Der große Charaktertest

Autorität Unterwürfig sind wir nicht, stark schon. Können wir uns da so sicher sein? Das wollte Adorno mit seiner „F-Skala“ überprüfen. Mikael Krogerus hat die Fragen neu sortiert
der Freitag | Ausgabe 41/2014 182
Der große Charaktertest
Es gibt zwei Kategorien von Menschen: die Starken und die Schwachen. Richtig oder falsch?
Foto: Washington Post / dpa

Die Anleitung

Es gibt keine „richtigen“ und keine „falschen“ Antworten. Die beste Antwort ist Ihre Meinung. Nehmen Sie sich Stift und Zettel zur Hand, Bewerten Sie die folgenden Aussagen auf einer Skala von 1 bis 6 (1 = überhaupt nicht zutreffend, 2 = unzutreffend, 3 = ein wenig unzutreffend, 4 = ein wenig zutreffend, 5 = zutreffend, 6 = voll zutreffend) und notieren Sie sich Ihre Ergebnisse.

 

Die Fragen

1. Respekt gegenüber Autoritäten ist etwas, das Kindern heute fehlt.

2. Wer schlechte Manieren und eine blöde Art hat, darf sich nicht wundern, wenn er mit anderen nicht gut auskommt.

3. Wenn die Menschen weniger reden und mehr arbeiten würden, könnte es uns allen besser gehen.

4. Der Unternehmer und der Handwerker sind wichtiger für die Gesellschaft als der Künstler und der Professor.

5. Wissenschaft und Forschung haben ihre Berechtigung, aber es gibt viele bedeutsame Dinge, die wir wahrscheinlich nie verstehen werden.

6. Jeder sollte einen unbedingten Glauben an eine höhere Macht haben, deren Entscheidung er nicht in Frage stellt.

7. Es gehört dazu, dass junge Menschen manchmal rebellische Ideen haben; wenn sie aber erwachsener werden, sollten sie das überwinden.

8. Was dieses Land vor allem braucht, mehr als Reformen und politische Programme, sind mutige, unermüdliche, selbstlose Führungsfiguren, denen wir vertrauen können.

9. Kein gesunder, normaler, anständiger Mensch würde einen guten Freund oder Verwandten absichtlich kränken.

10. Wichtige Lehren muss man im Leben stets mit Leiden bezahlen.

11. Sexualstraftaten wie Vergewaltigung oder Pädophilie sollten härter bestraft werden.

12. Weder Schwäche noch Schwierigkeiten können denjenigen zurückhalten, der genug Willenskraft hat.

13. Es gibt kaum etwas Traurigeres als einen Menschen, der nicht Liebe, Dankbarkeit und Achtung für seine Eltern empfinden kann.

14. Die meisten unserer gesell-schaftlichen Probleme wären gelöst, wenn man die Systemausnützer, die Kriminellen und die Spinner loswerden könnte.

15. Ganz gleich, was sie auch sagen oder wie sie sich geben, Männer sind nur aus einem einzigen Grund an Frauen interessiert.

16. Wenn jemand Probleme oder Sorgen hat, sollte er am besten nicht ständig darüber nachdenken, sondern lieber etwas unternehmen oder sich mit erfreulicheren Dingen beschäftigen.

17. Menschen kann man in zwei Klassen einteilen: die Schwachen und die Starken.

18. Die meisten Menschen erkennen nicht, in welchem Ausmaß unser Leben durch Verschwörungen bestimmt wird, die im Geheimen ausgeheckt werden.

19. Es wird immer Krieg und Konflikte geben, die Menschen sind halt so.

20. Vertraulichkeit erzeugt Geringschätzung.

 

Die Auswertung

Addieren Sie Ihre Bewertungen und teilen Sie durch 20. Ihr Ergebnis:

weniger als  2

Sie haben keine Anzeichen von autoritären Charakterzügen. Sie würden wohl eher das Geschlecht wechseln, als Faschist zu werden.

2 bis  3

Ihre Disposition lässt auf eine linksliberale Haltung schließen. Aber Achtung: Wenn die Mitte nach rechts rückt, ist die Linke bald die neue Mitte.

3  bis 4,5

1950 erzielten die (amerikanischen) Teilnehmer der Studie den F-Wert 3,8. Inzwischen sind 70 Jahre verstrichen, die Welt hat sich verändert. Wer heute noch immer über 3 punktet, muss sich als Autoritätsfreund bezeichnen lassen.

4,5 bis 5,5

Sie sollten dringend ein Abo der Jungen Freiheit (oder der Jungen Welt) bestellen.

5,5  oder höher:

Sie hätten sich auch im Dritten Reich wohlgefühlt.

 

Die Erklärung

Die Fragen sind ein (an die heutige Zeit angepasster) Auszug aus der F-Skala, die Theodor W. Adorno 1943 mit Forscherkollegen in den USA entwickelte. Mit dem Test wollte man herausfinden, wer unter den besiegten Deutschen heimlich weiterhin dem Nationalsozialismus hinterhertrauerte – und, mehr noch, ob auch US-Bürger für eine Diktatur zu haben wären. Das, was wir denken, schrieb Adorno, hängt vom geistigen Klima ab, in dem wir leben; ändert sich das Klima – durch eine Wirtschaftskrise, durch Massenarbeitslosigkeit, durch den Aufstieg einer neuen Partei –, sind wir vermutlich alle empfänglich für neue Ideologien. Aber nicht alle im gleichen Maß. Einige werden die Propaganda sofort akzeptieren, andere werden abwarten, bis jedermann daran zu glauben scheint, und dann mitlaufen, wieder andere werden dem Trend nie folgen.

Adorno identifizierte neun Wesenszüge, die Hinweise geben, ob wir empfänglich für autoritäres Denken sind: 1. Konventionalismus: das starre Festhalten an Moralvorstellungen. 2. Die kritiklose Haltung gegenüber idealisierten Autoritäten. 3. Autoritäre Aggression: das Ausschauhalten nach Menschen, die etwas falsch machen. Man bewertet, urteilt, straft. 4. Ablehnende Haltung gegenüber Fantasievollem, Sehnsüchtigem, Gefühlsbetontem. 5. Glaube an eine mystische Vorherbestimmtheit. 6. Machtdenken und Kraftmeierei: Glaube, dass manche Menschen mehr wert seien als andere. Und damit einhergehend eine Bewunderung für Stärke und Macht. 7. Destruktivität und Zynismus: Schubladendenken, generalisierende Feindseligkeit, fehlende Empathie. 8. Projektivität: Glaube an Verschwörungstheorien. 9. Sexualität: übertriebenes Interesse an sexuellen Vorgängen.

Von Mikael Krogerus (und Roman Tschäppeler) ist gerade Das Testbuch erschienen, Kein & Aber 2014, 208 S., 16,90 €

06:00 13.10.2014
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