Der große Y2K-Flop

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Nichts ist geschehen. Rein gar nichts. Mein Computer lebt. Genauer gesagt: er hat den Jahreswechsel und das Drama, das mit dem prosaischen Kürzel "Y2K" gerufen wurde, überlebt. Wie hatte ich um ihn gebangt und gezittert. Funk, Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften hatten in den letzten Wochen und Monaten eine geradezu millenarische Katastrophe heraufbeschworen. Nicht nur für meinen heimatlichen Rechner sondern auch für alle anderen draußen in der Welt. Sie sollten am Jahreswechsel kollabieren und die Menschheit mit ins Unglück reißen.

Ein idealer Stoff für die Fictionfabrikanten: Der eine erfand für Countdown ins Chaos - zu sehen kurz vor Weihnachten bei RTL - einen Computerspezialisten, der ein amerikanisches Atomkraftwerk und damit die halbe USA in letzter Sekunde rettete. Der andere dachte sich für Die Millenium-Katastrophe - Computer-Crash 2000, auf SAT.1 zwischen Weihnachten und Neujahr zu sehen, einen deutschen Programmierer aus, der ausgerechnet einer Software, die weltweit vertrieben Schutz gegen "Y2K" bieten sollte, einen bösen Virus eingepflanzt hatte, der die Welt zerstörte, wenn ihm nicht rechtzeitig Gerechtigkeit zuteil würde.

Blieb im amerikanischen TV-Movie von RTL die Ursache des tendenziell katastrophalen Problems, das ja aus Sparmaßnahmen der frühen Software-Entwickler resultierte, gleichsam anonym, hatte es im deutschen Fernsehfilm nicht nur einen Namen und ein Gesicht, sondern auch eine gute Absicht, kämpfte der geniale Tüftler doch um Leben und Ehre. Kein Wunder, dass der amerikanische Film mit seinem Überlebenskampf wenigstens spannend war, während der deutsche nur von einer Dialogpeinlichkeit zur nächsten humpelte.

Aber auch all den seriösen Fachleuten, die in den zahlreichen Magazinen des Fernsehens auftraten, um uns über die Gefahr aufzuklären, war die Lust am Untergang durchaus anzusehen. Geradezu genüsslich malten sie die kleinen und die großen Katastrophen aus, die vom "Y2K" ausgelöst werden könnten. Und begeistert zeigten sie sich geradezu von der Vorstellung, man könne am Silvestertag am langsam aber sicher verglimmenden Fernsehapparat erleben, wie die Katastrophe aus deutscher Sicht langsam aber sicher mit der Datumsgrenze von Osten nach Westen und damit auf uns zu wanderte. Aber neben der üblichen Freude am detailliert zu schildernden Desaster speiste sich ihre Begeisterung noch aus einer zweiten Quelle. Imaginierte doch ihre an die Wand gemalte Katastrophe die absolute Abhängigkeit der Gesellschaft von den Rechnern. Radikaler noch: Der Vorstellung, das Problem sei gar nicht rechtzeitig und überall zu beheben, lag die Annahme zugrunde, diese ließen sich nicht mehr beherrschen. Das stellte sich als großer Irrtum heraus.

Am Silvesterabend geschah nichts. Das konnte verfolgen, wer beispielsweise ZDF; RTL 2, n-tv oder CNN eingeschaltet hatte. Diese Sender übernahmen das Bildmaterial, das die BBC weltweit produzieren ließ und live ausstrahlte. Zu sehen war, wie der Jahrtausendsprung außer Folklore, Feuerwerk und alkoholischen Exzessen nichts Nennenswertes anrichtete. Es war wie immer. Nur noch ein wenig lauter und noch ein wenig teurer. Der einzige, der den Datumswechsel für sich nutzte, war Boris Jelzin. Pünktlich nach Börsenschluss im Westen gab er, redegewandt wie schon in den letzten Jahren, im Fernsehen seine Demission bekannt. In Grosny wurde weitergeschossen.

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00:00 07.01.2000

Ausgabe 42/2021

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