Der größte Spielplatz der Welt

Tal der Träumer Warum die Silicon-Valley-Gemeinschaft auf dem Burning Man-Festival mitten in der Wüste etwas anderes feiert als die Berliner Anti-Bourgeoisie auf der Fusion
Manuel Ebert | Ausgabe 39/2016 1

Sämtliche Einwohner der Kleinstadt Black Rock City haben sich in deren Zentrum versammelt. Sie schreien, trinken, verlangen den Feuertod eines Unschuldigen. Jedes Jahr wiederholt sich der ketzerische Akt. Doch wenige Tage nach dem Opferritual verschwindet die Stadt spurlos und lässt nichts als flaches Ödland zurück.

„Burning Man“ ist ein Festival von fast mythologischem Status; der „Mann“, der jährlich in effigie verbrannt wird, ist eine 20 Meter hohe Holzskulptur. Von allen Kontinenten reisen die 70.000 Einwohner Black Rock Citys an, um eine Staubwüste eine Woche lang in Nevadas drittgrößte Stadt zu verwandeln. Für San Francisco ist das wie eine Klassenfahrt; von dort pilgern jedes Jahr Tausende in die Wüste, die sie liebevoll „Playa“ nennen.

Ich sitze in einem Zelt, höre mir einen Vortrag von Daniel an: Wie könnte man mit Bitcoin das Postwesen dezentralisieren? Draußen steht ein älterer Herr mit einem brennenden Zylinder auf dem Kopf und verteilt Stöcke und Marshmallows an Kinder und Kindgebliebene, die im Kreis um ihn herumstehen und über seinem Kopf grillen. Zum Vortrag kommen ein paar Zuhörer zu spät, weil sie etwas mehr Zeit als geplant nebenan im „Orgydome“ verbracht haben. Doch mit dem Wochenendkommunismus der Berliner Anti-Bourgeoisie beim Fusion-Festival hat all das nur oberflächlich zu tun, was wohl am Austragungsort liegt: die Wüste begünstigt menschliches Überleben kaum mehr als ein Marskrater an besonders schlechten Tagen; ihr alkalihaltiger Boden führt zu trockenen Füßen und schmerzhaften Hautrissen. Die häufigen Sandstürme verursachen Nasenbluten. Und Dehydration, Erfrieren sowie vierstöckige Häuser ohne Wände oder ein gewaltiges Trebuchet, das brennende Klaviere durch die Wüste katapultiert, sind nur einige der vielen Faktoren, die es durchaus ermöglichen, dass man diesen Ort nur noch in einem schwarzen Plastiksack verlässt. Die Ticket-Rückseite weist in Großbuchstaben unmissverständlich darauf hin, dass DU HIER STERBEN KÖNNTEST.

Teil des Rituals ist, sich darüber zu beschweren, dass Burning Man von einer neureichen Tech-Elite überrannt wird. Wenn „Burner“ aber nur halb so viel Arbeit in ihre Karriere investierten, wie sie in ihre aufwendigen Kostüme, Kunstinstallationen und hausgroßen, bronzenen und feuerspeienden Kraken stecken, dann gäbe es auf der Playa wirklich nur noch Millionäre.

Das tun sie aber nicht, und vielleicht liegt es daran, dass der größte Spielplatz der Welt Ehrgeiz und Einfallsreichtum direkter belohnt, als es Bonusgehälter für mittlere Führungskräfte bei Siemens je könnten: Burning Man ist roh, ungefiltert, gefährlich. Geld ist hier wertlos; Kreativität, Selbstlosigkeit und, ja, Sexappeal sind liquides Kapital.

Zurück in San Francisco, zu Hause, versuche ich verzweifelt, den Playa-Staub mit Essig aus meiner Kleidung zu waschen und wünsche mir, dass die wirkliche Welt ein bisschen mehr wie Burning Man wäre: etwas unmittelbarer, etwas großzügiger, und etwas mehr potenziell tödlich. Vielleicht klappt es ja dann mit dem Quartalsbonus.

Manuel Ebert hat Neurowissenschaft in Osnabrück studiert. Er lebt und arbeitet als Berater in San Francisco

06:00 12.10.2016

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