Der große Graben

Zeitreisen Anmerkungen zu Tibet, China und den westlichen Wahrnehmungen

Die junge Frau schleppt schwer an ihrem Korb, der voll frischem Gemüse und dem für die Region typischen Pyramidenkäse ist. Noch rund 300 Stufen liegen vor ihr, dann wird sie die Anhöhe erklommen haben, auf der das Lama-Kloster im Kreis Zhongdian im Nordwesten der chinesischen Provinz Yunnan liegt. Sie atmet schwer, ist aber nicht erschöpft und lächelt mir mit ihren calciumgestärkten weißen Zähnen entgegen. Auf meine Frage, wohin sie ihre Last trage, antwortet sie in gebrochenem, schwer verständlichen Hochchinesisch: "Zu den Lamas natürlich." Sie meint jene in karmesinrote Tücher gehüllte Gestalten, die hier oben ihr geistiges und weltliches Domizil haben. "Bekommst Du etwas dafür?", frage ich weiter. "Natürlich, den Segen Buddhas." Das braungebrannte Gesicht der jungen Bäuerin strahlt.

Die Szene liegt über zehn Jahre zurück. Sie hat sich ereignet in dem Gebiet, das chinesisch "West-Tibet" (xizang), in der tibetischen Sprache aber nur "Tibet" heißt. Während der letzten kaiserlichen Dynastie Qing (1644-1911) war Tibet ein chinesisches Protektorat, durch zwei Statthalter, Ambane genannt, mit Peking verbunden. 1913 erklärte es sich unter dem 13. Dalai Lama Thubten Gyatso für unabhängig; in einer Phase des Widerstreits neuer politischer Ideen und real existierender Gewaltherrscher.

Ein Blick zurück: Dem Niedergang der alten Ordnung - symbolisiert durch die alte Mauer - war das Chaos gefolgt. Nachdem China im 19. Jahrhundert gezwungen worden war, sich dem Westen zu öffnen, brach mit der so genannten Phase der Republikzeit (1912-1949) eine kurze Blüte freien Denkens und hochfliegender intellektueller Träume an, sich ein neues China zu bauen. Der Reformer Kang Youwei träumte von einer reformierten Monarchie mit demokratischer Volksbeteiligung und konfuzianischen Grundwerten, mit einem aufgeklärten Herrscher, der später einmal die Gleichberechtigung aller Chinesen garantieren sollte. Chen Duxiu träumte von einer kommunistischen Bewegung, die später einmal die Führung des chinesischen Proletariats gewährleisten sollte. Sun Yatsen träumte von einem sozialdemokratischen Staat, der sich auf drei demokratische Grundprinzipien (sanminzhuyi) für das Wohl des Volkes stützen sollte. Alle drei scheiterten letztendlich mit ihren Visionen an den chaotischen innenpolitischen Zuständen im Lande. Keiner der herrschenden Warlords und chinesischen Potentaten vermochte es, wirkliche Kontrolle über das ganze Land zu erhalten.

In dieser unübersichtlichen Zeit glückte es den Führern des kulturell eigenständigen Gebiets Tibet, sich von der alten Verbindung mit dem chinesischen Großreich loszureißen. Die übrigen Gebiete des tibetischen Siedlungsraumes sind seit Jahrhunderten feste Bestandteile chinesischer Reiche und verteilen sich auf die an Tibet angrenzenden Provinzen. Mit der Geburt des chinesischen Nationalstaats im frühen 20. Jahrhundert bekräftigte China seinen Anspruch auf die Region, ohne sie zunächst zurück erobern zu können. Während des Kampfes um den neuen Staat - die chinesische Republik - machte dem Land die Einheit seiner Kernprovinzen schwer zu schaffen. Hinzu kamen japanische Besatzungszeit (1937-45) und Bürgerkrieg (1946-49). Nachdem sich Mao Zedong (1893-1976) als alleiniger Herrscher Chinas durchgesetzt hatte und die Einheit des Landes weitgehend hergestellt war, holte er sich mit militärischer Gewalt zurück, "was des Kaisers war". Doch anders als seinen Vorgängern auf dem Drachenthron genügte dem roten Kaiser die Statthalterschaft nicht. Das Credo seines Widersachers Deng Xiaoping (1904-1997), der dem wiedervereinigten Hongkong später die Politik "ein Land, zwei Systeme" zugestehen sollte, war ihm fern. Mao wollte die Weltrevolution und dazu benötigte er ein einheitlich funktionierendes China mit Genossenschaften, Volkskommunen und radikaler Säkularisierung - auch in den Randprovinzen oder ehemaligen Protektoraten. Ein Mittel dazu waren die Enteignung der Klöster und Abschaffung des "feudalistischen" Aberglaubens, wie man Tibets Religion damals nannte. Noch heute zeigen Bilder des Staatsfernsehens CCTV die beispiellose Ausbeutung des tibetischen Volkes durch eine träge Theokratie zu Beginn der fünfziger Jahre. Der "Befreier" Mao, dessen Politik den zweifelhaften Charme einer gigantischen Planierraupe besaß, baute mit dem Konstrukt des modernen Chinas unüberwindbare Mauern in den Köpfen der Tibeter. Gut bewaffnete tibetische Stämme, die übrigens so gar nicht dem westlichen Bild des ewig Gebetsmühlen drehenden, gewaltlosen tibetischen Mönchs entsprechen, fügten den Truppen Maos schmerzhafte Verluste zu. Die jahrelangen Kämpfe endeten mit der Flucht des Dalai am 17. März 1959. Diese Aktion ließ das Land in einem Zustand der Führerlosigkeit zurück.

Das Kloster von Zhongdian, in dem die anfangs beschriebene Szene spielt, beherrscht das weite Land seit Jahrhunderten und symbolisiert eine archaische Form von Symbiose zwischen den Bauern-Menschen unten im Ort und den Lama-Menschen oben. Ohne die Arbeit der Menschen unten, konnten die oben kaum überleben, und ohne die Gebete der Menschen oben, war für die unten das Leben eine leere Form. So tauschte man, was man tauschen konnte, und bei dem Beobachter von außen konnte sich der Eindruck einstellen, dass beide Parteien recht zufrieden über dieses Geschäft waren. Für den Ort galt das bedingt: Die Straßen waren kaum geteert, staubig und lehmig. Die Häuser bestanden in weiten Teilen noch aus Holz, hatten zum Teil kaum schließende Fenster und durch den Ort zog der archaische Duft von Holzfeuer.

Heute gibt es dieses Zhongdian nicht mehr. Chinesische Tourismusplaner haben dem Kreis den Namen eines schönen Traumlandes - "Shangrila" wie in James Hiltons Roman Der verlorene Horizont von 1933 - verliehen, Vier-Sterne-Hotels und eine Autobahn angelegt. Sie haben das Kloster zu einem jingdian, einer Sehenswürdigkeit entwickelt, die man als Tourist gegen Eintrittsgeld konsumieren kann. Die Nikon-Spiegelreflex fängt den lächelnden Besucher in Eintracht mit dem lächelnden Klosterabt ein. Dahinter strahlt eine weiße Stupa. "Das ist lustig", findet der Besucher jetzt und freut sich über das "authentische Stück Tibet".

Was für Zhongdian gilt, gilt für Lhasa. Wie viele andere Großstädte verteilt über ganz China wurde Lhasa nach Vorbild des chinesischen "Fortschrittsideals" modernisiert. Auch und gerade in Tibet entwickelt sich der Aufbau eines raumgreifenden chinesischen Massentourismus, zuletzt gipfelnd in der Eröffnung der Tibet-Bahnstrecke 2006. Vorreiter dieser Entwicklung waren Rucksacktouristen aus Amerika oder Europa.

Am Beispiel aus dem osttibetischen Zhongdian lässt sich erkennen, dass viele Chinesen und Tibeter aneinander vorbei handeln müssen, da sie zwei unterschiedlichen Weltbildern folgen. Von chinesischer Seite folgte der kompromisslosen politischen Modernisierung Mao Zedongs nach den Werten der kommunistischen Weltrevolution - übrigens ein gewichtiges Stück europäischen Erbes im Reich der Mitte - der kompromisslose Wirtschaftsaufbau. Die Handlungen der Modernisierer, denen übrigens nicht wenige Tibeter angehören, sind dabei bemerkenswert konsequent: Der politischen Modernisierung und Befreiungsmanie der Mao-Zeit entsprechen Stadtplanungswut, Straßenbau und Tourismus der Gegenwart. Umgekehrt fordern Tibeter das Recht, ihr Brauchtum zu erhalten wie in der chinesischen Verfassung des Jahres 1954 verbrieft, die in Artikel 4 ausdrücklich den Schutz der Minderheiten und die Wahrung ihrer Menschenrechte vorsieht. In der Realität gestaltet sich das schwierig: Man stelle sich einmal vor, in Bayern würde das mittelalterliche System des klösterlich-dörflichen Wirtschaftens neben der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik Restdeutschlands weiterexistieren. Dabei wird der Widerspruch deutlich, in dem sich Tibet im frühen 21.Jahrhundert befindet. Zumal der Region ohnehin nichts anderes übrig bliebe, als sich ökonomisch an China anzulehnen; auch in Tibet besteht das Leben nicht nur aus Spiritualität und religiös fundierten Ritualen.

Doch ohne Glaube an etwas außerhalb der Materie geht es auch nicht. In diesem Punkt fehlt vielen Angehörigen der Han-Mehrheit in China der Schlüssel zum Verständnis, seitdem die eigene religiöse Tradition, der konfuzianisch geprägte Ahnenkult, vor gut hundert Jahren verschwunden ist. "Wir haben keinen Glauben", kann man immer wieder aus den Mündern chinesischer Firmenmanager hören. Wie sollen diese "Ungläubigen" einschließlich ihrer Politiker verstehen, warum eine junge Frau freiwillig Mönche in einem Kloster mit Nahrung füttert, die sie im Schweiße ihres Angesichts erwirtschaftet hat?

Die andere Seite der westlichen "Shangrila"-Seligkeit zeigt sich im ambivalenten Blick Europas auf die chinesische Kultur und Politik. Leibniz lobte seinen Zeitgenossen, den weisen Kaiser Kangxi in den europäischen Himmel als Herrscher mit einer "unglaublichen Achtung vor den Gesetzen", ohne je die Situation im Lande kennen gelernt zu haben, während Herder pauschal argwöhnte, dass die Chinesen zum Betruge des europäischen Kaufmanns geboren seien: "Sie nehmen sein Silber und geben im dafür Millionen Pfunde entkräftenden Thees zum Verderben Europa´s." Hegel, in China hochgeschätzt, wusste mit aufgeklärtem Urteil zu berichten, dass "Despotismus die nothwendig gegebene Regierungsweise" in dieser schwer zu durchschauenden Gesellschaft aus "Unfreien" sei. Wilhelm II., im Boxeraufstand direkt konfrontiert mit dem Widerstand der Chinesen gegen die Deutschen, beschwor den Vergeltungskampf der überlegenen weißen Rasse deutscher Nation gegen die aufmüpfigen Chinesen. Nach dem zweiten Weltkrieg war die Angst vor der "gelben Gefahr" noch lange nicht vorbei. Im Gegenteil: Das rote Reich des unheimlichen Mao Zedong ließ als neue Bedrohung Europas durch den "gelben Giganten" deutschen Wohnzimmer erschaudern. Für den amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler William Overholt wiederum war das neue Wirtschaftswunder-China Faszinosum, ein "Gigant der Zukunft" wie er stellvertretend für viele andere "Sachbücher" dieser Art schon 1994 schrieb.

China hat seine Demütigungen durch den Westen, die es im 19. Jahrhundert hinnehmen musste, noch immer nicht verwunden. Lob über die "unglaublichen Leistungen" des chinesischen Volkes werden gern entgegengenommen, Kritik westlicher Medien, ob angemessen oder nicht, allerdings oft viel zu scharf zurückgewiesen, statt sie gelassen zu parieren. Dieses Verhalten hat Tibet nun an die Oberfläche gebracht wie in den neunziger Jahren die Debatte um Falun Gong.

Die Lösung scheint auf der Hand zu liegen: Die Chinesen müssten erst einmal lernen, was Pressefreiheit, Minderheitenschutz und viele andere gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten des Westens eigentlich heißen. Wie lange Europa selbst dafür gebraucht hat, wird dabei selten bedacht. Auch nicht, dass Deutschland schon vor mehr als hundert Jahren ein Nationalstaat war, der über ein recht gut funktionierendes Sozialversicherungssystem und moderne politische Parteien verfügte. China besaß zu jener Zeit weder eine nennenswerte Industrie noch eine moderne Sozialversorgung, und eine der milderen Formen öffentlicher Bestrafung von Kriminellen bestand darin, unter Folter Geständige einfach nur zu vierteilen statt sie mit Schwerthieben in tausend Stücke zu zerfetzen.

Das Miteinander zwischen den kulturell fremden Landesteilen muss China die dringend nötige Stabilität langfristig genauso gewährleisten wie den Tibetern die konstruktive Umsetzung ihres in der chinesischen Verfassung verbrieften Rechts auf kulturelle Selbstbestimmung. Konstruktiv bedeutet dabei, dass auch ein "Nein" zu einer neuen Autobahn oder einem neuen Carrefour-Markt in Lhasa genauso möglich sein muss wie in Shanghai, wo Spruchbänder sich offen gegen den Lärm des neuen Südbahnhofs richten - wenn diese Dinge nach kulturellem Selbstverständnis der Tibeter ihnen mehr schaden als nützen. Darin besteht das Recht des chinesischen Bürgers - in Lhasa wie in Shanghai.

Marcus Hernig studierte Sinologie, Germanistik und Geschichte in Bochum und Nanjing und lebt seit 1992 in China, seit 1998 in Shanghai. Er war lange Jahre in der chinesisch-deutschen Bildungs- und Kulturarbeit tätig. Seit 2007 arbeitet er als Trainer und Berater für Unternehmen und Bildungseinrichtungen und als außerplanmäßiger Professor an der Zhejiang-Universität Hangzhou. Gerade erschien von ihm im China mittendrin. Geschichte, Kultur, Alltag bei Christoph Links.

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00:00 30.05.2008

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