollendung", wie Bandleader Heiko im Interview erklärt. Im Lied Einherjer (Gotteskrieger) geht es um alle, "die für ihre Heimat in die Schlacht zogen und ihr Leben ließen".

Mit der Verbreitung des neugermanischen Heidentums im Pagan-Metal, aber auch in anderen Subkulturen wie dem Gothic und Neofolk, erfährt die Normalisierung rechtsextremer Symbolik einen Schub. Die Irminsul, die mythologische Weltenesche, ist sowohl Logo der "Artgemeinschaft" von NPD-Anwalt Jürgen Rieger als auch Schmuckstück oder Tattoo bei gewöhnlichen Szenegängern. Runen, Schwarze Sonne, Keltenkreuze und Thorshämmer sind schon lange keine sicheren Erkennungszeichen mehr für rechte Gesinnung, "Odin statt Jesus"–"T-Hemden" haben die NPD-Merchandising-Stände verlassen und sind Bestandteil einer sich unpolitisch wähnenden jugendlichen Subkultur geworden. Aus dem politischen Kontext gelöst könnten die Symbole und Slogans eine neue Aneignung, eine Umdeutung erfahren. Die Schnittmengen bei den Denkfiguren und Wertvorstellungen in den Szenen sind aber so groß, dass sie eher ein Scharnier ins extrem rechte Milieu bilden.

Ein gutes Beispiel für diese Normalisierung und ihre Konsequenzen ist der Nordahlversand, den man auf diversen Festivals mit einem Stand findet. Im Online-Angebot bietet er neben "T-Hemden für Recken und Maiden" mit Schriftzügen wie "Artglaube", "Freiheit Germanien", "Mein Blut für Thor" und "Odin statt Jesus" in diversen Ausführungen, völkische Esoterik aus dem Arun-Verlag sowie Literatur aus rechtsextremen Verlagen wie "Grabert" und "Volk in Bewegung" an. Darunter finden sich auch aggressiv-antisemitische Titel wie Die grausame Bibel des Holocaust-Leugners Erich Glagau. Die Versandbeschreibungen passen zum Sortiment. Zum Titel Freund Hein, einem Nachdruck aus dem SS-eigenen Nordland-Verlag, lesen wir, er vermittle Einsichten, "wie wir die Stimme der Ahnen zu hören vermögen, wenn wir nicht fremder Abstammung sind".

In diesem Jahr veranstaltete der Nordahlversand auf mehreren Festivals eine Tombola für die Stiftung der Deutschen Kinderkrebshilfe. So im März beim Ragnarök-Festival im rheinland-pfälzischen Lichtenfels. Dieses jährliche Pagan-Metal-Festival hat durchschnittlich 4.000 Gäste. Nachdem die Presse mehrfach kritisch berichtet hat, versucht der Veranstalter inzwischen, fragwürdige Bands aus dem Programm und rechte Kameraden und Utensilien aus dem Publikum fernzuhalten. Die Tombola für die Kinderkrebshilfe gibt dem Ganzen einen ungewohnt bürgerlichen Touch: In der Ankündigung für 2009 findet man auf der Webseite des Festivals das Maskottchen der Stiftung, Prinz Maari, über die Irminsul und den Thorshammer des Nordahlversand-Logos montiert. Offensichtlich scheinen die Versandartikel in der Szene inzwischen so verbreitet zu sein, dass sie nicht als extrem rechts auffallen oder deren Promotion billigend in Kauf genommen wird. Die Deutsche Kinderkrebshilfe überprüft derzeit die Überlassung des Logos.

In Internetforen wie MySpace und LastFM mehren sich in letzter Zeit Piktogramme und Logos von Szeneangehörigen mit eindeutigen Botschaften wie "Pagans against Fascism/ Nationalism" oder "Metalfans against Nazis". Im letzten Jahr kam ein erster internationaler Black-Metal-Sampler Against NSBM – Back to the burning roots bei Euronydead Records als Teil der Kampagne "Stop the Madness of NSBM" heraus. Wohl auch als Reaktion auf diese Distanzierungsbemühungen kann man neuerdings auf der Webseite der Paganfront, einem internationalen Zusammenschluss von 26 Bands mit eindeutig politischen Ambitionen eine verblüffende Veränderung feststellen. Hatte sich die Paganfront zuvor noch als "The Hammer of National Socialist Black Metal" und "stolze arische Bruderschaft" bezeichnet, so findet man nun keinen derartigen Hinweis mehr. .

Dass hier ein Gesinnungswandel stattgefunden hat, ist kaum anzunehmen. Die Paganfront sei ein Zusammenschluss von Heiden, denen es darum gehe, Politik gegen die "sinnfreie Spaßkultur" zu setzen, heißt es in einem Interview mit der Paganfront, das auf ihrer Webseite dokumentiert ist. "Musik ist hervorragend geeignet, um bestimmte Gefühle beim Hörer zu erzeugen. Auf diese Weise ist er empfänglich für jene Botschaften, die (...) in Form von Liedtexten (...) an ihn herangetragen werden." Mitglieder der Paganfront sind nach wie vor alte Bekannte des NSBM, wie die griechische Gruppe "Der Stürmer".

"NSBM ist nicht nur eine neue Szenebewegung", schreibt Bastian Voigtländer auf Metal.de, "NSBM ist gleichzeitig ein Zwang zur Introspektive, eine Herausforderung. Denn vieles, was NSBM an der Oberfläche als "extrem" und "menschenverachtend" auszeichnet, ist in leicht abgewandelter und oft identischer Form ein ganz "natürlicher" und bis dato nicht in Frage gestellter Bestandteil des Black Metal."

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