Der große Wurf

Schießbefehl Die Beschäftigung mit der DDR scheint ohne geistige Banalität nicht mehr auszukommen

Zwei Tage vor dem 13. August brachte die Birthler-Behörde eine Sensation auf den Medienmarkt, "den Schießbefehl" an der Mauer. Ein formloses Schreiben an Stasimitarbeiter an der Grenze über den Schusswaffengebrauch gegen Deserteure. Das Papier sorgte für die erwünschte Stimmung im deutschen Blätterwald und ist für uns Anlass, das umstrittene Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.

Was ist passiert? Die Birthler-Behörde hat in ihrem Überlebenskampf einen phänomenalen Fund präsentiert und einen Rohrkrepierer gezündet. Sie wollte "den Schießbefehl" vorlegen, holte tatsächlich aber ein Papier aus dem Archiv, zu dem der Rechercheur in Birthlers Magdeburger Außenstelle schließlich selbst einräumen musste, es handele sich um "ein äußerst banales Schriftstück ohne die typischen Briefköpfe, die uns sonst zumindest die Stasi-Abteilung in Berlin verraten haben." Es war Birthlers designiertem Erben Hubertus Knabe vorbehalten, in der Tagesschau vom vergangenen Sonntag mit süffisantem Unterton anzumerken, dass ein Dokument gleichen Inhalts schon vor zehn Jahren publiziert worden sei. Man müsse erstaunt sein, dass eine so große Behörde wie die Birthlers dies nicht bemerkt habe.

Das kann vorkommen, wenn man den Zeitplan einhalten muss und fristgemäß zum 46. Jahrestag des Mauerbaus die Bombe hochgehen soll. Für Birthler, durch die Abwicklungspläne von Kulturstaatsminister Neumann (CDU) unter Druck geraten, geht es ums Ganze, sie braucht große Würfe und darf sich für keine Peinlichkeit zu schade sein. Es verstört allerdings, wie ihr der medial präsentierte Teil der Öffentlichkeit dieses Landes dabei folgt. Der totalitäre Zugriff des Zeitgeistes auf die Medienrealität ist das beunruhigende, wenn nicht erschreckende Phänomen des vergangenen Wochenendes.

Endlich ist er da - der Schießbefehl, schreit die feine Gesellschaft, als sei sie von der quälenden Sorge erlöst, es könnte die Grenze zwischen beiden deutschen Staaten doch ein Öko-Reservat zur Aufzucht seltener Forstkulturen und nicht der Ort des Schreckens gewesen sein, auf den sich alle berufen, die als Stützen der Gesellschaft unverzichtbar bleiben wollen.

18 Jahre nach dem Fall der Mauer grassieren Aufregung und Hysterie, wie sie der Kalte Krieg zu seinen besten Zeiten nicht schuldig geblieben wäre. Die DDR ist lange tot, eine Wiederauferstehung nicht in Sicht, auch die sowjetische Schutzmacht von Staatsgrenze und Mauer hat längst das Zeitliche gesegnet. Was treibt sie alle an - von Tiefensee bis Thierse - dem verscharrten Leichnam immer mal wieder in die Eingeweide zu kriechen und den Puls zu fühlen? Welchen Erkenntnisgewinn verspricht das? Was hat uns die Birthler-Behörde an frischem Wissen beschert? Dass an der Mauer geschossen wurde?

Wenn dort nicht geschossen worden wäre, hätte man sie nicht zu bauen brauchen. Diese bittere und schreckliche Gewissheit gab es seit dem 13. August 1961. Genau genommen gab es sie, seit in Berlin Sektorengrenzen gezogen wurden und mit der Gründung beider deutscher Staaten eine Staatsgrenze entstand, an der schon vor dem 13. August 1961 geschossen und gestorben wurde. Auf beiden Seiten.

Worauf sonst als "den Schießbefehl", berief sich Richter Josef Hoch vor zehn Jahren am 25. August 1997, als er im Berliner Landgericht die DDR-Politiker Krenz, Kleiber und Schabowski "wegen minderschweren Totschlags" zu sechseinhalb beziehungsweise drei Jahren Haft verurteilte? Totschlag verübt durch die "Billigung des Grenzregimes" lautete die Begründung, die sich auf den Gebrauch von Schusswaffen an der deutsch-deutschen Grenze und die Opfer bezog, die dadurch zu beklagen waren. Freilich hatte es die Geschichte schon damals nicht verdient, derart verengt und auf Gerichtsaal-Niveau abschließend geklärt zu werden. Aber die Versuchung, mit "dem Schießbefehl" über die DDR alles gesagt zu haben, war wohl zu verheißungsvoll, als ihr nicht erliegen zu wollen.

Niemand kann ernsthaft bestreiten, dass die Grenze ein Pressverband war gegen das Ausbluten des zweiten deutschen Staates, doch nicht nur. Sie lag auch auf der Konfrontationslinie zweier hochgerüsteter Militärblöcke, die sich gegebenenfalls einen Atomkrieg nicht schenken wollten und kaum einen Zweifel ließen, wie sehr sie sich darauf vorbereiteten. Dies wiederum hatte einiges damit zu tun, dass Deutschland zwischen 1933 und 1945 einer Diktatur verfiel, die einen Weltkrieg ausgelöst und verloren hatte. Warum schien jahrzehntelang Entspannungspolitik zwischen Ost und West besonders dann auf den Punkt gebracht, wenn von einem "konstruktiven Umgang mit der europäischen Nachkriegsordnung" die Rede war? Weshalb richteten sich beide deutsche Staaten in den Präambeln ihrer Verträge gegenseitig aus, dass sie die europäische Nachkriegsrealitäten anerkannten? Dass der Verweis auf deren Zwänge in der DDR gern benutzt wurde, demokratische Defizite und beschränkte Freiheiten zu rechtfertigen, verdient gleichfalls benannt zu werden, wird Geschichte als das genommen, was sie war. Wie auch das Grenzregime die sozialistische Idee letzten Endes nicht weniger diskreditiert hat als sich das über die Verbrechen des Stalinismus sagen lässt. Aber nicht deshalb werden jetzt pflichtgemäß die Empörermienen gezückt.

Das Bedrängende, ja Beängstigende ist die Erfahrung, dass Umgang mit Geschichte immer grobschlächtiger wird, immer mehr zur Glaubensfrage degradiert ist und sich jedem tieferen Verständnis historischer Zusammenhänge verschließt. Es mutet an wie eine postume Rache der DDR, dass die Beschäftigung mir ihr ohne ein beachtliches Maß an geistiger Banalität nicht mehr auskommt.


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00:00 17.08.2007

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