Der große Knall

Der Krieg der toten Hand Vor den Schreckensbildern versagt die Literatur

Auschwitz wird, obgleich umdrängt von erklärenden Wörtern, nie zu begreifen sein." So schreibt Günter Grass in seinem Text Schreiben nach Auschwitz; er drückt die Erfahrung des Absurden, die real wurde, aus. Das Ereignis vom 11. September 2001, als die Türme des World Trade Centers einstürzten, erstickte in einer Flut von erklärenden Worten und Bildern. In der Sekunde des Aufpralls der Flugzeuge begann das kollektive Sterben. Und nun folgt die militärische Antwort, der Krieg ohne Bilder. Friedrich Dürrenmatt hat Recht behalten; in seinem Text Der Winterkrieg in Tibet kämpft eine Soldateska im labyrinthischen tibetanischen Hochgebirge gegen einen imaginären, nicht auszumachenden, unsichtbaren Feind, womöglich gegen sich selbst. Unbegreiflich ist die kriegerische Situation. Auch Sarah Kane hat Recht behalten; in ihrem Stück Zerbombt treten abrupt Soldaten in die Szene und morden bestialisch - der Zuschauer erfährt nicht, wer sie sind, woher sie kommen oder welcher Motivation sie folgen. Sie treten nur auf, plötzlich und unvermittelt. Die Dramaturgie folgt der eines Attentats. Formuliert wird in beiden Texten die Erfahrung des Unbegreiflichen. Oder wieder Günter Grass; in seinem apokalyptischen Text Die Rättin bleibt undeutlich, wer tatsächlich "den großen Knall", der die Welt vernichtet hätte, ausgelöst hat.

Die Realität hat die Fiktion, das literarische Bild am 11. 09. 2001 eingeholt. Die Welt der Illusion ist zusammengebrochen, der Schrecken wird unmittelbar real; der Feind, der zwei Flugzeuge in die Twin Towers lenkt und tausende von Menschen tötete, bleibt unsichtbar. Die Erfahrung des Inkommensurablen, des Unbegreiflichen, wird einmal wieder real; das Pentagon brennt plötzlich. Der erschreckende Fernsehzuschauer wie der New Yorker Augenzeuge sieht Bilder, die er sich nicht erklären kann, die er sich nicht vorstellen konnte; er kann sich in der Folge der Tat nur auf gefilterte mediale Informationen stützen.

Erklärungsversuche funktionieren nicht - Osama bin Laden als imaginärer Feind, irgendwo in Afghanistan. "We are in war", sagt der amerikanische Präsident; allerdings ist der Feind unsichtbar, eine real gewordene Chimäre, und womöglich hat sich der Krieg entstaatlicht - der "Krieg der toten Hand", wie Hans Henny Jahnn in den fünfziger Jahren in seiner schwer deutbaren Metaphorik schrieb. Die Journalisten reden vom Unfassbaren, herrschende Ohnmacht wird formuliert.

Der Terror hat unerwartet die getroffen, die nicht damit rechneten. Ist tatsächlich, wie der aktuelle mediale Mainstream suggerieren möchte, alles nach dem 11. 09. 2001 anders geworden? Einzig das Ende der euro-amerika-zentristischen Spaßgesellschaft hat sich real bestätigt, denn der Terror ist wie die Atombombe global-totalitär geworden, er kann jeden, an jedem Ort treffen. Zu erinnern ist an Günter Anders´ Thesen zum Atomzeitalter aus den fünfziger Jahren, wo es heißt: "Mit dem 6. August 1945 hat ein neues Zeitalter begonnen. Seit diesem sind wir total ohnmächtig; wir leben als Gerade-noch-nicht-Nichtseiende."

Mag sein, dass der Anschlag der Terroristen auf das World Trade Center qualitativ nicht mit Hiroshima, worauf sich Anders bezieht, vergleichbar ist; mag sein, dass die Täter den global herrschenden Kapitalismus treffen wollten. Aber der Augenblick der Tat reproduzierte bei den Betroffenen oder den Zuschauern die Erfahrung des Unbegreiflichen, die sich öffentlich artikulierte. Die Erfahrung war identisch. Nicht von ungefähr berichtete der Pilot Colonel Target, der die Bombe auf Hiroshima abwarf, dass das, was er erlebte, jenseits seiner Vorstellung lag, so wie der unten überlebende Arzt Shintaro Hida, als er den Rauchpilz sah: "Was ist das? So etwas hatte ich noch nie gesehen."

Von dieser Erfahrung hat die Literatur seit 1914 immer wieder gesprochen - sie hatte mit der nun wieder entfesselten maschinellen Gewalt zu tun: Verdun, Auschwitz, Hiroshima, Tschernobyl und jetzt Manhattan - Flugzeuge als fliegende Bomben. Christa Wolf war sich in ihrem Roman Störfall, ihrer literarischen Reaktion auf den Gau von Tschernobyl, durchaus bewusst, dass der Begriff "Wolke", wie sie ausführt, kaum taugt, um das Geschehen sprachlich angemessen zu fassen. Schon Hugo von Hofmannsthal sprach in seiner Kriegspublizistik nach 1914 vom "schlechthin Unmöglichen"; ähnlich der Kommentar des Mitbegründers der Dada-Bewegung Hugo Ball: "Alle Sinne aufs Bestialische, Ungeheure und gleichwohl Schemenhafte gerichtet". Der Autor möchte im Augenblick des entfesselten, maschinisierten Krieges nur "begreifen", was ihm nicht gelingt. Die Literatur versteht jedenfalls in großen Teilen das zwanzigste Jahrhundert als eines der Verwerfungen, in dem "alle Linien in den Krieg münden", wie Robert Musil am Ende seines fragmentarischen Romans Der Mann ohne Eigenschaften festhält. Heiner Müller, jener Apokalyptiker der Literatur, schreibt, wenn er Hölderlin umfunktioniert: "WAS ABER BLEIBT STIFTEN DIE BOMBEN". Und in seiner Haltung ist die "erste Erscheinung des Neuen der Schrecken". Die Schreckensbilder vermochte die Literatur bisher nicht angemessen zu erfassen, sie war überfordert. Die literarische Sprache genügte dem Zeitalter des Krieges, dem Desaster der Aufklärung nicht. Peter Turrini führt bezüglich der geschilderten Bedrohung aus: "Ich habe den Verdacht, das Medium Kunst kann diese Entsetzlichkeit nicht mehr fassen." Turrini setzt die Erfahrung des Unbegreiflichen als Kernerfahrung der modernen Subjekte, dem die Literatur nicht mehr beikommen kann - aber als kritisches Korrektiv der Verhältnisse beikommen müsste. Oder, wie Rolf Hochhuth in seinem Drama Der Stellvertreter schreibt: "Der Mensch kann nicht mehr erfassen, was er fertig bringt."

Realpolitisch entfremdet sich die eigene sinnliche Wahrnehmung von der Vorstellungskraft des Subjektes. Auch der Historiker Eric Hobsbawm begriff unser Zeitalter, das nach seiner Meinung in Verdun begann, als eines der Extreme, dessen Schrecken jenseits der Vorstellung läge. Zu erinnern ist auch an Kurt Vonneguts Roman Slaughterhouse five, der indirekt-verschlüsselt die Bombardierung Dresdens, die der Autor als Kriegsgefangener überlebte, zum Gegenstand hat. Er schreibt: Der Roman ist "kurz, wirr und schrill, weil über ein Blutbad sich nichts Gescheites sagen läßt". Einzig die Vögel vermöchten es zu kommentieren: "Ki-witt, Ki-witt?"

Die Literatur, so der Befund, war weitsichtig, sie benannte die Erfahrung des Inkommensurablen. Viele im Feuilleton hatten auf den Wenderoman gehofft, Manhattan kam dazwischen; ein grundstürzendes Ereignis, das eine Vorgeschichte hat, das allerdings in seinen Konturen kaum literarisch zu bewältigen sein wird - alles ist so geblieben wie es war.

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00:00 12.10.2001

Ausgabe 42/2021

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