Der große Krach

Zeitgeschichte In seinem Roman "Die weiße Rose" schildert B. Traven den Zusammenbruch der US-Banken 1929

Ein deutscher Jack London!, jubelte Kurt Tucholsky, als ihm im November 1930 der Roman "Die weiße Rose" des in Mexiko lebenden mythen­umwobenen B. Traven in die Hände fiel. Die Geschichte über den Ölmagnaten Collins, der einem Indio eine Farm abjagt, beinhaltet auch eine Passage über die Weltwirtschaftskrise 1929 in den USA, die wir im Folgenden dokumentieren.

Bankstürme beginnen. Die Sparer sind von Panik erfasst worden. Sie fürchten, nein schlimmer, sie sind sicher, dass ihr Geld, für das sie gespart und gedarbt haben, verloren ist. In unendlich langen Reihen stehen sie schon vor Mitternacht vor den Banken, um die ersten zu sein, wenn die Kassen öffnen. Je früher man da ist, je größer die Möglichkeit, noch etwas zu retten. Das geordnete Leben der Banken wird zerrissen. Alle Kräfte müssen heran, um auszuzahlen. Niemand zahlt etwas ein. Alle Kredite werden aufgekündigt. Banken in andern Ländern werden bittend angekabelt, auszuhelfen mit flüssigem Geld und mit Schecks. Alle Reserven der nationalen Bankvereinigung werden aufgerufen. Aber die Reihen vor den Banken verlängern sich.

Und dann beginnen die Banken zu krachen, weil sie nicht zahlen können. Das Geld ist ausgeliehen; denn wenn die Bank kein Geld ausleihen kann, dann kann sie ihren kleinen Sparern keine Zinsen zahlen. Erst krachen die kleinen Banken. Die großen helfen sich noch damit, dass sie die Kassenstunden auf zwei, endlich auf eine beschränken.

Dann beginnen auch größere zu krachen.

Und hinter all diesem Wirrwarr sitzt kein plötzliches Verschwinden eines Erdteils, sitzt keine gigantische Naturkatastrophe, die unwiederbringliche Werte vernichtete. Hinter all diesem Zusammenbrechen wirtschaftlicher Ordnung und wirtschaftlicher Sicherheit, die ständig bedroht wird von Aufwieglern, sitzt nichts anderes als die gestörte Einbildung derer, die etwas haben, die unsicher gewordene Hoffnung derer, die viel besitzen und derer, die wenig besitzen. Alles das, was nun in der Wall Street geschieht, beruht in nichts anderem, als dass die Gedanken plötzlich, zu plötzlich, eine andere Richtung eingenommen haben als die gewohnte. Massenhypnose. Massensuggestion. Die Suggestion, die Einbildung: "Ich kann verlieren!" reißt dieses schöne, von Gott gewollte, von Gott begnadete, von Gott beschützte Wirtschaftssystem in Fetzen. Und dennoch sind alle Werte gleich geblieben. Die Werte haben sich nicht geändert. Es ist ebensoviel Kohle auf Erden wie vorher. Alles Geld ist noch da, und es ist kein Cent vom Erdball heruntergefallen in das Weltall, aus dem er nicht mehr gefischt werden kann. Alle Häuser stehen noch da. Alle Wälder. Alle Wasserfälle. Alle Ozeane. Die Eisenbahnen und Schiffe sind alle noch unversehrt. Und Hunderttausende gesunder und kräftiger Menschen sind willig, zu arbeiten und zu produzieren und den vorhandenen Reichtum der Erde zu vermehren. Kein Ingenieur hat die Fähigkeit verloren, neue Maschinen zu konstruieren. Kein Kohlenschacht ist von einer Naturgewalt verschüttet worden. Die Sonne steht leuchtend und warm am Himmel wie immer. Es regnet wie immer. Das Getreide steht auf den Feldern und reift wie immer. Die Baumwollfelder stehen in Pracht. Nichts hat sich am vorhandenen Wert irdischen Reichtums geändert. Die Menschen, als Einheit gesehen, sind ebenso reich wie gestern. Und nur darum, und allein nur darum, weil sich der Besitz einzelner zu verändern und zu verschieben droht, darum bricht eine Katastrophe für die gesamte Menschheit herein. Eine Katastrophe gleich den Katastrophen vergangener Zeiten, wenn Hungersnöte in einem Erdstrich ausbrachen und man keinen Ausgleich mit jenen Erdstrichen schaffen konnte, die im Überfluss erstickten, weil Transportmittel und Telegrafen fehlten.

Ein Wirtschaftssystem, eine Wirtschaftsordnung, geschaffen von Menschen, die von sich selbst behaupten, Intelligenz zu besitzen. Menschen jedoch, die trotz aller ihrer so hoch entwickelten Technik, die sie schufen, noch immer nicht die Primitivität völlig unzivilisierter Menschen überwunden haben, soweit ein durchdachtes und wohl geregeltes Wirtschaftssystem in Frage kommt.

Der Roman Die weiße Rose, der vermutlich der Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl den Namen gab, erschien 1929 in der Büchergilde Gutenberg, eine Neuausgabe 1983 beim Diogenes-Verlag Zürich, dem wir für die Genehmigung zum Abdruck danken.

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