Der grüne Balken leuchtet nicht mehr

FR Die „Frankfurter Rundschau“ war einst prägend für das Land und besser als alle ihre publizistischen Rivalen. Nun scheint ihre Geschichte vorbei

Die Frankfurter Rundschau, die jetzt an das Ende ihrer Geschichte angelangt zu sein scheint, hat, was Zeitungen selten gelingt, einmal das Land verändert. Als in der alten Bundesrepublik die alles überstrahlenden Wirtschaftswunderjahre vorbei waren, als die ersten Erschütterungen weite Teile der Bevölkerung durchgerüttelt hatten – Hochhuths Stellvertreter, die Spiegel-Affäre, die Kuba-Krise, der Auschwitz-Prozess, die Ermordung Kennedys – da galt nicht nur in Frankfurt am Main, im Rhein-Main-Gebiet, sondern auch in Berlin und Hamburg, in Bremen und Freiburg bei nachdenklichen Menschen die Frankfurter Rundschau als das Blatt, das man kennen musste, wenn man mitreden wollte. Studenten, wenn sie sich mit einer Zeitung auf dem Universitätsgelände sehen ließen, hatten sie unterm Arm, und der grüne Balken auf der Titelseite leuchtete. Diese jungen Menschen traten oppositionell auf, aber mangels eines konkreten Mangels war ihre Opposition gegen das System im Ganzen gerichtet. Der Soziologe Erwin K. Scheuch sprach von den „Widertäufern der Wohlstandsgesellschaft“.

Die Frankfurter Rundschau war damals wirtschaftlich recht stark, wirtschaftete aber sparsam. In Frankfurt und Umgebung waren ihre Einnahmen deutlich besser als die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das hatte seinen einfachen Grund darin, dass die FR 1945 als Lizenzzeitung gegründet worden war und sogleich den Anzeigenmarkt beherrschte. Diese überlegene Stellung behielt sie Jahrzehnte lang. Die FAZ kam erst fünf Jahre später mit dem Ende des Lizenzierungszwangs auf den Markt und blieb lokal die Nummer zwei.

Der von den einstigen Lizenzträgern übrig gebliebene Inhaber des Blattes, Karl Gerold, Sohn einer Arbeiterin, Enkel eines SPD-Mitbegründers in Giengen an der Brenz, von den Nationalsozialisten als Sozialdemokrat verfolgt, hatte seine Zeitung – er war schließlich Verleger, Herausgeber und Chefredakteur in einer Person – nah an die Gewerkschaften rücken lassen. Zugleich war er aber mit den erfolgreichen Jahren so weit Unternehmer geworden, dass er auch eine Nähe zur FDP für standesgemäß hielt. Und während er für sein Blatt Gedichte schrieb und an prominenter Stelle drucken ließ – was bei FAZ-Redakteuren regelmäßig für ungetrübte Heiterkeit sorgte –, prägte seit 1962 ein Mann das überregionale politische Profil der Zeitung, der den Lauf der Dinge in der 20 Jahre alten Republik veränderte.

Karl Herrmann Flach, ein liberaler Journalist aus Schwerin, war nach seiner Flucht aus der DDR und einem Studium am Otto-Suhr-Institut in Berlin Mitarbeiter der FDP-Bundesgeschäftsstelle in Bonn gewesen, bis er dort an seinem Ärger über den rechten FDP-Vorsitzenden Erich Mende, Ritterkreuzträger, zu ersticken drohte. 1962 kam Flach als Ressortleiter Innenpolitik und wurde 1971 Geschäftsführendes Mitglied der Redaktionsleitung. Da hatte er den Marsch der FDP von der Union hin zur SPD und in die sozialliberale Koaltion schon absolviert. Die später berühmten „Freiburger Thesen“ der FDP hatte er zusammen mit Walter Scheel und Werner Maihofer formuliert. Flach wurde ebenfalls 1971 auch Generalsekretär der FDP, ein Jahr später kam er in den Bundestag. Schon 1973 starb er.

Zentralorgan der APO

In seiner Zeit hatte sich die Frankfurter Rundschau zu einer Art Zentralorgan der Außerparlamentarischen Opposition entwickelt. Während in der FAZ der Mitherausgeber Jürgen Tern geschasst wurde, weil er unpassende Sympathien für Willy Brandt zeigte und in diesem Geiste junge Redakteure um sich scharte, holte die Rundschau exzellente Leute ins Haus, die dem biederen Blatt Glanz verleihen konnten. So Hans Joachim Noack von der Süddeutschen Zeitung, der neben der Brotarbeit als Reporter in vorbildlicher Weise Beziehungen zu Brandt und Helmut Schmidt gestaltete. Über Schmidt schrieb er die beste Biografie. Aber eben auch zu Helmut Kohl pflegte der in der Pfalz aufgewachsene Noack ein ordentliches Verhältnis, was dieser dankbar registrierte. Mit den Erblasten der Studentenbewegungen gingen der Rundschau aber sukzessive diese Ansätze von Ausgewogenheit verloren.

Wichtig in diesen wirklich aufregenden Jahren war das Nebeneinander der Feuilletons. Da wurden die Diskussionen ausgefochten, in denen thematisiert wurde, wohin es mit der Gesellschaft gehen sollte. Die Rundschau konnte man lange Zeit als eine Parallelaktion ansehen für das, was man später, nach einem Wort George Steiners, „Suhrkamp-Kultur“ nannte. Von der war das damalige FAZ-Feuilleton gar nicht einmal so weit entfernt. Nur, was das kulturell eingestimmte Lebensgefühl betraf, war man bei den Konservativen weit zurück. Als für die Rundschau der bald zur Kultfigur aufgestiegene Wolfram Schütte – in der eigenen Redaktion misstrauisch beäugt – Filmkritiken schrieb, die Maßstäbe setzten, gab es Beachtung von Filmen in der FAZ nur am Rande. Erst mit Michael Schwarze, einem klugen und witzigen Filmkritiker, gelang eine Annäherung im Niveau.

Gern zitiert wurde bei Theaterleuten und -besuchern in Frankfurt der Zweizeiler: Es gibt kein größeres Glück hienieden / als eine Kritik von Peter Iden“. Das erste bedeutende Buch von Peter Sloterdijk Die Kritik der zynischen Intelligenz wurde in der Rundschau und in der FAZ zeitgleich zustimmend besprochen. Die Rundschau konnte in jenen Jahren mit Spitzenkräften mithalten, aber die FAZ war breiter aufgestellt. Als die FAZ die Seiten „Geisteswissenschaften“ herausbrachte, versuchte die Rundschau mit „Humanwissenschaften“ zu kontern. Aber auch prominente Unterstützung zumal von Professoren der „Frankfurter Schule“ vermochte nicht, sie konkurrenzfähig zu machen. Als Autoren der „Neuen Frankfurter Schule“ um Robert Gernhardt einen Pressestammtisch gründeten, wurden dazu auch junge Redakture der FAZ (Michael Schwarze) geladen, was Wolfram Schütte missmutig hinnahm.

Reichweite und Honorare sorgten schließlich dafür, dass bald auch Schreiber, die man vordem eher in der Rundschau vermutet hätte, in der FAZ publizierten. Da drifteten damals Feuilleton und Politik/Wirtschaft auseinander, und diese Doppelstrategie bekam der Rundschau nicht gut. Die mit der überregionalen Präsenz verbundenen Kostensteigerungen bekamen ihr noch weniger.

Jetzt reichten Wohnungs- und Autoanzeigen für das Rhein-Main-Gebiet allein als Finanzbasis nicht mehr aus. Und überregionale Anzeigen, Stellenanzeigen wie die FAZ bekam die Rundschau nur selten. Ihr Wirtschaftsteil wirkte neben dem der FAZ kaum überzeugend, und der in den hochideologisierten siebziger Jahren vielerorts aufbrechende Kampf um die Meinungsführerschaft führte auch in der Rundschau-Redaktion zu unerfreulichen Gegensätzen. Drei Lager schälten sich heraus: Die „Sozialliberalen“ – auch schon als „rechte Feigenblätter“ tituliert; die „richtig Linken“ – die auf den Feldern der „Friedenspolitik“ (Anton Andreas Guha) oder Bildungspolitik (Jutta Roitsch) in ihren Kreisen hohes Ansehen genossen; und die Pragmatiker mit ihren zum Teil exzellenten Lokalredakteuren.

Die „taz“ lief ihr den Rang ab

Das alles freilich geriet in den Hintergrund angesichts einer neuen Kalamität, bei der die Rundschau auf die Verliererstraße geriet. Mit dem Emporkommen der Grünen gab es plötzlich eine politische Kraft in Deutschland, die links aussah, aber mit bürgerlichen Themen in Opposition zu SPD und zu den Gewerkschaften stand. Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen auf der Straße musste die Rundschau öfter auf der Seite der Polizei stehen, als ihr lieb war. In den Jahren des RAF-Terrorismus fiel ihre Nähe zu staatlichen Amtsträgern für manch einen nicht nur positiv auf.

Mit der Gründung der tageszeitung verlor die Rundschau ihre prägende Kundschaft. Sie musste wie bisher in Konkurrenz zur FAZ auch ein bürgerliches Interesse an Produkten der Hochkultur bedienen. Die taz pfiff darauf und konnte sich wirtschaftlich auf niedrigem Niveau etablieren. Die Rundschau bekam jhre Verluste nicht in den Griff, SPD und der Kölner DuMont-Schauberg-Verlag versuchten, sie zu retten, aber sie brachten dazu nicht neues Geld für Inverstitionen, sondern neue Sparvorschläge. Es scheint nicht geholfen zu haben.

Jürgen Busche ist Kolumnist des Freitag

14:02 16.11.2012
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 2