Der große Bluff

Verwirrspiel Eine mysteriöse Episode im Wettlauf um die Atombombe zeigt Stalin einmal mehr als Pokerface-Man. Eine deutsche V2 auf sowjetischem Boden?

Die Geschichte liest sich wie ein Krimi: Nach den ersten erfolgreichen Atomversuchen der Amerikaner und den Bombardements von Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 geriet Stalin unter Zugzwang und spornte die sowjetischen Wissenschaftler an, ebenfalls eine Atombombe zu entwickeln. Doch das Projekt geriet ins Stocken. Als im Juli 1949 eine chinesische Delegation Moskau besuchte, führte ihr Stalin einen Film vor, der angeblich den ersten sowjetischen Atomversuch festhielt - einige Wochen, bevor dieser überhaupt stattgefunden hatte. Doch woher stammte dieser Film? Und wo hatte der Test stattgefunden?

Am 16. Juli 1945 explodierte in der Wüste von New Mexiko ein großes Munitionslager. So zumindest erklärte es die US Army. Tatsächlich handelte es sich jedoch um den ersten Test einer amerikanischen Atombombe. Die amerikanische Regierung unter ihrem neuen Präsidenten Harry S. Truman hielt den Test geheim, um über einen Trumpf für die nur einen Tag später beginnende Konferenz in Potsdam zu verfügen. Dort verhandelten die "Großen Drei" - Truman, Churchill und Stalin - über die Zukunft Europas und die Strategie zur schnellstmöglichen Beendigung des Krieges gegen Japan.

Stalin jedoch war längst unterrichtet, als ihn Truman am 24. Juli in Cecilienhof beiseite nahm, und scheinbar beiläufig den Atomtest erwähnte. Churchill, der nur wenige Meter entfernt stand, hielt dazu fest: "Es war ungemein wichtig, die Wirkung abzuschätzen, die diese umwälzende Neuigkeit auf ihn ausübte. Hätte er die kleinste Ahnung gehabt, welche Revolutionierung der Weltangelegenheiten in Gange war, hätte man das seiner Reaktion bestimmt entnehmen können."

Doch Churchill irrte sich gründlich mit dieser Annahme. Er unterschätzte sowohl Stalins Gerissenheit als auch seine Paranoia. Ihm war während vieler Gespräche in Moskau, Teheran und Jalta entgangen, dass sich Stalin durchaus lebhaft für neue Technologien interessierte. Aus der Tatsache, dass Amerikaner und Briten seit Jahren an der Atombombe gearbeitet hatten, ohne ihn als Verbündeten davon in Kenntnis zu setzen, zog Stalin seine eigenen Schlüsse, die ihn in seinem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber den westlichen Alliierten bestärkten.

Das sowjetische Atomprojekt wird forciert

Die verheerenden Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki am 6. beziehungsweise 9. August 1945 führten zur bedingungslosen Kapitulation Japans und veränderten die weltpolitische Lage. Am 12. August 1945 bestellte Stalin die Mitglieder des Staatlichen Verteidigungskomitees zu einer Reihe von Besprechungen auf seine Datscha in Kunzewo und erklärte: "Hiroshima hat die Welt verändert. Das Gleichgewicht ist gestört. Baut die Bombe - dies wird eine große Gefahr von uns abwenden."

"Die Besprechungen", erinnerte sich Igor Golovin, einer der führenden sowjetischen Atomphysiker, "dauerten stundenlang bis zur völligen Erschöpfung der Teilnehmer. Die Wissenschaftler mussten erklären, was die Bombe eigentlich ist und wie sie gemacht worden sein konnte. In den Zeitungen wurden Massen von Artikeln geschrieben, und viele Reden waren im Rundfunk zu hören. Sie hatten immer den Tenor: ›Das Vernichten der japanischen Städte ist gegen uns gerichtet.‹ Diese Propaganda wirkte auf uns und überzeugte uns davon, dass wir uns beeilen mussten. Ein paar Tage später war die Panik überwunden."

Als Ergebnis der Sitzungen wurde am 20. August 1945 ein Spezialkomitee für Atomfragen mit Lavrentij Berija, dem Innenminister, als Vorsitzenden gegründet. Das Komitee erhielt außerordentliche Vollmachten. Das sowjetische Atomprojekt beruhte hauptsächlich auf dem Enthusiasmus der Atomphysiker, der materiellen Beute aus dem besiegten Deutschland, umfangreichen Spionageerkenntnissen und dem massenhaften Einsatz von GULag-Häftlingen.

Der erste Forschungsreaktor, bestückt mit Uran aus Deutschland, ging im Dezember 1946 in Moskau in Betrieb. Ein größerer Reaktor für die Produktion von Plutonium und eine radiochemische Fabrik wurden im Ural gebaut. Im Jahr 1947 begann der Bau von drei "Atomstädten": Sverdlowsk-44 und 45 und Arzamas-16.

Doch es fehlten nach wie vor ausreichende Mengen von Uran. Erst am 8. Juni 1948 begann der Testlauf des Produktionsreaktors, ungefähr ein Jahr später als geplant. Damit nicht genug, musste der Reaktor infolge technischer Probleme am 20. Januar 1949 außer Betrieb genommen werden. Etliche Brennstoffkassetten waren während des Dauerbetriebs korrodiert. Die Kassetten mit insgesamt 39.000 Uranzylindern mussten entnommen und ausgetauscht werden. Die neuen Kassetten wurden mit dem bereits "heißen" Uran gefüllt. Es dauerte über einen Monat, bis diese hochgefährliche Arbeit verrichtet war. Die Verantwortlichen nahmen schwere Strahlenschäden bei mehreren tausend Arbeitern, zumeist Häftlingen, und Wissenschaftlern in Kauf.

Der "Atomfilm"

Die Verzögerungen beim Bau der Bombe störten Stalins außenpolitische Pläne. Einige Monate zuvor war Stalin von Ivan Kovalev, seinem persönlichen Emissär bei Mao Zedong, darüber informiert worden, dass die chinesischen Kommunisten einen geheimen amerikanischen Plan in Chiang Kai-sheks Hauptquartier gefunden hätten. Demnach bereiteten sich die Amerikaner auf einen Dritten Weltkrieg vor. Gemeinsam mit den Nationalchinesen und den Japanern hätten sie vor, die Volksbefreiungsarmee in China unter Einsatz von Atombomben zurückzudrängen. Stalin ließ Kovalev wissen, dass die USA für einen großen Krieg noch nicht bereit seien.

Der erste Empfang der chinesischen Delegation mit Liu Shaochi, dem zweithöchsten Parteifunktionär, an der Spitze, fand am 9. Juli auf Stalins Datscha statt. Das zweite, uns besonders interessierende Gespräch, begann am Abend des 11. Juli im Kreml. Liu Shaochi fragte Stalin, ob er bereit sei, die Volksbefreiungsarmee bei einer Landung auf Taiwan zu unterstützen. Stalin verneinte. Liu schnitt daraufhin die Frage an, für wie groß Stalin die Gefahr eines Dritten Weltkrieges erachte. Der Diktator gab sich gelassen. Die "Imperialisten" seien dafür noch nicht ausreichend gerüstet, die Sowjetunion andererseits jederzeit in der Lage zurückzuschlagen.

Daraufhin bat Liu, die sowjetischen Atomlabore besichtigen zu dürfen. Diese Bitte war zweifellos mit Mao, der die Tragweite von Atomwaffen sehr wohl einschätzen konnte und selbst an ihnen interessiert war, abgestimmt worden. Vor der Öffentlichkeit hielt Mao diese Absichten geheim, titulierte die Atombomben vielmehr als "Papiertiger". Die Atomlabore wollte Stalin seinen Gästen jedoch nicht zeigen und lud stattdessen zu einer Filmvorführung ein. Gezeigt wurde die Explosion einer Atombombe. Der Test, so Stalin zu Liu, habe im hohen Norden der Sowjetunion, in einer verlassenen Gegend in der Nähe des Polarkreises, stattgefunden.

Merkwürdig nur, dass die Filmvorführung einige Wochen vor dem 29. August 1949, dem ersten erfolgreichen Test einer sowjetischen Atombombe in Semipalatinsk, stattfand. Dabei haben zwei maßgebliche Teilnehmer unabhängig voneinander das Filmereignis bestätigt: Kovalev, Stalins Chinaexperte, hat darüber in seinen Memoiren berichtet, ebenso Shi Zhe, Maos Dolmetscher.

Was hat Stalin zu diesem Bluff veranlasst? Sein Versuch, die Westmächte aus West-Berlin herauszudrängen, war gescheitert. Schlimmer noch, die Berlinkrise trug mit dazu bei, dass sich zahlreiche westeuropäische Staaten und die USA im April 1949 im Nordatlantikpakt (NATO) zusammenschlossen. Das amerikanische Nukleararsenal war zwar immer noch klein, aber es wuchs, wohingegen die Sowjetunion noch nicht über eine Atombombe verfügte. In Europa befand sich Stalin in der Defensive. Sein Augenmerk richtete sich daher stärker denn je auf Asien, wohin sich das Zentrum der revolutionären Weltbewegung verlagert hatte. Stalin sah in den chinesischen Kommunisten, trotz etlicher Vorbehalte gegenüber Mao, strategische Verbündete. Ihm musste also daran gelegen sein, als möglichst starker Partner zu erscheinen. Nichts vermochte dies besser zu unterstreichen als der Besitz der Atombombe.

Ein deutscher Film?

In den Dokumentationen des russischen Atomministeriums findet sich nicht der geringste Hinweis auf einen erfolgreichen sowjetischen Atomtest vor dem 29. August 1949. Was Stalin den Chinesen vorführte, kann demnach kein Film eines sowjetischen Atomtests gewesen sein. Handelte es sich um einen amerikanischen Film? Das ist unwahrscheinlich. Die erste amerikanische Atomtestserie - Unterwassertests - fand Mitte 1946 auf dem Bikini-Atoll statt. Bei Operation Sandstone im Frühjahr 1948 im südlichen Pazifik wurden dagegen neue Spaltstoffkombinationen ausprobiert. Auch war der Ort mit dem hohen Norden der Sowjetunion nicht zu verwechseln.

Wurde eine Atomexplosion simuliert? Das wäre immerhin denkbar. Mit etlichen Tonnen konventionellem Sprengstoff und Benzin können optische Effekte erzeugt werden, die denen von Atomexplosionen ähneln. Hinweise auf solch eine Manipulation gibt es allerdings nicht.

Meine Vermutungen gehen in eine andere Richtung. Möglicherweise wurde besagter Film nach Kriegsende irgendwo in Deutschland gefunden. Was zunächst nach einer wüsten Verschwörungsthese klingt, wird durch Schriftstücke gestützt, die ich im Quelleninventar des Archivs der russischen Zeitgeschichte in Moskau gefunden habe, in denen Hunderte von deutschen Beuteakten aufgelistet sind. Neben Akten wurden auch Filme verzeichnet. Überwiegend handelte es sich um Aufnahmen von Raketenstarts. Der Inhalt einer Filmrolle ist wie folgt beschrieben: "Film über den Start einer V2 und die Explosion einer Atombombe." Diese Titelbezeichnung scheint wörtlich von der deutschen Filmrolle ins Russische übertragen worden zu sein.

Der Film wurde im Mai 1946 an den Stellvertretenden Vorsitzenden des Sonderkomitees für Raketentechnik (Komitee Nr. 2), Ivan G. Zubovic, übergeben. Nicht nachzuweisen ist, ob es sich tatsächlich um Aufnahmen vom Test einer Kernspaltungsbombe handelt. Es lässt sich eher vermuten, dass es sich um die Tests einer Hybridbombe handelt, bestehend aus viel Sprengstoff und einer kleinen Menge an Spalt- und Fusionsmaterial. Aufschluss darüber könnten nur die Originalfilme selbst oder weitere bisher nicht entdeckte Archivalien bieten.

Die Kopplung von Rakete und Kernsprengsatz jedenfalls lag nahe und wurde bereits während des Krieges von deutschen Militärs und Wissenschaftlern diskutiert. Daher dürfte es auch kein Zufall gewesen sein, dass Filmaufnahmen von Raketen- und Bombentests zusammen aufbewahrt wurden.

Unverhofft stieß ich an anderer Stelle auf die Fortsetzung dieser Geschichte. Es handelt sich um mehrere Schreiben des Komitees Nr. 2, "streng geheime Spezialfilme" betreffend. Demnach hatte Zubovic den "Spezialfilm" Nr. 185 bereits am 28. Oktober 1948 in acht Teilen an den Sekretär des Innenministers übergeben. Es spricht vieles dafür, dass es sich dabei um jenen deutschen Beutefilm handelte, den Zubovic seit dem Mai 1946 aufbewahrte. Die Herstellung eines manipulierten Films hätte man wohl kaum bei Zubovic in Auftrag gegeben. Schließlich deuten auch die Bezeichnung "Spezialfilm" und die Zerlegung des Films in mehrere Teile auf einen besonderen Hintergrund hin.

Wenige Wochen nach den sowjetisch-chinesischen Gesprächen fand am 29. August 1949 der erste sowjetische Atomtest unweit von Semipalatinsk statt. Stalin verhielt sich nun ebenso wie Truman und Churchill im Juli 1945 und ordnete Stillschweigen an, um den Amerikanern keinen Anlass zu geben, ihr Rüstungstempo zu erhöhen. Erst einen Monat nach dem Test erfuhr die Weltöffentlichkeit von den Versuchen, nachdem amerikanische Aufklärungsflugzeuge Luftproben des radioaktiven Fall Out ausgewertet hatten.

Was geschah mit dem Film?

Mit dem gelungenen Bluff hatte der Film für Stalin seine Rolle ausgespielt und sollte unmittelbar nach dem Test in Semipalatinsk verschwinden. Der für die Archivierung verantwortliche Stellvertretende Innenminister Ivan Serov fragte beim Komitee Nr. 2 nach dem Verbleib der Filme. Anfang September 1949 wurde ihm mitgeteilt, dass das zweite Exemplar des "Spezialfilms" auf Veranlassung von Verteidigungsminister Nikolai Bulganin an das Ministerium für Bewaffnung ausgeliehen worden sei. Das Original befände sich beim Chef der Privatkanzlei Stalins, Alexandr N. Poskrebyschew (siehe Faksimiles).

Dieser Hinweis ist höchst aufschlussreich und kann als weiteres Indiz dafür gelten, dass die Vorführung des Atomfilms am 11. Juli 1949 im Kreml tatsächlich stattgefunden hat. Der Stalin absolut ergebene Poskrebyschew leitete von 1930 bis 1952 die Geheimabteilung des Zentralkomitees der KPdSU. Für den Transport ins Archiv wurden die Filme in einen Spezialkoffer gelegt. Dieser wurde mit zwei Siegeln des Innenministeriums (MVD) sowie je einer Petschaft der Geheimabteilung des ZK der KPdSU und des Komitees Nr. 2 gesichert. Welch ein Aufwand für den Transport von Filmdosen!

Ein letztes die Filme betreffendes Schreiben ist auf den 20. Januar 1950 datiert. Darin wird mitgeteilt, dass das Archiv des MVD die beiden "Spezialfilme" an das Staatliche Kino- und Fotoarchiv zur endgültigen Aufbewahrung abgegeben habe. Am Schluss des Schreibens wurde noch ein Passus eingefügt: "Die Einsichtnahme in die Akte über die Kinofilme ist ohne ausdrückliche Zustimmung des MVD verboten."

Bis heute konnten die streng geheimen "Spezialfilme" nicht aufgefunden werden. Mitte der fünfziger Jahre wurden sie aus dem Bestand des Staatlichen Kino- und Fotoarchivs entfernt und sind seitdem verschollen.

Dr. Rainer Karlsch ist Wirtschaftshistoriker und Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsgeschichte an der FU Berlin. 2005 erschien Hitlers Bombe, die Auseinandersetzung mit Karlschs Thesen wird demnächst dokumentiert in Für und Wider Hitlers Bombe (zusammen mit Heiko Petermann, Waxmann-Verlag).


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00:00 24.08.2007

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