Der große Anti-Pop

Pathos als Methode Adornos Kritik der Kulturindustrie

Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit". Unter den Texten Theodor W. Adornos ist das dunkel-gallige Kapitel über "Kulturindustrie" aus der gemeinsam mit Max Horkheimer verfassten Dialektik der Aufklärung das wohl meist gelesene und dasjenige, das am deutlichsten unter dem Verdikt steht, überholt zu sein. "Und ewig stampft die Jazzmaschine". Die Verdammung des Jazz als "genormter Improvisation", des Tonfilms als billiger Verdopplung des schrecklich wirklichen Lebens, des Rundfunks als universalem "Maul des Führers", all das findet sich in diesem Text und will an vielen Stellen eher als Hilflosigkeit des Emigranten Adorno angesichts US-amerikanischer Lebenswelt erscheinen, denn als klare Analyse. Der Text scheint sich aus einer Empörung zu nähren, die die Ironie ihres Gegenstandes gründlich verkennt, er ist, als generelles Verdikt über Kultur, hoffnungslos übertrieben.

Doch - auch das stammt von Adorno - nur die Übertreibung ist wahr. "Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit", fasst die These zusammen, um die es hier geht: unter den Bedingungen kapitalistischer Warenproduktion vollziehe sich Gleichschaltung, unterm Schein der Vielfalt setze sich das Immergleiche durch. "So what", mag man sagen, auch die so genannte Natur produziert in Serie, jede Eiche sieht aus wie eine Eiche. Doch die Ähnlichkeit, die eine industrialisierte Kultur herstellt, entspringt nicht dem "Wesen" der Dinge, sondern dem Produktionsprozess. Der "stiftet Ordnung, nicht Zusammenhang. Gegensatzlos und unverbunden tragen Ganzes und Einzelheit die gleichen Züge." Für Adorno macht das den Unterschied. Mit Ähnlichkeit "geschlagen" heißt, von außen gleich gemacht. Das kapitalistische Profitinteresse frisst sich wie ein Wurm ins Herz der Dinge und radiert sie von dort her aus.

Das Kulturindustrie-Kapitel ist getragen von bestechenden Sätzen. "Fun ist ein Stahlbad". Wenn alles gleich ist, unterscheiden sich auch Freizeit und Produktion nicht mehr. "Amusement", schreibt Adorno, "ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus." In seiner Analyse setzt er auf den Marx noch den Freud und beschreibt den eigentümlichen Masochismus, in dem die Konsumenten sich selbst erniedrigen und in "unsublimiert aufgestachelter Vorlust" gehalten, stets um das betrogen werden, was man ihnen verspricht. Zur Ware bestimmte Kultur lässt entfesselte Lust nicht zu, sie kann nicht satt machen, weil ihr Sinn darin liegt, Appetit zu wecken. Zuletzt, so Adornos These, ist Kultur nicht mehr von Reklame zu unterscheiden, als rein in sich kreisender Selbstzweck wird sie zur zynischen Verwirklichung des l´art pour l´art unter kapitalistischen Bedingungen.

Vieles von dem, was Adorno vor immerhin gut 60 Jahren diagnostizierte, hat sich auf fast prophetische Weise bewahrheitet und ist - als Idee - heute Common Sense. Die Analyse trifft dabei weniger präzise auf die Kulturgüter Film und Musik zu als auf die Warenwelt insgesamt. Hier macht sie Sinn. Dass die Vielfalt auf gnadenloser Standardisierung beruht, beweist jedes Einkaufscenter egal in welchem Teil der Erde - Antonio Negri und Michael Hardt nennen das "Empire" -, dass Reklame per definitionem nicht erfüllt, was sie verspricht und trotzdem wirkt, weiß jedes Kind, und wenn heute zwischen PC auf der Arbeit und Internetchat am Abend nur das Design des Bildschirms wechselt, muss wohl nicht mehr bewiesen werden, dass Amusement und Produktion sich nicht wirklich unterscheiden. Mit etwas good will lässt sich in der Dialektik der Aufklärung sogar eine Frühform der These lesen, die später Michel Foucault - ironischerweise gerade in Abgrenzung zum Freud-Marxismus - einflussreich verbreitete, dass nämlich die moderne Macht nicht verbietet, um zu herrschen, sondern erlaubt.

Man muss also um die Aktualität der Kulturkritik nicht bangen, und trotzdem wirkt sie heute wie ein grober Holzschnitt. Adorno war beileibe kein Kulturkonservativer, er zählte sich zur Avantgarde, aber warum fühlt sich ihn zu zitieren so an, als berufe man sich auf eine bayrische Bildungskommission unter Vorsitz von Herrn Zehetmair? Was das Kulturindustrie-Kapitel - zu Recht und zu Unrecht - unzeitgemäß macht, ist sein Pathos. Es klingt schon humorlos, das Lachen zu verdammen: "Vergnügtsein heißt Einverstandensein". Adornos Methode erlaubt nicht, die kleine List der Vernunft zu denken, für die (negative) Dialektik gilt nur Entweder-Oder, die Trennung und Verknüpfung klar geschiedener Gegensätze von wahr und falsch, gut und schlecht, Kunst und Kommerz, Form und Inhalt, Zeichen und Bezeichnetem. Ein Herunterbrechen der Oppositionen auf geringeres Format wäre Mittelmaß und unwahr. Damit ist die Unvereinbarkeit von Adorno und heutiger Popkultur, der Artistik des Mediokren, auf ewig besiegelt. Aber welch gnadenlos gute Sätze gedeihen auf humorlosem Boden: "Kunstwerke sind asketisch und schamlos, Kulturindustrie ist pornographisch und prüde."

Es ist Adorno immer wieder angekreidet worden, er könne seinen Geltungsanspruch nicht ausweisen, kein Kriterium angeben, nach dem er urteile. Geschenkt - nach dem "Tod Gottes" gibt es philosophisch keine eindeutige Begründung von Wahrheit mehr, und was man nicht beweisen kann, muss man mit Nachdruck behaupten. Das Pathos ist keine Attitüde, es ist Methode. Adorno will rühren und er rührt zu Tränen: "In der falschen Gesellschaft hat Lachen als Krankheit das Glück befallen."

Mit dem Pathos verbunden ist ein nachhaltiger Glaube an Inhalte. Was Adornos Werk wesentlich bestimmt und den Kern seines politischen Denkens ausmacht, ist die Überzeugung von der "Präponderanz" - dem Vorrang - "des Objekts". Er setzt gegen den seichten think positive-Subjektivismus die Behauptung, dass den Dingen ein eigenes Sein zukommt, das selbstständig wirken wird. Darum gibt es gute und schlechte Kunst (und es ist nicht egal, zu welcher wir Zugang haben), darum gibt es eine Welt, die befriedigt oder betrügt, eine Kunst, die tröstet oder nur aufs Prestige abzielt, darum ist es nicht egal, dass Kaufhäuser schrecklich aussehen, und es ist nicht egal, ob neben einem Kunstwerk das Logo seines Sponsors steht; ein Zweckinteresse wird das Kunstwerk in seinem Wesen verändern und auf den Betrachter zurückwirken.

Die Attitüde einer Zärtlichkeit gegen die Objekte und die Wut auf den Schund ist etwas, das in der Postmoderne mit ihrer wohl begründeten Scheu vor Wertung verloren ging und was man, bei allem Respekt vor ihren Weisheiten, gerne auch mal wieder hätte: eine gesunde Wut auf all den Müll, der die Rezipienten nicht unberührt lässt, Zeit raubt und taub macht. Geht solche Wut zu äußern heute noch, ohne in ein kulturkonsveratives Fahrwasser abzudriften?

Wie sagte Adorno: In der Kulturindustrie wird ein Feind bekämpft, "der längst geschlagen ist, das denkende Subjekt." Die Packungsbeilage meines Handys bietet mir an, ich könne zwischen den Tarifen TellySmile, TellyActive, TellyProfi, TellyData und Telly100 entscheiden. Wie wahr, "Fun ist ein Stahlbad".

00:00 12.09.2003

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